Sandbauerschaft: Unterschied zwischen den Versionen
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Alle Orte, Plätze und Güter haben gemein, dass sie hauptsächlich auf der [[Geest]] liegen. Sie standen damit im Gegensatz zu den Bewohnern der [[Marsch]]. Da Marschboden wesentlich fruchtbarer ist, waren die Bewohner der Sandbauerschaft zumeist ärmer als die äußerst reichen Marschbauern, wenngleich auf dem sandigen Boden Kartoffeln oder [[Zichorienfabrik|Zichorien]] besser gedeihten. Viele Bewohner verdingten sich dennoch auf den Höfen der umliegenden Marschgebiete, um über die Runden zu kommen. Funde einer mittelalterlichen Siedlung in [[Ekel]] deuten jedoch zumindest auch auf eine arbeitsteilige Beziehung des Geestortes mit der Bevölkerung der umliegenden Marsch hin. Der wesentliche Vorteil der Sandbauern hingegen bestand darin, dass sie ihre Höfe und Ländereien kaum oder gar nicht gegen Sturmfluten zu sichern hatten. Die Marschbauern hingegen mussten ihre Höfe auf [[Warft|Warften]] errichten, die jedoch nicht die Ländereien vor den Fluten schützten. Auch die später entstehenden [[Deich|Deiche]] boten aufgrund ihrer unzureichenden Befestigung manchmal keinen Schutz vor dem Fluten, wie zahlreiche Katastrophen - so etwa die [[Erste Dionysiusflut]] - eindrucksvoll belegen. | Alle Orte, Plätze und Güter haben gemein, dass sie hauptsächlich auf der [[Geest]] liegen. Sie standen damit im Gegensatz zu den Bewohnern der [[Marsch]]. Da Marschboden wesentlich fruchtbarer ist, waren die Bewohner der Sandbauerschaft zumeist ärmer als die äußerst reichen Marschbauern, wenngleich auf dem sandigen Boden Kartoffeln oder [[Zichorienfabrik|Zichorien]] besser gedeihten. Viele Bewohner verdingten sich dennoch auf den Höfen der umliegenden Marschgebiete, um über die Runden zu kommen. Funde einer mittelalterlichen Siedlung in [[Ekel]] deuten jedoch zumindest auch auf eine arbeitsteilige Beziehung des Geestortes mit der Bevölkerung der umliegenden Marsch hin. Der wesentliche Vorteil der Sandbauern hingegen bestand darin, dass sie ihre Höfe und Ländereien kaum oder gar nicht gegen Sturmfluten zu sichern hatten. Die Marschbauern hingegen mussten ihre Höfe auf [[Warft|Warften]] errichten, die jedoch nicht die Ländereien vor den Fluten schützten. Auch die später entstehenden [[Deich|Deiche]] boten aufgrund ihrer unzureichenden Befestigung manchmal keinen Schutz vor dem Fluten, wie zahlreiche Katastrophen - so etwa die [[Erste Dionysiusflut]] - eindrucksvoll belegen. | ||
Nach dem ''Statistischen Handbuch für das Königreich Hannover'' hatte der ''Gemeindeverband Sandbauerschaft'' im Jahr 1848 insgesamt 1.290 Einwohner. Zu den zahlenstärkeren Ortsteilen gehörten die Ortschaften Hollweg (179) und Ostlintel (166), das Dorf Ekel (158), die Ortschaft Westgaste sowie der auch als ''Vorstadt'' bezeichnete Bereich am Ende der Westerstraße (154).<ref>Friedrich W. Harseim, C. Schlüter (Hrsg.): ''Statistisches Handbuch für das Königreich Hannover''. Hannover 1848. S. 40</ref> Um 1892 ist die Sandbauerschaft mit 2.562 Einwohnern die drittgrößte Kommune im Kreis Norden. Größer waren nur die Stadt Norden (6.759 Einwohner) und die Inselgemeinde Norderney (3.615 Einwohner).<ref>Königlich-statistisches Bureau (Hrsg.): ''Viehstandslexikon für den preußischen Staat''. Berlin 1895. S. 94</ref> 1895 wird eine ''ortsanwesende Bevölkerung'' von 2.446, 1900 von 3.023 angegeben. Zehn Jahre später zählte die Sandbauerschaft 3.415 und bei Beginn des [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkriegs]] 1914 bereits 3.896 Einwohner.<ref>Gerda Fegter (Hrsg.) / Heinz Ramm: ''Popke Fegter. 1874–1946. Sein Leben und Wirken im Norderland''. Soltau-Kurier: Norden 1989. S. 52</ref> | |||
Nach dem siegreichen Deutsch-Französischen Krieg (1870-1871) setzte eine wirtschaftliche Blüte in Norden ein, die dazu führte, dass die Stadt neue, kostenintensive Projekte ins Auge fasste. Da die kleine Stadt mit ihren gerade einmal 90 Hektar (0,9 km²) Größe dafür keinerlei Platz besaß, kam wohl erstmals der Gedanke der Vereinigung mit der Sandbauerschaft auf, die die Stadt in einem (nördlichen) Dreiviertelring von Westen nach Osten umspannte. Da diese Plände wegen widerstreitender Interessen (vorerst) nicht umsetzbar waren, erwarb die Stadt einige Gebiete von der Sandbauerschaft, so etwa große Flächen in [[Ostlintel]] für die Schaffung des [[Neuer Friedhof|Neuen Friedhofs]] oder den Bau einer [[Gräfin-Theda-Schule|Höheren Töchterschule]] sowie eines [[Krankenhaus Norden|Krankenhauses]]. Auch von der, bis 1972 ebenfalls noch eigenständigen, [[Westermarsch I|Gemeinde Westermarsch I]] erwarb man einen Teil des [[Vierzig Diemat]] genannten Gebiets und errichtete hier einen [[Schlachthof]] und ein [[Gaswerk]].<ref name=":12">Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 30</ref><ref>Ramm, Heinz (1989): Popke Fegter (18741946). Sein Leben und sein Wirken im Norderland, Norden, S. 51</ref>[[Datei:Hollweg 01011900 01.jpg|mini|Die Ortschaft [[Hollweg]] um 1900.]]1911 wurden die Bestreben immer konkreter, da die Stadt kaum mehr eigenen Platz besaß, den sie so dringend für die Expansion benötigte. Man wollte sich zudem nicht weiter mit einfachen Landkäufen begnügen, sondern strebte eine vollständige Verschmelzung an.<ref name=":13" /><ref name=":1" /> Die Sandbauerschaft weigerte sich jedoch beharrlich und langwierige Verhandlungen erzielten kein fruchtbares Ergebnis.<ref name=":1" /> Im Jahre 1914 wurde die Frage der Eingemeindung dann jedoch wieder akut, da sich zwischenzeitlich die Regierungsbehörde in Aurich eingeschaltet hatte. In einer Kommissionssitzung wurden die größten Streitpunkte festgelegt.<ref name=":1">Ramm, Heinz (1989): Popke Fegter (18741946). Sein Leben und sein Wirken im Norderland, Norden, S. 52</ref> Besonders strittig war die Frage, ob es den Einwohnern der Sandbauerschaft auch nach dem Zusammenschluss erlaubt bleiben sollte, Hausschlachtungen durchzuführen, die für sie existenziell waren, für die Stadt aber schon allein aus hygienischen Gründen als kritisch galten.<ref name=":1" /><ref name=":0" /> Zudem war der Stadt sehr daran gelegen, dass wegen der zu erwartenden Einnahmen alle Schlachtungen im [[Schlachthof]] durchgeführt werden würden.<ref name=":1" /> | Nach dem siegreichen Deutsch-Französischen Krieg (1870-1871) setzte eine wirtschaftliche Blüte in Norden ein, die dazu führte, dass die Stadt neue, kostenintensive Projekte ins Auge fasste. Da die kleine Stadt mit ihren gerade einmal 90 Hektar (0,9 km²) Größe dafür keinerlei Platz besaß, kam wohl erstmals der Gedanke der Vereinigung mit der Sandbauerschaft auf, die die Stadt in einem (nördlichen) Dreiviertelring von Westen nach Osten umspannte. Da diese Plände wegen widerstreitender Interessen (vorerst) nicht umsetzbar waren, erwarb die Stadt einige Gebiete von der Sandbauerschaft, so etwa große Flächen in [[Ostlintel]] für die Schaffung des [[Neuer Friedhof|Neuen Friedhofs]] oder den Bau einer [[Gräfin-Theda-Schule|Höheren Töchterschule]] sowie eines [[Krankenhaus Norden|Krankenhauses]]. Auch von der, bis 1972 ebenfalls noch eigenständigen, [[Westermarsch I|Gemeinde Westermarsch I]] erwarb man einen Teil des [[Vierzig Diemat]] genannten Gebiets und errichtete hier einen [[Schlachthof]] und ein [[Gaswerk]].<ref name=":12">Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 30</ref><ref>Ramm, Heinz (1989): Popke Fegter (18741946). Sein Leben und sein Wirken im Norderland, Norden, S. 51</ref>[[Datei:Hollweg 01011900 01.jpg|mini|Die Ortschaft [[Hollweg]] um 1900.]]1911 wurden die Bestreben immer konkreter, da die Stadt kaum mehr eigenen Platz besaß, den sie so dringend für die Expansion benötigte. Man wollte sich zudem nicht weiter mit einfachen Landkäufen begnügen, sondern strebte eine vollständige Verschmelzung an.<ref name=":13" /><ref name=":1" /> Die Sandbauerschaft weigerte sich jedoch beharrlich und langwierige Verhandlungen erzielten kein fruchtbares Ergebnis.<ref name=":1" /> Im Jahre 1914 wurde die Frage der Eingemeindung dann jedoch wieder akut, da sich zwischenzeitlich die Regierungsbehörde in Aurich eingeschaltet hatte. In einer Kommissionssitzung wurden die größten Streitpunkte festgelegt.<ref name=":1">Ramm, Heinz (1989): Popke Fegter (18741946). Sein Leben und sein Wirken im Norderland, Norden, S. 52</ref> Besonders strittig war die Frage, ob es den Einwohnern der Sandbauerschaft auch nach dem Zusammenschluss erlaubt bleiben sollte, Hausschlachtungen durchzuführen, die für sie existenziell waren, für die Stadt aber schon allein aus hygienischen Gründen als kritisch galten.<ref name=":1" /><ref name=":0" /> Zudem war der Stadt sehr daran gelegen, dass wegen der zu erwartenden Einnahmen alle Schlachtungen im [[Schlachthof]] durchgeführt werden würden.<ref name=":1" /> | ||
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* siehe auch: [[Liste der Schulen im Stadtgebiet]] | * siehe auch: [[Liste der Schulen im Stadtgebiet]] | ||
Lange Zeit hat es in der Sandbauerschaft | Lange Zeit hat es in der Sandbauerschaft keine regulären Schulen gegeben, was jedoch für eine bäuerliche Landgemeinde nicht unüblich war. Vor 1848 existierten lediglich mehrere Privatschulen, darunter die ''Alte Schule'' in [[Lintel]] (vermutlich Ecke [[Linteler Straße]] / [[Parkstraße]] im Hus der Korbmachers Lerbs<ref>Gerhard Canzler: ''Die Norder Schulen''. Verlag H. Risius: Weener 2005. S. 73 (mit Bild)</ref>), die Privatschule Westlintel (von strenggläubigen [[Reformierte Gemeinde Lütetsburg-Norden|Reformierten]] gegründet) sowie die [[Winkelschule]] von Gerd Dirk Aper [[Westerstraße]] / [[Hohe Gaste]]). Spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts war durch die [[Gasthausschule]] erstmals ein öffentliches Schulwesen nachweisbar<ref name=":13" />, wenngleich bereits im [[Kloster Marienthal]] und im [[Kloster Norden]] Unterricht erteilt wurde und es auch in Norden bereits Schulen gab. | ||
Ab 1878 gehörte der Gemeinde die [[Zingelschule]], die aus der [[Klosterschule]] bzw. [[Gasthausschule]] hervorging. 1897 bis 1898 erbaute die Gemeinde die [[Ekeler Schule]] und die [[Westgaster Schule]] als weitere Lehreinrichtungen. 1912 folgte mit der [[Gräfin-Theda-Schule]] die letzte von der Sandbauerschaft errichtete Schule. | |||
Heute befinden sich auf dem Gebiet der ehemaligen Gemeinde eine ganze Reihe von Bildungseinrichtungen, die zwischen den 1950er und 1970er Jahren erbaut wurden. Dazu gehören neben die [[Conerus-Schule]] an der [[Schulstraße]],<ref>[https://bbsnorden.de/ Internetauftritt der BBS Norden]; eingesehen am 1. Januar 2022</ref> die Grundschulen [[Im Spiet]] und in [[Grundschule Lintel|Lintel]] sowie die beiden Norder [[Schulzentrum Ekel|Schulzentren in Ekel]] und [[Schulzentrum Wildbahn|an der Wildbahn]]. | |||
==Religion== | ==Religion== | ||
Innerhalb der Gemeinde hat es keine Kirchen gegeben. Vielmehr war die [[Ludgerikirche]] die Kirche der [[Norder Umlandgemeinden]]. Auch wurden die Toten der Sandbauerschaft auf dem [[Alter Friedhof|Alten Friedhof]], später dem [[Neuer Friedhof|Neuen Friedhof]] bestattet. Archäologische Funde lassen allerdings auf einen [[Alter Friedhof (Westgaste)|Alten Friedhof]] in [[Westgaste]] schließen.<ref>Imhoff, Mathilde (1985): Die Flurnamen der Deutschen Grundkarte (DGK5) 2409/1 Norden West, in: Heim und Herd, Beilage zum Ostfriesischen Kurier, 25. Mai 1985, Nr. 56</ref> | Innerhalb der Gemeinde hat es keine Kirchen gegeben. Vielmehr war die [[Ludgerikirche]] die Kirche der [[Norder Umlandgemeinden]]. Auch wurden die Toten der Sandbauerschaft auf dem [[Alter Friedhof|Alten Friedhof]], später dem [[Neuer Friedhof|Neuen Friedhof]] bestattet. Archäologische Funde lassen allerdings auf einen [[Alter Friedhof (Westgaste)|Alten Friedhof]] in [[Westgaste]] schließen.<ref>Imhoff, Mathilde (1985): Die Flurnamen der Deutschen Grundkarte (DGK5) 2409/1 Norden West, in: Heim und Herd, Beilage zum Ostfriesischen Kurier, 25. Mai 1985, Nr. 56</ref> | ||
Auf dem Gebiet der Sandbauerschaft existierte allerdings ein weiterer Sakralraum, die sogenannte [[Kloster Marienthal|''Gasthaus''- oder ''Armenhauskirche'']], eine Filiale der Norder Ludgerigemeinde. Unbekannt ist nicht nur ihre Architektur; ungewiss ist auch, ob sie ausschließlich dem Armenhaus und der angeschlossenen Schule als Andachtsstätte diente oder aber auch anderen Einwohnern der Sandbauerschaft zur Verfügung stand. Die [[Reformierte Gemeinde Lütetsburg-Norden|Reformierten]] aus Norden und Umgebung nutzten 1579 die ''Gasthauskirche'' mit Erlaubnis des ostfriesischen [[Johann II. Cirksena|Grafen Johann]] als Gottesdienststätte. Erst 100 Jahre später erhielten sie die Genehmigung, in [[Bargebur]] eine eigene [[Bargeburer Kirche|Kirche]] zu errichten. Reformierte Sandbauerschafter waren dorthin eingepfarrt.<ref>[https://luetetsburg-norden.reformiert.de/geschiche.html Lütetsburg-Norden.reformiert.de: ''Die Geschichte der Gemeinde'']; eingesehen am 10. Januar 2022</ref> | |||
Katholische Christen gab es nach der Reformation in Norden und Umgebung nur wenige. Sie trafen sich anfangs im Untergrund, ab 1720 in einer [[Kapelle St. Michael|Hauskapelle]] an der [[Sielstraße]], ab 1864 an der [[Osterstraße 20]] in einer neu erbauten Kapelle und ab 1885 in einem neuen Gotteshaus, der [[Ludgeruskirche|St.-Ludgerus-Kirche]].<ref>Ufke Cremer, [[Johann Haddinga]]: ''Norden. Die Stadtchronik.'' Verlag Soltau-Kurier: Norden 2001. S. 80f</ref> Nach einer Erhebung von 1875 waren von 1.767 Einwohnern 1683 evangelisch-lutherischer und 69 evangelisch-reformierter Konfession. Außerdem wurden fünf Katholiken gezählt (1899 waren es bereits 32<ref>Anton Iganz Klefner u. a.: ''Der Bonifatius-Verein. Seine Geschichte, seine Arbeit und sein Arbeitsfeld. 1849–1899. Festschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum des Vereins''. Verlag der Bonifacius-Druckerei (J. W. Schröder): 1899. S. 96</ref>) und 10 Christen anderer Richtung.<ref>J. Fr. de Vries, Th. Focken: ''Ostfriesland. Land und Volk in Wort und Bild''. Verlag von W. Haynel: Emden 1881. S. 433</ref> | |||
==Gesundheit und Soziales== | ==Gesundheit und Soziales== | ||
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==Wirtschaft und Infrastruktur== | ==Wirtschaft und Infrastruktur== | ||
Bis | Bis in das 19. Jahrhundert war die Sandbauerschaft faktisch eine reine Agrargemeinde. Da der sandreiche Boden wenig fruchtbar war, war die Auswahl an Pflanzen, die zu einer ertragreichen Ernte führten, sehr überschaubar. Von nicht unerheblicher Bedeutung war dabei der Anbau von [[Zichorienfabrik|Zichorien]]. Viele Bewohner der Sandbauerschaft verdingten sich zudem als Landarbeiter auf den Bauernhöfen in der [[Marsch]].<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 253</ref> Eine bedeutende Rolle im Wirtschaftsleben der Sandbauerschaft spielte zudem der Gemüseanbau. Er diente nicht nur der Selbstversorgung. Mitte des 19. Jahrhunderts waren sowohl die [[Stadt Norden]] als auch die Insel Norderney maßgeblich davon abhängig. Es waren vor allem die Besitzer kleiner Gärten, die Gemüse zogen und die Ernte dann als Hausierer verkauften.<ref>Königliche Landwirthschafts=Gesellschaft zu Celle (Hrsg.): ''Festschrift zur Säcularfeier der Königlichen Landwirthschafts=Gesellschaft zu Celle am 4. Juni 1864''. Zweite Abtheilung: ''Beiträge zur Kenntniß der landwirthschaftlichen Verhältnisse im Königreich Hannover''. Hannover 1864. S. 254</ref> | ||
Noch bis in die Zeit nach der Eingemeindung nach Norden verwendete man in der Gemeinde Petroleum als Beleuchtungsmittel. Eine [[Gaswerk|Gas-]] und [[Stromversorgung]] wurde erst in den Folgejahren realisiert. Die [[Wasserversorgung]] folgte gar erst gegen Ende der 1930er Jahre.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 295</ref> | Noch bis in die Zeit nach der Eingemeindung nach Norden verwendete man in der Gemeinde Petroleum als Beleuchtungsmittel. Eine [[Gaswerk|Gas-]] und [[Stromversorgung]] wurde erst in den Folgejahren realisiert. Die [[Wasserversorgung]] folgte gar erst gegen Ende der 1930er Jahre.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 295</ref> | ||
Neben verschiedenen Handwerksbetrieben verfügte der Ort über [[Liste der Mühlen im Stadtgebiet|vier Windmühlen]]: Die ''[[Ekeler Mühle]]'' (nicht mehr vorhanden), die ''Linteler Mühle'' (nicht mehr vorhanden), die ''[[Silbermühle]]'' (nicht mehr vorhanden) an der damaligen Badestraße (heute [[Norddeicher Straße]]) und die ''[[Westgaster Mühle]]''<ref>{{Webarchiv|url=https://www.norddeich.de/nordseeurlaub-im-nordseeheilbad-norddeich/historische-muehlen-norden-norddeich/westgaster-muehle-in-norden/|wayback=20220103192620|text=Norddeich.de: ''Westgaster Mühle in Norden''}}, abgerufen am 29. September 2024</ref>, die als einzige der Sandbauerschafter Ortsmühlen noch existiert. Einige Jahrzehnte spielten zahlreiche Brennereien innerhalb der Sandbauerschaft eine bedeutsame wirtschaftliche Rolle. Ihr Ende kam Schritt um Schritt mit der 1806 erfolgten Gründung der Genever-Firma [[Doornkaat]] durch den Groninger [[Mennonitengemeinde Norden|Mennoniten]] [[Jan ten Doornkaat Koolman (1773)|Jan ten Doornkaat Koolman]]. Die letzte Sandbauerschafter Schnapsbrennerei, die ''[[Philadelphia|Sprit-Fabrik Philadelphia]]'' in [[Ekel]], schloss 1867.<ref>Gerhard Canzler: ''Doornkaat. Eine Firmenchronik''. Selbstverlag: Norden [oJ, 2001?]. S. 44</ref> | |||
Die Sandbauerschaft war aber auch Sitz größerer Fabrikationsstätten. Bedeutendste war die [[Eisenhütte|Norder Eisenhütte]], die 1850 auf dem Gelände der ''[[Osterburg]]'' errichtet wurde und die zeitweilig bis zu 300 Arbeitsplätzen verzeichnete. Firmengründer war [[Julius Meyer]] (1817-1863), Gutsbesitzer sowie Inhaber beziehungsweise Geschäftsführer mehrerer Eisenhütten im Osnabrücker Raum. Unter ihnen war auch die Hütte des ''Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenvereins''. Im Jahr 1848 reiste Meyer zu einem Kuraufenthalt nach Norderney. Bei einer Zwischenübernachtung in der Stadt Norden lernte er deren Hafen als Umschlagplatz für Kohle aus England kennen. Die Frachtsegler, die er dort sah, brachten ihn auf den Gedanken, in Ostfriesland eine Eisenhütte zu errichten und die dazu notwendigen Güter Koks und Roheisen mit ihrer Hilfe aus Großbritannien einzuführen. Nur ein gutes Jahr später gründete er mit zwei Geschäftsfreunden die Hüttenfirma ''Julius Meyer & Co''. Gemeinsam erwarben sie das direkt an der Stadtgrenze zu Norden gelegene Gelände. Im März 1850 erfolgte der erste Guss. Während in der Anfangsphase die Produktionspalette hauptsächlich aus Drahtstiften und gusseisernen Maschinenteilen bestand, spezialisierte sich später auf die Herstellung von sogenanntem Ofenguss. Hauptabsatzgebiete der Norder Eisenhütte waren in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens vor allem die Hansestädte Hamburg, Bremen und Lübeck. Der Transport der Ware erfolgte zunächst per Schiff und ab dem Ende des 19. Jahrhunderts auch über einen eigenen Gleisanschluss.<ref>Gerda Fegter (Hrsg.), Heinz Ramm: ''Popke Fegter. 1874–1946. Sein Leben und Wirken im [[Norderland]]''. Soltau Kurier: Norden 1999. S. 95–99</ref> | |||
In [[Westgaste]] entstand um 1882 die ''[[Brauerei Doornkaat|Doornkaat Bierbrauerei]]''. Ihre Gründerväter waren die Brüder [[Hermann ten Doornkaat Koolman|Hermann]] und [[Jacobus ten Doornkaat Koolman]]. Nach einer Bauzeit von rund zwei Jahren wurde ab 1884 auf dem etwa vier Hektar großen Gelände helles und dunkles Bier mit Münchener und Pilsener Charakter gebraut. In milden Wintern musste man, um die notwendige Kühlung zu gewährleisten, über den Norder Hafen Eis aus Skandinavien einführen. 1922 erwarb die Hamburg-Altonaer ''Bavaria-Brauerei'' die Produktionsstätte.<ref>Gerhard Canzler: ''Doornkaat. Eine Firmenchronik''. Selbstverlag: Norden [oJ, 2001?]. S. 76;93</ref> Die Brauerei wurde später abgerissen. An sie erinnert nur noch die dortige Straßenbezeichnung ''[[Brauhausstraße]]''. | |||
== Einzelnachweise == | == Einzelnachweise == | ||