Stadt Norden: Unterschied zwischen den Versionen
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
||
| (6 dazwischenliegende Versionen desselben Benutzers werden nicht angezeigt) | |||
| Zeile 652: | Zeile 652: | ||
Bereits ab Mitte 1944 begann die Stadt Norden mit dem Bau von [[Behelfsheime|Behelfsheimen]], um die große Zahl der Flüchtlinge unterbringen zu können.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 10</ref> Mit der sich verschärfenden Versorgungslage wurden die Bürger aufgerufen, bei der Ernte mitzuhelfen. Ende Juli versammelten sich daraufhin über tausend Menschen auf dem [[Torfmarkt]], bestiegen Lastwagen, Omnibusse und Fahrräder und machten sich auf dem Weg zum Ernteeinsatz. Unterstützung gab es von 1.200 Soldaten, die hierzu abkommandiert wurden.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 13</ref> Ab Dezember 1944 stieg die Zahl der Vertriebenen aus den (ehemaligen) deutschen Ostgebieten dann stetig an. Diese wurden zunächst vor allem in Privatwohnungen untergebracht.[[Datei:Sielstraße Gasthof Hinrichs Bombenschaden Zweiter Weltkrieg 17 01 1941 01.jpg|mini|Am 17. Januar 1941 wurde der [[Gasthof Hinrichs]] an der [[Sielstraße]] von einer Fliegerbombe getroffen. Ein junges Mädchen kam dabei ums Leben.]] | Bereits ab Mitte 1944 begann die Stadt Norden mit dem Bau von [[Behelfsheime|Behelfsheimen]], um die große Zahl der Flüchtlinge unterbringen zu können.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 10</ref> Mit der sich verschärfenden Versorgungslage wurden die Bürger aufgerufen, bei der Ernte mitzuhelfen. Ende Juli versammelten sich daraufhin über tausend Menschen auf dem [[Torfmarkt]], bestiegen Lastwagen, Omnibusse und Fahrräder und machten sich auf dem Weg zum Ernteeinsatz. Unterstützung gab es von 1.200 Soldaten, die hierzu abkommandiert wurden.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 13</ref> Ab Dezember 1944 stieg die Zahl der Vertriebenen aus den (ehemaligen) deutschen Ostgebieten dann stetig an. Diese wurden zunächst vor allem in Privatwohnungen untergebracht.[[Datei:Sielstraße Gasthof Hinrichs Bombenschaden Zweiter Weltkrieg 17 01 1941 01.jpg|mini|Am 17. Januar 1941 wurde der [[Gasthof Hinrichs]] an der [[Sielstraße]] von einer Fliegerbombe getroffen. Ein junges Mädchen kam dabei ums Leben.]] | ||
[[Datei:Am Markt Marktplatz Volkssturm 1944.jpg|mini|''Volkssturm''-Männer mit Panzerfäusten bei ihrer Vereidigung auf dem Marktplatz (Oktober 1944).]] | [[Datei:Am Markt Marktplatz Volkssturm 1944.jpg|mini|''Volkssturm''-Männer mit Panzerfäusten bei ihrer Vereidigung auf dem Marktplatz (Oktober 1944).]] | ||
Am 6. Mai 1945 trafen kanadische Truppen von Georgsheil | Am 6. Mai 1945 trafen kanadische Truppen von Georgsheil kommend in Norden ein, denen bald britische folgten. Nachdem aufgebrachte Norder Bürger bereits am 4. Mai energisch bei NSDAP-Parteiführer [[Lenhard Everwien]], der noch am 20. April in einer Rede anlässlich des Geburtstags von Adolf Hitler zum Durchhalten aufgerufen hatte (die Alliierten standen zu diesem Zeitpunkt schon vor Leer) und verantwortlichen Angehörigen der Wehrmacht sowie der Stadtverwaltung vorgesprochen hatten, wurde die Stadt auf Geheiß von [[Friedrich-Wilhelm Fleischer|Landrat Fleischer]] und [[Max Janssen|Vize-Bürgermeister Janssen]] kampflos übergeben. Nachfolgend übernahm die britische Militärregierung das Kommando in der Stadt und führte eine ''Entnazifizierung'' der Bevölkerung durch. Mehrere Gebäude in der Stadt wurden von den Besatzern requiriert, so etwa das [[Hitlerjugend-Heim]] und der [[Fräuleinshof]]. | ||
Die weitestgehende Unversehrtheit Nordens war vor allem auf seine geringe militärische Bedeutung zurückzuführen. Zu erwähnen sind lediglich die die Küstenfunkstelle [[Norddeich Radio]], der [[Norddeicher Hafen]] als Fährhafen nach Juist und Norderney, die durch den ''Atlantikwall'' militärisch aufgerüstet wurden, der [[Sender Osterloog|Propagandasender Osterloog]] und das [[Vertriebenenlager Tidofeld|Ausbildungs- und Durchgangslager der Marine]] in [[Tidofeld]]. Um die Stadt herum wurden mehrere [[Liste der Flakstellungen|Flakstellungen]] und [[Liste der Bunker|Bunker]] errichtet. Die Bunker dienten überwiegend dem Schutz der Bevölkerung, nur die beiden [[Bunker (Badestraße)|Bunker am Norddeich]] sollten der Verteidigung dienen und waren mit Flakstellungen ausgerüstet. Zum Einsatz an dieser - euphemistisch so genannten - ''Heimatflak'' wurden vor allem Schüler einberufen, die nach heutiger Definition als Kindersoldaten gelten würden. Hunderte Söhne und Töchter der Stadt starben auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Der Gefallenen beider Weltkriege wird noch heute jedes Jahr zum Volkstrauertag am [[Glockenturm]] gedacht, in dem sich eine Gedenktafel mit den Namen der Gefallenen findet. Zudem gibt es einen [[Soldatenfriedhof]] auf dem [[Neuer Friedhof|Neuen Friedhof]] (''Parkfriedhof'') in [[Ostlintel]]. Insgesamt kamen über 2.000 Norder, vornehmlich junge Männer, während des Krieges ums Leben.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 72</ref> | Die weitestgehende Unversehrtheit Nordens war vor allem auf seine geringe militärische Bedeutung zurückzuführen. Zu erwähnen sind lediglich die die Küstenfunkstelle [[Norddeich Radio]], der [[Norddeicher Hafen]] als Fährhafen nach Juist und Norderney, die durch den ''Atlantikwall'' militärisch aufgerüstet wurden, der [[Sender Osterloog|Propagandasender Osterloog]] und das [[Vertriebenenlager Tidofeld|Ausbildungs- und Durchgangslager der Marine]] in [[Tidofeld]]. Um die Stadt herum wurden mehrere [[Liste der Flakstellungen|Flakstellungen]] und [[Liste der Bunker|Bunker]] errichtet. Die Bunker dienten überwiegend dem Schutz der Bevölkerung, nur die beiden [[Bunker (Badestraße)|Bunker am Norddeich]] sollten der Verteidigung dienen und waren mit Flakstellungen ausgerüstet. Zum Einsatz an dieser - euphemistisch so genannten - ''Heimatflak'' wurden vor allem Schüler einberufen, die nach heutiger Definition als Kindersoldaten gelten würden. Hunderte Söhne und Töchter der Stadt starben auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Der Gefallenen beider Weltkriege wird noch heute jedes Jahr zum Volkstrauertag am [[Glockenturm]] gedacht, in dem sich eine Gedenktafel mit den Namen der Gefallenen findet. Zudem gibt es einen [[Soldatenfriedhof]] auf dem [[Neuer Friedhof|Neuen Friedhof]] (''Parkfriedhof'') in [[Ostlintel]]. Insgesamt kamen über 2.000 Norder, vornehmlich junge Männer, während des Krieges ums Leben.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 72</ref> | ||
Für die Versorgung der Kriegsversehrten wurden mehrere Baracken, die teilweise noch aus dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] stammten, als Lazarett umfunktioniert. Auch fast alle anderen Schulen, insbesondere das [[Ulrichsgymnasium]], wurden entsprechend umfunktioniert, um die zahlreichen Verwundeten zu versorgen. Die Panzersperren und unter Brücken deponierte Sprengladungen, die dort kurz vor Kriegsende noch von einigen Fanatikern entsprechend Hitlers ''Nerobefehls'' platziert wurden, wurden wieder entfernt, ehe sie gezündet wurden.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 43</ref> | Für die Versorgung der Kriegsversehrten wurden mehrere Baracken, die teilweise noch aus dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] stammten, als Lazarett umfunktioniert. Auch fast alle anderen Schulen, insbesondere das [[Ulrichsgymnasium]], wurden entsprechend umfunktioniert, um die zahlreichen Verwundeten zu versorgen. Die Panzersperren und unter Brücken deponierte Sprengladungen (u.a. bei der [[Galgentiefsbrücke]]<ref>Erinnerungen des Zeitzeugen Karl Lampe, kundgetan am 15. Februar 2024</ref>, die dort kurz vor Kriegsende noch von einigen Fanatikern entsprechend Hitlers ''Nerobefehls'' platziert wurden, wurden wieder entfernt, ehe sie gezündet wurden.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 43</ref> | ||
Ab dem 6. Mai 1945 ging die Befehlsgewalt schließlich faktisch an die Kanadier. Sie beschlagnahmten zwei Häuser [[Am Markt]], eins an der [[Gartenstraße]], eins an der [[Linteler Straße]] sowie das [[Hitlerjugend-Heim]]. Sie schafften damit Platz für die Kommandantur, ein Offizierskasino, die Militärpolizei und ein Lazarett.<ref>Forster, Hans / Schwickert, Günther (1988): Norden. Eine Kreisstadt unterm Hakenkreuz, Norden, S. 310</ref> | Ab dem 6. Mai 1945 ging die Befehlsgewalt schließlich faktisch an die Kanadier. Sie beschlagnahmten zwei Häuser [[Am Markt]], eins an der [[Gartenstraße]], eins an der [[Linteler Straße]] sowie das [[Hitlerjugend-Heim]]. Sie schafften damit Platz für die Kommandantur, ein Offizierskasino ([[Am Markt 57]])<ref>Schreiber, Gretje (1992): Der Norder Marktplatz und seine Geschichte bis heute, Aurich, S. 135</ref>, die Militärpolizei und ein Lazarett.<ref>Forster, Hans / Schwickert, Günther (1988): Norden. Eine Kreisstadt unterm Hakenkreuz, Norden, S. 310</ref> | ||
Ab sofort waren alle öffentlichen Zusammenkünfte, insbesondere Sportveranstaltungen verboten bzw. bedurften einer schriftlichen Genehmigung durch die Militärregierung. Hierzu erließen die Briten umfassende Anweisungen, die streng kontrolliert und durchgesetzt wurden. Der Betrieb in sämtlichen Vereinen kam dadurch zum Erliegen und nur langsam wieder zu einem Neuanfang. Auch die Presse wurde zensiert, der [[Ostfriesischer Kurier|Ostfriesische Kurier]] wurde gänzlich verboten. Erst ab Mitte 1947 erfolgten erste Lockerungen, bis die Pressefreiheit wieder gewährleistet wurde.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 8</ref> | Ab sofort waren alle öffentlichen Zusammenkünfte, insbesondere Sportveranstaltungen verboten bzw. bedurften einer schriftlichen Genehmigung durch die Militärregierung. Hierzu erließen die Briten umfassende Anweisungen, die streng kontrolliert und durchgesetzt wurden. Der Betrieb in sämtlichen Vereinen kam dadurch zum Erliegen und nur langsam wieder zu einem Neuanfang. Auch die Presse wurde zensiert, der [[Ostfriesischer Kurier|Ostfriesische Kurier]] wurde gänzlich verboten. Erst ab Mitte 1947 erfolgten erste Lockerungen, bis die Pressefreiheit wieder gewährleistet wurde.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 8</ref> | ||
| Zeile 750: | Zeile 750: | ||
Im Oktober 2013 wurde bekannt, dass der Landkreis Aurich und die Stadt Emden über ein gemeinsames Krankenhaus in bzw. bei Georgsheil nachdachten und die Machbarkeit prüfen wollten. Bei einem Bau einer solchen ''Zentralklinik'' würden die beiden Standorte der [[Ubbo-Emmius-Klinik]] sowie das Hans-Susemihl-Krankenhaus geschlossen. Im Juni 2017 fand ein Bürgerentscheid zur Frage statt, ob eine Zentralklinik in Georgsheil gebaut werden soll. Während die Bürger des Landkreises Aurich dafür stimmten, lehnten die Einwohner der Stadt Emden dies ab. In einem zweiten Bürgerentscheid in Emden zur gleichen Fragestellung im Mai 2019 votierten 54,75 % der Wahlberechtigten für einen Bau. Das Schicksal der Norder Klinik als reguläres Krankenhaus wurde damit besiegelt, wenngleich dieses bis zum heutigen Tage in Betrieb ist und ein Bau der Zentralklinik nach wie vor auf sich warten lässt und unvermindert hoher Kritik ausgesetzt ist. | Im Oktober 2013 wurde bekannt, dass der Landkreis Aurich und die Stadt Emden über ein gemeinsames Krankenhaus in bzw. bei Georgsheil nachdachten und die Machbarkeit prüfen wollten. Bei einem Bau einer solchen ''Zentralklinik'' würden die beiden Standorte der [[Ubbo-Emmius-Klinik]] sowie das Hans-Susemihl-Krankenhaus geschlossen. Im Juni 2017 fand ein Bürgerentscheid zur Frage statt, ob eine Zentralklinik in Georgsheil gebaut werden soll. Während die Bürger des Landkreises Aurich dafür stimmten, lehnten die Einwohner der Stadt Emden dies ab. In einem zweiten Bürgerentscheid in Emden zur gleichen Fragestellung im Mai 2019 votierten 54,75 % der Wahlberechtigten für einen Bau. Das Schicksal der Norder Klinik als reguläres Krankenhaus wurde damit besiegelt, wenngleich dieses bis zum heutigen Tage in Betrieb ist und ein Bau der Zentralklinik nach wie vor auf sich warten lässt und unvermindert hoher Kritik ausgesetzt ist. | ||
Die frühen 2010er Jahre waren vor allem von einem beispiellosen Bauboom geprägt, wie er sich auch bundesweit abzeichnete. Es entstanden mehrere Baugebiete, die vielen Einheimischen und Zugereisten einen Bauplatz boten. Gegen Mitte der 2010er Jahre ebbte dieser Trend trotz weiterhin großer Nachfrage ab. Begründet wurde dies unter anderem mit einer befürchteten Oberflächenversieglung und Zersiedlung des Landschaftsbilds. Paradoxerweise wurden jedoch die Siedlungsgebiete [[Auf dem Lehmstück]] und ''[[ | Die frühen 2010er Jahre waren vor allem von einem beispiellosen Bauboom geprägt, wie er sich auch bundesweit abzeichnete. Es entstanden mehrere Baugebiete, die vielen Einheimischen und Zugereisten einen Bauplatz boten. Gegen Mitte der 2010er Jahre ebbte dieser Trend trotz weiterhin großer Nachfrage ab. Begründet wurde dies unter anderem mit einer befürchteten Oberflächenversieglung und Zersiedlung des Landschaftsbilds. Paradoxerweise wurden jedoch die Siedlungsgebiete [[Auf dem Lehmstück]] und ''[[Südlich Wigboldstraße]]'' (projektiert, aber aufgegeben) nicht in Norden, sondern in dem seit jeher ländlich und landwirtschaftlich geprägten [[Westermarsch II]] erschlossen. Ein bereits 2011 für die Dorferneuerung in [[Leybuchtpolder]] und [[Neuwesteel]] fertiggestelltes Konzept zur städtebaulich verträglichen Umsetzung neuer Bauplätze bei gleichzeitigem Entgegenwirken des demografischen Wandels kam hingegen bislang nicht zur Umsetzung.<ref>NWP Planungsgesellschaft (2011): Dorferneuerungs-/Entwicklungsplanung für die Ortsteile Leybuchtpolder und Neuwesteel, S. 95ff.</ref> | ||
In der Amtszeit von [[Heiko Schmelzle|Bürgermeister Schmelzle]] vervielfältigte sich der Baupreis für einen Quadratmeter erschlossenen Baulands innerhalb von drei Jahren um annähernd 150 %. Am 25. April 2018 beschloss der [[Stadtrat|Rat der Stadt Norden]] eine Erhöhung des bisherigen Preises von 40,90 € pro Quadratmeter auf 55,00 Euro, am 17. September 2019 auf 80,00 Euro und am 13. Juli 2021 schließlich auf 95 Euro. Seit letztgenanntem Datum galt diese Preisdeckelung zudem nur noch für 50 % der Grundstücke, die andere Hälfte konnte zu deutlich höheren Preisen veräußert werden. In der Folge wichen vor allem junge Familien in das Umland aus, während in Norden vor allem größere Mehrparteienhäuser für Zweitwohnungsbesitzer und Senioren aus Nordrhein-Westfalen entstanden, deren Wohnungspreise bis etwa 2014 noch typischerweise dem eines großen Einfamilienhauses mit Doppelgarage entsprachen. Sehr häufig wurden für den Bau solcher großer Gebäude ortsbildprägende und erhaltenswerte Gebäude älteren Baujahres ohne Not durch (oftmals auswärtige) Investoren abgebrochen und dadurch die kleinteilige, stadtbildprägende Struktur unwiderruflich beschädigt. Eine derart schwerwiegende Misshandlung des Stadtbildes, dem kaum städtische Regelungen entgegenstanden, gab es seit der [[Altstadtsanierung]] in den 1960er bis 1970er Jahren nicht mehr. | In der Amtszeit von [[Heiko Schmelzle|Bürgermeister Schmelzle]] vervielfältigte sich der Baupreis für einen Quadratmeter erschlossenen Baulands innerhalb von drei Jahren um annähernd 150 %. Am 25. April 2018 beschloss der [[Stadtrat|Rat der Stadt Norden]] eine Erhöhung des bisherigen Preises von 40,90 € pro Quadratmeter auf 55,00 Euro, am 17. September 2019 auf 80,00 Euro und am 13. Juli 2021 schließlich auf 95 Euro. Seit letztgenanntem Datum galt diese Preisdeckelung zudem nur noch für 50 % der Grundstücke, die andere Hälfte konnte zu deutlich höheren Preisen veräußert werden. In der Folge wichen vor allem junge Familien in das Umland aus, während in Norden vor allem größere Mehrparteienhäuser für Zweitwohnungsbesitzer und Senioren aus Nordrhein-Westfalen entstanden, deren Wohnungspreise bis etwa 2014 noch typischerweise dem eines großen Einfamilienhauses mit Doppelgarage entsprachen. Sehr häufig wurden für den Bau solcher großer Gebäude ortsbildprägende und erhaltenswerte Gebäude älteren Baujahres ohne Not durch (oftmals auswärtige) Investoren abgebrochen und dadurch die kleinteilige, stadtbildprägende Struktur unwiderruflich beschädigt. Eine derart schwerwiegende Misshandlung des Stadtbildes, dem kaum städtische Regelungen entgegenstanden, gab es seit der [[Altstadtsanierung]] in den 1960er bis 1970er Jahren nicht mehr. | ||
| Zeile 762: | Zeile 762: | ||
Bei den Kommunalwahlen am 12. September 2021 erreichte [[Heiko Schmelzle|Bürgermeister Schmelzle]] gerade einmal 20,18 % der Stimmen, während [[Florian Eiben]] als einer seiner fünf Herausforderer einen Stimmenanteil von 40,66 % auf sich vereinigen konnte. Da jedoch keiner der Kandidaten einen absoluten Stimmenanteil erringen konnte, kam es zwei Wochen später zu einer Stichwahl, die Eiben mit einem klaren Sieg für sich entscheiden konnte.<ref>[https://www.norden.de/Rathaus-Politik/Politik/Wahlen/ Wahlergebnisse der Kommunalwahlen 2021 für die Stadt Norden], abgerufen am 14. September 2021</ref> In den sozialen Medien war bereits im Vorfeld der Wahlen erkennbar, dass dem bisherigen Amtsinhaber ein eher kritisches Zeugnis ausgestellt wurde. Vor allem wurde der ''Ausverkauf'' der Stadt an auswärtige Investoren und Neubürger, die dadurch bedingte Zunahme lebloser ''Rollladensiedlungen'' mit pflegeleichten, aber unansehnlichen Kiesgärten sowie die durch den gravierenden Anstieg bei Grundstücks- und Baukosten bedingte Abwanderung steuerzahlender Mitbürger, die die Stadt in Ermangelung an Alternativen verließen. Dennoch war die Amtszeit Schmelzles durchaus von bedeutenden Erfolgen geprägt, wie etwa den Beginn des umfangreichen Ausbaus des [[Norddeicher Strand|Norddeicher Strands]] (''Masterplan Wasserkante'') zu einer noch attraktiveren Umgebung und dem Kauf des ehemaligen [[Doornkaat|Doornkaatgeländes]], wodurch die Stadt nun Eigentümer eines Geländes mit einem vielfältigen und hohen Potential wurde. | Bei den Kommunalwahlen am 12. September 2021 erreichte [[Heiko Schmelzle|Bürgermeister Schmelzle]] gerade einmal 20,18 % der Stimmen, während [[Florian Eiben]] als einer seiner fünf Herausforderer einen Stimmenanteil von 40,66 % auf sich vereinigen konnte. Da jedoch keiner der Kandidaten einen absoluten Stimmenanteil erringen konnte, kam es zwei Wochen später zu einer Stichwahl, die Eiben mit einem klaren Sieg für sich entscheiden konnte.<ref>[https://www.norden.de/Rathaus-Politik/Politik/Wahlen/ Wahlergebnisse der Kommunalwahlen 2021 für die Stadt Norden], abgerufen am 14. September 2021</ref> In den sozialen Medien war bereits im Vorfeld der Wahlen erkennbar, dass dem bisherigen Amtsinhaber ein eher kritisches Zeugnis ausgestellt wurde. Vor allem wurde der ''Ausverkauf'' der Stadt an auswärtige Investoren und Neubürger, die dadurch bedingte Zunahme lebloser ''Rollladensiedlungen'' mit pflegeleichten, aber unansehnlichen Kiesgärten sowie die durch den gravierenden Anstieg bei Grundstücks- und Baukosten bedingte Abwanderung steuerzahlender Mitbürger, die die Stadt in Ermangelung an Alternativen verließen. Dennoch war die Amtszeit Schmelzles durchaus von bedeutenden Erfolgen geprägt, wie etwa den Beginn des umfangreichen Ausbaus des [[Norddeicher Strand|Norddeicher Strands]] (''Masterplan Wasserkante'') zu einer noch attraktiveren Umgebung und dem Kauf des ehemaligen [[Doornkaat|Doornkaatgeländes]], wodurch die Stadt nun Eigentümer eines Geländes mit einem vielfältigen und hohen Potential wurde. | ||
Im August 2024 wurde bekannt, dass das Baugebiet [[Südlich Wigboldstraße]] aufgegeben werde.<ref>Bericht im Ostfriesischen Kurier vom 31. August 2024</ref> Die Preissteigerungen durch die [[COVID 19-Pandemie]] sowie die grassierende Inflation seit 2022 infolge der russisch-ukrainischen Konflikts ließen die Erschließungskosten ebenso steigen, wie immer weitere, kostenintensive Auflagen seitens der Stadtverwaltung. Die Investorin gab das seit 2016 projektierte Baugebiet infolgedessen auf, wodurch die Stadtverwaltung abermals die Chance auf neues Bauland und neuen Wohnraum verspielte. Unabhängig dieser Entwicklungen gab es ohnehin kaum Interessenten für das Bauland, da die Konstellation von hohen Zinsen, hoher Baulandkosten und hoher Neubaukosten auf der einen Seite einer eher mäßigen Lage nördlich des [[Klärwerk|Klärwerks]] und am äußersten Stadtrand auf der anderen Seite von vielen als nicht angemessen gesehen wurde. | |||
==Verwaltung und Politik== | ==Verwaltung und Politik== | ||
| Zeile 785: | Zeile 787: | ||
Der von der Besatzungsmacht neben dem Bürgermeister ernannte Stadtdirektor [[Georg Schubach]] musste bereits im Oktober 1947 sein Amt wieder abgeben, da er sich mit falschen Angaben um dieses Amt beworben hatte. Im Juni 1950 verurteilte ihn die Strafkammer Aurich wegen Betruges zu einer Haftstrafe. Schubachs Nachfolge trat [[Walter Klein]] an. | Der von der Besatzungsmacht neben dem Bürgermeister ernannte Stadtdirektor [[Georg Schubach]] musste bereits im Oktober 1947 sein Amt wieder abgeben, da er sich mit falschen Angaben um dieses Amt beworben hatte. Im Juni 1950 verurteilte ihn die Strafkammer Aurich wegen Betruges zu einer Haftstrafe. Schubachs Nachfolge trat [[Walter Klein]] an. | ||
Die ersten freien Kommunalwahlen nach 1932 fanden in Ostfriesland am 15. September 1946 statt. Das Norder Wahlergebnis brachte für die SPD neun Mandate, die CDU erhielt sechs, die FDP fünf Sitze und die KPD einen Sitz im Norder Rathaus. Anfang Oktober fand in Anwesenheit des britischen Militärgouverneurs die konstituierende Ratsversammlung statt, bei der [[Johann Fischer]] ([[SPD Norden|SPD]]) einstimmig zum Bürgermeister gewählt wurde. Im Herbst 1948 wurden im neu gegründeten Niedersachsen eine zweite Kommunalwahl durchgeführt. Zwar blieb nach diesen Wahlen die SPD stärkste Fraktion im Norder Rathaus, der von ihr gestellte Bürgermeister Fischer wurde jedoch mit den Stimmen von CDU, FDP und der neu im Rathaus vertretenen freiwirtschaftlich orientierten Radikal-Sozialen Freiheitspartei (RSF) abgewählt. An seine Stelle trat der Freidemokrat [[Albert Schöneberg|Dr. Albert Schöneberg | Die ersten freien Kommunalwahlen nach 1932 fanden in Ostfriesland am 15. September 1946 statt. Das Norder Wahlergebnis brachte für die SPD neun Mandate, die CDU erhielt sechs, die FDP fünf Sitze und die KPD einen Sitz im Norder Rathaus. Anfang Oktober fand in Anwesenheit des britischen Militärgouverneurs die konstituierende Ratsversammlung statt, bei der [[Johann Fischer]] ([[SPD Norden|SPD]]) einstimmig zum Bürgermeister gewählt wurde. Im Herbst 1948 wurden im neu gegründeten Niedersachsen eine zweite Kommunalwahl durchgeführt. Zwar blieb nach diesen Wahlen die SPD stärkste Fraktion im Norder Rathaus, der von ihr gestellte Bürgermeister Fischer wurde jedoch mit den Stimmen von CDU, FDP und der neu im Rathaus vertretenen freiwirtschaftlich orientierten Radikal-Sozialen Freiheitspartei (RSF) abgewählt. An seine Stelle trat der Freidemokrat [[Albert Schöneberg|Dr. Albert Schöneberg]]. 1956 wurde Johann Fischer wieder ins Bürgermeisteramt berufen. Dessen Nachfolger wurde 1959 der SPD-Ratsherr [[Hinrich Donner]]. | ||
Obwohl bereits unmittelbar nach der britischen Besatzung alle führenden NS-Funktionäre verhaftet wurden, setzten sich in den Folgejahren auch weiterhin rechtsextremistische Tendenzen fort. Gegen Ende der 1940er bzw. Anfang der 1950er Jahre traten in Norden Redner der im Oktober 1952 verbotenen Sozialistische Reichspartei (SRP) sowie der Deutschen Reichspartei (DRP) auf.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 50</ref> Die Deutsche Reichspartei existierte bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1965, viele Mitglieder traten der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) bei. | Obwohl bereits unmittelbar nach der britischen Besatzung alle führenden NS-Funktionäre verhaftet wurden, setzten sich in den Folgejahren auch weiterhin rechtsextremistische Tendenzen fort. Gegen Ende der 1940er bzw. Anfang der 1950er Jahre traten in Norden Redner der im Oktober 1952 verbotenen Sozialistische Reichspartei (SRP) sowie der Deutschen Reichspartei (DRP) auf.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 50</ref> Die Deutsche Reichspartei existierte bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1965, viele Mitglieder traten der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) bei. | ||