Süderneuland I: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Norder Stadtgeschichte
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|844 <small>(31.12.2020)</small>
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|um 1821 (um 1560)
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'''Süderneuland I''' ist ein Stadtteil von Norden und hat 844 Einwohner (Stand: 31.12.2020), die sich auf einer Fläche von rund 4,55 km² verteilen.
'''Süderneuland I''' ist ein Stadtteil von Norden und hat 2.824 Einwohner (Stand: 31. Dezember 2021), die sich auf einer Fläche von rund 6,01 km² verteilen. Das Ortsgebiet ist erst seit dem 16. Jahrhundert wieder besiedelt und besteht, abgesehen vom [[Leegemoor]], vor allem aus [[Polder|Poldern]], die der [[Leybucht]] ab 1556 abgewonnen wurden. Die noch bis zum 30. Juni 1972 eigenständige Gemeinde wurde im Zuge der niedersächsischen Gebietsreform nachfolgend in die [[Stadt Norden]] zwangseingemeindet, nachdem sie sich zuvor weigerte, die erforderlichen Unterschriften zu leisten.


Im Norden und Westen grenzt Westermarsch II unmittelbar an die Nordsee, im Osten an Norddeich sowie im Süden an [[Westermarsch I]] und teilweise [[Norden (Stadtteil) | Norden]].
Neben seiner Bedeutung als Wohngebiet hat insbesondere das [[Gewerbegebiet Leegemoor]] eine elementare Bedeutung für die Norder Wirtschaft.


__TOC__
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== Namensherkunft ==
== Namensherkunft ==
Der Name Westermarsch II kennzeichnet einerseits den Landschaftstyp des Ortes (Marsch) und bezeichnet andererseits seine Lage im Westen der historischen Region Norderland bzw. der Stadt Norden. Durch die römische 2 unterscheidet sich der Ort von Westermarsch I.
Der Name [[Süderneuland]] war ursprünglich der Name eines im 16. Jahrhundert eingedeichten [[Polder|Polders]], bei der Besiedlung wurde dieser Name übernommen. Es ist die Bezeichnung für das ''südlich'' der Stadt Norden gelegene ''Neuland'', das durch Eindeichungen der [[Leybucht]] entrissen werden konnte.


Erstmalige Erwähnung findet die Westermarsch in 1361. Spätere Bezeichnungen waren ebenfalls "Westermarsch" (1541/1542). In 1553 wird die "Westermersch" erwähnt. 1823 und 1826 folgen dann "Westermarsch 1. und 2. Bauernschaft" und schließlich die heutige Bezeichnung ab 1858.
Eine erste urkundliche Erwähnung findet sich 1602 als ''Suider Neuland''. Es folgen 1618 ''Suider Nyelander'' und 1634 ''Sueder Newlander [[Rott]]''. 1645 wird der Ort ''Suhder Newlandt'' bzw. ''Suhder Nijeland'' genannt. In einer amtlichen Statistik des Königreichs Hannovers findet sich die Bezeichnung ''Erste Süderneulander Bauernschaft'' in Abgrenzung zu [[Süderneuland II]] als ''Zweite Süderneulander Bauernschaft''.


==Wappen==
==Wappen==
Das Wappen des Ortes zeigt ein goldenes, dreiblättriges Kleeblatt umringt von drei sechszackigen Sporenrädern im Verhältnis von 2:1 auf blauem Grund. Das Kleeblatt spielt in der Landwirtschaft eine große Rolle als sogenannter Gründünger und verweist damit auf die besondere Rolle der Landwirtschaft in der Westermarsch. Die Sporenräder wurden aus dem Wappen von [[Norden]] übernommen, welches dieses wiederum aus dem Wappen der bis in das 15. Jahrhundert hinein vorherrschende Häuptlingsfamilie [[Idzinga]] übernommen hat. Der blaue Grund verweist auf die Lage des Ortes an der Wasserkante bzw. Deichlinie. Das Wappen hat in seiner Aufmachung deutliche Ähnlichkeiten zu dem von [[Ostermarsch]].
Das Wappen zeigt in rot das [[Fridericussiel]] mit den Buchstaben F und R. Die Buchstaben stehen für ''Fridericus Rex'', so ließ sich der dem Lateinischen sehr zugewandte Preußenkönig Friedrich der Große gerne betiteln. In dessen Regierungszeit wurde das Siel erbaut und ihm zu Ehren benannt. Durch den Bau des Siels konnte das sehr spärlich besiedelte Land erstmals umfangreich besiedelt werden.
 
Die goldenen Sporenräder verdeutlichen die Zugehörigkeit des Ortes zu Norden und sind auch in [[Stadtwappen|dessen Wappen]] zu finden. Sie sind ursprünglich dem Wappen der [[Idzinga]] entnommen, die in Norden lange Zeit eine dominierende Rolle inne hatten.


==Bevölkerungsentwicklung==
==Bevölkerungsentwicklung==
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<nowiki>*</nowiki> darunter 7 Juden<ref>Gödeken, Lina (2000): Rund um die Synagoge in Norden. Die Geschichte der Synagogengemeinde seit 1866, Aurich, S. 17</ref>


== Geografie ==
== Geografie ==
Westermarsch I befindet sich im Kalkmarschgebiet östlich der Leybucht in einer Höhe von bis zu 1,3 m über Meeresniveau (NN). Die nördliche und westliche Grenze stellt die Leybucht bzw. die Nordsee dar. Die östliche Grenze zu [[Norddeich]] verläuft hauptsächlich mittig des ursprünglichen Verlaufs des [[Dörper Weg | Dörper Wegs]]. Im Süden ist die Abgrenzung deutlich schwieriger und ist historisch gewachsen. Sie folgt keiner auf den ersten Blick erkennbaren Logik, sondern bezieht sich vielmehr auf einzelne Grundstücke bzw. Flure, die entsprechend ihrer Besitzverhältnisse entweder zu Westermarsch I oder II gehören. In etwa kann man jedoch sagen, dass die südliche Grenze von Westermarsch II beim [[Lehmweg]] beginnt und sich dann in westliche Richtung bis [[Utlandshörn]] erstreckt. Hier sind einstige örtliche Besitztümer die Grenze, die sich nur schwer umschreiben lassen. Westermarsch II entspricht der alten Rotteinteilung Rott 5 bis Rott 9, während Westermarsch II Rott 1 bis Rott 4 umfasst. Ein "Rott" ist eine alte Bezeichnung für einen Bezirk, der eine bestimmte Anzahl an Ländereien umfasste. Hieraus erklärt sich die diffus wirkende Grenze zu Westermarsch I, da sich mehrere Bauern mit ihren verteilten Ländereien zu einem Rott zusammenschlossen.
Süderneuland I befindet südlich des Stadtkerns. Die Bodenbeschaffenheit des Ortes ist divers. Im Westen und Süden herrscht der Typus [[Marsch|Kleimarsch]] vor, im Norden und Osten größtenteils Gley-Podsol mit Plaggenauflage, im Südosten Plaggenesch (unterlagert von Podsol-Gley) bzw. Gley Podsol und im Zentrum Podsol-Gley zu finden.


== Geschichte ==
Im Norden grenzt Süderneuland I an [[Norden (Stadtteil) |Norden]], im Westen an [[Westermarsch I]] und teilweise [[Neuwesteel]], im Osten an [[Süderneuland II]] und im Süden ebenfalls an Neuwesteel sowie die Nachbargemeinde Osteel.


===Mittelalter===
==Gliederung==
Wann genau die Gegend erstmalig besiedelt wurde, ist nicht genau nachvollziehbar. Durch seine nähere Lage an der Nordsee und der damit stets einhergehenden großen Gefahr von Sturmfluten, vor denen auch nicht immer die Warften Schutz boten, war Westermarsch II bis in die Neuzeit deutlich dünner besiedelt als das südlichere Westermarsch I. Die Anzahl an Bewohner dürfte sehr überschaubar und im zweistelligen Bereich gelegen haben. Darum befinden sich auch heute noch kaum Warften in Westermarsch II, die sich dagegen wesentlich häufiger im weiter südlich gelegenen Westermarsch I und im östlich von Norden gelegenen [[Ostermarsch]] befinden.
Süderneuland I unterteilt sich in die Ortschaften bzw. Wohnstellen [[Addinggaste]], [[Addinggaster Grashaus]], [[Addinggasterpolder]], [[Altenbürgerlande]], [[Buschhaus]], [[Deichmühle]], [[Kartoffeldeich (Ortschaft)|Kartoffeldeich]], [[Kiebitznest]] und [[Wurzeldeich (Ortschaft)|Wurzeldeich]]. Die Ortsgrenzen bilden sich aus denen der einzelnen zu den Höfen gehörenden Ländereien, den [[Liste der Eindeichungen|alten Deichlinien]] sowie das [[Norder Tief]].


Seit Anbeginn der Besiedlung ist das Land den Launen der Nordsee ausgeliefert. Sturmfluten und damit einhergehende Überschwemmungen bestimmten seit jeher den Verlauf der Deichlinie und machten den Bewohnern das Leben schwer. Bis zum vollständigen Untergang der nordwestlich von Westermarsch gelegenenen Nordseeinsel [[Bant]] konnten sich die Menschen mit relativ geringen Deichen schützen und errichteten ihre Häuser auf Warften, die sie je nach Bedarf erhöhten. Warften sind künstlich geschaffene Erhöhungen der Landschaft. Man kann sie sich als Hügel vorstellen, auf denen die Erbauer ihre Gebäude errichteten. Noch heute sind viele Warften in der Landschaft unverändert gut erkennbar und viele Gebäude stehen weiterhin auf solchen.
== Geschichte ==


Ihre Ländereien schützten sie, wenn überhaupt, mit kleinen Dämmen vor den Fluten der Nordsee. In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts begann man, diese kleinen Ringdeiche seewärts miteinander zu verbinden, so dass in den ersten Jahrzehnten nach 1100 ein fast geschlossener Hauptdeich entstand. Die damaligen Deiche waren in ihrer Bauweise jedoch keinesfalls mit den heutigen zu vergleichen und boten nicht immer Schutz. Besonders verheerende Deichbrüche und dadurch folgende Überschwemmungen sind für die Jahre 1164, 1196, 1219 und 1334 überliefert. Überreste eines frühzeitlichen Deichs sind noch heute teils entlang der [[Westermarscher Straße]] erkennbar.
* siehe auch: [[Stadt Norden#Geschichte|Geschichte der Stadt Norden]]
* siehe auch: [[Süderneuland II#Geschichte|Geschichte von Süderneuland II]]


Die zweite Marcellusflut, die auch als "große Mandränke" (großes Ertrinken) in die Geschichte einherging, richtete 1362 große Verwüstungen in der gesamten Westermarsch an. Zahlreiche Menschen und Tiere kamen ums Leben, ein Großteil der Gebäude und Felder wurde zerstört. Auch gerieten weite Landesteile der Westermarsch unter Wasser, die erst Jahrhunderte später durch Eindeichungen wieder dem Wasser abgewonnen wurden. Die im 9. Jahrhundert entstandene Leybucht gelangte zu ihrer größten Ausdehnung, die Einbruchsrinne wurde nach der Leybucht auch "Leide" genannt. Aus ihr entsprang das [[Norder Tief]].
===Mittelalter===
Die bekannte Geschichte von Süderneuland I beginnt im Jahre 1556. Die [[Leybucht]] erreichte durch mehrere verheerende Sturmfluten im 14. Jahrhundert, insbesondere durch die [[Zweite Marcellusflut]] und die [[Erste Dionysiusflut]], ihre größte Ausdehnung. Die Fluten richteten schwere Verwüstungen an und kosteten unzählige Menschenleben, doch bekam Norden erstmals einen Zugang zur offenen See und der [[Norder Hafen]] entstand. Dieser schon bald sehr stattliche [[Norder Hafen|Seehafen]] bescherte der Stadt über Jahrhunderte eine wirtschaftliche Blüte. Zu dieser Zeit war das gesamte Ortsgebiet von den Fluten eingenommen. In früheren Zeiten scheint es hier im Bereich der [[Addinggaste]] bereits erste Siedlungen gegeben haben. Das dominierende Geschlecht waren die [[Addinga]], die als treue Vasallen der [[Idzinga]] galten und ihren Sitz auf der [[Addingaburg]] hatten. An sie erinnern heute noch mehrere Straßennamen und die vorgenannte Bezeichnung der [[Gaste]].


Gerade einmal 12 Jahre später kam es erneut zu einer verheerenden Sturmflut, die erste Dionysiusflut, die erneut weite Teil der Westermarsch überschwemmte. Das südlich von Westermarsch gelegene [[Neuwesteel | Westeel]] wurde sogar gänzlich zerstört und aufgegeben.
Der heute Süderneuland I genannte Ort südlich von Norden wurde die nächsten Jahre den Fluten überlassen, ehe sich die Bevölkerung und die Wirtschaft von den Entbehrungen so weit erholt hatten, dass eine Rückgewinnung beginnen konnte. [[Udo Focken]], Sohn des mächtigen [[Focko Ukena]], begann 1425, einen Deich an der westlichen Grenze zu Lütetsburg zu errichten. Er beabsichtigte damit, das Hinterland, das seinerzeit ebenso von den Fluten getroffen wurde, wie die Stadt, zu schützen und die Rückgewinnung der verlorenen Ländereien einzuleiten. Die Sturmflut war seinerzeit so gewaltig gewesen, dass sie bis nach Lütetsburg reichten, wovon heute noch mehrere [[Kolk|Kolke]] im Umfeld der heutigen [[Umgehungsstraße]] zeugen.


Bei der zweiten Dionysiusflut in 1377 drang die Nordsee abermals tief in das Landesinnere vor. Überliefert ist, dass die Fluten bis an das [[Dominikanerkloster]] nahe des Norder Stadtzentrums reichten. Durch diese verheerende Sturmflut bekam die Stadt Norden direkten Zugang zur Nordsee. In der Folge errichteten die Bewohner der Westermarsch einen Deich entlang des [[Langhauser Tief | Langhauser Tiefs]], der von [[Utlandshörn]] bis nach Norden reichte.
Im Umfeld dieses Deiches, dessen einstiger Verlauf noch heute weitestgehend die Grenze zwischen Süderneuland I und [[Süderneuland II]] darstellt, entstanden kleine Siedlungen. Letztgenannte Ländereien sind also wesentlich älter, was man in Anbetracht der römischen Nummerierung zunächst nicht vermuten mag. Der wesentliche Unterschied zwischen Süderneuland I und [[Süderneuland II]] besteht folglich darin, dass sich Süderneuland I ausschließlich auf dem erst später gewonnen ''Süderneuland'' befindet, während Süderneuland II weitestgehend aus dem Land östlich des [[Udo-Focken-Deich]] befindet und sich als eine Bauerschaft (Zusammenschluss mehrerer Bauern) im Umfeld dieser Deichlinie bildete.


Das 14. Jahrhundert war das wohl verheerendste Flutjahr in der überlieferten Geschichte der Westermarsch. Um 1400 hatte die Leybucht dadurch ihre größte Ausdehnung erreicht. Die Folgen der Sturmfluten waren so verheerend und weitreichend, als dass man sie in absehbarer Zeit hätte reparieren können. Doch nicht nur die Sturmfluten hatten viele Menschenleben gekostet, auch grassierte der Schwarze Tod (Beulenpest) zwischen 1350 und 1360 in der Region. Um 1400 suchte eine weitere, namentlich nicht bekannte schwere Seuche das Land heim. Dazu kam, dass der Beginn der "Kleinen Eiszeit" im 14. Jahrhundert zu deutlich schlechten Erträgen führten. Die Menschen waren nicht nur körperlich, sondern auch finanziell geschwächt.
Ab 1556 begannen schließlich weitere Anstrengungen zur Landgewinnung. Die Ukenas und die mit ihnen versippten [[Idzinga|Idzingas]] waren seit der [[Schlacht von Bargebur]] im Jahre 1433 nicht mehr das dominierende Geschlecht, sondern wurden von den [[Cirksena|Cirksenas]] abgelöst. Besonders [[Anna von Oldenburg]], Ehefrau und spätere Witwe von [[Enno II. Cirksena|Graf Enno II.]], hatte maßgeblichen Einfluss an der weiteren Entwicklung in und um das - erst später so genannte - ''Süderneuland''. Nach der Einpolderung der Addinggaste begannen in den Jahren 1558 bis 1559 die Arbeiten am [[Wurzeldeich]]. Dieser verläuft im Wesentlichen entlang der beiden hiernach benannten Straßenzüge und reichte vom [[Udo-Focken-Deich]] bis zum Osteeler Altendeich in der Nachbargemeinde Osteel. Durch die Fertigstellung dieses Deiches konnte erneut ein sehr großes Landstück hinzugewonnen werden. Südlich der Wurzeldeicher Straße, insbesondere an der ''[[Todeskreuzung]]'' sind heute noch Teile des alten Wurzeldeiches deutlich sichtbar als Erhöhungen in der Landschaft auszumachen.


In den nächsten Jahren wurde immer mehr Land eingepoldert und die [[Leybucht]] dadurch immer weiter zurückgedrängt. Die [[Liste der Eindeichungen]] gibt hierüber weiteren Aufschluss. Gesiedelt wurde zunächst nur im Bereich einiger Höfe, die auf den neuen Ländereien entstanden und als sogenannte ''Domänen'' im Besitz des Landesherren waren, welche die Bewirtschaftung in die Hände geeigneter Pächter gaben. Solche Höfe gibt es noch heute, nur befinden sie sich mittlerweile im Besitz des Landes Niedersachsen und werden von den sogenannten ''Domänenämtern'' verwaltet. Bevor es zur Gründung der [[Deichacht Norden|Deichachten]] kam, waren die Hofbesitzer zur [[Deichlast]] verpflichten, hatten also die ihnen übertragene Deichline zu schützen.
===Neuzeit===
===Neuzeit===
Während des Dreißigjährigen Kriegs (1618-1648) wurde auch Westermarsch von Mansfeldern belagert. Die Söldner des berüchtigten Heerführers Peter Ernst II. von Mansfeld drangsalierten die Bevölkerung über viele Jahre und schikanierten sie fortwährend mit kaum zu erfüllenden Forderungen. Die Westermarscher Bewohner, die selbst oftmals kaum genug zum Leben hatten, mussten für Unterbringung und Verpflegung der Soldaten sorgen, ohne dafür eine Gegenleistung erwarten zu könnenn. Später kamen auch brandenburgische Soldaten hinzu, die noch schlimmer als die Mansfelder wüteten und für zahlreiche Verwüstungen sorgten.
[[Datei:Norder Hafen Luftaufnahme um 1940 01.jpg|mini|Luftaufnahme aus der Zeit um 1940.]]
Mit dem [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Krieg]] von 1618 bis 1648 kommt der Deichbau mehrere Jahrzehnte zum Erliegen. Wie der Großteil Europas leidet auch Ostfriesland unter dem Krieg. Hinzu kommen mindestens drei verheerende Pestepidemien in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, die das Land weiter schwächen. Darüber hinaus werden Norden und Umgebung ab 1622 von Söldnern des berüchtigten Heerführers Peter Ernst von Mansfeld (auch ''Mansfelder'' genannt), drangsaliert und ausgebeutet. Die Mansfelder kamen auf faktische Einladung der Niederländer, die sich in der Region durch Schwächung der Macht von [[Enno III. Cirksena|Graf Enno III.]] immer größeren Einfluss sicherten. Die Mansfelder verließen die Region erst im Jahre 1624.


Bei der Weihnachtsflut 1717 entstanden in Westermarsch II sieben Grundbrüche im Seedeich. Die Bewohner konnten die Deichbrüche nicht schnell genug reparieren, vermutlich, da sie selbst zunächst genug damit zu tun hatten, ihre eigenen Existenzen halbwegs wieder aufzubauen. So kam es, dass bei einer erneuten Sturmflut am 24. Februar 1718 erneut zu schweren Schäden kam. Das Land war nun durch das Salzwasser teils entwertet, die Schäden der Sturmflut dadurch umso immenser. Die Ortschaft [[Itzendorf]] wurde 1721 vollends aufgegeben. An sie erneut heute nur noch die [[Itzendorfplate]], eine kleine Untiefe im nordöstlichen Bereich von Westermarsch II. Die Deichlinie wurde weiter ins Innenland verlegt und verlief nun in etwa entlang der Grenze zu Westermarsch I, beginnend in [[Utlandshörn]] und in Norden endend.
Erst 1677 folgt der Bau eines weiteren Deiches und die damit einhergehende Einpolderung neuen Landes: Der [[Klein-Süder-Charlottenpolder]]. Den Überlieferungen nach soll sich auf diesem wiedergewonnenen Land einst das reiche [[Westeel]] befunden haben. Ein Jahr darauf wird auch der [[Groß-Süder-Charlottenpolder]] eingedeicht. Heute gehören diese Gebiete zu [[Neuwesteel]].


Die Sturmflut 1825 hatte zwischen dem [[Kleiner Krug | Kleinen Krug]] und dem [[Großer Krug | Großen Krug]] insgesamt 16 Deichbrüche zur Folge. Bei Itzendorf brach der Deich sogar in einer Breite von 70 Metern. Es wurden mehrere tausend Hektar Land überflutet und mehrere hundert Hektar versandet. Abgesehen vom direkten Schaden hatte die Sturmflut auch weitere wirtschaftliche und sogar gesellschaftliche Folgen. Von 88 Bauern in Westermarsch II mussten 46 ihre Höfe und Ländereien veräußern, da sie sie und die damit einhergehenden Pflichten, besonders das [[Spatenrecht]] ("Keen nich will dieken, de mutt wieken" - "Wer nicht will deichen, der muss weichen"), nicht mehr erfüllen konnten. Um derartiges künftig zu vermeiden, wurde 1900 die [[Deichacht Norden]] gegründet. Die Bewohner mussten nun nicht mehr selbst den Deich instandhalten, sondern nur noch einen Beitrag an die Deichacht zahlen, die diese Aufgabe bis heute wahrnimmt.
1715 folgt der [[Addinggasterpolder]], der das Land erstmals wieder nach Westen und nicht nach Süden hin erweitert. Dieser Polder wurde von Regierungsrat (Amtsbezeichnung für hohe Beamte) und [[Amtsverwalter]] [[Engelbert Kettler]] und weiteren einflussreichen Bürgern eingedeicht. Kettler war ein reicher und einflussreicher Bürger Nordens, der auch das [[Haus Wirde]] und das [[Kettlerhaus|Kettler'sche Haus]] am [[Marktplatz]] (heute [[Mennonitenkirche]]) erbauen ließ. Er war auch der erste Eigentümer des eingedeichten Landes, das eine Größe von 110 Diemat (etwa 76 Hektar) hatte. Mit dem Bau des Addinggasterpolders ist die Geschichte der Landgewinnung in Süderneuland abgeschlossen. Zwar folgen noch [[Liste der Eindeichungen|zahlreiche weitere Eindeichungen]], doch befinden sich diese nicht auf dem Gebiet von Süderneuland I.[[Datei:Bahnhofstraße Burggraben Raiffeisenstraße Deichmühle Tankstelle Christian Carls Hof Carls Eilandje 1958 01.jpg|mini|Der nördliche Teil von Süderneuland I, zu sehen sind etwa mittig unter anderem der [[Hof Carls]] und die [[Deichmühle]] (1958).]]


1871 fiel ganz Ostfriesland an das Königreich Preußen und damit auch die Westermarsch. Die preußischen Beamten begannen, das Land zu kartografieren und unterteilten die Westermarsch in I und II.
Um 1771 grassierte in der Westermarsch eine große Viehseuche, die für die rund 600 Einwohner des Dorfes zu schwerer wirtschaftlicher Not führte.


In den Jahren 1905 bis 1906 wurde die [[Norddeich Radio | Funkstation Norddeich]] in Utlandshörn errichtet und zunächst dem Kaiserlichen [[Postamt Norden]] angegliedert. Die Küstenfunkstelle war von großer militärischer Bedeutung und bis zu ihrer Schließung am 31. Dezember 1998 ein tragender Faktor für die Sicherheit auf See. Während des Ersten Weltkriegs unterstand die Küstenfunkstelle dem Kommando der Kaiserlichen Marine. Das Gebäude der [[Itzendorfer Schule]] wurde von der Marine requiriert, um dort Soldaten unterzubringen. Nachdem die Marine im November 1918 die Küstenunkstelle geräumt hatte, wurde diese durch Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrates besetzt.
Von 1821 bis 1823 kartografierte das Königreich Hannover einen Teil seines Landes. Wenngleich Ostfriesland nicht dazu zählte, taucht in dieser Zeit erstmals die amtliche Trennung von [[Westermarsch I]] und [[Westermarsch II]] wie auch Süderneuland I und [[Süderneuland II]] auf. Offenkundig stand die Trennung dieser bis dahin jeweils zusammengehörenden Gemeinden im Zusammenhang mit Bestrebungen zur Vereinheitlichung von Fläche und Größe der einzelnen Gliedgemeinden im Land. Die nun entstandenen Gemeinden hatten jeweils eine annähernd gleiche Größe und Bevölkerungszahl. Während Süderneuland I alle ab 1556 gewonnenen [[Polder]] bis zur Grenze zum [[Süder-Charlottenpolder]] einschließlich des [[Leegemoor|Leegemoors]] umfasste, bestand Süderneuland II nun auch amtlich aus den Gebieten entlang des [[Udo-Focken-Deich|Udo-Focken-Deichs]] und dem [[Leegeland]].
[[Datei:Süderneuland Luftbild Luftaufnahme 1983 01.jpg|mini|Luftaufnahme aus dem Jahre 1983.]]
Von 1883 bis 1885 wird die [[Bahnstrecke Rheine-Norddeich Mole|Bahnstrecke]] von Emden bis nach Süderneuland I erweitert. An der hiernach benannten [[Bahnhofstraße]] wird ein [[Alter Bahnhof Norden|großer Bahnhof]] errichtet. 1892 erfolgt der Ausbau der Strecke nach [[Norddeich]], bis dahin mussten die Inselgäste per Kutsche vom Bahnhof zum Fähranleger befördert werden.


In den Wirren der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg entstand im September 1919 eine Einwohnerwehr, deren Stärke 57 Mann umfasste, die mit 50 Waffen ausgerüstet waren. Damit war sie zwar zahlenmäßiger kleiner als die von Westermarsch I, letztere hatte jedoch keine Waffen erlangen können.
Nach dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] begann allmählich die Besiedlung des nördlichen Süderneulands rund um die [[Addinggaste]]. Um die Jahrhundertwende siedelten sich mehrere wohlhabende Bauern im Umfeld des neu entstandenen [[Alter Bahnhof Norden|Bahnhofs]] an. Nach dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] entstand die sogenannte ''Siedlung I'' im Umfeld des danach benannten [[Siedlungsweg|Siedlungswegs]]. Das Land wurde vom [[Landkreis Norden]] erworben und vorwiegend für Kriegsversehrte in 32 Siedlerstellen aufgeteilt. Die Käufer wurden zwar Eigentümer von Grund und Boden, mussten sich aber verpflichten, innerhalb von fünf Jahren auf dem erworbenen Grundstück ein Wohngebäude zu errichten. Darüber hinaus durften sie in den ersten 15 Jahren das Land nicht weiterverkaufen. Wie sich herausstellte, war diese Vereinbarung aus Kostengründen nicht immer einzuhalten und wurde deshalb später aufgehoben.<ref name=":0">Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 136f.</ref> Später entstand dann die ''Siedlung II'', die sich östlich des heutigen Siedlungswegs und westlich der [[Bahnhofstraße]] befand.<ref>Amtliche Karte der Stadt Norden von 1949</ref> Erst wesentlich später wurde das heutige System der [[Hausnummerierung]] eingeführt.
[[Datei:Onno Behrends Luftaufnahme 1987 01.jpg|mini|Luftaufnahme von 1987. Mittig das Fabrikgebäude von ''[[Onno Behrends Tee|Onno Behrends]]'' und die ''[[Bezugs- und Absatzgenossenschaft]].'']]
[[Datei:Suederneuland I 30012021 01.jpg|mini|Luftbild von Süderneuland I. Aufgenommen aus Richtung [[Leegemoor]].]]Während des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkriegs]] gab es drei Kriegsgefangenenlager in Süderneuland I. Das größte von ihnen war das Lager AK Nr. 5254, das aus einer Holzbaracke bestand und in dem 25 bis 30 Gefangene, anfangs ausschließlich französischer Herkunft, untergebracht waren. Im Oktober 1940 waren es noch 20 Franzosen. Im Juli 1941 wurden hier 20 Serben und im Dezember 1942 noch 18 Serben interniert. Ein weiteres Kriegsgefangenenlager befand sich im Bereich des [[Alter Bahnhof Norden|Güterbahnhofs]]. Hier wurden in einer Holzbaracke 30 bis 40 Kriegsgefangene interniert, hauptsächlich lebten hier (teilweise sogar vollständig) Russen und Ukrainer. Zwischenzeitlich waren hier auch 18 Serben und Polen untergebracht. Ein drittes Lager gab es am [[Pekelheringer Weg]], in dem 13 französische Soldaten interniert waren.


Auch im Zweiten Weltkrieg erlangte die Küstenfunkstelle wieder große Bedeutung und wurde entsprechend auch mit Flak-Geschützstellungen gegen feindliche Luftangriffe gesichert. Zudem entstand in dieser Zeit ein [[Kriegsgefangenenlager Itzendorf | Kriegsgefangenenlager in Itzendorf]], in dem 15 französische Soldaten inhaftiert waren. Ein weiteres Kriegsgefangenenlager wurde in Utlandshörn errichtet, auch dort waren ausschließlich Franzosen inhaftiert, deren Zahl - über die Zeit schwankend - 15 bis 40 betragen hat. Das Lager trug die Bezeichnung AK Nr. 1016a.
In der Nachkriegszeit wuchs der Ort weiterhin beträchtlich und immer mehr mit der Kernstadt zusammen. Begonnen westlich der [[Bahnhofstraße]] dehnte sich der Ort immer weiter nach Westen bzw. Südwesten aus und verwuchs mit den dort bereits bestehenden Siedlungen. Auch in der jüngeren Zeit wurden weitere Neubaugebiete erschlossen. Seine Eigenständigkeit musste die Gemeinde Süderneuland I indes erst zum 1. April 1972 aufgeben, als es im Zuge der niedersächsischen Gebietsreform nach Norden eingemeindet wurde. Sowohl Süderneuland I als auch [[Leybuchtpolder]] weigerten sich zunächst beharrlich, die notwendige Unterschrift zu leisten, sodass sie letztlich per Gesetzeskraft zwangseingemeindet wurden.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 77</ref>


Am 01.11.1941 fielen in der gesamten Westermarsch 40 bis 50 Brandbomben. Ein Bauerhaus wurde eingeäschert.
Der wirtschaftliche Aufschwung ließ nach der Eingemeindung nicht lange auf sich warten. Bereits fünf Jahre danach begann man mit der Erschließung und Bebauung des [[Leegemoor|Leegemoors]], das in den Folgejahren immer weiter wuchs und heute das größte und wichtigste [[Gewerbegebiete|Gewerbegebiet]] der Stadt darstellt. Eine Vielzahl an Unternehmen haben hier ihren Standort, darunter sowohl neue als auch Traditionsunternehmen wie die [[Glave Gruppe]] oder der [[Soltau Kurier Norden]], die ihren Sitz ursprünglich inmitten der Norder Innenstadt hatten.
 
Kurz nach Kriegsende ermorderte eine aus sechs ehemaligen Kriegsgefangenen bestehende Bande den Bauern Steffens. Einer der Täter wurde deswegen im August 1946 vom "High Court" der britischen Militärregierung zum Tode verurteilt.
 
Durch Aufnahme ausgebombter Emder sowie Vertriebene aus den ehemals deutschen Ostgebieten stieg die Einwohnerzahl nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich und erreichte 1946 bereits 838 Einwohner, von denen 197 Flüchtlinge oder Vertriebene waren. Bis 1950 stieg die Einwohnerzahl nochmals um 19 auf insgesamt 857 Einwohner. Die Zahl der Flüchtlinge bzw. Vertriebenen lag bei 190.


==Verwaltung==
==Verwaltung==
* siehe auch: [[Ostfriesische Häuptlinge]]
* siehe auch: [[Ostfriesische Häuptlinge]]


Friesland - und damit auch Ostfriesland - unterstand, anders als sonst zur Zeit des Lehnswesens üblich, im Mittelalter keiner zentralen Herrschaft. Dieses Vorrecht, die "Friesische Freiheit" bekamen die Friesen der Legende nach von Karl dem Großen persönlich verliehen. Die Friesen unterstanden damit nur dem Kaiser und hatten ansonsten keine Herren über ihnen zu dulden. Stattdessen organisierten sie sich selbst in - mehr oder weniger - demokratischen Genossenschaften, in denen prinzipiell jeder gleichberechtigt war. Diese grundsätzliche Gleichberechtigung galt jedoch vielmehr für alle Eigentümer von Hofstellen und zugehörigem Land in ihren jeweiligen Dörfern und Kirchspielen (Pfarrbezirk). Die öffentlichen Ämter der Richter ("Redjeven") wurden durch jährliche Wahlen besetzt. Theoretisch standen diese Ämter allen Friesen offen, doch faktisch wurden diese insbesondere durch die Mitglieder der größten und wohlhabendsten Familien bekleidet.
* siehe auch: [[Liste der Gemeindevorsteher von Süderneuland I]]


Dieses mehr oder weniger feste Konstrukt konnte bis in das 14. Jahrhundert standhalten, als sich schließlich aus den wenigen reichen und einflussreichen Familien - entgegen der Friesischen Freiheit - ein Adel bildete. Das 14. Jahrhundert war durch viele schwere Sturmfluten, wie die [[Marcellusflut]] im Jahr 1362 und eine verheerende Pestepidemie um 1350 geprägt. Viele Menschen kamen ums Leben und für die Überlebenden gab es größere Sorgen, um die sie sich kümmern mussten als die politische oder genossenschaftliche Teilhabe. Der Adel, der die Krisen besser als der große Teil der armen Bevölkerung überstand, nutzte diese Umstände, um seinen Einfluss zu vergrößern. Viele von ihnen verstanden es, die Lage geschickt zu ihrem Vorteil zu nutzen. Sie sahen ihre Autorität nicht mehr vom Willen der Gemeinde abhängig, sondern ihrem eigenen. Nach und nach formierten sich mehrere Häuptlingsgeschlechter in Ostfriesland. In der Westermarsch gelangten zunächst die [[Idzinga]] an die Macht, deren Hauptsitz in [[Itzendorf]] in der östlichen Westermarsch war. Ihre Steinhäuser, mit denen sie sich ohnehin von den oftmals erbärmlichen Behausungen der meisten Mitmenschen abhebten, vergrößerten sie weiter und formten daraus den ostfriesischen Typus an Burgen. Auch begannen sie, Söldnerheere aufzustellen, um ihren Machtanspruch im Zweifel mit Gewalt durchsetzen zu können.
Friesland - und damit auch Ostfriesland - unterstand, anders als sonst zur Zeit des Lehnswesens üblich, im Mittelalter keiner zentralen Herrschaft. Dieses Vorrecht, die ''Friesische Freiheit'' bekamen die Friesen der Legende nach von Karl dem Großen persönlich verliehen. Die Friesen unterstanden damit nur dem Kaiser und hatten ansonsten keine Herren über ihnen zu dulden. Stattdessen organisierten sie sich selbst in - mehr oder weniger - demokratischen Genossenschaften, in denen prinzipiell jeder gleichberechtigt war. Diese grundsätzliche Gleichberechtigung galt jedoch vielmehr für alle Eigentümer von Hofstellen und zugehörigem Land in ihren jeweiligen Dörfern und Kirchspielen (Pfarrbezirk). Die öffentlichen Ämter der Richter (''Redjeven'') wurden durch jährliche Wahlen besetzt. Theoretisch standen diese Ämter allen Friesen offen, doch faktisch wurden diese insbesondere durch die Mitglieder der größten und wohlhabendsten Familien bekleidet.


Vor allem durch Kriege mit der mächtigen Hanse und dem Wiedererstarken der Großbauern verlor das Häutplingswesen nach und seine Bedeutung. 1464 erhob Kaiser Friedrich III. den Häuptling [[Ulrich Cirksena]] in den Reichsgrafenstand und belehnte ihn mit Ostfriesland. Ab 1464 bis 1744 stand Westermarsch II ein vom Grafen bzw. Fürsten bestellter Drost vor, der später auch den Titel "Amtsverwalter" trug, da ihm das [[Amt Norden]] unterstand. Dieser hatte neben der Oberaufsicht auch die gesamte Polizeigewalt inne. Dem Drosten bzw. Amtsverwalter war ein Vogt beigestellt, der vom Grafen bzw. Fürsten selbst eingesetzt wurde. Dieser Vogt war neben Westermarsch II auch für [[Westermarsch I]] sowie [[Süderneuland I]] und [[Süderneuland II]] zuständig. Ein sogenannter Auskündiger, der vom Drosten bzw. Amtsverwalter eingesetzt wurde, unterstützte den Vogten in seiner Arbeit und war diesem hierarchisch untergeordnet. Unter dem Auskündigen standen mehrere Rottmeister, die jeweils ein Rott verwalteten. Westermarsch II hatte damit fünf Rottmeister. Sie hatten vor allem die Aufgabe, die Steuern in ihren Rotten einzutreiben und den Rottbewohnern ihre Pflichten anzusagen. Die Amtszeit der Rottmeister dauerte zwei Jahre, das Amt wurde danach im Rott an geeignete, männliche Bewohner neu vergeben. Westermarsch II entspricht der alten Rotteinteilung Rott 5 bis Rott 9, während Westermarsch I Rott 1 bis Rott 4 umfasst. Ein "Rott" ist eine alte Bezeichnung für einen Bezirk, der eine bestimmte Anzahl an Ländereien umfasste. Die Namen der Rotts konnten wechseln, letztlich haben sich jedoch folgende Bezeichnungen durchgesetzt: [[Neulander Rott]], [[Redleff Folckers Rott]], [[Neudeicher Rott]] und [[Itzendorfer Rott]]. Das 9. Rott ist namentlich nicht mehr bekannt.
Dieses mehr oder weniger feste Konstrukt konnte bis in das 14. Jahrhundert standhalten, als sich schließlich aus den wenigen reichen und einflussreichen Familien - entgegen der Prinzipien der Friesischen Freiheit - ein Adel bildete. Das 14. Jahrhundert war durch viele schwere Sturmfluten, wie die [[Zweite Marcellusflut]] 1362, die [[Erste Dionysiusflut]] 1374 und eine verheerende [[Pestepidemie 1350 - 1360|Pestepidemie von 1350 bis 1360]] geprägt. Viele Menschen kamen ums Leben und für die Überlebenden gab es größere Sorgen, um die sie sich kümmern mussten als die politische oder genossenschaftliche Teilhabe. Der Adel, der die Krisen besser als der große Teil der armen Bevölkerung überstand, nutzte diese Umstände, um seinen Einfluss zu vergrößern. Viele von ihnen verstanden es, die Lage geschickt zu ihrem Vorteil zu nutzen. Sie sahen ihre Autorität nicht mehr vom Willen der Gemeinde abhängig, sondern ihrem eigenen. Nach und nach formierten sich mehrere Häuptlingsgeschlechter in Ostfriesland. Ihre Steinhäuser, mit denen sie sich ohnehin von den oftmals erbärmlichen Behausungen der meisten Mitmenschen abhoben, vergrößerten sie weiter und formten daraus den ostfriesischen Typus an Burgen. Auch begannen sie, Söldnerheere aufzustellen, um ihren Machtanspruch im Zweifel mit Gewalt durchsetzen zu können.


1735 standen ein Leutnant und ein Fähnrich an der Spitze der Landwehr, gewählt von den qualifizierten Interessenten und bestätigt vom Landesherren Ostfrieslands.
Vor allem durch Kriege mit der mächtigen Hanse und dem Wiedererstarken der Großbauern verlor das Häuptlingswesen nach und seine Bedeutung. 1464 erhob Kaiser Friedrich III. den Häuptling [[Ulrich Cirksena]] in den Reichsgrafenstand und belehnte ihn mit Ostfriesland. Damit war die Zeit der Friesischen Freiheit endgültig vorbei und Ostfriesland hatte das erste Mal in der Geschichte einen vom deutschen Kaiser bestätigten und von ihm belehnten Landesherren.


Im 19. Jahrhundert stand der Gemeindevorsteher (Bürgermeister) an oberster Spitze in Westermarsch II. Es handelte sich jedoch um ein Ehrenamt mit vor allen repräsentativen Aufgaben. Während des Zweiten Weltkriegs hieß der Amtsinhaber [[Sjut Wübbens]], welcher nach dem Krieg von den Allierten seines Amtes enthoben wurde.
Zur Verteidigung standen 1735 ein Leutnant und ein Fähnrich an der Spitze einer Landwehr, gewählt von den wahlberechtigten Einwohnern und bestätigt vom ostfriesischen Fürsten.


Von 01.12.1965 bis 30.06.1972 die "kleine Gebietsreform" statt, Westermarsch I und II verloren ihre Eigenständigkeit und gingen in der [[Samtgemeinde Leybucht]] auf, der auch [[Neuwesteel]] und [[Leybuchtpolder]] angehörten. Infolge der niedersächischen Gemeindereform fiel die Samtgemeinde Leybucht am 1. Juli 1972 schließlich an Norden. Ein ehrenamtlicher [[Ortsvorsteher]] vertritt nun den Ort und seine Interessen gegenüber der städtischen Verwaltung sowie der Politik.
Im 19. Jahrhundert stand der [[Gemeindevorsteher]] an oberster Spitze in Süderneuland I. Es handelte sich jedoch um ein Ehrenamt mit vor allen repräsentativen Aufgaben. Damit der Gemeindevorsteher das Amt nicht in seinem Privathaus erledigen musste, unterhielt die Gemeinde ein kleines Büro an der [[Wurzeldeicher Straße]].<ref>Adressbuch von 1950/1951, S. 189</ref> Infolge der niedersächsischen Gemeindereform fiel die Gemeinde am 1. Juli 1972 schließlich an Norden. Ein ehrenamtlicher [[Ortsvorsteher]] vertritt seither den Ort und seine Interessen gegenüber der städtischen Verwaltung sowie der Politik.


==Bildung==
==Bildung==
* Hauptartikel: [[Itzendorfer Schule]] und [[Westerhörner Schule]]
* siehe auch: [[Grundschule Süderneuland|Grundschule Süderneuland I]]
Ein Schulsystem gab es schon, als der Ort Itzendorf noch bestand - also vor 1717. Von den beiden Schulgebäuden in Itzendorf und Westerhörn ist heute nur noch letzteres vorhanden. Ab 1970 wurden die Kinder der Westermarsch II in der [[Altendeichsschule]] unterrichtet.
 
Das bekannte Schulwesen in Süderneuland I reicht bis in das Jahr 1912 zurück. Nach Erlass des sogenannten preußischen ''Volksschulunterhaltungsgesetzes'' von 1906 waren die Städte und Gemeinde per Gesetz verpflichtet worden, eine Volksschule zu unterhalten. Dies gab Anlass für den Bau des bis heute noch bestehenden [[Grundschule Süderneuland|Schulgebäudes]] an der [[Wurzeldeicher Straße]]. Vor der Fertigstellung im September 1913 hatten die Kinder der [[Wurzeldeich (Ortschaft)|Wurzeldeicher Siedlung]], dem südlichen Teil der Gemeinde, die Schule im Osteeler Neuland besucht, die sich nur unweit von dort befand. Durch die fortschreitende Besiedlung des umliegenden Gebietes und eines stetig steigenden Bevölkerungszuwachses wurde eine ständige Erweiterung des Schulsystems notwendig.


==Religion==
==Religion==
Es ist nicht belegt, dass es in der Westermarsch jemals einen Friedhof gegeben hat. Die Verstorbenen wurden in Norden beerdigt, die zuständige Kirche aller Norder Umlandgemeinden war die [[Ludgerikirche]] am Norder [[Marktplatz]].
Bis zur Fertigstellung der [[Friedenskirche]] im Jahre 1964 hatte Süderneuland keine eigene Kirche. Vielmehr war die [[Ludgerikirche]] die Kirche der [[Norder Umlandgemeinden]], sodass die Bewohner zum Gottesdienst dorthin pilgern mussten. Der Ort war damit unmittelbar dem [[Kirchspiel Norden]] angegliedert und besaß über keinen eigenen [[Friedhof]].
 
Die Bevölkerung ist überwiegend evangelisch-lutherisch und gehört mittlerweile zur [[Andreas-Kirchengemeinde]] Norden, welche ihren Sitz im [[Warfenweg]] hat. Vereinzelt gibt es evangelisch-reformierte Bewohner, die die Kirche in Bargebur besuchen, sowie Mennoniten, die einst Schutzgeld zahlten und die in Norden am Marktplatz auf der Südseite seit 1795 ihre eigene Kirche besitzen. Die wenigen katholischen Bewohner gehen in die Kirche St. Ludgerus in Norden. In der Begegnisstätte am Altendeichsweg finden regelmäßig Teenachmittage statt.


==Gesundheit und Soziales==
==Gesundheit und Soziales==
Westermarsch I war von jeher dem [[Armenverband Norden]] und dem [[Kirchspiel Norden]] angegliedert, so 1735 und 1870. Die Betreuung der Hilfsbedürftigen wurde früher von den Kirchengemeinden vorgenommen. Aus den umliegenden
1870 waren Süderneuland I und II dem [[Armenverband Norden]] angegliedert. Die soziale Wohlfahrt und Armenhilfe wurde über Jahrhunderte von der Kirche wahrgenommen und ging erst im fortgeschrittenen 20. Jahrhundert auf den Staat über.
Gemeinden Westermarsch, [[Lintelermarsch]] und [[Ostermarsch]], soweit sie nach Norden eingepfarrt waren, wurde ein Kirchenverwalter bestellt. Die dafür benötigten Gelder stammten aus eigenen Ländereien (Verpachtung und Erträge) und Kapitalvermögen. Später wurde das Armenwesen auf die Kommunen übertragen.


==Wirtschaft und Verkehr==
==Wirtschaft und Verkehr==
Haupterwerbszweig von Westermarsch II ist seit jeher die Landwirtschaft. Neben dem Ackerbau spielt auch die Viehzucht und -haltung sowie der Handel mit Kühen eine bedeutende Rolle. Kühe aus der Westermarsch haben einen international sehr guten Ruf und ihr Fleisch ist aufgrund des saftigen Marschlandes von besonderer Qualität. Seit den 1950er Jahren ist eine stetig wachsende Rolle des Tourismus zu beobachten. "Ferien auf dem Bauernhof" bieten mittlerweile viele Höfe neben ihrer landwirtschaftlichen Betätigung an.
[[Datei:Süderneuland Kolonialwaren Eberhard van Ende unbekanntes Datum 01.jpg|mini|Kolonialwarenhandlung von [[Eberhard van Ende]].]]
Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe nahm kontinuierlich von 71 (1949), über 69 (1960) auf 30 (1971) ab. Die Anzahl der nicht-landwirtschaftlichen Arbeitsstätten stieg beständig von 36 (1950), über 54 (1961) auf 56 (1970) an. Der Anteil der Handwerksunternehmen lag 1950 bei 33 % und 1961 bei 15 %. Die Summe der Erwerbspersonen nahm stetig von 503 (1950), über 566 (1961) auf 622 (1970) zu. Auch die Quote der Auspendler erhöhte sich beständig von etwa 36 % auf über 61 % und letztlich 72 %. Bemerkenswert ist auch der Anteil der Einpendler, der 1961 47 % und 1970 49 % betrug.
 
Das Einwohnerverzeichnis von 1719 weist zwei Arbeitsmänner, zwei Müller und 16 Tagelöhner aus. 1880 bzw. 1881 werden jeweils ein Bäcker, Müller, Schenkwirt (auch Krämer), Schmied, Schneider, Schuster und Werkmeister sowie zwei Zimmermänner registriert.  
 
Dominierte lange Zeit die Landwirtschaft in Süderneuland I, kam ab 1977 ein großes [[Gewerbegebiete|Gewerbegebiet]] im [[Leegemoor]] hinzu, das seitdem mit dem Tourismus den Wirtschaftsmotor der Stadt darstellt.
 
==Erwähnenswerte Bauwerke==
 
* siehe auch: [[:Kategorie:Gebäude in Süderneuland I|Kategorie:Gebäude in Süderneuland I]]


Das Einwohnerverzeichnis von 1880/81 weist einen Krämer (auch Schenkwirt), einen Partikulier, einen Zimmermann und einen Zolleinnehmer, sowie jeweils zwei Gastwirte, Grenzaufseher und Schmiede aus.
=== Erhaltene Bauwerke ===
*[[Addinggaster Grashaus]]
*[[Bahnhof Norden]]
*[[Deichmühle]]
*[[Frisiamühle]]
*[[Fridericussiel]]
*[[Grundschule Süderneuland]]
*[[Hirtenhaus (Leegemoorgesellschaft)|Hirtenhaus der Leegemoorgesellschaft]]


Erst zwischen 1873 und 1875 wurde von der Stadt Norden bis zum [[Kleiner Krug | Kleinen Krug]] in [[Utlandshörn]] eine Landstraße gelegt, von der aus später noch zwei kleine Nebenstraßen in nördlicher und südlicher Richtung angelegt wurden. So war es vorher zu Regenzeiten unmöglich, die Wege zu benutzen, da es ansonsten keine befestigte Straßen gab. Landwirtschaftliche Erzeugnisse, vor allem Korn, mussten oftmals auf Schiffen die Kanäle entlang nach Norden transportiert werden. In umgekehrter Richtung galt dies auch für Waren, die nach Westermarsch II importiert wurden.
=== Abgebrochene Bauwerke ===


An die im Mittelalter übliche Salzsiederei durch Verbrennen von Salztorf erinnern heute noch Flurnamen wie [[Uden-Soltjers Warf]] oder [[Meint Hibben Salzbude]] Spätestens seit 1564 wurde französisches und spanisches Seesalz und Lüneburger Salz eingeführt, so dass man die Salzsiederei in Westermarsch II zu Beginn des 17. Jahrhunderts aufgeben musste. Eine 1922 gegründete Elektrizitätsgenossenschaft Westermarsch wurde bereits im September 1931 wieder aufgelöst.
* [[Alter Bahnhof Norden|Alter Bahnhof]]
* [[Altes Rathaus (Süderneuland I)|Altes Rathaus]]
* [[Kalkmühle]]
* [[Kiebitznest]]
* [[Pekelheringer Siel]]
* [[Sägemühle Betriebsamkeit]]
* [[Stilkenboom]]


==Erwähnenswerte Gebäude==
==Einzelnachweise==
===Erhaltene Gebäude===
<references />
* [[Zollhaus (Westermarsch II) | Altes Zollhaus]]
* [[Groß Grashaus]]
* [[Norddeich Radio]]


===Abgebrochene Gebäude===
== Quellenverzeichnis==
* [[Großer Krug]]
*[https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/HOO/HOO_Suederneuland_I_und_II.pdf Beschreibung von Süderneuland I] in der historischen Ortsdatenbank der Ostfriesischen Landschaft
* [[Hollande]]
*[https://www.norden.de/index.php?ModID=7&FID=3170.8883.1&object=tx%7C3170.8883.1 Norden.de: Einwohnerzahl nach Ortsteilen]
* [[Kleiner Krug]]
*[http://www.grundschule-suederneuland.de/0000009b450df0f01/0000009b4608acc1f/index.html Internetseite der Grundschule Süderneuland]
* [[Klein Grashaus]]
*[https://www.norden.de/Stadtleben/Die-Stadt/Ortsteile/ Norden.de: Ortsteile der Stadt Norden]
* [[Kugelhaus]]
* [[Tromschlag]]
* [[Ülkebülte]]
* [[Wachthaus (Westermarsch II) | Wachthaus]]


== Quellenverzeichnis ==
== Siehe auch==
* [https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/HOO/HOO_Suederneuland_I_und_II.pdf Beschreibung von Süderneuland II] in der historischen Ortsdatenbank der Ostfriesischen Landschaft
*[[Süderneuland II]]
* [https://www.norden.de/index.php?ModID=7&FID=3170.8883.1&object=tx%7C3170.8883.1 Norden.de: Einwohnerzahl nach Ortsteilen]
* [https://www.norden.de/Stadtleben/Die-Stadt/Ortsteile/ Norden.de: Ortsteile der Stadt Norden]


[[Kategorie:Stadtteile von Norden]]
[[Kategorie:Stadtteile von Norden]]
[[Kategorie:Westermarsch II]]
[[Kategorie:Süderneuland I]]

Aktuelle Version vom 1. Februar 2024, 10:39 Uhr

Süderneuland I

Wappen
Höhe 0,5 - 3,0 m ü. NN
Fläche 6,055 km²
Einwohner 2.824 (31.12.2022)
Gründung um 1821 (um 1560)
Eingemeindung 1. Juli 1972
Bevölkerungsdichte 465 Einwohner/km²

Süderneuland I ist ein Stadtteil von Norden und hat 2.824 Einwohner (Stand: 31. Dezember 2021), die sich auf einer Fläche von rund 6,01 km² verteilen. Das Ortsgebiet ist erst seit dem 16. Jahrhundert wieder besiedelt und besteht, abgesehen vom Leegemoor, vor allem aus Poldern, die der Leybucht ab 1556 abgewonnen wurden. Die noch bis zum 30. Juni 1972 eigenständige Gemeinde wurde im Zuge der niedersächsischen Gebietsreform nachfolgend in die Stadt Norden zwangseingemeindet, nachdem sie sich zuvor weigerte, die erforderlichen Unterschriften zu leisten.

Neben seiner Bedeutung als Wohngebiet hat insbesondere das Gewerbegebiet Leegemoor eine elementare Bedeutung für die Norder Wirtschaft.

Namensherkunft

Der Name Süderneuland war ursprünglich der Name eines im 16. Jahrhundert eingedeichten Polders, bei der Besiedlung wurde dieser Name übernommen. Es ist die Bezeichnung für das südlich der Stadt Norden gelegene Neuland, das durch Eindeichungen der Leybucht entrissen werden konnte.

Eine erste urkundliche Erwähnung findet sich 1602 als Suider Neuland. Es folgen 1618 Suider Nyelander und 1634 Sueder Newlander Rott. 1645 wird der Ort Suhder Newlandt bzw. Suhder Nijeland genannt. In einer amtlichen Statistik des Königreichs Hannovers findet sich die Bezeichnung Erste Süderneulander Bauernschaft in Abgrenzung zu Süderneuland II als Zweite Süderneulander Bauernschaft.

Wappen

Das Wappen zeigt in rot das Fridericussiel mit den Buchstaben F und R. Die Buchstaben stehen für Fridericus Rex, so ließ sich der dem Lateinischen sehr zugewandte Preußenkönig Friedrich der Große gerne betiteln. In dessen Regierungszeit wurde das Siel erbaut und ihm zu Ehren benannt. Durch den Bau des Siels konnte das sehr spärlich besiedelte Land erstmals umfangreich besiedelt werden.

Die goldenen Sporenräder verdeutlichen die Zugehörigkeit des Ortes zu Norden und sind auch in dessen Wappen zu finden. Sie sind ursprünglich dem Wappen der Idzinga entnommen, die in Norden lange Zeit eine dominierende Rolle inne hatten.

Bevölkerungsentwicklung

Jahr Einwohner
1821 165
1848 199
1871 229
1885 262
1905 355
Jahr Einwohner
1913 330
1925 529 *
1933 744
1939 754
1946 1126
Jahr Einwohner
1948 1.200
1950 1.241
1951 1.296
1955 1.312
1956 1.336
Jahr Einwohner
1961 1.425
1970 1.694
2009 2.943
2010 2.977
2016 3.021
Jahr Einwohner
2020 2.816
2021 2.841
2022 2.824
2023
2024

* darunter 7 Juden[1]

Geografie

Süderneuland I befindet südlich des Stadtkerns. Die Bodenbeschaffenheit des Ortes ist divers. Im Westen und Süden herrscht der Typus Kleimarsch vor, im Norden und Osten größtenteils Gley-Podsol mit Plaggenauflage, im Südosten Plaggenesch (unterlagert von Podsol-Gley) bzw. Gley Podsol und im Zentrum Podsol-Gley zu finden.

Im Norden grenzt Süderneuland I an Norden, im Westen an Westermarsch I und teilweise Neuwesteel, im Osten an Süderneuland II und im Süden ebenfalls an Neuwesteel sowie die Nachbargemeinde Osteel.

Gliederung

Süderneuland I unterteilt sich in die Ortschaften bzw. Wohnstellen Addinggaste, Addinggaster Grashaus, Addinggasterpolder, Altenbürgerlande, Buschhaus, Deichmühle, Kartoffeldeich, Kiebitznest und Wurzeldeich. Die Ortsgrenzen bilden sich aus denen der einzelnen zu den Höfen gehörenden Ländereien, den alten Deichlinien sowie das Norder Tief.

Geschichte

Mittelalter

Die bekannte Geschichte von Süderneuland I beginnt im Jahre 1556. Die Leybucht erreichte durch mehrere verheerende Sturmfluten im 14. Jahrhundert, insbesondere durch die Zweite Marcellusflut und die Erste Dionysiusflut, ihre größte Ausdehnung. Die Fluten richteten schwere Verwüstungen an und kosteten unzählige Menschenleben, doch bekam Norden erstmals einen Zugang zur offenen See und der Norder Hafen entstand. Dieser schon bald sehr stattliche Seehafen bescherte der Stadt über Jahrhunderte eine wirtschaftliche Blüte. Zu dieser Zeit war das gesamte Ortsgebiet von den Fluten eingenommen. In früheren Zeiten scheint es hier im Bereich der Addinggaste bereits erste Siedlungen gegeben haben. Das dominierende Geschlecht waren die Addinga, die als treue Vasallen der Idzinga galten und ihren Sitz auf der Addingaburg hatten. An sie erinnern heute noch mehrere Straßennamen und die vorgenannte Bezeichnung der Gaste.

Der heute Süderneuland I genannte Ort südlich von Norden wurde die nächsten Jahre den Fluten überlassen, ehe sich die Bevölkerung und die Wirtschaft von den Entbehrungen so weit erholt hatten, dass eine Rückgewinnung beginnen konnte. Udo Focken, Sohn des mächtigen Focko Ukena, begann 1425, einen Deich an der westlichen Grenze zu Lütetsburg zu errichten. Er beabsichtigte damit, das Hinterland, das seinerzeit ebenso von den Fluten getroffen wurde, wie die Stadt, zu schützen und die Rückgewinnung der verlorenen Ländereien einzuleiten. Die Sturmflut war seinerzeit so gewaltig gewesen, dass sie bis nach Lütetsburg reichten, wovon heute noch mehrere Kolke im Umfeld der heutigen Umgehungsstraße zeugen.

Im Umfeld dieses Deiches, dessen einstiger Verlauf noch heute weitestgehend die Grenze zwischen Süderneuland I und Süderneuland II darstellt, entstanden kleine Siedlungen. Letztgenannte Ländereien sind also wesentlich älter, was man in Anbetracht der römischen Nummerierung zunächst nicht vermuten mag. Der wesentliche Unterschied zwischen Süderneuland I und Süderneuland II besteht folglich darin, dass sich Süderneuland I ausschließlich auf dem erst später gewonnen Süderneuland befindet, während Süderneuland II weitestgehend aus dem Land östlich des Udo-Focken-Deich befindet und sich als eine Bauerschaft (Zusammenschluss mehrerer Bauern) im Umfeld dieser Deichlinie bildete.

Ab 1556 begannen schließlich weitere Anstrengungen zur Landgewinnung. Die Ukenas und die mit ihnen versippten Idzingas waren seit der Schlacht von Bargebur im Jahre 1433 nicht mehr das dominierende Geschlecht, sondern wurden von den Cirksenas abgelöst. Besonders Anna von Oldenburg, Ehefrau und spätere Witwe von Graf Enno II., hatte maßgeblichen Einfluss an der weiteren Entwicklung in und um das - erst später so genannte - Süderneuland. Nach der Einpolderung der Addinggaste begannen in den Jahren 1558 bis 1559 die Arbeiten am Wurzeldeich. Dieser verläuft im Wesentlichen entlang der beiden hiernach benannten Straßenzüge und reichte vom Udo-Focken-Deich bis zum Osteeler Altendeich in der Nachbargemeinde Osteel. Durch die Fertigstellung dieses Deiches konnte erneut ein sehr großes Landstück hinzugewonnen werden. Südlich der Wurzeldeicher Straße, insbesondere an der Todeskreuzung sind heute noch Teile des alten Wurzeldeiches deutlich sichtbar als Erhöhungen in der Landschaft auszumachen.

In den nächsten Jahren wurde immer mehr Land eingepoldert und die Leybucht dadurch immer weiter zurückgedrängt. Die Liste der Eindeichungen gibt hierüber weiteren Aufschluss. Gesiedelt wurde zunächst nur im Bereich einiger Höfe, die auf den neuen Ländereien entstanden und als sogenannte Domänen im Besitz des Landesherren waren, welche die Bewirtschaftung in die Hände geeigneter Pächter gaben. Solche Höfe gibt es noch heute, nur befinden sie sich mittlerweile im Besitz des Landes Niedersachsen und werden von den sogenannten Domänenämtern verwaltet. Bevor es zur Gründung der Deichachten kam, waren die Hofbesitzer zur Deichlast verpflichten, hatten also die ihnen übertragene Deichline zu schützen.

Neuzeit

Luftaufnahme aus der Zeit um 1940.

Mit dem Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648 kommt der Deichbau mehrere Jahrzehnte zum Erliegen. Wie der Großteil Europas leidet auch Ostfriesland unter dem Krieg. Hinzu kommen mindestens drei verheerende Pestepidemien in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, die das Land weiter schwächen. Darüber hinaus werden Norden und Umgebung ab 1622 von Söldnern des berüchtigten Heerführers Peter Ernst von Mansfeld (auch Mansfelder genannt), drangsaliert und ausgebeutet. Die Mansfelder kamen auf faktische Einladung der Niederländer, die sich in der Region durch Schwächung der Macht von Graf Enno III. immer größeren Einfluss sicherten. Die Mansfelder verließen die Region erst im Jahre 1624.

Erst 1677 folgt der Bau eines weiteren Deiches und die damit einhergehende Einpolderung neuen Landes: Der Klein-Süder-Charlottenpolder. Den Überlieferungen nach soll sich auf diesem wiedergewonnenen Land einst das reiche Westeel befunden haben. Ein Jahr darauf wird auch der Groß-Süder-Charlottenpolder eingedeicht. Heute gehören diese Gebiete zu Neuwesteel.

1715 folgt der Addinggasterpolder, der das Land erstmals wieder nach Westen und nicht nach Süden hin erweitert. Dieser Polder wurde von Regierungsrat (Amtsbezeichnung für hohe Beamte) und Amtsverwalter Engelbert Kettler und weiteren einflussreichen Bürgern eingedeicht. Kettler war ein reicher und einflussreicher Bürger Nordens, der auch das Haus Wirde und das Kettler'sche Haus am Marktplatz (heute Mennonitenkirche) erbauen ließ. Er war auch der erste Eigentümer des eingedeichten Landes, das eine Größe von 110 Diemat (etwa 76 Hektar) hatte. Mit dem Bau des Addinggasterpolders ist die Geschichte der Landgewinnung in Süderneuland abgeschlossen. Zwar folgen noch zahlreiche weitere Eindeichungen, doch befinden sich diese nicht auf dem Gebiet von Süderneuland I.

Der nördliche Teil von Süderneuland I, zu sehen sind etwa mittig unter anderem der Hof Carls und die Deichmühle (1958).

Um 1771 grassierte in der Westermarsch eine große Viehseuche, die für die rund 600 Einwohner des Dorfes zu schwerer wirtschaftlicher Not führte.

Von 1821 bis 1823 kartografierte das Königreich Hannover einen Teil seines Landes. Wenngleich Ostfriesland nicht dazu zählte, taucht in dieser Zeit erstmals die amtliche Trennung von Westermarsch I und Westermarsch II wie auch Süderneuland I und Süderneuland II auf. Offenkundig stand die Trennung dieser bis dahin jeweils zusammengehörenden Gemeinden im Zusammenhang mit Bestrebungen zur Vereinheitlichung von Fläche und Größe der einzelnen Gliedgemeinden im Land. Die nun entstandenen Gemeinden hatten jeweils eine annähernd gleiche Größe und Bevölkerungszahl. Während Süderneuland I alle ab 1556 gewonnenen Polder bis zur Grenze zum Süder-Charlottenpolder einschließlich des Leegemoors umfasste, bestand Süderneuland II nun auch amtlich aus den Gebieten entlang des Udo-Focken-Deichs und dem Leegeland.

Luftaufnahme aus dem Jahre 1983.

Von 1883 bis 1885 wird die Bahnstrecke von Emden bis nach Süderneuland I erweitert. An der hiernach benannten Bahnhofstraße wird ein großer Bahnhof errichtet. 1892 erfolgt der Ausbau der Strecke nach Norddeich, bis dahin mussten die Inselgäste per Kutsche vom Bahnhof zum Fähranleger befördert werden.

Nach dem Ersten Weltkrieg begann allmählich die Besiedlung des nördlichen Süderneulands rund um die Addinggaste. Um die Jahrhundertwende siedelten sich mehrere wohlhabende Bauern im Umfeld des neu entstandenen Bahnhofs an. Nach dem Ersten Weltkrieg entstand die sogenannte Siedlung I im Umfeld des danach benannten Siedlungswegs. Das Land wurde vom Landkreis Norden erworben und vorwiegend für Kriegsversehrte in 32 Siedlerstellen aufgeteilt. Die Käufer wurden zwar Eigentümer von Grund und Boden, mussten sich aber verpflichten, innerhalb von fünf Jahren auf dem erworbenen Grundstück ein Wohngebäude zu errichten. Darüber hinaus durften sie in den ersten 15 Jahren das Land nicht weiterverkaufen. Wie sich herausstellte, war diese Vereinbarung aus Kostengründen nicht immer einzuhalten und wurde deshalb später aufgehoben.[2] Später entstand dann die Siedlung II, die sich östlich des heutigen Siedlungswegs und westlich der Bahnhofstraße befand.[3] Erst wesentlich später wurde das heutige System der Hausnummerierung eingeführt.

Luftaufnahme von 1987. Mittig das Fabrikgebäude von Onno Behrends und die Bezugs- und Absatzgenossenschaft.
Luftbild von Süderneuland I. Aufgenommen aus Richtung Leegemoor.

Während des Zweiten Weltkriegs gab es drei Kriegsgefangenenlager in Süderneuland I. Das größte von ihnen war das Lager AK Nr. 5254, das aus einer Holzbaracke bestand und in dem 25 bis 30 Gefangene, anfangs ausschließlich französischer Herkunft, untergebracht waren. Im Oktober 1940 waren es noch 20 Franzosen. Im Juli 1941 wurden hier 20 Serben und im Dezember 1942 noch 18 Serben interniert. Ein weiteres Kriegsgefangenenlager befand sich im Bereich des Güterbahnhofs. Hier wurden in einer Holzbaracke 30 bis 40 Kriegsgefangene interniert, hauptsächlich lebten hier (teilweise sogar vollständig) Russen und Ukrainer. Zwischenzeitlich waren hier auch 18 Serben und Polen untergebracht. Ein drittes Lager gab es am Pekelheringer Weg, in dem 13 französische Soldaten interniert waren.

In der Nachkriegszeit wuchs der Ort weiterhin beträchtlich und immer mehr mit der Kernstadt zusammen. Begonnen westlich der Bahnhofstraße dehnte sich der Ort immer weiter nach Westen bzw. Südwesten aus und verwuchs mit den dort bereits bestehenden Siedlungen. Auch in der jüngeren Zeit wurden weitere Neubaugebiete erschlossen. Seine Eigenständigkeit musste die Gemeinde Süderneuland I indes erst zum 1. April 1972 aufgeben, als es im Zuge der niedersächsischen Gebietsreform nach Norden eingemeindet wurde. Sowohl Süderneuland I als auch Leybuchtpolder weigerten sich zunächst beharrlich, die notwendige Unterschrift zu leisten, sodass sie letztlich per Gesetzeskraft zwangseingemeindet wurden.[4]

Der wirtschaftliche Aufschwung ließ nach der Eingemeindung nicht lange auf sich warten. Bereits fünf Jahre danach begann man mit der Erschließung und Bebauung des Leegemoors, das in den Folgejahren immer weiter wuchs und heute das größte und wichtigste Gewerbegebiet der Stadt darstellt. Eine Vielzahl an Unternehmen haben hier ihren Standort, darunter sowohl neue als auch Traditionsunternehmen wie die Glave Gruppe oder der Soltau Kurier Norden, die ihren Sitz ursprünglich inmitten der Norder Innenstadt hatten.

Verwaltung

Friesland - und damit auch Ostfriesland - unterstand, anders als sonst zur Zeit des Lehnswesens üblich, im Mittelalter keiner zentralen Herrschaft. Dieses Vorrecht, die Friesische Freiheit bekamen die Friesen der Legende nach von Karl dem Großen persönlich verliehen. Die Friesen unterstanden damit nur dem Kaiser und hatten ansonsten keine Herren über ihnen zu dulden. Stattdessen organisierten sie sich selbst in - mehr oder weniger - demokratischen Genossenschaften, in denen prinzipiell jeder gleichberechtigt war. Diese grundsätzliche Gleichberechtigung galt jedoch vielmehr für alle Eigentümer von Hofstellen und zugehörigem Land in ihren jeweiligen Dörfern und Kirchspielen (Pfarrbezirk). Die öffentlichen Ämter der Richter (Redjeven) wurden durch jährliche Wahlen besetzt. Theoretisch standen diese Ämter allen Friesen offen, doch faktisch wurden diese insbesondere durch die Mitglieder der größten und wohlhabendsten Familien bekleidet.

Dieses mehr oder weniger feste Konstrukt konnte bis in das 14. Jahrhundert standhalten, als sich schließlich aus den wenigen reichen und einflussreichen Familien - entgegen der Prinzipien der Friesischen Freiheit - ein Adel bildete. Das 14. Jahrhundert war durch viele schwere Sturmfluten, wie die Zweite Marcellusflut 1362, die Erste Dionysiusflut 1374 und eine verheerende Pestepidemie von 1350 bis 1360 geprägt. Viele Menschen kamen ums Leben und für die Überlebenden gab es größere Sorgen, um die sie sich kümmern mussten als die politische oder genossenschaftliche Teilhabe. Der Adel, der die Krisen besser als der große Teil der armen Bevölkerung überstand, nutzte diese Umstände, um seinen Einfluss zu vergrößern. Viele von ihnen verstanden es, die Lage geschickt zu ihrem Vorteil zu nutzen. Sie sahen ihre Autorität nicht mehr vom Willen der Gemeinde abhängig, sondern ihrem eigenen. Nach und nach formierten sich mehrere Häuptlingsgeschlechter in Ostfriesland. Ihre Steinhäuser, mit denen sie sich ohnehin von den oftmals erbärmlichen Behausungen der meisten Mitmenschen abhoben, vergrößerten sie weiter und formten daraus den ostfriesischen Typus an Burgen. Auch begannen sie, Söldnerheere aufzustellen, um ihren Machtanspruch im Zweifel mit Gewalt durchsetzen zu können.

Vor allem durch Kriege mit der mächtigen Hanse und dem Wiedererstarken der Großbauern verlor das Häuptlingswesen nach und seine Bedeutung. 1464 erhob Kaiser Friedrich III. den Häuptling Ulrich Cirksena in den Reichsgrafenstand und belehnte ihn mit Ostfriesland. Damit war die Zeit der Friesischen Freiheit endgültig vorbei und Ostfriesland hatte das erste Mal in der Geschichte einen vom deutschen Kaiser bestätigten und von ihm belehnten Landesherren.

Zur Verteidigung standen 1735 ein Leutnant und ein Fähnrich an der Spitze einer Landwehr, gewählt von den wahlberechtigten Einwohnern und bestätigt vom ostfriesischen Fürsten.

Im 19. Jahrhundert stand der Gemeindevorsteher an oberster Spitze in Süderneuland I. Es handelte sich jedoch um ein Ehrenamt mit vor allen repräsentativen Aufgaben. Damit der Gemeindevorsteher das Amt nicht in seinem Privathaus erledigen musste, unterhielt die Gemeinde ein kleines Büro an der Wurzeldeicher Straße.[5] Infolge der niedersächsischen Gemeindereform fiel die Gemeinde am 1. Juli 1972 schließlich an Norden. Ein ehrenamtlicher Ortsvorsteher vertritt seither den Ort und seine Interessen gegenüber der städtischen Verwaltung sowie der Politik.

Bildung

Das bekannte Schulwesen in Süderneuland I reicht bis in das Jahr 1912 zurück. Nach Erlass des sogenannten preußischen Volksschulunterhaltungsgesetzes von 1906 waren die Städte und Gemeinde per Gesetz verpflichtet worden, eine Volksschule zu unterhalten. Dies gab Anlass für den Bau des bis heute noch bestehenden Schulgebäudes an der Wurzeldeicher Straße. Vor der Fertigstellung im September 1913 hatten die Kinder der Wurzeldeicher Siedlung, dem südlichen Teil der Gemeinde, die Schule im Osteeler Neuland besucht, die sich nur unweit von dort befand. Durch die fortschreitende Besiedlung des umliegenden Gebietes und eines stetig steigenden Bevölkerungszuwachses wurde eine ständige Erweiterung des Schulsystems notwendig.

Religion

Bis zur Fertigstellung der Friedenskirche im Jahre 1964 hatte Süderneuland keine eigene Kirche. Vielmehr war die Ludgerikirche die Kirche der Norder Umlandgemeinden, sodass die Bewohner zum Gottesdienst dorthin pilgern mussten. Der Ort war damit unmittelbar dem Kirchspiel Norden angegliedert und besaß über keinen eigenen Friedhof.

Gesundheit und Soziales

1870 waren Süderneuland I und II dem Armenverband Norden angegliedert. Die soziale Wohlfahrt und Armenhilfe wurde über Jahrhunderte von der Kirche wahrgenommen und ging erst im fortgeschrittenen 20. Jahrhundert auf den Staat über.

Wirtschaft und Verkehr

Kolonialwarenhandlung von Eberhard van Ende.

Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe nahm kontinuierlich von 71 (1949), über 69 (1960) auf 30 (1971) ab. Die Anzahl der nicht-landwirtschaftlichen Arbeitsstätten stieg beständig von 36 (1950), über 54 (1961) auf 56 (1970) an. Der Anteil der Handwerksunternehmen lag 1950 bei 33 % und 1961 bei 15 %. Die Summe der Erwerbspersonen nahm stetig von 503 (1950), über 566 (1961) auf 622 (1970) zu. Auch die Quote der Auspendler erhöhte sich beständig von etwa 36 % auf über 61 % und letztlich 72 %. Bemerkenswert ist auch der Anteil der Einpendler, der 1961 47 % und 1970 49 % betrug.

Das Einwohnerverzeichnis von 1719 weist zwei Arbeitsmänner, zwei Müller und 16 Tagelöhner aus. 1880 bzw. 1881 werden jeweils ein Bäcker, Müller, Schenkwirt (auch Krämer), Schmied, Schneider, Schuster und Werkmeister sowie zwei Zimmermänner registriert.

Dominierte lange Zeit die Landwirtschaft in Süderneuland I, kam ab 1977 ein großes Gewerbegebiet im Leegemoor hinzu, das seitdem mit dem Tourismus den Wirtschaftsmotor der Stadt darstellt.

Erwähnenswerte Bauwerke

Erhaltene Bauwerke

Abgebrochene Bauwerke

Einzelnachweise

  1. Gödeken, Lina (2000): Rund um die Synagoge in Norden. Die Geschichte der Synagogengemeinde seit 1866, Aurich, S. 17
  2. Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 136f.
  3. Amtliche Karte der Stadt Norden von 1949
  4. Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 77
  5. Adressbuch von 1950/1951, S. 189

Quellenverzeichnis

Siehe auch