Norder Hafen
Norder Hafen | ||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| {{#multimaps: | Title = Norder Hafen | Text = Ort in Norden | center = 53.589875525813056, 7.211987794889475 | circle = 53.589875525813056, 7.211987794889475 : 100 | zoom = 16 | width = 300px | height = 300px
}} | |
| Basisdaten | ||||||||
| Kategorie | Orte in Norden | |||||||
| Stadtteil/-viertel | Norden | |||||||
| Genaue Lage | Am Hafen
26506 Norden | |||||||
Der Norder Hafen befindet sich am südlichen Stadtrand von Norden. Infolge der zunehmenden Verlandung des Norder Tiefs sowie zahlreicher Eindeichungen rund um die Leybucht entwickelte sich der um 1570 errichtete Norder Hafen im 20. Jahrhundert zu einem Binnenhafen ohne direkten Zugang zum Meer, dessen endgültiges Ende als Seehafen mit dem Bau des Leybuchtsiels besiegelt wurde.
Geschichte
Nach mehreren verheerenden Sturmfluten im 14. Jahrhunderten, insbesondere der Dionysiusfluten in den Jahren 1374 bis 1375 kam es rund um das heutige Stadtgebiet zu massiven Landverlusten. Zahlreiche Menschen starben in den Fluten oder verloren ihre Habe an die Wassermassen, welche bis weit in das heutige Stadtgebiet drangen. Das heutige Süderneuland I wurde vollends überschwemmt und konnte erst ab der Mitte des 16. Jahrhunderts nach und wieder eingedeicht werden.
Die Fluten führten jedoch auch dazu, dass Norden, welches auf einer erhöhten Geestinsel liegt und daher weitestgehend verschont blieb, nun über einen direkten Zugang zum Meer verfügte. Brachten die Fluten noch so viel Unheil mit sich, wussten die Norder die neuen Umstände zu ihrem Vorteil zu Nutzen und errichteten um 1570 einen Seehafen an der südlichen Stadtgrenze. Schon bald verlieh der Landesherr der Stadt eine eigene Handelsflagge, unter der die Schiffe andere Häfen ansteuerten. Vor allem Seehäfen in der Nord- und Ostsee wurden angefahren. Zwar stand die Norder Handesflotte der Emdens stets nach, doch bescherte sie der Stadt lange Zeit eine wirtschaftliche Blüte. In einem Dokument aus dem Jahre 1530 werden die Norder Ausfuhrgüter gerühmt. So wurden in dieser Zeit offenbar vor allem vorzügliche Pferde, große und fette Rinder, butter, Käse, Bohnen und andere Hülsenfrüchte, Seefische, Wolle und Hanf, Honig und Flachs exportiert. Eingeführt wurden vor allem Weizen, Roggen, Obst, Zwiebeln, Wein, Tuche und Hamburger Bier.[1] Über den Norder Hafen wurden im Laufe der Jahrhunderte jedoch eine Vielzahl an Gütern im- und exportiert. Wichtige Exportgüter waren auch Salz, gewonnen in hiesigen Siedereien und einst auch auf der im 18. Jahrhundert untergegangenen Insel Bant, Muschelkalk und allgemein landwirtschaftliche Erzeugnisse. Schon früh, im Jahre 1610, erstellte der Magistrat eine erste Hafenordnung, in der genau geregelt wurde, wer welche Aufgaben im Hafen wahrnehmen durfte.[2] Diese Hafenrechte wurden jährlich im Weinhaus versteigert.[3]
Möglich ist, dass Norden schon vor dem Bau des Norder Hafens einen regen Schiffshandel führte. In einer Urkunde vom 7. September 1310, unterzeichnet u.a. von Hunno dictus Onnenga, wird die Sicherheit des Schiffsverkehrs zwischen dem Norderland und der Stadt Bremen vertraglich geregelt.[4] Dieser Vertrag könnte sich jedoch auch darauf beziehen, die Piraterie zum Nachteil der Hanseatischen Schiffe zu unterbinden. Aber auch die Norder Schiffe wurden Opfer der Piraterie durch direkte oder indirekte Beteiligung anderer Häuptlinge. So wird im Jahre 1494 der Häuptling Edo Wiemken (Östringen, Rüstringen) von Edzard Cirksena vor einem Bremer Gericht verklagt, da dieser elf Norder Schiffe beschädigt hatte.[5]
Der Norder Hafen wurde auf beiden Seiten mit Deichen geschützt. Um 1585 wurden die Hafenmauer (Kajung) und die Zuwegungen befestigt.[6] Nur wenige Jahre zuvor wurde der Hafen überhaupt erst an seine heutige Stelle verlegt.[7] In Anbetracht der Tatsache, dass das Süderneuland ab 1556 zurückgewonnen wurde, ist der Bau des heutigen Hafens in der Zeit zwischen 1556 und 1585 zu suchen. Nach der Petriflut im Jahre 1651 musste die Kajung erneuert werden. Zwischenzeitlich hatten sich auch Holzwürmer am Holzwerk zu schaffen gemacht.[8]
Noch bis in das späte 16. Jahrhundert, insbesondere auch wegen des Krieges zwischen den Niederlanden und Spanien, nutzten Freibeuter den Norder Hafen als Umschlagplatz für ihre Waren und Liegeplatz. Trotz gräflichen Verbotes wurde dies lange Zeit durch die Norder stillschweigend geduldet, die oftmals jedoch auch selbst durch erbeutete Waren profitierten. Erst als Freibeuter drei Frauen aus dem Groningerland nach Norden verschleppten, rottete sich ein wütender Mob zusammen und brachte die Frauen im Alten Rathaus in Sicherheit. Die Freibeuter planten daraufhin, das Gebäude zu stürmen, woraufhin die Norder zu den Waffen griffen und die Freibeuter vertrieben. Die beiden Kapitäne wurden vor das Stadtgericht gestellt und nach kurzer Haft hingerichtet.[9] Der amtierende Bürgermeister Bernhard von Münster wurde u.a. wegen Kollaboration mit den Freibeutern aus seinem Amt entlassen.[10] Seit dem 17. Jahrhundert befuhren Norder Schiffe das Meer sogar bis nach Spanien.[11]
Einen erneuten Zuwachs erlangte die Norder Hafenflotte während des US-amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (1776 - 1783). Zahlreiche niederländische Kaufleute beantragten für Norden (vorübergehend) das Bürgerrecht, um ihre Waren so unter neutraler Flagge in alle Welt zu verschiffen. Allein vom 30. März bis 10. Juli 1795 erlangten 111 niederländische Schiffer das Norder Bürgerrecht.[12] 1806 kaperten die Engländer und die Franzosen einen Großteil der Norder Handelsflotte, was der Wirtschaft einen schweren Schlag verpasste.[13] Wenig später fiel Ostfriesland nach der Niederlage Preußens gegen Napoleon Bonaparte unter französische Herrschaft. Auch die Seeblockade der Franzosen ab 1810 versetzte dem Norder Seehandel einen schweren Schlag.[14]
Einhergehend mit der Gründung der Norder Fehngesellschaft im Jahr 1794 entstand auch der Berumerfehnkanal, der von Norderfehn (heute Berumerfehn) bis in den Hafen führte. So wurde der Hafen fortan auch von Torfkähnen angesteuert und stellte die Versorgung der Stadt mit dem damals wichtigsten Brennmaterial sicher, das bis dahin umständlich und kostenintensiv aus den Niederlanden und dem Saterland beschafft werden musste. Auf dem Deich entlang des heutigen Straßenzuges Am Norder Tief wurden in späterer Zeit Bahnschienen zum Transport von Waren erbaut. Vermutlich führten diese Schienen bis zur westlich gelegenen Ziegelei. Auch wurde an diesem Deich die überregional bekannte Schiffswerft Herlyn gegründet. Im alten Werftgebäude befindet sich heute der Norder Ruderclub. An die alten Deichlinien erinnert heute noch der Name (der) Deichmühle. Auch die Raiffeisenstraße hieß noch bis etwa Mitte des 20. Jahrhunderts Deichweg. Nach Norden hin reichte der Deich bis an das südliche Ende der Sielstraße, wo sich heute der Wendehammer und die alte Gaststätte Kehre wieder befinden. Ebenfalls enstand in unmittelbarer das sogenannte Dörenhuus, in dem zunächst die Toren für die Norder Siele gelagert wurden. Später wurde dieses Gebäude als Obdachlosenunterkunft genutzt und erst nach 1933 zur Hafenmeisterdienstwohnung umgebaut. Auf der anderen Seite des Ufers befand sich das Sägewerk der Holzhandlung Frericks.[15]
Spätestens aber der Mitte des 19. Jahrhunderts verfügte der Norder Hafen über gute Schiffsanbindungen von und nach England, was vermutlich auf die verwandschaftlichen Beziehungen zum Königreich Hannover, zu dem Ostfriesland seinerzeit gehörte, zurückzuführen ist. Dieser Umstand begünstigte die Gründung der Norder Eisenhütte durch den westfälischen Kaufmann Julius Meyer. England war seinerzeit eine internationale Eisen- und Stahlhochburg.[16] Neben dem des bis heute erhaltenen Zollhaus aus dem Jahr 1857 gab es seit der napoleonischen Besatzung Ostfrieslands auch ein Zollhauses in Westermarsch I mit einem eigenen Zollwachthauses. Hier wurden die Waren unter Siegel gelegt und dann später beim Zollhaus in Norden abschließend verzollt. Anfangs dienten sie vor allem zur Verhinderung von Schmuggel. Das Alte Zollhaus zeugt mit seinem außergewöhnlichen Detailreichtum vom einstigen Wohlstand der Stadt. Im Zollhaus entstanden, wie früher allgemein üblich, auch Möglichkeiten zur Beherbung und Bewirtung der Seefahrer und Reisenden.
Bis weit in das 19. Jahrhundert hatte der Hafen eine herausragende Bedeutung für die wirtschaftliche Blüte der Stadt, noch 1817 liefen jährlich über 80 Schiffe ein und aus, 1862 sogar 559.[2] 1900 jedoch nur noch 172.[17] Durch zunehmende Verlandung des Norder Tiefs sowie zahlreicher Eindeichungen rund um die Leybucht entwickelte sich der Norder Hafen im 20. Jahrhundert zu einem Binnenhafen ohne direkten Zugang zum Meer. So waren 1840 nur noch 12 seetüchtige Segelschiffe in Norden beiheimatet. Nachfolgend wurde diese durch Dampfschiffe verdrängt. Mit dem Bau des Leybuchtsiels im Jahr 1929 verlor der Hafen endgültig seine Bedeutung als Seehafen, da der Zugang zum Meer nun durch diese Schleuse unmittelbar eingeschränkt war und diese nur von kleinen Schiffen passiert werden kann. Auch das Zollhaus verlor seine Bedeutung als solches und wurde bis zu ihrer Restaurierung um die Jahrtausendwende dem Verfall preisgegeben. Die letzte Flut läuft am 25. Juli 1929 im Norder Hafen ein, das letzte größere Schiff, der Dreimastschoner Antje verließ den Norder Hafen im Jahre 1932.[17][18] Im selben Jahr wurde das sogenannte Zweite Siel abgerissen.[19] Erst 1963 Jahren kommt der - in den Folgejahren sehr eingeschränkte - Hafenbetrieb gänzlich zum Erliegen, nachdem das Schöpfwerk am Leybuchtsiel in Betrieb genommen wurde.[18]
Die alte Kajung wurde letztmalig 1894 ausgebessert und 1933 bis 1934 durch die Anlage einer Eisenspundwand erneuert. Zugleich wurde die Wand tiefergelegt als die alte Kajung, da der Hafen nun nicht mehr den unregulierten Fluten der Nordsee ausgesetzt war.[20] Während des Zweiten Weltkriegs kommen in den Jahren 1942 und 1943 mehrere Schiffsladungen mit größtenteils wertvollen Ladungen aus den Niederlanden im Hafen an. Ihre einstigen Besitzer wurden von den Nationalsozialisten in Vernichtungslager deportiert, ihre Habseligkeiten geplündert. Die Ladung wurde von größtenteils russischen Kriegsgefangenen gelöscht und in dem Parteilokal der Norder NSDAP, dem Gasthof Zur Börse gelagert. Die Partei verspricht, die Gegenstände für ausgebombte Emder Familien aufzuwenden, doch einige besonders hochwertige Antikmöbel verschwinden im Sumpf der Bürokratie des nationalsozialistisch dominierten Landratsamtes.[21]
Mit der Eingemeindung von Norddeich, damals noch Teil der selbstständigen Landgemeinde Lintelermarsch, gelangte Norden jedoch wieder in den Besitz eines Seehafens. Bis heute ist der Hafen von Norddeich der einzige Seehafen der Stadt und als solcher einer der größten Personenhäfen Deutschlands.
Im Herbst 2008 wurde eine neue Steganlage eingerichtet, in 2009 folgte die Reparatur des alten Signalmastes, an dem seitdem wieder die alte Norder Hafenflagge weht.
Einzelnachweise
- ↑ Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 42
- ↑ 2,0 2,1 Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 24
- ↑ Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 19
- ↑ Digitalisierter Vertrag zwischen dem Norderland und Bremen, abgerufen am 30. März 2021
- ↑ Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 33
- ↑ Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 48
- ↑ Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 55
- ↑ Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 68
- ↑ Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 47f.
- ↑ Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 49
- ↑ Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 66
- ↑ Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 78
- ↑ Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 81
- ↑ Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 18
- ↑ Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 44
- ↑ WirtA NW WAN F 19
- ↑ 17,0 17,1 Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 25
- ↑ 18,0 18,1 Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 25
- ↑ Schreiber, Gretje (2011): Das Norder Hafengebiet und seine beiden Häfen im 16. Jahrhundert, Manuskript
- ↑ Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 88
- ↑ Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 41
Quellenverzeichnis
- Historische Flurnamensammlung der Ostfriesischen Landschaft
- Informationen zum Norder Hafen auf Norden.de, abgerufen am 20. März 2021
- Schreiber, Gretje (2017): Der Norder Hafen. Geschichte, Schifffahrt und Handel, Aurich
- Stöver, Christof (2000): Menschen und Geschichten um den Norder Hafen, in: Beilage Ostfriesischer Kurier 3. Juni 2000, S. 18