Engenahof: Unterschied zwischen den Versionen
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Der '''Engenahof''' (auch: ''Remet Engen Hof''; früher: ''Kenenburg;'' zeitweise: ''Herberge zur Heimat'', ''Vereinshaus'', [[NSDAP Ortsgruppe Norden|NSDAP]]-Parteihaus) ist ein historisches, denkmalgeschütztes Gebäude an der Südseite des [[Marktplatz|Norder Marktplatzes]]. Seit Oktober 1945 befindet sich hier der Hauptsitz der [[Polizei Norden|Norder Polizei]]. Zuvor diente es als NSDAP-Parteizentrale, Herberge, Vereins- und Wohnhaus mächtiger Persönlichkeiten. Der Name leitet sich vom Adelsgeschlecht der [[Engena]] ab, die als Nachfolger der [[tom Brook]] gelten und das diesem Geschlecht gehörende, auf dem Grund des heutigen Gebäudes befindliche Anwesen erbten. | Der '''Engenahof''' (auch: ''Remet Engen Hof''; früher: ''Kenenburg;'' zeitweise: ''Herberge zur Heimat'', ''Vereinshaus'', [[NSDAP Ortsgruppe Norden|NSDAP]]-Parteihaus) ist ein historisches, denkmalgeschütztes Gebäude an der Südseite des [[Marktplatz|Norder Marktplatzes]]. Seit Oktober 1945 befindet sich hier der Hauptsitz der [[Polizei Norden|Norder Polizei]]. Zuvor diente es als [[NSDAP Ortsgruppe Norden|NSDAP]]-Parteizentrale, Herberge, Vereins- und Wohnhaus mächtiger Persönlichkeiten. Der Name leitet sich vom Adelsgeschlecht der [[Engena]] ab, die als Nachfolger der [[tom Brook]] gelten und das diesem Geschlecht gehörende, auf dem Grund des heutigen Gebäudes befindliche Anwesen erbten. | ||
Die früheren bzw. heutigen Grundstücke 9 bis 10 bildeten einst eine Einheit, was das Vorspringen dieser Häuserzeile aus dem Gesamtbild des südlichen Marktes erklärt. Dieser große Bau war der ''eigentliche'' Engenahof. Die Bezeichnung hat sich jedoch für die Hausnummer 10, dem heutigen Polizeidienstgebäude, erhalten. Von den beiden ehemals benachbarten Gebäuden, der [[Holzhandlung Frericks]] und dem [[Haus Monsieur]], ist nur noch letzteres erhalten. | Die früheren bzw. heutigen Grundstücke 9 bis 10 bildeten einst eine Einheit, was das Vorspringen dieser Häuserzeile aus dem Gesamtbild des südlichen Marktes erklärt. Dieser große Bau war der ''eigentliche'' Engenahof. Die Bezeichnung hat sich jedoch für die Hausnummer 10, dem heutigen Polizeidienstgebäude, erhalten. Von den beiden ehemals benachbarten Gebäuden, der [[Holzhandlung Frericks]] und dem [[Haus Monsieur]], ist nur noch letzteres erhalten. | ||
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Lüppena wurde 1620 [[Liste der Bürgermeister der Stadt Norden|Bürgermeister von Norden]] und blieb dies bis 1643. Hierbei dürfte ihm sein prachtvoller Besitz sicherlich bei der Erlangung dieses Amtes behilflich gewesen sein, wurden doch in früheren Zeiten nur wohlhabende und verdiente Persönlichkeiten vom Landesherren in diesem Amt eingesetzt. Das neue Gebäude war allerdings wesentlich kleiner als sein Vorgängerbau und umfasste nur die heutige Hausnummer 10. Die Nummern 9 ([[Holzhandlung Frericks]]) und 11 ([[Haus Monsieur]]) wurden erst später auf dem Grund des einst größeren Bauwerks errichtet. An die Herren von Soltborg erinnert heute noch ihr Wappen an der linken Giebelseite. Es zeigt einen goldenen Löwen im blauen Feld, zwischen dessen Vorder- und Hinterpranken ein goldenen, sechsstrahligen Stern erscheint.<ref name=":2" /> Das Pendant auf der rechten Seite zeigt vermutlich das Wappen der [[Rykena]].<ref name=":0">Pühl, Eberhard (2007): Alte Backsteinhäuser in Ostfriesland und im Jeverland. Backsteinbauten des 15. bis 19. Jahrhunderts, Oldenburg, S. 164</ref> | Lüppena wurde 1620 [[Liste der Bürgermeister der Stadt Norden|Bürgermeister von Norden]] und blieb dies bis 1643. Hierbei dürfte ihm sein prachtvoller Besitz sicherlich bei der Erlangung dieses Amtes behilflich gewesen sein, wurden doch in früheren Zeiten nur wohlhabende und verdiente Persönlichkeiten vom Landesherren in diesem Amt eingesetzt. Das neue Gebäude war allerdings wesentlich kleiner als sein Vorgängerbau und umfasste nur die heutige Hausnummer 10. Die Nummern 9 ([[Holzhandlung Frericks]]) und 11 ([[Haus Monsieur]]) wurden erst später auf dem Grund des einst größeren Bauwerks errichtet. An die Herren von Soltborg erinnert heute noch ihr Wappen an der linken Giebelseite. Es zeigt einen goldenen Löwen im blauen Feld, zwischen dessen Vorder- und Hinterpranken ein goldenen, sechsstrahligen Stern erscheint.<ref name=":2" /> Das Pendant auf der rechten Seite zeigt vermutlich das Wappen der [[Rykena]].<ref name=":0">Pühl, Eberhard (2007): Alte Backsteinhäuser in Ostfriesland und im Jeverland. Backsteinbauten des 15. bis 19. Jahrhunderts, Oldenburg, S. 164</ref> | ||
Erhard Lüppena verstarb am 19. Januar 1644 und hinterließ vier Töchter und einen Sohn. Seine Tochter Tetta Lüppen erbte die Häuser [[Am Markt 9]] und Am Markt 10.<ref name=":02">Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 30</ref><ref name=":22">Schreiber, Gretje (1992): Der Norder Marktplatz und seine Geschichte bis heute, Aurich, S. 48</ref> Tetta war seit dem 26. Mai 1641 mit [[Jacobus Wermelskirchen]] ([[Am Markt 11]]) verheiratet.<ref name=":22" /><ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 30</ref> Tetta verstarb am 27. Februar 1655 bei der Geburt der siebten Tochter Aurelia, welche später die beiden vorgenannten Häuser erbte. Sie heiratete später den Ratsherrn [[Jibbe Janssen Ostendorp]] (seit 1687 im Amt), mit dem sie eine Tochter ([[Tetje Ostendorp]]) hatte. Diese wiederum war mit [[Johan Straalmann]] verheiratet. Aus der Ehe ging ein gleichnamiger Sohn hervor.<ref name=":22" /> | |||
Johan Straalmann jun., wie sein Urroßvater Wermelskirchen auch ''Monsieur'' genannt, verkaufte beide Häuser öffentlich am 25. August 1766.<ref name=":22" /> Neuer Besitzer wurde [[Rieke Rieken|Rieke Janssen Rieken]], der das Haus für 3.550 Gulden erwarb. Ihm folgte sein Sohn, dem Kaufmann [[Jan Rieken]] (''[[Goldener Anker]]'' am [[Neuer Weg|Neuen Weg]]) und später seinen Erben. Familie Rieken gehörte auch das benachbarte Haus 9.<ref name=":3">Schreiber, Gretje (1992): Der Norder Marktplatz und seine Geschichte bis heute, Aurich, S. 52</ref> | |||
Nachdem | 1804 ließ Familie Rieken das Haus an der Westseite um einen eingeschossigen Anbau erweitern, der optisch angeglichen wurde. Am 15. Juli 1815 wurde das Haus dann für 9.000 Gulden vom Leeraner Kaufmann [[Reinhard Rahusen]] erworben.<ref name=":3" /> Nachdem der ursprüngliche obere Giebel wohl verlorengegangen war, ließ Rahusen ihn 1836 neu aufmauern.<ref name=":0" /><ref name=":4" /> Hierauf weist auch noch die Inschrift ''1836 R. Rahusen'' hin.<ref name=":4">Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 103</ref> Rahusen folgte [[Rike Rahusen]] als Eigentümer.<ref name=":3" /> | ||
Die Familie Rahusen blieb noch bis mindestens 1877 im Besitz des Hauses. Zu jener Zeit war die Witwe C. D. Stroman, geb. Rahusen, Eigentümerin des Hauses. Danach erwarb der Norder Druckereibesitzer und Verleger [[Diedrich Gerhard Soltau]] das Haus 1884 oder 1885 und baute es zu einer Herberge um, die er am 13. März des letztgenannten Jahres einweihte und den Namen ''Herberge zur Heimat'' gab. Hier konnten vor allem arbeitslose, wandernde Handwerksburschen gegen ein geringes Entgelt Essen und Unterkunft finden.<ref>[https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/BLO/Soltau.pdf Basse-Soltau, Ursula (2007): Biographie des Diedrich Gerhard Soltau], veröffentlicht bei der Ostfriesischen Landschaft</ref><ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 202</ref> Ungefähr seit der Jahrhundertwende befand sich im Gebäude dann auch das sogenannte ''Vereinshaus'', das verschiedene Norder Vereine als Ort für Veranstaltungen nutzten. Die Herberge wird auch im Adressbuch der [[Stadt Norden]] von 1897/1898 als "''Evangelisches Vereinshaus (Herberge Zur Heimat)"'' genannt.<ref>Adressbuch der Stadt Norden von 1897/1898</ref> | |||
Seit spätestens Anfang 1935 und noch bis 1945 war das ehemalige Vereinshaus dann die Parteizentrale der [[NSDAP Ortsgruppe Norden|NSDAP]].<ref>Forster, Hans / Schwickert, Günther (1988): Norden. Eine Kreisstadt unterm Hakenkreuz, Norden, S. 82</ref> In den letzten Kriegstagen wurde das Gebäude dadurch zu einer Art Zufluchtsort für die aus den anderen, bereits besetzten Städten geflohenen Parteifunktionären. In Anbetracht der Durchhalteparolen der letzten, fanatischen Nationalsozialisten empfanden die Norder ihre immer größer werdende Zahl als Provokation, sodass sie Anfang Mai die Parteizentrale stürmten und die Funktionäre gewaltsam vertrieben.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 64</ref> Nur wenige Monate nach Kriegsende, im Oktober 1945, bezog die [[Polizei Norden]] das Gebäude, die bis dahin in der [[Drei Schwestern|Dritten Schwester]] ansässig war. Offensichtlich wollte die britische Militärregierung mit dieser Maßnahme ein deutlich sichtbares Zeichen für einen Neuanfang der deutschen Polizei in diesem ''belasteten'' Gebäude setzen. | Seit spätestens Anfang 1935 und noch bis 1945 war das ehemalige Vereinshaus dann die Parteizentrale der [[NSDAP Ortsgruppe Norden|NSDAP]].<ref>Forster, Hans / Schwickert, Günther (1988): Norden. Eine Kreisstadt unterm Hakenkreuz, Norden, S. 82</ref> In den letzten Kriegstagen wurde das Gebäude dadurch zu einer Art Zufluchtsort für die aus den anderen, bereits besetzten Städten geflohenen Parteifunktionären. In Anbetracht der Durchhalteparolen der letzten, fanatischen Nationalsozialisten empfanden die Norder ihre immer größer werdende Zahl als Provokation, sodass sie Anfang Mai die Parteizentrale stürmten und die Funktionäre gewaltsam vertrieben.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 64</ref> Nur wenige Monate nach Kriegsende, im Oktober 1945, bezog die [[Polizei Norden]] das Gebäude, die bis dahin in der [[Drei Schwestern|Dritten Schwester]] ansässig war. Offensichtlich wollte die britische Militärregierung mit dieser Maßnahme ein deutlich sichtbares Zeichen für einen Neuanfang der deutschen Polizei in diesem ''belasteten'' Gebäude setzen. | ||
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Das Haus ist giebelständig zum Markt hin ausgerichtet, der traufständige Gebäudeteil an der rechten Seite des Hauses war ursprünglich ein eigenständiges Giebelhaus, das im 19. Jahrhundert seinen Giebel verlor und neu aufgemauert worden. Von diesem Gebäudeteil blieb lediglich die Fassade erhalten. Dahinter befindet sich seit 1970 ein Neubau. Die Jahreszahl 1836 am oberen Giebel datiert auf das Baujahr des oberen Giebels. | Das Haus ist giebelständig zum Markt hin ausgerichtet, der traufständige Gebäudeteil an der rechten Seite des Hauses war ursprünglich ein eigenständiges Giebelhaus, das im 19. Jahrhundert seinen Giebel verlor und neu aufgemauert worden. Von diesem Gebäudeteil blieb lediglich die Fassade erhalten. Dahinter befindet sich seit 1970 ein Neubau. Die Jahreszahl 1836 am oberen Giebel datiert auf das Baujahr des oberen Giebels. | ||
Zwischen dem ersten und dem zweiten Obergeschoss des giebelständigen Gebäudeteils gibt es drei Kartuschen aus Sandstein, von denen die linke das Wappen der Familie Lüppena zeigt, während die rechte ein gespaltenes Schild ziert, das möglicherweise das Wappen der Familie [[Rykena]] zeigt. In der mittleren Kartusche ist das Baujahr 1617 zu sehen. | Zwischen dem ersten und dem zweiten Obergeschoss des giebelständigen Gebäudeteils gibt es drei Kartuschen aus Sandstein, von denen die linke das Wappen der Familie Lüppena von Soltborg zeigt, während die rechte ein gespaltenes Schild ziert, das möglicherweise das Wappen der Familie [[Rykena]] zeigt. Dies kann deshalb nicht mit Sicherheit bestimmt werden, da auf dem Grabstein des [[Hayo Rykena (1530)|Hayo Rykena]] und dessen Frau Etta Hisken von Mark in der [[Ludgerikirche]] als Wappen ein Totenkopf, Helmschmuck zwischen zwei Adlerflügeln sowie eine Sanduhr, über welcher zwei aus dem Helmwulst hervorragende Knochenarme ein Herz hielten, zu sehen waren.<ref name=":22" /> In der mittleren Kartusche ist das Baujahr 1617 zu sehen. | ||
Über der rechteckigen Eingangstür befindet sich ein Oberlicht mit geschwungenen Füllhörnern, das eine Nachbildung des 1840 vom Kunsttischler [[Coord Siemen Coordes]] ist.<ref>Dehio, Georg (1992): Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler: Bremen, Niedersachsen. 2. Auflage, München, S. 993</ref><ref>Brückner, Annemarie / Gerdes, Edo (1984): So war es damals. Bilder aus dem alten Norden, Leer, S. 76</ref> Über den Fenstern im Erd- und ersten Obergeschoss befinden sich doppelte Entlastungsbögen mit Diamantquaderung. Sie zeigen, dass das Haus zu seiner Erbauungszeit mit Kreuzstockfenstern ausgestattet war. | Über der rechteckigen Eingangstür befindet sich ein Oberlicht mit geschwungenen Füllhörnern, das eine Nachbildung des 1840 vom Kunsttischler [[Coord Siemen Coordes]] ist.<ref>Dehio, Georg (1992): Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler: Bremen, Niedersachsen. 2. Auflage, München, S. 993</ref><ref>Brückner, Annemarie / Gerdes, Edo (1984): So war es damals. Bilder aus dem alten Norden, Leer, S. 76</ref> Über den Fenstern im Erd- und ersten Obergeschoss befinden sich doppelte Entlastungsbögen mit Diamantquaderung. Sie zeigen, dass das Haus zu seiner Erbauungszeit mit Kreuzstockfenstern ausgestattet war. | ||