Engenahof: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Norder Stadtgeschichte
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Der '''Engenahof''' (auch: ''Remet Engen Hof'') war bzw. ist ein historisches, denkmalgeschütztes Gebäude an der Südseite des [[Marktplatz|Norder Marktplatzes]]. Seit Oktober 1945 befindet sich hier der Hauptsitz der [[Polizei Norden|Norder Polizei]]. Zuvor diente es als NSDAP-Parteizentrale, Herberge, Vereins- und Wohnhaus.
Der '''Engenahof''' (auch: ''Remet Engen Hof''; früher: ''Kenenburg'') ist ein historisches und denkmalgeschütztes Gebäude an der Südseite des [[Marktplatz|Norder Marktplatzes]]. Seit Oktober 1945 befindet sich hier der Hauptsitz der [[Polizei Norden|Norder Polizei]]. Zuvor diente es als NSDAP-Parteizentrale, Herberge, Vereins- und Wohnhaus mächtiger Persönlichkeiten. Der Name leitet sich vom Adelsgeschlecht der [[Engena]] ab, die als Nachfolger der [[tom Brook]] gelten und das diesem Geschlecht gehörende, auf dem Grund des heutigen Gebäudes befindliche Anwesen erbten.
 
Die früheren bzw. heutigen Grundstücke 9 bis 10 bildeten einst eine Einheit, was das Vorspringen dieser Häuserzeile aus dem Gesamtbild des südlichen Marktes erklärt. Dieser große Bau war der ''eigentliche'' Engenahof. Die Bezeichnung hat sich jedoch für die Hausnummer 10, dem heutigen Polizeidienstgebäude, erhalten.


==Geschichte==
==Geschichte==
[[Datei:Am Markt 01011983 03.jpg|links|mini|277x277px|Der Engenahof im Jahr 1983.]]
[[Datei:Am Markt 01011983 03.jpg|links|mini|277x277px|Der Engenahof im Jahr 1983.]]
Das Gebäude wurde im Jahr 1617 von [[Erhard Lüppena]] aus dem Geschlecht der Häuptlinge von Soltborg (heute ein Teil der Gemeinde Jemgum) erbaut.<ref name=":0">Pühl, Eberhard (2007): Alte Backsteinhäuser in Ostfriesland und im Jeverland. Backsteinbauten des 15. bis 19. Jahrhunderts, Oldenburg, S. 164</ref> Lüppena war 1620 bis 1643 [[Liste der Bürgermeister der Stadt Norden|Bürgermeister]] von Norden.<ref name=":1">Canzler, Gerhard (1989): Norden - Handel und Wandel, Norden</ref> In der Lebengeschichte des [[Hayo Rykena (1530)|Hayo Rykena]] und des [[Ubbo Emmius]] wird beschrieben, dass sich hier bereits vor dem Bau des heutigen Gebäudes ein großes Steinhaus namens ''Kenenburg'' befand, dessen Eigentümer Hayo Rykena gewesen sein soll.<ref>Dekker, Gudrun Anne (2010): Ubbo Emmius: Leben, Umwelt, Nachlass und Gegenwart, Norderstedt, S. 171</ref> Erhard Lüppena war durch Heirat mit den [[Rykena|Rykenas]] verwandt.<ref name=":1" />
Die ''Kenenburg'', aus der später der Engenahof wurde, war ursprünglich im Besitz der [[tom Brook]]. Wann genau diese erbaut wurde, ist nicht überliefert. Wie auch bei der ''Kenenburg'' in Oldeborg (Gemeinde Südbrookmerland) geht der Name wohl auf Keno Kenesna, den Begründer des Geschlechts der tom Brook zurück.
 
Die tom Brook besaßen, wie alle führenden Herrschaftsgeschlechter des [[Norderland|Norderlandes]], ein Anwesen am [[Marktplatz|Norder Marktplatz]] als Zentrum des florierenden Viehhandels in Stadt und Umland. Ihre dortige Burg umfasste die heutigen Hausnummern 10 bis 11 und die ehemalige Hausnummer 9. Dies erklärt, warum diese Häuserzeile aus dem Bild des südlichen Marktes deutlich sichtbar hervorragt. In der Lebengeschichte des [[Hayo Rykena (1530)|Hayo Rykena]] und des [[Ubbo Emmius]] wird der Engenahof bzw. die Kenenburg als großes Steinhaus beschrieben.<ref>Dekker, Gudrun Anne (2010): Ubbo Emmius: Leben, Umwelt, Nachlass und Gegenwart, Norderstedt, S. 171</ref> Offenbar gehörte auch ein Bauernhof mit rückwärtig gelegenen Stallungen und Schuppen zum Anwesenden, was auch im Stadtzentrum seinerzeit nicht ungewöhnlich war.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 46</ref>


Die Kenenburg war ursprünglich im Besitz der [[tom Brook]]. Wann genau diese erbaut wurde, ist nicht überliefert. Wie auch bei der ''Kenenburg'' in Oldeborg (Gemeinde Südbrookmerland) geht der Name wohl auf Keno Kenesna, den Begründer des Geschlechts der tom Brook zurück. Nach dem Sieg von [[Focko Ukena]] über die tom Brook bei der Schlacht auf den Wilden Äckern fiel die Burg an die Ukena bzw. die [[Idzinga]].<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 29</ref>
Nach dem Sieg von [[Focko Ukena]] über die tom Brook bei der Schlacht auf den Wilden Äckern fiel die Burg an die mit ihnen versippten [[Idzinga]].<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 29</ref> Nach dem Tode der letzten Idzinga, [[Hima Idzinga|Hima]], die 1439 kinderlos im [[Kloster Marienthal]] verstarb, fiel die Burg von Rechts wegen an [[Edzard Cirksena]] als ostfriesischen Landesherren und danach an seinen Bruder [[Ulrich Cirksena]].<ref>Schweckendick, W. (1843): Frisia - eine Zeitschrift zur Belehrung und Unterhaltung, Band 1, Emden, S. 42</ref> Die [[Cirksena]] hatten als Grafen Ostfriesland unmittelbaren Anspruch auf die Besitztümer der nun ausgestorbenen Idzinga.


Nach dem Tode der letzten Idzinga, [[Hima Idzinga|Hima]], die 1439 kinderlos im [[Kloster Marienthal]] verstarb, fiel die Burg an [[Edzard Cirksena]] und dann an seinen Bruder [[Ulrich Cirksena]].<ref>Schweckendick, W. (1843): Frisia - eine Zeitschrift zur Belehrung und Unterhaltung, Band 1, Emden, S. 42</ref> Die Cirksena hatten als Grafen Ostfriesland unmittelbaren Anspruch auf die Besitztümer der nun ausgestorbenen Idzinga. Später fiel die Burg an die [[Engena]] (daher der Name), die ihren Hauptsitz vermutlich in Engerhafe (Gemeinde Südbrookmerland) hatten. Die genauen Zusammenhänge lassen sich mangels Überlieferungen nicht näher nachvollziehen.
Später fiel die Burg an die [[Engena]], die ihren Hauptsitz vermutlich in Engerhafe (Gemeinde Südbrookmerland) hatten, was in unmittelbarer Nachbarschaft zu der ursprünglich im benachbarten Oldeborg ansässigen tom Brook lag. Wie genau das Anwesen in ihren Besitz gelangten, lässt sich mangels Quellen nicht mehr genau nachvollziehen. Denkbar ist, dass sie bei einem den Cirksena an Macht überlegenen Fürsten auf Überlassung von Besitztümern der tom Brook als legitime Nachfolger klagten. Dies war in früheren Zeiten nichts ungewöhnliches, gab es doch keine ordentlichen Gerichte in ihrer heutigen Form.


Von [[Remet Engen]] vererbte sich der Engenahof auf die Familie des Bürgermeisters [[Hayo Rykena (1530)|Hayo Rykena]]. Dieser wiederum vermacht ihn seinem Neffen und Erben [[Erhard Lüppena]], der ebenfalls später Bürgermeister wird. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde der ursprüngliche Engenahof abgerissen, der wohl bis an die [[Sielstraße]] reichte. Auf den Grundmauern errichtete Lüppena im Jahr 1617 das heutige Gebäude, wobei sich dieses nur auf dem heutigen Grund der Hausnummer 10 befand. Die Nummern 9 ([[Holzhandlung Frericks]]) und 11 ([[Haus Monsieur]]) wurden erst später errichtet.
Von [[Remet Engen|Remet Engena]] vererbte sich der Engenahof auf die Familie des Bürgermeisters [[Hayo Rykena (1530)|Hayo Rykena]]. Dieser wiederum vermacht ihn seinem Neffen und Erben [[Erhard Lüppena]], einem Abkömmling des Geschlechts der Häuptlinge von Soltborg (heute ein Teil der Gemeinde Jemgum im Landkreis Leer).<ref name=":1">Canzler, Gerhard (1989): Norden - Handel und Wandel, Norden</ref> Dieser erbaute das bis heute bestehende Gebäude im Jahre 1617 und behielt den üblichen Namen bei. Lüppena wurde von 1620 bis 1643 [[Liste der Bürgermeister der Stadt Norden|Bürgermeister von Norden]]. Hierbei dürfte ihm sein prachtvoller Besitz sicherlich bei der Erlangung dieses Amtes behilflich gewesen sein. Das neue Gebäude war jedoch wesentlich kleiner als sein Vorgängerbau und umfasste nur die heutige Hausnummer 10. Die Nummern 9 ([[Holzhandlung Frericks]]) und 11 ([[Haus Monsieur]]) wurden erst später errichtet.


1836 wird der obere Giebel durch den Kaufmann [[Reinhard Rahusen]] aufgemauert.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 103</ref> Nachdem das Gebäude viele Jahre als Wohnhaus genutzt wurde, baute der Norder Verleger [[Diedrich Gerhard Soltau]] es 1884/1885 zu einer Herberge um, die er am 13. März des letztgenannten Jahres einweihte und den Namen ''Herberge zur Heimat'' gab. Hier konnten vor allem arbeitslose, wandernde Handwerksburschen gegen ein geringes Entgelt Essen und Unterkunft finden.<ref>[https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/BLO/Soltau.pdf Basse-Soltau, Ursula (2007): Biographie des Diedrich Gerhard Soltau], veröffentlicht bei der Ostfriesischen Landschaft</ref><ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 202</ref>
Das weitere Schicksal des Anwesens ist zurzeit ungewiss. Sicher ist hingegen, dass 1836 der obere Giebel durch den Kaufmann [[Reinhard Rahusen]] auf das bis dahin eingeschossige Gebäude aufgemauert wird.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 103</ref> Nachdem das Gebäude fortan weitere Jahre als Wohnhaus genutzt wurde, baute der Norder Verleger [[Diedrich Gerhard Soltau]] es 1884 oder 1885 zu einer Herberge um, die er am 13. März des letztgenannten Jahres einweihte und den Namen ''Herberge zur Heimat'' gab. Hier konnten vor allem arbeitslose, wandernde Handwerksburschen gegen ein geringes Entgelt Essen und Unterkunft finden.<ref>[https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/BLO/Soltau.pdf Basse-Soltau, Ursula (2007): Biographie des Diedrich Gerhard Soltau], veröffentlicht bei der Ostfriesischen Landschaft</ref><ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 202</ref>


Im 20. Jahrhundert befand sich im Gebäude das sogenannte ''Vereinshaus'', das verschiedene Norder Vereine als Ort für Veranstaltungen nutzten. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten befand sich hier bis 1945 die Parteizentrale der NSDAP. Im Oktober 1945 bezog die [[Polizei Norden]] das Gebäude, die bis dahin in der [[Drei Schwestern|Dritten Schwester]] ansässig war und das Gebäude bis heute nutzt.
Ungefähr seit der Jahrhundertwende befand sich im Gebäude das sogenannte ''Vereinshaus'', das verschiedene Norder Vereine als Ort für Veranstaltungen nutzten. Seit Mitte oder Ende der 1920er Jahre und noch bis 1945 war das ehemalige Vereinshaus dann die Parteizentrale der NSDAP. Nur wenige Monate nach Kriegsende, im Oktober 1945, bezog die [[Polizei Norden]] das Gebäude, die bis dahin in der [[Drei Schwestern|Dritten Schwester]] ansässig war.


1970 wurde das Gebäude bis auf den Keller und die Fassade gen [[Marktplatz]] abgebrochen und neu errichtet. Heute stehen die historischen Bestandteile unter Denkmalschutz. Die Holzhandlung wurde 1978/1979 ebenfalls abgebrochen, auf dem Gelände entstand ein Nebengebäude mit zwei Dienstwohnungen für den Hausmeister und den Schirrmeister nebst Garagen. Hier befinden sich heute u.a. eine Abteilung des Ermittlungsdienstes.
1970 wurde das Gebäude bis auf den Keller und die Fassade gen [[Marktplatz]] abgebrochen und neu errichtet. Heute stehen die historischen Bestandteile unter Denkmalschutz. Die benachbarte [[Frericks'sche Holzhandlung]] wurde 1978 ebenfalls abgebrochen, auf dem rückwärtigen, zur Holzhandlung gehörenden Gelände entstanden ein Nebengebäude mit zwei Dienstwohnungen für den Hausmeister und den Schirrmeister nebst Garagen. Hier befinden sich heute unter anderem eine Abteilung des Ermittlungsdienstes.


Die Fassade des Hauptgebäudes wurde letztmalig 2010 renoviert, das Dach wurde 2017 wegen Baufälligkeit erneuert, der überwiegende Teil des Gebäudeinneren besteht jedoch noch originalgetreu aus den 1970er Jahren und gleicht daher einem Museum, was wohl insbesondere auf die traditionelle Geringschätzung der Polizei bei der Zuweisung von Mitteln aus dem Landeshaushalt zurückzuführen ist. Seit der Jahrtausendwende bestehen Planungen zu einem Neubau, die jedoch bis heute u.a. aus den genannten Gründen nicht umgesetzt wurden.
Die Fassade des Hauptgebäudes wurde letztmalig 2010 renoviert, das Dach wurde 2017 wegen Baufälligkeit erneuert, der überwiegende Teil des Gebäudeinneren besteht jedoch noch originalgetreu aus den 1970er Jahren und gleicht daher einem Museum, was wohl insbesondere auf die traditionelle Geringschätzung der Polizei bei der Zuweisung von Mitteln aus dem Landeshaushalt zurückzuführen ist. Seit der Jahrtausendwende bestehen Planungen zu einem Neubau, die jedoch bis heute aus den genannten Gründen nicht umgesetzt wurden.


==Beschreibung==
==Beschreibung==
Das Haus ist giebelständig zum Markt hin ausgerichtet, der traufständige Gebäudeteil an der rechten Seite des Hauses war ursprünglich ein eigenständiges Giebelhaus, das im 19. Jahrhundert seinen Giebel verlor und neu aufgemauert worden.<ref name=":0" /> Von diesem Gebäudeteil blieb lediglich die Fassade erhalten. Dahinter befindet sich seit 1970 ein Neubau.<ref>Kiesow, Gottfried (2010): Architekturführer Ostfriesland, Bonn S. 993</ref> Die Jahreszahl 1836 am oberen Giebel datiert auf das Jahr der Aufmauerung des oberen Giebels.
Das Haus ist giebelständig zum Markt hin ausgerichtet, der traufständige Gebäudeteil an der rechten Seite des Hauses war ursprünglich ein eigenständiges Giebelhaus, das im 19. Jahrhundert seinen Giebel verlor und neu aufgemauert worden.<ref name=":0">Pühl, Eberhard (2007): Alte Backsteinhäuser in Ostfriesland und im Jeverland. Backsteinbauten des 15. bis 19. Jahrhunderts, Oldenburg, S. 164</ref> Von diesem Gebäudeteil blieb lediglich die Fassade erhalten. Dahinter befindet sich seit 1970 ein Neubau.<ref>Kiesow, Gottfried (2010): Architekturführer Ostfriesland, Bonn S. 993</ref> Die Jahreszahl 1836 am oberen Giebel datiert auf das Jahr der Aufmauerung des oberen Giebels.


Zwischen dem ersten und dem zweiten Obergeschoss des giebelständigen Gebäudeteils gibt es drei Kartuschen aus Sandstein, von denen die linke das Wappen der Erbauerfamilie Lüppena zeigt, während die rechte ein gespaltenes Schild ziert, das möglicherweise das Wappen der Familie [[Rykena]] zeigt. In der mittleren Kartusche ist das Baujahr 1617 zu sehen.<ref name=":0" />
Zwischen dem ersten und dem zweiten Obergeschoss des giebelständigen Gebäudeteils gibt es drei Kartuschen aus Sandstein, von denen die linke das Wappen der Erbauerfamilie Lüppena zeigt, während die rechte ein gespaltenes Schild ziert, das möglicherweise das Wappen der Familie [[Rykena]] zeigt. In der mittleren Kartusche ist das Baujahr 1617 zu sehen.<ref name=":0" />

Version vom 15. September 2021, 20:04 Uhr

Engenahof

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Basisdaten
Entstehungszeit 1617 (1970)
Erbauer unbekannt
Bauweise Ziegelsteinbau
Erhaltungszustand erhalten
Genaue Lage Am Markt 9-11 (10)

26506 Norden

Aufnahme vom 19. Juni 2010.

Der Engenahof (auch: Remet Engen Hof; früher: Kenenburg) ist ein historisches und denkmalgeschütztes Gebäude an der Südseite des Norder Marktplatzes. Seit Oktober 1945 befindet sich hier der Hauptsitz der Norder Polizei. Zuvor diente es als NSDAP-Parteizentrale, Herberge, Vereins- und Wohnhaus mächtiger Persönlichkeiten. Der Name leitet sich vom Adelsgeschlecht der Engena ab, die als Nachfolger der tom Brook gelten und das diesem Geschlecht gehörende, auf dem Grund des heutigen Gebäudes befindliche Anwesen erbten.

Die früheren bzw. heutigen Grundstücke 9 bis 10 bildeten einst eine Einheit, was das Vorspringen dieser Häuserzeile aus dem Gesamtbild des südlichen Marktes erklärt. Dieser große Bau war der eigentliche Engenahof. Die Bezeichnung hat sich jedoch für die Hausnummer 10, dem heutigen Polizeidienstgebäude, erhalten.

Geschichte

Der Engenahof im Jahr 1983.

Die Kenenburg, aus der später der Engenahof wurde, war ursprünglich im Besitz der tom Brook. Wann genau diese erbaut wurde, ist nicht überliefert. Wie auch bei der Kenenburg in Oldeborg (Gemeinde Südbrookmerland) geht der Name wohl auf Keno Kenesna, den Begründer des Geschlechts der tom Brook zurück.

Die tom Brook besaßen, wie alle führenden Herrschaftsgeschlechter des Norderlandes, ein Anwesen am Norder Marktplatz als Zentrum des florierenden Viehhandels in Stadt und Umland. Ihre dortige Burg umfasste die heutigen Hausnummern 10 bis 11 und die ehemalige Hausnummer 9. Dies erklärt, warum diese Häuserzeile aus dem Bild des südlichen Marktes deutlich sichtbar hervorragt. In der Lebengeschichte des Hayo Rykena und des Ubbo Emmius wird der Engenahof bzw. die Kenenburg als großes Steinhaus beschrieben.[1] Offenbar gehörte auch ein Bauernhof mit rückwärtig gelegenen Stallungen und Schuppen zum Anwesenden, was auch im Stadtzentrum seinerzeit nicht ungewöhnlich war.[2]

Nach dem Sieg von Focko Ukena über die tom Brook bei der Schlacht auf den Wilden Äckern fiel die Burg an die mit ihnen versippten Idzinga.[3] Nach dem Tode der letzten Idzinga, Hima, die 1439 kinderlos im Kloster Marienthal verstarb, fiel die Burg von Rechts wegen an Edzard Cirksena als ostfriesischen Landesherren und danach an seinen Bruder Ulrich Cirksena.[4] Die Cirksena hatten als Grafen Ostfriesland unmittelbaren Anspruch auf die Besitztümer der nun ausgestorbenen Idzinga.

Später fiel die Burg an die Engena, die ihren Hauptsitz vermutlich in Engerhafe (Gemeinde Südbrookmerland) hatten, was in unmittelbarer Nachbarschaft zu der ursprünglich im benachbarten Oldeborg ansässigen tom Brook lag. Wie genau das Anwesen in ihren Besitz gelangten, lässt sich mangels Quellen nicht mehr genau nachvollziehen. Denkbar ist, dass sie bei einem den Cirksena an Macht überlegenen Fürsten auf Überlassung von Besitztümern der tom Brook als legitime Nachfolger klagten. Dies war in früheren Zeiten nichts ungewöhnliches, gab es doch keine ordentlichen Gerichte in ihrer heutigen Form.

Von Remet Engena vererbte sich der Engenahof auf die Familie des Bürgermeisters Hayo Rykena. Dieser wiederum vermacht ihn seinem Neffen und Erben Erhard Lüppena, einem Abkömmling des Geschlechts der Häuptlinge von Soltborg (heute ein Teil der Gemeinde Jemgum im Landkreis Leer).[5] Dieser erbaute das bis heute bestehende Gebäude im Jahre 1617 und behielt den üblichen Namen bei. Lüppena wurde von 1620 bis 1643 Bürgermeister von Norden. Hierbei dürfte ihm sein prachtvoller Besitz sicherlich bei der Erlangung dieses Amtes behilflich gewesen sein. Das neue Gebäude war jedoch wesentlich kleiner als sein Vorgängerbau und umfasste nur die heutige Hausnummer 10. Die Nummern 9 (Holzhandlung Frericks) und 11 (Haus Monsieur) wurden erst später errichtet.

Das weitere Schicksal des Anwesens ist zurzeit ungewiss. Sicher ist hingegen, dass 1836 der obere Giebel durch den Kaufmann Reinhard Rahusen auf das bis dahin eingeschossige Gebäude aufgemauert wird.[6] Nachdem das Gebäude fortan weitere Jahre als Wohnhaus genutzt wurde, baute der Norder Verleger Diedrich Gerhard Soltau es 1884 oder 1885 zu einer Herberge um, die er am 13. März des letztgenannten Jahres einweihte und den Namen Herberge zur Heimat gab. Hier konnten vor allem arbeitslose, wandernde Handwerksburschen gegen ein geringes Entgelt Essen und Unterkunft finden.[7][8]

Ungefähr seit der Jahrhundertwende befand sich im Gebäude das sogenannte Vereinshaus, das verschiedene Norder Vereine als Ort für Veranstaltungen nutzten. Seit Mitte oder Ende der 1920er Jahre und noch bis 1945 war das ehemalige Vereinshaus dann die Parteizentrale der NSDAP. Nur wenige Monate nach Kriegsende, im Oktober 1945, bezog die Polizei Norden das Gebäude, die bis dahin in der Dritten Schwester ansässig war.

1970 wurde das Gebäude bis auf den Keller und die Fassade gen Marktplatz abgebrochen und neu errichtet. Heute stehen die historischen Bestandteile unter Denkmalschutz. Die benachbarte Frericks'sche Holzhandlung wurde 1978 ebenfalls abgebrochen, auf dem rückwärtigen, zur Holzhandlung gehörenden Gelände entstanden ein Nebengebäude mit zwei Dienstwohnungen für den Hausmeister und den Schirrmeister nebst Garagen. Hier befinden sich heute unter anderem eine Abteilung des Ermittlungsdienstes.

Die Fassade des Hauptgebäudes wurde letztmalig 2010 renoviert, das Dach wurde 2017 wegen Baufälligkeit erneuert, der überwiegende Teil des Gebäudeinneren besteht jedoch noch originalgetreu aus den 1970er Jahren und gleicht daher einem Museum, was wohl insbesondere auf die traditionelle Geringschätzung der Polizei bei der Zuweisung von Mitteln aus dem Landeshaushalt zurückzuführen ist. Seit der Jahrtausendwende bestehen Planungen zu einem Neubau, die jedoch bis heute aus den genannten Gründen nicht umgesetzt wurden.

Beschreibung

Das Haus ist giebelständig zum Markt hin ausgerichtet, der traufständige Gebäudeteil an der rechten Seite des Hauses war ursprünglich ein eigenständiges Giebelhaus, das im 19. Jahrhundert seinen Giebel verlor und neu aufgemauert worden.[9] Von diesem Gebäudeteil blieb lediglich die Fassade erhalten. Dahinter befindet sich seit 1970 ein Neubau.[10] Die Jahreszahl 1836 am oberen Giebel datiert auf das Jahr der Aufmauerung des oberen Giebels.

Zwischen dem ersten und dem zweiten Obergeschoss des giebelständigen Gebäudeteils gibt es drei Kartuschen aus Sandstein, von denen die linke das Wappen der Erbauerfamilie Lüppena zeigt, während die rechte ein gespaltenes Schild ziert, das möglicherweise das Wappen der Familie Rykena zeigt. In der mittleren Kartusche ist das Baujahr 1617 zu sehen.[9]

Über der rechteckigen Eingangstür befindet sich ein Oberlicht mit geschwungenen Füllhörnern.[11] Über den Fenstern im Erd- und ersten Obergeschoss befinden sich doppelte Entlastungsbögen mit Diamantquaderung. Sie zeigen, dass das Haus zu seiner Erbauungszeit mit Kreuzstockfenstern ausgestattet war.

Einzelnachweise

  1. Dekker, Gudrun Anne (2010): Ubbo Emmius: Leben, Umwelt, Nachlass und Gegenwart, Norderstedt, S. 171
  2. Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 46
  3. Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 29
  4. Schweckendick, W. (1843): Frisia - eine Zeitschrift zur Belehrung und Unterhaltung, Band 1, Emden, S. 42
  5. Canzler, Gerhard (1989): Norden - Handel und Wandel, Norden
  6. Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 103
  7. Basse-Soltau, Ursula (2007): Biographie des Diedrich Gerhard Soltau, veröffentlicht bei der Ostfriesischen Landschaft
  8. Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 202
  9. 9,0 9,1 Pühl, Eberhard (2007): Alte Backsteinhäuser in Ostfriesland und im Jeverland. Backsteinbauten des 15. bis 19. Jahrhunderts, Oldenburg, S. 164
  10. Kiesow, Gottfried (2010): Architekturführer Ostfriesland, Bonn S. 993
  11. Dehio, Georg (1992): Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler: Bremen, Niedersachsen. 2. Auflage, München, S. 993

Siehe auch