Gräfliches Haus
Gräfliches Haus | |
|---|---|
| Basisdaten | |
| Entstehungszeit | 16. Jahrhundert |
| Erbauer | Katharina von Schweden |
| Bauweise | repräsentatives Stadthaus |
| Erhaltungszustand | erhalten |
| Genaue Lage | Am Markt 6
26506 Norden |
Das (Hoch-)Gräfliche Haus wurde ursprünglich als Wohnhaus errichtet. Seinen Namen hat es von Edzard Ferdinand Cirksena erhalten, der hier als Graf von Norden residierte. Hauptnutzer seit 1922 ist die Firma Otto G. Soltau GmbH, wobei der Betrieb nur den rechten, ursprünglichen Teil des einst wesentlich größeren Hauses einnimmt. Der linke Teil wurde 1906 für den Bau des Postamtes abgebrochen und beherbergte dieses bis zum Neubau.
Geschichte
Das erst später so genannte Gräfliche bzw. Hochgräfliche Haus wurde vermutlich im 16. Jahrhundert errichtet und im 17. Jahrhundert erstmalig ausgebaut. Ursprünglich erstreckte es sich auf zwei Grundstücke mit den einstigen Hausnummern 6 1/2 und 7.
ehem. Nr. 7
Als erster bekannter Eigentümer des Hauses 6 1/2 bzw. 7 (linker Teil; nachfolgend nur noch Nr. 7 genannt) wurde der 1625 verstorbene Hofgerichtssekretär Dr. Viglius Wiarda im Jahre 1627 erwähnt. Ihm folgte als Eigentümerin bis mindestens 1632 seine Witwe.[1]
ehem. Nr. 8
Erster bekannter Eigentümer der Nr. 8 war der Hofgerichtsassessor Dr. Caspar Alteneich.[2] Dessen Witwe Dirkjen König verkaufte das Haus am 8. Dezember 1630 an Graf Ulrich II. von Ostfriesland.[3] Erbaut wurde das Gebäude jedoch wahrscheinlich von Katharina von Schweden (1584-1638) aus dem Hause Wasa, Witwe von Graf Edzard II., durch dessen Heirat mit der Tochter aus dem Geschlecht der Wasa die Cirksenas in den europäischen Hochadel aufstiegen.[4]
1665 wurde das Gebäude von Edzard Ferdinand, dem dritten Sohn von Ulrich II. Cirksena bezogen, der sich hier nachfolgend einen eigenen, kleinen Hofstaat einrichtete und daher auch als Graf von Norden in die ostfriesische Geschichte eingegangen ist. Sein Vater hatte das Haus im Jahre 1630 von der Witwe des Caspar Alteneich erworben. Drei Jahre zuvor erwarb Edzard Ferdinand bereits das Ekeler Torenhus.[2]
1668 starb Edzard Ferdinand, sodass der Besitz an seinen Sohn Friedrich Ulrich fiel. Nach dessen Tod im Jahre 1710 wiederum fiel es an den Grafen von Wied-Runkel, der die Tochter von Friedrich Ulrich geheiratet hatte und damit erbberechtigt war. 1694 und 1708 wurde das ohnehin schon stattliche Gebäude durch den Ankauf und den Ausbau in nördlicher Richtung weiter vergrößert und erhielt einen Treppenturm ähnlich der des Torenhuses und des Alten Rathauses.[2][4]
Am 20. Juli 1755 erwarb der Ratsherr Gerhard Thodens Thoden das aus vier Oberkammern, einem großen Saal, fünf Hinterkammern, zwei Küchen und einem ansehnlichen Vorhaus nebst zweier gewölbter Keller und einer Scheune bestehende Anwesen von Fürstin Marie Charlotte von Ostfriesland (1689-1761) zum Preis von gerade einmal 2.000 Gulden.[5] Seit 1793 gehörte der Familie Thoden (van Felsen oder Velsen) auch das Haus Vienna.[4][6]
Nur wenige Tage später, am 21. August 1755 verkaufte Thoden dem Baron von Closter, vermutlich Gerhard Sigismund Baron von Closter (1717-1776) den östlichen Flügel des Gebäudes sowie den südlich liegenden Keller.[2][4][5] Der Baron hatte diesen bereits seit geraumer Zeit gemietet. Das gesamte Haus wurde seit dieser Zeit auch Kloster genannt, obgleich es mit einem solchen nichts gemein hatte.[2][4] Den restliche Teil des Hauses behielt Thoden für sich. Nach seinem Tod erbten seine vier Töchter den verbliebenen Besitz am Haus.[7]
Die Töchter verkauften den Besitz am 8. Juli 1782 an Justizrat Hedden für 4.082 Gulden. Am 27. März 1786 erwarb der ehemalige Bürgermeister Nordens, Enno Ludwig Franzius, den Teil des Hauses. Von diesem wiederum ging es am 14. Mai 1791 an Karl Gustav Freiherr von Inn- und Knyphausen aus Leer zum Preis von 2.300 Reichstalern.[7][8]
Der Familie von Closter gehörte später auch kurzzeitig der benachbarte Gasthof Jerusalem.[9] Sie verkauften den rechten Teil des Gräflichen Hauses am 6. Oktober 1851 an den Gastwirt Ocke Meewes Verwer (oder Verver) für 4.700 Reichstaler in Gold. Den linken Teil kaufte der Magistrat der Familie Inn- und Knyphausen am gleichen Tag ab.[10]
Am 24. Januar 1859 verkaufte der Magistrat den linken Gebäudeteil dem königlichen Generalpostdirektorium für 3.400 Taler in Gold.[10] Von da an bis zur Fertigstellung des Neuen Postamts befand sich hier das Kaiserliche Postamt.[8][11]
Auf Antrag Ververs wurde 1872 der östlich vom Gräflichen Hause liegende und zu diesem gehörende Garten nebst Scheune vom Gasthof Jerusalem abgetrennt und dieser an ihn überschrieben.[9]
Um Platz für den Neubau des Postamts zu schaffen, wurde der linke Teil des Gräflichen Hauses 1906 abgebrochen, sodass seitdem und bis heute nur noch der rechte verblieb, in dem sich von 1861 bis 1922 der Soltau Kurier Norden und seit der Trennung nur noch die Druckerei von Otto G. Soltau befindet.[12] Soltau hatte den rechten Gebäudeteil offenbar seit 1861 gepachtet und wurde erst später dessen Eigentümer. Bis heute ist das Gebäude Sitz der Druckerei. Seit dem 30. April 2015 ist hier neben der Druckerei auch der Radiosender Radio Nordseewelle ansässig.[13]
Beschreibung
Das Gebäude ist ein zweigeschossiger Backstein- bzw. Klinkerbau. Von dem ehemaligen Treppenturm sowie dem linken Gebäudeteil ist seit dem Bau des benachbarten Postamtes nichts mehr vorhanden.
Trivia
Unmittelbar nach Beginn des Ersten Weltkriegs brachte der Ostfriesische Kurier ein Extrablatt heraus. Bei der Ausgabe sammelte sich eine jubelnde Menschenmenge vor dem Gebäude und sang gemeinsam das patriotische Lied Die Wacht am Rhein.[14]
Galerie
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Aufnahme aus der Zeit um 1872.
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Vor dem Bau des Postamtes befand sich dieses im benachbarten Gräflichen Haus (um 1880).
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Aufnahme aus der Zeit um 1900.
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Nähere Ansicht (ebenfalls um 1900). Rechts die heutige Eingangstür zu Otto G. Soltau.
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Aufnahme vom 6. April 2003.
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Mit Radio Nordseewelle, zwei Tage nach Sendestartbeginn - Aufnahme vom 2. Mai 2015.
Einzelnachweise
- ↑ Schreiber, Gretje (1992): Der Norder Marktplatz und seine Geschichte bis heute, Aurich, S. 31
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 70
- ↑ Schreiber, Gretje (1992): Der Norder Marktplatz und seine Geschichte bis heute, Aurich, S. 36
- ↑ 4,0 4,1 4,2 4,3 4,4 Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 191
- ↑ 5,0 5,1 Schreiber, Gretje (1992): Der Norder Marktplatz und seine Geschichte bis heute, Aurich, S. 32
- ↑ Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 38
- ↑ 7,0 7,1 Schreiber, Gretje (1992): Der Norder Marktplatz und seine Geschichte bis heute, Aurich, S. 33
- ↑ 8,0 8,1 Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 192
- ↑ 9,0 9,1 Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 44
- ↑ 10,0 10,1 Schreiber, Gretje (1992): Der Norder Marktplatz und seine Geschichte bis heute, Aurich, S. 35
- ↑ Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 9
- ↑ Internetseite des Soltau Kurier Norden, abgerufen am 12. März 2021
- ↑ Bekanntmachung der Niedersächsischen Landesmedienanstalt, abgerufen am 8. Mai 2021
- ↑ Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 14