Haus Vienna
Haus Vienna | |
|---|---|
| Basisdaten | |
| Entstehungszeit | um 1550 |
| Erbauer | Häuptlingsgeschlecht Manninga |
| Bauweise | Steinhaus |
| Erhaltungszustand | erhalten |
| Genaue Lage | Am Markt 55
26506 Norden |
Das Haus Vienna ist ein denkmalgeschütztes Gebäude am nordwestlichen Marktplatz. Heute wird es auch im Allgemeinen als Bürgerhaus bezeichnet. Im Laufe seiner Geschichte hatte es 26 nachweisbare Besitzer. Benannt ist es nach der hier ab 1926 wohnhaften Familie Vienna, begonnen mit Sieben Vienna.
Geschichte
Das Steinhaus wurde spätestens um 1600 von Wilhelm zu Innhausen und Knyphausen, Graf von Lütetsburg, auf dem Platz eines Vorgängerbaus errichtet.[1] Wahrscheinlich war der Vorgängerbau, ebenso wie Schloss Lütetsburg selbst, von den Manninga erbaut worden. Neuere Untersuchungen belegen, dass das Gebäude wohl bereits aus der Zeit um 1550 stammt.[2]
Erster bekannter Besitzer eines Hauses auf diesem Grundstück war Albrecht Schwinge, ein Sohn des Hieronimus Schwinge aus Oldenburg und Tjade von Rhaude. Albrecht Schwinge wurde als unangenehmer Zeitgenosse beschrieben, der mehrfach eine Gefängnisstrafe verbüßte und mit der Familie zu Innhausen und Knyphausen im Streit lag. Aus Prozessakten geht hervor, dass Wilhelm zu Inn- und Knyphausen seit 1612 Besitzer des Hauses war.[2] Er vermachte es seinen vier Söhnen.[2][3]
Ab 1722 wechselte das Haus mehrfach den Besitzer. So wohnten hier der Amtsverwalter von Norden, Dr. Hajo Laurenz Damm, später stand das Haus im Eigentum von Kaufleuten und anderen Personen.[3] So erwarb 1793 ein Abkömmling der niederländisch-ostfriesischen Familie Thoden van Velsen das Haus, denen zuvor auch das Gräfliche Haus gehörte. Ab 1838 wohnte hier ein Carl Friedrich Arndt. Ihm folgt nach 1872 ein Kaufmann namens Gerdes bzw. dessen Witwe.[4]
Aus Verkaufsunterlagen aus dem Jahr 1864 geht hervor, dass zum Haus eine Scheune gehörte, die im Zusammenhang mit dem Verkauf an einen Nachbarn namens Rösingh erwähnt wird. In den Jahren 1914 bis 1919 versuchte ein Herr Rosenboom ein Lichtspieltheater (Kino) in Betrieb zu nehmen und Regierungsbausekretär Albers bemühte sich 1921 vehement, in einem umfangreichen Schriftwechsel mit der Stadt Norden, um den Einbau von Zwischenwänden, um so die Zahl der Räume für seine Kinder zu vergrößern.[3]
1926 kam das Haus schließlich in den Besitz der namensgebenden Familie Vienna, als es von Sieben Vienna erworben wurde.[4] Nach dem Tod der letzten Einwohnerin kaufte der Landkreis Aurich 1994 das Haus, um es vor einem weiteren Verfall oder gar Abriss zu bewahren und stattdessen grundlegend in den darauffolgenden Jahren unter eigener Regie und mit schwieriger Finanzierung durch eigene Haushaltsmittel zu restaurieren. Das Gebäude war umlaufend mit einem Zementputz versehen worden, hatte moderne große Fenster erhalten und in seinen Innenräumen höher gelegte Böden, eingezogene Decken, zusätzliche Schornsteine und absperrende Teerpappen gegen Feuchtigkeit erhalten.[3]
Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Keller mit Stahlbeton verstärkt bzw. verbunkert und diente als Luftschutzbunker.[5] Von dieser einstigen Verbunkerung ist heute nichts mehr zu erkennen.
Die Restaurierung wurde in den ersten dreieinhalb Jahren ausschließlich von kaum oder gar nicht deutschsprechenden Zuwanderern aus Weißrussland geleistet, die aus verschiedenen Berufssparten kommend, in einer Maßnahme nach dem Bundessozialhilfegesetz (BSHG) von der Kreisvolkshochschule betreut und eingesetzt wurden. Der Zuwandererstrom aus den östlichen Ländern ließ 1997 nach, die BSHG-Gruppen wurden kleiner und so musste ab 1998 mit Unterstützung des Arbeitsamtes in mehreren Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen die Restaurierung weitergeführt werden. Baumaßnahmen an der Dachkonstruktion, Klempnerarbeiten, Sandsteinarbeiten, der technische Ausbau, wurden von hiesigen Firmen ausgeführt. Die Bleiverglasung in den halbachsigen Fenstern und den Kreuzstock-Fenstern, typische Merkmale der Renaissance, wurden von einer Künstlerin aus Lettland gefertigt und von ABM-Kräften eingebaut. 2000 wurden die Arbeiten abgeschlossen.[3]
Seit 2008 gehört das Gebäude der Bürgerstiftung Norden, die das Gebäude vom Landkreis Aurich für 70.000 Euro erwarb und seitdem als Bürgerhaus bezeichnet.[6] Der Begriff hat längst Eingang in den Norder Alltagssprachgebrauch gefunden. Mit dem Kaufvertrag ging die Stiftung die Verpflichtung ein, das Gebäude zukünftig für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.[7] Neben standesamtlichen Trauungen kann das Gebäude auch für Veranstaltungen genutzt bzw. gemietet werden.
Beschreibung
Außenbeschreibung
Das Gebäude steht giebelständig in Richtung Marktplatz. Im vorderen Bereich ist es einstöckig, im hinteren zweistöckig. Dieser Bereich ist selbst bei Veranstaltungen nicht öffentlich zugänglich. Das Bauwerk ist insgesamt 22 Meter lang und 8,20 Meter breit. Die Außenmauern sind zwischen 50 und 70 Zentimeter dick, bestehen aus Backsteinen im Klosterformat im Vollmauerwerk.[3]
Der zum Markt zeigende Giebel ist mit Sandsteinbändern, sogenannten Specklagen, sehr aufwendig gestaltet. Architektonisch herausragend ist zudem der große Saal, der heute für Veranstaltungen genutzt wird und der im Zuge der Restaurierung sein ursprüngliches Aussehen wiedererlangt hat. Er ist etwa 13 x 6,5 Meter groß. Die Giebelwand zum Wand wird durch zwei hohe Kreuzstockfenster akzentuiert, dazwischen befindet sich der Kamin. Der Fußboden besteht aus sogenannten Plaveuzen (antike Bodenbeläge).[1] Es handelt sich um sogenannte Bremer Floren, größere Back- oder Bruchsteine, die ursprünglich aus Bremen stammen sowie größere Tonplatten.[3] Auf der langen Westseite wird der Saal von einem Kreuzstockfenster und acht einachsigen Fenstern belichtet.
Innenbeschreibung
Das Haus ist mit drei großen Räumen unterkellert, die mit backsteinsichtigen Wänden und Tonnengewölben umgrenzt sind. Der Fußboden ist mit großen Klosterformatsteinen gepflastert. Im Erdgeschoss dominiert ein 100 qm und 5,10 m hoher Saal, mit einer Reihe bleiverglaster Fenster und einem neu errichteten Sandsteinkamin. Die Bodenfläche ist mit alten Tonbodenplatten ausgelegt und die 1792 abgesenkte Holzbalkendecken aus 400 Jahre alten Eichenbalken befindet sich wieder in ihrer um 50 cm höheren Position. Die Besonderheiten dieser Decke ist die sogenannte Mutter/Kind-Konstruktion (tragende Deckenbalken mit kleineren Querbalken) und aufgelegten Backsteinen als ursprünglich vorgesehener Brandschutz. Der nördliche Teil des Hauses ist zweigeschossig, mit einer Eingangssituation mit Kaminanlage und Bremer Floren ausgelegt.[3] Die Haustür führt von der Hofseite (Ostseite) direkt in den Saal. Seit der Restaurierung wird jedoch der Nordeingang benutzt. Auch die Deckenkonstruktion zeigt den originalen Zustand. Über den Deckenbalken aus Eichenholz liegen Kanthölzer, auf denen eine Backsteinschicht verlegt ist. Dies ist eine frühe Form des Brandschutzes, denn bei einem Brand des Dachstuhls ist der Saal vor dem Feuer geschützt. Wahrscheinlich war dies eine Folge des großen Stadtbrandes von 1531, ausgelöst durch Brandschatzungen des Balthasar von Esens.[1]
Der Keller besaß ursprünglich eine Balkendecke und wurde im 17. Jahrhundert mit einem Backsteingewölbe versehen. Der nördliche Gebäudeabschnitt ist in einer Länge von etwa 7 Metern zweigeschossig. Jedes Geschoss bestand aus einem Raum. An beiden Giebelseiten befanden sich Kamine, heute nur noch an der südlichen. Im Giebel sind Kreuzstockfenster und an den Seiten einachsige Fenster eingebaut. Die unteren Fenster besitzen wie die des Saals Holzklappen.[1]
Der untere Raum diente wahrscheinlich als Küche und der obere Raum zum Schlafen. Beide Räume verfügten über jeweils eine Toilette, was als Beweis für einen gehobenen Wohnkomfort gelten kann, denn üblicherweise waren solche Aborte in Nebengebäuden untergebracht.[1]
Trivia
In der Zeit um 1812 hatte das Gebäude die Hausnummer 573.[8]
Galerie
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Aufnahme vom 1. März 2009.
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Aufnahme vom 1. März 2009.
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Aufnahme vom 1. März 2009.
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 Pühl, Eberhard (2007): Alte Backsteinhäuser in Ostfriesland und im Jeverland. Backsteinbauten des 15. bis 19. Jahrhunderts, Oldenburg, S. 181f.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 Bericht der Ostfriesen Zeitung vom 18. Januar 2020
- ↑ 3,0 3,1 3,2 3,3 3,4 3,5 3,6 3,7 Geschichte des Norder Bürgerhauses, abgerufen am 10. Mai 2021
- ↑ 4,0 4,1 Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 38
- ↑ Auflistung von Bunkern auf Luftschutzbunker Wilhelmshaven, abgerufen am 19. Juni 2022
- ↑ Internetseite der Bürgerstiftung Norden, abgerufen am 10. Mai 2021
- ↑ Bericht der Ostfriesen Zeitung vom 12. Januar 2008
- ↑ Cremer, Ufke (1938): Die Hausnummern Nordens im Jahre 1812, Norden, S. 2