Vertriebenenlager Tidofeld
Vertriebenenlager Tidofeld | ||||||||
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| Basisdaten | ||||||||
| Kategorie | Orte in Tidofeld | |||||||
| Stadtteil/-viertel | Tidofeld | |||||||
| Genaue Lage | südlich der Heerstraße | |||||||
Das Vertriebenenlager Tidofeld war zwischen 1946 und 1960 eines der größten Aufnahmelager für Vertriebene und Flüchtlinge des Zweiten Weltkriegs in Niedersachsen. Es befand sich im heutigen Norder Stadtteil Tidofeld, südlich der Heerstraße und entstand auf dem Grund einer ehemaligen Wehrmachtskaserne, die in den letzten Kriegsmonaten sogar herausragende Bedeutung als Sitz des Seekommandanten Ostfriesland erreichte.
Geschichte

1939 - April 1945
Vor seiner Nutzung als Vertriebenenlager befand sich auf dem Gelände zunächst ein Ausbildungs- und Durchgangslager der Kriegsmarine der Wehrmacht, welches von 1938 bis kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs im Jahre 1939 errichtet wurde. Als Bauarbeiter kamen vor allem auch Wehrmachtssoldaten zum Einsatz.[1] Zuvor war die Fläche weitestgehend unbebaut und wurde für die Landwirtschaft genutzt.
Das Lager war der 4. Schiffsstammabteilung in Wilhelmshaven unterstellt und trug die Bezeichnung 5./8. Marine-Ersatzabteilung.[2] Während die 4. Schiffsstammabteilung den westlichen (Lager 1) stationiert war, befand sich im östlichen Teil die 5./8. Marine-Ersatzabteilung (Lager 2). Zeitweise waren letztgenannter Einheit auch Teile der Emder Marineartillerie sowie eine Motorkompanie zugewiesen.[3][4] Im Lager versahen junge Marinerekruten ihre Grundausbildung, besonders in den letzten Kriegsjahren wurden sie oft unmittelbar nach oder noch während der Ausbildung an der Front eingesetzt.[2] Die nationalsozialistischen Machthaber veranstalteten im Lager zudem alljährlich einen Tag der Wehrmacht.[3]
Zum Lager gehörten unter anderem eine Exerzierhalle, eine Turnhalle und verschiedene Lagergebäude sowie insgesamt 27 Baracken nebst Ziegelsteinbauten als Unterkünfte für die Mannschaftsdienstgrade.[4] Für die kommandierenden Offiziere des Lagers wurden zwei große Doppelhäuser (Baujahr 1939) an der heutigen Huntestraße (Nr. 4 - 7) errichtet. Die Gebäude sind bis heute erhalten und bewohnt. Auch das Unterkunftsgebäude der Mannschaften ist erhalten, wurde im Laufe der Jahre mehrfach saniert und umgebaut und wird heute von der Behindertenhilfe Norden genutzt. Bis zum Neubau im Jahre 2013 war in einem Teil dieses Gebäudes auch ein Kindergarten beheimatet, der sich seitdem im Winkel der Emsstraße und der Weserstraße befindet.[5]
Ab dem 2. November 1944 wurde die Kaserne zum Sitz des Seekommandanten Ostfriesland. Die Stelle wurde neu geschaffen, um die Marineeinheiten an der ostfriesischen Küste besser koordinieren zu können. Einziger Offizier in dieser Position war Admiral Kurt Weyher (1901 - 1991), dem sämtliche Marineeinheiten von Emden bis Wilhelmshaven (teilweise auch Küstengebiete in den Niederlanden) nebst der ostfriesischen Inseln unterstellt wurden. Gegen Kriegsende gab Weyher der Norder Obrigkeit sein Einverständnis für eine kampflose Übergabe der Stadt an die alliierten Truppen. Damit hatte er nicht unerheblichen Anteil daran, dass die Stadt den Krieg weitestgehend unbeschadet überstand.[6]
Mai 1945 - 1959
Noch vor dem offiziellen Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Norden und Umgebung zunächst von kanadischen Truppen besetzt und kam letztlich als Teil der Britischen Besatzungszone unter die Kontrolle der britischen Militärregierung. Das Lager selbst wurde zunächst von niederländischen Streitkräften besetzt. Die Briten erklärten das nördliche Ostfriesland nach dem Krieg zum Internierungsgebiet für rund 100.000 Soldaten. Auch auf dem Wehrmachtsgelände in Tidofeld errichteten sie ein Internierungs- und Entlassungslager für deutsche Kriegsgefangene ein, die hier befindlichen Baracken wurden von der Stadt Norden übernommen.[7] Die hier internierten Soldaten wurden von den Briten zwischen dem westlichen Raum der Weser und den Niederlanden gefangengenommen. Die Internierten galten formell als Kriegsgefangene, konnten sich jedoch weitestgehend frei bewegen und unterstanden anfangs noch ihren Vorgesetzten aus Kriegszeiten. Viele von ihnen verdingten sich in der Landwirtschaft und beim Torfabbau ein Zubrot.[8]
Am 9. Mai des Jahres explodierten im Lager rund 1000 Kilogramm Sprengstoff nach einer offenbar gezielten Sprengung durch kanadische Soldaten.[9][10] Der Sprengstoff stammt ursprünglich von den Sendestationen von Norddeich Radio in Utlandshörn und Osterloog, wo er Anfang April 1945 von der Wehrmacht gelagert wurde, um die Einrichtungen rechtzeitig vor der Einnahme durch die Alliierten sprengen zu können. Aufgrund vermehrter Luftangriffe auf diese Anlagen wurde der Sprengstoff ins Lager Tidofeld umgelagert.[10] Unter den größtenteils traumatisierten Einwohnern kommt es zu großem Schrecken angesichts der gewaltigen, unangekündigten Explosion.[9]
Ab Anfang 1946 begannen erste Planungen zur Aufnahme von Flüchtlingen und Vertriebenen, die aus den ehemals deutschen Ostgebieten und den ausgebombten Großstädten in großen Zahlen nach Ostfriesland und auch nach Norden kamen. Die Briten begannen daraufhin mit der Vergabe des Wohnraums. Das Gelände war mit seinen zahlreichen Baracken und Gebäude hierfür geradezu prädestiniert und gehörte schon bald mit insgesamt über 1.000 gleichzeitig dort wohnenden Menschen zu den größten Lager innerhalb der Grenzen der heutigen Bundesrepublik.
Die Verwaltung des Lagers wurde der Stadt Norden vom Landkreis Norden übertragen, da die kleine Gemeinde Lütetsburg mit ihrer ehrenamtlichen Verwaltung hierfür nicht in der Lage gewesen wäre. Die Stadtverwaltung äußerte diesbezüglich Bedenken, da eine Übernahme der Baracken auch dazu führen würde, dass der Stadt mehr Flüchtlinge und Vertriebene zugeteilt werden würden. Der Landkreis drohte der Stadt daraufhin latent, dass das Lager ansonsten der ausgebombten Stadt Emden zur Nutzung überlassen werden könnte, wodurch Norden wertvoller und dringend benötigter Wohnraum verloren gehen würde.
Wenngleich sie nun wenigstens ein Dach über dem Kopf hatten, lebten die Menschen auf engstem Raum. Privatsphäre gab es angesichts der engen Behausungen (etwa 30 Menschen teilten sich anfangs eine der insgesamt 28 Baracken) sowie gemeinsamer Sanitäranlagen und fehlender Trenntüren kaum. 1946 lebten hier bereits etwa 1.200 Menschen auf einer Fläche von nicht einmal 0,3 km². 1951 lebten rund 1.100 Menschen hier, Ende der 1950er Jahre waren es immer noch 750. Die Zahl wäre geringer ausgefallen, kämen zu den restlichen Vertriebenen nicht auch noch heimkehrende Kriegsgefangene. Die Arbeitslosenquote war angesichts eines geringen Angebots äußerst hoch und wurde für 1951 mit 70 % angegeben.[8]
Obgleich es erklärtes Ziel der Militärregierung war, die Bewohner nur kurzfristig in dem Lager zu quartieren und keine alten Nachbarschaften unter den manchmal aus dem gleichen Ort stammenden Vertriebenen aufkommen zu lassen, erreichten sie letztlich genau das Gegenteil und es entstand eine große Solidarität unter den Bewohnern. Bereits wenige Monate nach der Freigabe des Lagers entstanden neben mehreren, bescheidenen Handwerksbetrieben und Kaufmannsläden auch eine Schule, eine Gaststätte (Onkel Pitt's), eine Freiwillige Feuerwehr und sogar eine Barackenkirche. Die Räumlichkeiten dieser Kirche und die laufenden Kosten wurden unter den Bewohnern solidarisch geteilt und die drei im Lager vertretenen Konfessionen (evangelisch-lutherisch, evangelisch-baptistisch und römisch-katholisch) hielten ihre Gottesdienste abwechselnd ab.[8][11]
Bereits am 1. August 1946 wurde zudem eine Poststelle im Lager eröffnet, bei der auch die Baracken eigene postalische Erreichbarkeiten erhielten. Die Abschnitte des Lagers wurden in römischen Ziffern unterteilt, die Baracken bekamen arabische Ziffern. So war beispielsweise Tidofeld I/10 im ehemaligen Lager 1 (siehe oben) und dort die Baracke 10. Zum 13. August 1946 wurde im ehemaligen Unterkunftsgebäude der Mannschaften eine Schule eingerichtet, die bis heute gemeinhin als Lagerschule Tidofeld bekannt ist. Im Februar 1947 eröffnete eine Blechwaren- bzw. Drahtzaunfabrik in dem ehemaligen Unterkunftsgebäude, in dem auch die Schule ihre Räumlichkeiten hatte. Das ständige Hämmern störte den Unterricht ungemein.[4] 1962 zog hier die Lingener Wäschefabrik (Lincron) ein.[12] Seit 1975 wird die Wäscherei von der Behindertenhilfe Norden betrieben.
Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der weitestgehenden Rückgabe der Souveränität an die Deutschen kam auch das Lager unter die Kontrolle der örtlichen Behörden. Tidofeld, damals noch Teil der Norder Nachbargemeinde Lütetsburg, kam 1952 zu Norden und wurde 1996 schließlich ein eigenständiger Stadtteil. Mit dem Einsetzen des Wirtschaftswunders und dem fehlenden Angebot an Arbeitsplätzen in der Umgebung zog es mehr und mehr Bewohner in der Hoffnung auf Arbeit fort, vor allem in das prosperierende Ruhrgebiet.
ab 1960
Ursprünglich plante die Stadt Norden, die Siedlung in Tidofeld vollends aufzugeben. Die Bewohner sollten in dem (hauptsächlich) für sie errichteten Stadtteil Neustadt unterkommen. Doch für viele war der Ort so wichtig, dass sie nach zähen Verhandlungen erwirken konnten, dass eine neue Siedlung an der bisherigen Stelle errichtet wurde.[8] Bereits 1958 waren die ersten 111 Siedlungshäuser errichtet.[7] Am 28. Februar des Jahres Jahr wurde die erste Baracke (Nummer 28) abgerissen. Die letzte Baracke wurde 1964 abgerissen.[13] Bereits 1961 hatten mehr als 6.000 Personen das Lager durchlaufen.
Wo sich heute die Jadestraße und die Allerstraße erstrecken, befand sich bis zum Neubau des Motodroms in Halbemond die Rennstrecke des Motorsportclubs Norden.[14] Der Verein hatte den ehemaligen Sportplatz am 14. Januar 1956 erworben und am 10. Juni des Jahres dort erstmals ein Rennen abgehalten.
Am 15. Juni 1961 erfolgte die Grundsteinlegung der Gnadenkirche Tidofeld als Nachfolger der bisherigen Lagerkirche. Am 19. Dezember 1961 wurde die neue Kirche mit einem Gottesdienst feierlich eingeweiht. Sie diente fortan der evangelisch-lutherischen Kirche. Heimatvertriebene, die Mitglieder anderer Konfessionen waren, schlossen sich den bestehenden Kirchengemeinden der Stadt Norden an. Aufgrund schwindender Besucherzahlen wurde die Gnadenkirche 2006 offiziell säkularisiert. Nach jahrelanger, schon ab 2005 beginnender Planungen und Vorbereitungen befindet sich in ihr seit 2013 eine Dokumentationsstätte, die sich mit dem Schicksal von von Flucht und Vertreibung betroffenen Menschen weltweit im Allgemeinen und der ehemaligen Bewohner Tidofelds im Speziellen widmet und am 2. November des Jahres für die Öffentlichkeit freigegeben wurde.[11]
Bewohner
Die allermeisten Bewohner kamen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten wie Schlesien, Pommern, Westpreußen und Ostpreußen. Insgesamt haben etwa 6.000 Menschen das Lager durchlaufen, jedoch nicht zeitgleich dort gelebt. Unter den vielen Bewohnern des Lagers befand sich auch ein Großonkel des bekannten deutschen Fußballtrainers Jürgen Klopp. Sein Großonkel, Reinhold Klopp, wurde mit seiner Familie nach dem Krieg aus Pommern vertrieben und kam zunächst in Tidofeld unter, bis er nach einigen Jahren in die Krummhörn zog.
Ein weiterer Bewohner war Werner Klemke, ein Grafiker, Trickfilmzeichner und Illustrator, der hier als (ehemaliger) Soldat der Wehrmacht nach Kriegsende von den Briten interniert wurde und Verfasser des wohl ersten deutschen Kinderbuchs der Nachkriegszeit ist.[15]
Bevölkerungsentwicklung
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Weiterführende Links
- Es war Heimat für mich – Die Geschichte des Flüchtlings- und Vertriebenenlagers Tidofeld, Online-Ausstellung der Gnadenkirche Tidofeld zum Thema Flucht und Vertreibung
Literatur
- 50 Jahre Tidofeld. 1946 - 1996
Einzelnachweise
- ↑ Foraita, Heinz (1985): Dein sind die Zeiten, Herr. Die Geschichte der Katholischen Gemeinde Norden. Herausgegeben zur 100-Jahr-Feier der St.-Ludgerus-Kirche zu Norden, Norden, S. 23
- ↑ 2,0 2,1 Forum der Wehrmacht (Zeitzeugenberichte)
- ↑ 3,0 3,1 Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 41
- ↑ 4,0 4,1 4,2 Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 146
- ↑ Flyer des Kindergartens in Tidofeld, abgerufen am 18. Mai 2021
- ↑ Lohmann, Walter / Hildebrand, Hans (1956): Die deutsche Kriegsmarine 1939 - 1945, Bad Nauheim, S. 3f.
- ↑ 7,0 7,1 Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 46
- ↑ 8,0 8,1 8,2 8,3 Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 45f.
- ↑ 9,0 9,1 Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 45
- ↑ 10,0 10,1 Geschichte der Sendestation Osterloog auf Rundfunk-Nostalgie.de, abgerufen am 5. April 2021
- ↑ 11,0 11,1 Geschichte der Gnadenkirche Tidofeld, abgerufen am 30. Juli 2021
- ↑ Auf den Spuren von Flüchtlingen, abgerufen am 18. Mai 2021
- ↑ Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 147
- ↑ Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 148
- ↑ Haddinga, Johann (2020): Ehrenplatz: Erstes Kinderbuch nach Kriegsende, in: Ostfriesischer Kurier vom 24. Dezember 2020, Nr. 300, S. 4