Sandbauerschaft
Sandbauerschaft | |
|---|---|
| Basisdaten | |
| Fläche | unbekannt |
| Einwohner | 1.290 (Stand: 1848) |
| Gründung | vermutlich um 884 |
| Eingemeindung | 1. April 1919 |
Die Sandbauerschaft war bis zu ihrer Eingliederung zum 1. April 1919 in die Stadt Norden eine selbständige Gemeinde mit mehreren Ortschaften, die den Stadtkern wie ein Dreiviertelring umschlossen. Ihre ehemaligen Ortsteile, beispielsweise Ekel und Westgaste, sind noch heute im alltäglichen Sprachgebrauch wichtige Ortsbezeichnungen.
Die ehemalige Gemeinde wird manchmal fälschlicherweise auch Sandbauernschaft genannt.
Namensherkunft
Der Name, welcher 1824 erstmalig amtlich erwähnt wird, umschreibt den Zusammenschluss der auf dem Sand siedelnder Bauern, die sich zu einer Bauerschaft (Gemeinwesen mehrerer Höfe) zusammengeschlossen hatten. Die Sandbauern waren also jene Bauern, die auf dem sandhaltigen Boden der Norder Geestinsel siedelten und das Land dort bestellten. Ihnen gegenüber standen die Marschbauern der tieferliegenden Marschgebiete: Westermarsch I (Erste Marschbauerschaft der Westermarsch, Westermarsch II (Zweite Marschbauerschaft der Westermarsch), Ostermarsch und Lintelermarsch. Die Norder Geestgebiete liegen höher als die Marschgebiete, was ihre Bodenbeschaffenheit erklärt. Sie waren zwar bedeutend weniger fruchtbar, lagen dafür jedoch weiter über dem Meeresspiegel und waren somit vergleichsweise sturmflutsicher.
Im Gegensatz zu den Namen aller anderen nach Norden eingegliederten Gemeinden spielt der Begriff Sandbauerschaft heute im amtlichen Sprachgebrauch keine Rolle und ist aus dem Bewusstsein der Bevölkerung weitestgehend verschwunden. Die Namen der ehemaligen Ortsteile (Ekel, Westgaste, ...) hingegen haben sich zumindest in der Alltagssprache erhalten und dienen als Orientierungspunkte.
Wappen
Es existieren keine Belege darüber, dass die Sandbauerschaft je ein Wappen geführt hat. Es ist davon auszugehen, dass kein Wappen geführt wurde, da es sich um eine eher unbedeutende Landgemeinde handelt. Allerdings präsentierten die ansässigen Adelsgeschlechter die Sandbauerschaft durch ihre Wappen.
Bevölkerungsentwicklung
Aufgrund mangelnder Belege aus der früheren Zeit kann eine genauere Bevölkerungsentwicklung nicht nachgewiesen werden. Zumindest für das Jahr 1848 sind gemäß statistischem Handbuch des Königreichs Hannover (Ostfriesland war zu dem Zeitpunkt ein Teil Hannovers) eine Einwohnerzahl von 1.290 nachgewiesen, die sich auf 201 Wohngebäude verteilten. Ein durchschnittlicher Haushalt bestand folglich aus sechs bis sieben Personen.
Geografie
Die Sandbauerschaft umschloss den Norder Stadtkern ringförmig und bestand aus mehreren Streusiedlungen. Ihre auf der Geest liegenden Siedlungen zählten zu den früher besiedelten Gebiete, da sie höher lagen als das Marschland und daher besser vor den Fluten geschützt waren. Die Altstadt befindet sich gar vollständig auf der Geest, die hier daher auch als Norder Geestinsel bezeichnet wird.
Die geografischen Grenzen der Sandbauerschaft lassen sich kaum festlegen, die verstreuten Siedlungen wuchsen vor allem nach der Eingemeindung mit der Kernstadt und untereinander zusammen. Hinzu kamen im Vorfeld immer weitere Landkäufe der Stadt, um das eigene, sehr begrenzte Territorium zu erweitern. Konkrete, amtliche Begrenzungen innerhalb der Sandbauerschaft hat es hierbei nie gegeben, weshalb keine genauen Grenzen zwischen den einzelnen, miteinander und mit der Altstadt verwachsenen Ortsteile gezogen werden können. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass weite Teile, die heute im Allgemeinen zu Norden gezählt werden, ursprünglich Bestandteil der Sandbauerschaft waren und dass sich beispielsweise manch Bewohner von Ostlintel eher Ekel zugehörig fühlt und umgekehrt.
Gliederung
Die Sandbauerschaft umschloss die Norder Altstadt von Westen nach Osten in einem Dreiviertelring. Zu ihr gehörten folgende Ortschaften (auch Rotten genannt), Wohnplätze und Güter:
Ortschaften: Ekel, Hollweg, Laukeriege, Mackeriege, Martensdorf, Mühlenlohne, Ostlintel, Westlintel, Westgaste sowie die westlichen Bereiche der Westerstraße, ungefähr ab der Weberslohne
Wohnplätze: Escher, Korndeich und Sandweg
Güter: Gut Barenbusch, Gut Ekel, Gut Wirde, Selden Rüst und Ziegelei
Geschichte

Die Entstehung der Sandbauerschaft scheint in einem relativ engen Kontext mit der Entstehung der Theelacht zu stehen. Die führenden Adelsgeschlechter (auch: Ethelingsgeschlechter), die ihre Sitze an den Geesträndern der Norder Altstadt hatten, hatten in der Bucht von Hilgenriedersiel, wo die legendäre Schlacht von Nordendi gegen die Normannen bzw. Wikinger im Jahre 884 stattgefunden haben soll, mehrere sogenannte Uthöfe, also Außenhöfe, von denen aus sie die umliegenden, fruchtbaren Landstriche bewirtschafteten. Deshalb wurden die von den siegreichen Friesen verteidigten bzw. zurück eroberten Landstriche auch stolz entsprechend der Herkunft ihrer Herren benannt: (West-)Gaster Theel, Linteler Theel, Ekeler Theel und Neugroder Theel.[1] Naheliegend ist, dass dieser gemeinsam errungene Sieg zur Gründung eines Gemeinwesens als Sandbauerschaft im Umfeld der sonst weniger landwirtschaftlich geprägten Norder Altstadt führte.
Die ältesten, gesicherten Belege über eine Besiedelung der Sandbauerschaft stammen indes aus dem späten 12. Jahrhundert. Zu dieser Zeit errichtete der Benediktinerorden das Kloster Marienthal auf dem Gelände der heutigen Seniorenwohnanlage der AWO Norden, das geografisch zu Ostlintel zählt. Das dazugehörige Land reichte von der Altenwohnanlage bis zur nordöstlichen Ecke des Norder Marktplatz. An das Kloster und seine Umlande erinnert heute noch unter anderem die Klosterstraße sowie eine Statue der Heiligen Maria auf dem Gelände der Wohnanlage.
Die in der Stadt residierenden und herrschenden Häuptlings- und Edelfamilien erbauten etwa ab dem 13. Jahrhundert mehrere Wehrtürme und Steinhäuser ringförmig um die Stadt, um diese bei Angriffen besser verteidigen zu können. Eine Stadtmauer hat es in Norden nie gegeben. Erbauer dieser Wehranlagen waren (bis auf die Oldeborg), wie vorgenannt, adelige Familien, die für die Entwicklung der Stadt Norden und des umliegenden Norderlandes große Bedeutung hatten. Um diese Wehranlagen siedelten sich Menschen an, die sich im Laufe der Zeit zu einzelnen Bauernschaften letztlich zusammenschlossen. Bereits anhand dieser Umstände ist das Gemeinwesen zwischen Sandbauerschaft und Stadt gut erkennbar. Auch die Tatsache, dass die Ludgerikirche ursprünglich die Kirche der Norder Umlandgemeinden und die benachbarte Andreaskirche für die Stadtbewohner war, lässt dies erkennen.
Seit alters her setzte sich die Gemeinde aus den oben genannten Ortschaften zusammen.[2] Alle Ortschaften haben gemein, dass sie auf der Geest liegen. Sie standen damit im Gegensatz zu den Bauern der Marsch. Da Marschboden wesentlich fruchtbarer ist, waren die Bewohner der Sandbauerschaft grundsätzlich ärmer als die äußerst reichen Marschbauern. Viele Bewohner verdingten sich daher auf den Höfen der umliegenden Marschgebiete. Funde einer mittelalterlichen Siedlung in Ekel deuten zudem auf eine arbeitsteilige Beziehung des Geestortes mit der Bevölkerung der umliegenden Marsch hin. Der wesentliche Vorteil der Sandbauern hingegen bestand darin, dass sie ihre Höfe und Ländereien kaum oder gar nicht gegen Sturmfluten zu sichern hatten. Die Marschbauern hingegen mussten ihre Höfe auf Warften errichten, die jedoch nicht die Ländereien vor den Fluten schützten. Auch die später entstehenden Deiche boten aufgrund ihrer unzureichenden Befestigung manchmal keinen Schutz vor dem Fluten, wie zahlreiche Katastrophen - so etwa die Erste Dionysiusflut - eindrucksvoll belegen.
Nach dem Ersten Weltkrieg kam es in Preußen zu einer Kommunalreform, in deren Folge die Sandbauerschaft zum 1. April 1919 ihre Eigenständigkeit verlor und nach Norden eingemeindet wurde. Auch in anderen Teilen Preußens wurde die Reform umgesetzt. Beispielsweise wurde die Stadt Wilhelmshaven am gleichen Tag vom Landkreis Wittmund getrennt. Der Eingemeindung gingen konfliktreiche Verhandlungen voraus. Besonders strittig war die Frage, ob es den Einwohnern der Sandbauerschaft auch nach dem Zusammenschluss erlaubt bleiben sollte, Hausschlachtungen durchzuführen, die für sie existenziell waren, für die Stadt aber schon allein aus hygienischen Gründen als kritisch galten. Letztlich einigte man sich auf einen Kompromiss, dass nur gewerbliche Schlachtungen im Schlachthof durchzuführen seien, während private weiterhin im eigenen Haushalt erlaubt seien.[3]
Verwaltung
Die Verwaltung der Gemeinde hatte ihren Sitz in den Vorderräumen der Alleestraße 33.[4] Der Verwaltung stand ein Gemeindevorsteher vor. Letzter Amtsträger vor der Eingemeindung war Popke Fegter.[5]
Bildung
- siehe auch: Liste der Schulen im Stadtgebiet
Lange Zeit hat es in der Sandbauerschaft keine Schule gegeben. Die Bevölkerung bestand weitestgehend aus Bauern, für die man weder die Notwendigkeit sah, ihnen Schulbildung zukommen zu lassen. Zudem verfügten diese in der Regel ohnehin nicht über die notwendigen Geldmittel, um ihren Kindern einen Schulbesuch zu ermöglichen. Die wenigen wohlhabenderen Familien besuchten städtische Schulen.
Ab 1878 gehörte der Gemeinde die Zingelschule, die aus der Klosterschule bzw. Gasthausschule hervorging. 1897 bis 1898 erbaute die Gemeinde die Ekeler Schule und die Westgaster Schule als weitere Lehreinrichtungen.
Religion
Innerhalb der Gemeinde hat es keine Kirchen gegeben. Vielmehr war die Ludgerikirche die Kirche der Norder Umlandgemeinden. Auch wurden die Toten der Sandbauerschaft auf dem Alten Friedhof, später dem Neuen Friedhof bestattet. Archäologische Funde lassen allerdings auf einen Alten Friedhof in Westgaste schließen.[6]
Gesundheit und Soziales
Die Sandbauerschaft war dem Armenverband Norden zugeordnet. In früheren Jahren war es üblich, dass die soziale Wohlfahrt von den Kirchen wahrgenommen wurde. Erst wesentlich später ging diese Aufgabe auf den Staat über.
Wirtschaft und Infrastruktur
Bis zu ihrer Eingemeindung war die Sandbauerschaft faktisch eine reine Agrargemeinde, hieran änderte auch der Bau der Eisenhütte im Jahre 1848 recht wenig, wenngleich diese eine nicht unerhebliche wirtschaftliche Bedeutung hatte. Da der sandreiche Boden wenig fruchtbar war, war die Auswahl an Pflanzen, die zu einer ertragreichen Ernte führten, sehr überschaubar. Von nicht unerheblicher Bedeutung war dabei der Anbau von Zichorien. Viele Bewohner der Sandbauerschaft verdingten sich zudem als Landarbeiter auf den Bauernhöfen in der Marsch.[7]
Noch bis in die Zeit nach der Eingemeindung nach Norden verwendete man in der Gemeinde Petroleum als Beleuchtungsmittel. Eine Gas- und Stromversorgung wurde erst in den Folgejahren realisiert. Die Wasserversorgung folgte gar erst gegen Ende der 1930er Jahre.[8]
Einzelnachweise
- ↑ Die Geschichte der Norder Theelacht, abgerufen am 7. September 2021
- ↑ Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 96
- ↑ Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 20
- ↑ Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 102
- ↑ Ramm, Heinz (1989): Popke Fegter (1874–1946). Sein Leben und sein Wirken im Norderland, Norden
- ↑ Imhoff, Mathilde (1985): Die Flurnamen der Deutschen Grundkarte (DGK5) 2409/1 Norden West, in: Heim und Herd, Beilage zum Ostfriesischen Kurier, 25. Mai 1985, Nr. 56
- ↑ Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 253
- ↑ Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 295
Quellenverzeichnis
- Arend, Fridrich (1824): Erdbeschreibung des Fürstenthums Ostfriesland und des Harlingerlandes, Emden, S. 396
- Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 20f.
- Remmers, Arend (2004): Von Aaltukerei bis Zwischenmooren. Die Siedlungsnamen zwischen Dollart und Jade, Leer 2004, S. 191
- Statistisches Handbuch für das Königreich Hannover von 1848
