Altstadtsanierung
Der Altstadtsanierung ab August 1968 fielen zahlreiche, historisch überaus bedeutsame Bauwerke Nordens zum Opfer. Im Zuge einer Flächensanierung rund um die Sielstraße und Kirchstraße verlor Norden unwiderbringlich einen wesentlichen Teil seiner historischen Bebauung. Kleine, das Ortsbild prägende Häuser wichen schmucklosen Neubauten ohne jeden Charme und auch Straßenzüge wurden in ihrem Verlauf gänzlich oder teilweise verändert.
Geschichte
Vorgeschichte
Die gesamte Norder Innenstadt war historisch betrachtet ein sehr eng bebauter Komplex aus den unterschiedlichsten Gebäuden. Dies liegt darin begründet, dass die hochwassersichere Norder Geestinsel, auf der die Kernstadt entstand, nur begrenzten Platz bot, zugleich aber immer mehr Menschen in den wohlhabenden und aufstrebenden Marktort zogen. Noch bis in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg waren viele Häuser eingeschössig.[1] Die kleinteilige Struktur lässt sich heute noch insbesondere an der innerstädtischen Osterstraße sowie dem Neuer Weg erkennen. Für letzteren markant ist neben der engen Bebauung auch die Tatsache, dass sich die Grundstücke sehr lang nach hinten ziehen, aber die jeweilige Gebäudebreite in der Regel nicht überschreiten. Zwischen den Häusern existierten manchmal Lohnen zur Anlieferung von Waren, manchmal wurden diese direkt mit einem Flaschenzug auf den Speicher (meist auf dem Dachboden) gehievt.
Das aus baugeschichtlicher und architektonischer Sicht katastrophale Altstadtsanierung hatte pragmatische Gründe, die die Maßnahmen der Planenden und Durchführenden in ein etwas besseres Licht rücken könnten: Der Zweite Weltkrieg hatte zu einer umfangreichen Vertreibung deutscher Staatsbürger aus den (ehemaligen) deutschen Ostgebieten wie Königsberg, Pommern, Ost- und Westpreußen sowie Schlesien (heute Polen, Tschechien und teilweise Russland) geführt. Die Vertriebenen kamen vor allem in Baracken wie denen im Vertriebenenlager Tidofeld unter oder wurden - nicht selten gegen den Willen der Besitzer - in Bauernhöfen, Wohnhäusern oder Geräteschuppen einquartiert. Die Wohnungsnot war enorm und da die Wirtschaft der jungen Bundesrepublik ab den 1950er Jahren immer mehr florierte, war genug Geld da, um dafür zu sorgen, dass jedermann eine adäquate Wohnung angeboten werden kann.
Anders als im Falle von Emden, das praktisch gänzlich durch alliierte Bomben zerstört wurde, war Norden nur vereinzelt Ziel von Luftangriffen geworden und hatte den Krieg dementsprechend glimpflich überstanden. In Emden galt es nach dem Krieg, möglicht schnell und möglichst günstig neuen Wohnraum zu bauen, um den Ausgebombten ein Dach über dem Kopf bieten zu können. Die Planenden dort hatten daher weder das Geld noch die Zeit, die historische Altstadt von Emden, die in ihrer Schönheit alle anderen ostfriesischen Städte mit Abstand in den Schatten stellte, zu restaurieren. In Norden war vielmehr der damalige Zeitgeist Schuld daran, dass so viele historische Bauwerke unwiderruflich verlorengingen. Man wollte das Alte hinter sich lassen und eine neue Stadt errichten; dadurch quasi den Schmutz der Vergangenheit abstreifen. Denkmalschutz spielte damals noch praktisch keine Rolle und wenn, dann nur in den Köpfen einiger weniger weitsichtiger Mitbürger. Allerdings waren viele Gebäude auch derart heruntergekommen und nicht mehr zeitgemäß, dass oftmals gar keine Alternative zu einem Abbruch im Raume stand. Im Falle der Sielstraße, der Kirchstraße und der umliegenden Wege waren weder angemessene Energieversorgungsmöglichkeiten noch eine Abwasserung vorhanden. Die hygienischen Bedingungen dort waren katastrophal und wurden vom Stadtrat in ihrer Beschlusssitzung zur Flächensanierung vom November 1962 gar als menschenunwürdig bezeichnet.[2]
Umsetzung
Kleinere Abbruch- und Sanierungsmaßnahmen fanden bereits Anfang der 1960er Jahre statt, so fiel etwa die rechte der Drei Schwestern bereits 1963 dem Bau von Parkplätzen zum Opfer.[3] Unklar ist, warum Rat und Verwaltung in Anbetracht dieser für damalige Zeiten unfassbar hohe Summe von 50 Millionen DM nicht rechtzeitig für einen Architektenwettbewerb aufgewandt wurden, der bestenfalls die Erhaltung der historischen Struktur bewirkt hätte.[4]
Nach einiger Planung wurde schließlich am 29. August 1968 damit begonnen, zunächst den südlich des Marktplatzes gelegenen Teil abzureißen.[5] Dieser Flächensanierung fielen nahezu alle historischen Bauten der Sielstraße, der Kirchstraße, der Großen Lohne und Steenbalgen sowie der westlichen Uffen- und Heringstraße zum Opfer.[2][6] Das gemeinnützige, dem Deutschen Gewerksschaftsbund gehörende Bauunternehmen Neue Heimat sowie die Nordwestdeutsche Siedlungsgesellschaft ließen hier die bis heute bestehenden Mehrparteien- bzw. Hochhäuser errichten, der Bund stellte erhebliche Finanzmittel in Höhe von 50 Millionen DM zusammen und erklärte das Projekt zu einem Studien- und Modellvorhaben.[2] Mit den Gebäuden wurde auch die kleinteilige Struktur vollständig und unwiderruflich zerstört. Auch die Straßenverläufe wurden ganz oder teilweise verändert. Anhand des anliegenden Burggrabens lässt sich jedoch noch die ehemalige Bebauung, die vor allem aus derartigen, eingeschössigen Kleinhäusern bestand, nachvollziehen. Die Häuser dort entgingen nur knapp dem gleichen Schicksal, nachdem die Norder Bürgerschaft in erschreckendem Anbetracht der das Stadtbild verschandelnden Wohnblocks wachgerüttelt wurde. Statt den Burggraben ebenfalls zu planieren, entschied man sich hier für die Rettung und Sanierung der Häuserreihen.[7]
Neben den Hochhäusern legte man vor dem Hintergrund des sich verschärfenden Kalten Krieges und der damit immer präsenten Gefahr eines nuklearen Erstschlags durch die Sowjetunion einen atomwaffensicheren Tiefbunker unter dem heutigen Jan-ten-Doornkaat-Koolman-Platz an. Der Bunker wird heute überwiegend als Tiefgarage genutzt, große Teile der Bunkeranlage wie Sanitär- und Maschinenräume sind nicht frei zugänglich.
Bedrohte Gebäude
Vor allem den Initiativen einzelner Bürger sowie Gemeininitiativen wie dem Arbeitskreis für Stadterhaltung und -erneuerung ist zu verdanken, dass mehrere historisch bedeutsame Gebäude erhalten blieben. Unmittelbar vom Abriss bedroht waren folgende (erwähnenswerte) Gebäude:
Abgebrochene Gebäude
- Dritte Schwester (1963)
- Herrnhuter Kapelle (1970)
- abgängige bzw. historische Bauten der Sielstraße, Kirchstraße, Große Lohne, Steenbalgen sowie der westlichen Uffen- und Heringstraße
- mehrere Häuser an der Osterstraße, wie beispielsweise die Hausnummer 10
Wiedererrichtete Gebäude
Die rechte der Drei Schwestern wurde 1991 anhand von Bildaufnahmen originalgetreu wieder hergerichtet.[3]
Einzelnachweise
- ↑ Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 233
- ↑ 2,0 2,1 2,2 Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 78
- ↑ 3,0 3,1 Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2001): Norden/Norddeich – Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 74
- ↑ Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 79
- ↑ Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 77
- ↑ Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 44
- ↑ Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 24