Haus Vienna

Aus Norder Stadtgeschichte
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Haus Vienna

{{#multimaps: Title = Haus Vienna Text = Gebäude in Norden center = 53.59600281577588, 7.201590715861971 circle = 53.59600281577588, 7.201590715861971 : 20 zoom = 18 width = 300px height = 300px

}}

Basisdaten
Entstehungszeit um 1600
Erbauer Häuptlingsgeschlecht Manninga
Bauweise Steinhaus
Erhaltungszustand erhalten
Genaue Lage Am Markt 55/56

26506 Norden

Das Haus Vienna ist ein denkmalgeschütztes Gebäude am westlichen Marktplatz. Heute wird es auch im Allgemeinen als "Bürgerhaus" bezeichnet.

Geschichte

Das Steinhaus wurde um 1600 von Wilhelm zu Innhausen und Knyphausen, Herr von Lütetsburg, auf dem Platz eines Vorgängerbaus errichtet.[1] Wahrscheinlich war der Vorgängerbau, ebenso wie Schloss Lütetsburg selbst, von den Manninga erbaut worden.

Erster bekannter Besitzer eines Hauses auf diesem Grundstück ist Albrecht Schwinge, ein Sohn des Hieronimus Schwinge aus Oldenburg und Tjade von Rhaude. Albrecht Schwinge wird als unangenehmer Zeitgenosse beschrieben, der mehrfach eine Gefängnisstrafe verbüßte und mit der Familie zu Innhause und Knyphausen im Streit lag. Aus Prozessakten geht hervor, dass Wilhelm zu Inn- und Knyphausen vor und nach 1610 Besitzer des Hauses war. Er vermachte es seinen vier Söhnen.[2]

Ab 1722 wechselt das Haus den Besitzer und das in den darauffolgenden Jahren mehrfach. Es beherbergt den Amtsverwalter von Norden, Dr. Hajo Laurenz Damm für eine gewisse Zeit, wird sowohl von Kaufleuten als auch von Privatpersonen bewohnt. 1864 wird von der Existenz einer zum Haus gehörenden Scheune, im Zusammenhang mit dem Verkauf an den Nachbarn Rösingh, berichtet. In den Jahren 1914 bis 1919 versucht ein Herr Rosenboom ein Lichtspieltheater in Betrieb zu nehmen und Regierungsbausekretär Albers bemüht sich 1921 vehement, in einem umfangreichen Schriftwechsel mit der Stadt Norden, um den Einbau von Zwischenwänden, um so die Zahl der Räume für seine Kinder zu vergrößern.[2]

1926 kommt das Haus in den Besitz der Familie Vienna. Nach dem Tod der letzten Einwohnerin kauft der Landkreis Aurich 1994 das Haus, um es vor einem weiteren Verfall oder gar Abriss zu bewahren und stattdessen grundlegend in den darauffolgenden Jahren unter eigener Regie und mit schwieriger Finanzierung durch eigene Haushaltsmittel zu restaurieren. Das Gebäude war umlaufend mit einem Zementputz versehen worden, hatte moderne große Fenster erhalten und in seinen Innenräumen höher gelegte Böden, eingezogene Decken, zusätzliche Schornsteine und absperrende Teerpappen gegen Feuchtigkeit erhalten.[2]

Die Restaurierung wurde in den ersten dreieinhalb Jahren ausschließlich von kaum oder gar nicht deutschsprechenden Zuwanderern aus Weißrussland geleistet, die aus verschiedenen Berufssparten kommend, in einer Maßnahme nach dem Bundessozialhilfegesetz (BSHG) von der Kreisvolkshochschule betreut und eingesetzt wurden. Der Zuwandererstrom aus den östlichen Ländern ließ 1997 nach, die BSHG-Gruppen wurden kleiner und so musste ab 1998 mit Unterstützung des Arbeitsamtes in mehreren Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen die Restaurierung weitergeführt werden. Baumaßnahmen an der Dachkonstruktion, Klempnerarbeiten, Sandsteinarbeiten, der technische Ausbau, wurden von hiesigen Firmen ausgeführt. Die Bleiverglasung in den halbachsigen Fenstern und den Kreuzstock-Fenstern, typische Merkmale der Renaissance, wurden von einer Künstlerin aus Lettland gefertigt und von ABM-Kräften eingebaut. 2000 wurden die Arbeiten abgeschlossen.[2]

Das Haus ist mit drei großen Räumen unterkellert, die mit backsteinsichtigen Wänden und Tonnengewölben umgrenzt sind. Der Fußboden ist mit großen Klosterformatsteinen gepflastert. Im Erdgeschoss dominiert ein 100 qm und 5,10 m hoher Saal, mit einer Reihe bleiverglaster Fenster und einem neu errichteten Sandsteinkamin. Die Bodenfläche ist mit alten Tonbodenplatten ausgelegt und die 1792 abgesenkte Holzbalkendecken aus 400 Jahre alten Eichenbalken befindet sich wieder in ihrer um 50 cm höheren Position. Die Besonderheiten dieser Decke ist die sogenannte Mutter/Kind-Konstruktion (tragende Deckenbalken mit kleineren Querbalken) und aufgelegten Backsteinen als ursprünglich vorgesehener Brandschutz. Der nördliche Teil des Hauses ist zweigeschossig, mit einer Eingangssituation mit Kaminanlage und Bremer Floren ausgelegt.[2]

Im Obergeschoss befindet sich ein großer Raum, wohl der damalige private Bereich der Familie zu Inn- und Knyphausen, mit Kaminanlage, Butzenwänden, Eichendielen und einer alten Eichenbalkendecke. Der Dachboden zeigt sich wieder in seiner vollen Raumgröße in einer Eichenholzkonstruktion als sogenannter „liegender Dachstuhl“. Die Dachflächen erhielten wieder die ursprüngliche Dacheindeckung mit alten Tonhohlpfannen mit Muschelkalkverstrich.

Seit 2008 gehört das Gebäude der Bürgerstiftung Norden, die das Gebäude vom Landkreis Aurich für 70.000 Euro erwarb und seitdem als "Bürgerhaus" bezeichnet.[3] Der Begriff hat längst Eingang in den Norder Alltagssprachgebrauch gefunden. Mit dem Kaufvertrag ging die Stiftung die Verpflichtung ein, das Gebäude zukünftig für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.[4] Neben standesamtlichen Trauungen kann das Gebäude auch für Veranstaltungen genutzt bzw. gemietet werden.[2]

Beschreibung

Das Gebäude steht giebelständig in Richtung Marktplatz. Im vorderen Bereich ist es einstöckig, im hinteren zweistöckig. Dieser Bereich ist selbst bei Veranstaltungen nicht öffentlich zugänglich. Das Bauwerk ist insgesamt 22 Meter lang und 8,20 Meter breit. Die Außenmauern sind zwischen 50 und 70 Zentimeter dick, bestehen aus Backsteinen im Klosterformat im Vollmauerwerk.[2]

Der zum Markt zeigende Giebel ist mit Sandsteinbändern, sogenannten Specklagen, sehr aufwendig gestaltet. Architektonisch herausragend ist zudem der große Saal, der heute für Veranstaltungen genutzt wird und der im Zuge der Restaurierung sein ursprüngliches Aussehen wiedererlangt hat. Er ist etwa 13 x 6,5 Meter groß. Die Giebelwand zum Wand wird durch zwei hohe Kreuzstockfenster akzentuiert, dazwischen befindet sich der Kamin. Der Fußboden besteht aus sogenannten Plaveuzen (antike Bodenbeläge).[1] Es handelt sich um sogenannte Bremer Floren, größere Back- oder Bruchsteine, die ursprünglich aus Bremen stammen sowie größere Tonplatten.[2]

Auf der langen Westseite wird der Saal von einem Kreuzstockfenster und acht einachsigen Fenstern belichtet. Die Haustür führt von der Hofseite (Ostseite) direkt ind en Saal. Seit der Restaurierung wird jedoch der Nordeingang benutzt. Auch die Deckenkonstruktion zeigt den originalen Zustand. Über den Deckenbalken aus Eichenholz liegen Kanthölzer, auf denen eine Backsteinschicht verlegt ist. Dies ist eine frühe Form des Brandschutzes, denn bei einem Brand des Dachstuhls ist der Saal vor dem Feuer geschützt. Wahrscheinlich war dies eine Folge des großen Stadtbrandes von 1531, ausgelöst durch Brandschatzungen des Balthasar von Esens.[1]

Der Keller besaß ursprünglich eine Balkendecke und wurde im 17. Jahrhundert mit einem Backsteingewölbe versehen. Der nördliche Gebäudeabschnitt ist in einer Länge von etwa 7 Metern zweigeschossig. Jedes Geschoss bestand aus einem Raum. An beiden Giebelseiten befanden sich Kamine, heute nur noch an der südlichen. Im Giebel sind Kreuzstockfenster und an den Seiten einachsige Fenster eingebaut. Die unteren Fenster besitzen wie die des Saals Holzklappen.[1]

Der untere Raum diente wahrscheinlich als Küche und der obere Raum zum Schlafen. Beide Räume verfügten über jeweils eine Toilette, was als Beweis für einen gehobenen Wohnkomfort gelten kann, denn üblicherweise waren solche Aborte in Nebengebäuden untergebracht.[1]

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 Pühl, Eberhard (2007): Alte Backsteinhäuser in Ostfriesland und im Jeverland. Backsteinbauten des 15. bis 19. Jahrhunderts, Oldenburg, S. 181f.
  2. 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 2,5 2,6 2,7 Geschichte des Norder Bürgerhauses, abgerufen am 10. Mai 2021
  3. Internetseite der Bürgerstiftung Norden, abgerufen am 10. Mai 2021
  4. Bericht der Ostfriesen-Zeitung vom 12. Januar 2008

Siehe auch