Steinbömer & Lubinus: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Norder Stadtgeschichte
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==Geschichte==
==Geschichte==
''Steinbömer & Lubinus'' wurde 1769 von den beiden Pastorensöhnen [[Justus Friedrich Steinbömer (1740)|Justus Friedrich Steinbömer]] und [[Johann Heinrich Lubinus]] in Norden gegründet. Während die Vorfahren von Lubinus bereits seit mehreren Generationen in Ostfriesland als Pastoren ansässig waren, stammte Steinbömer aus Westfalen, wo seine Vorfahren Kaufleute, Leineweber und Pfarrer waren. Den Entschluss zur Firmengründung fassten sie bei einem Gespräch mit dem Ortspfarrer von Weene. Ausschlaggebend dabei war ein Dekret vom preußischen König Friedrich dem Großen aus dem Jahre 1764, in der er verfügt, dass in den Städten und Flecken Ostfrieslands neue Fabriken gegründet und auswärtige Fachkräfte ins Land geholt werden sollten.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 58</ref> Der preußische Staat beabsichtigte damit vor allem die Urbarmachung dieses von der Natur gesegneten Landes mit fruchtbarster Erde, das aber dennoch wirtschaftlich rückständig war und praktisch ausschließlich von der Landwirtschaft lebte.[[Datei:Steinboemer Lubinus Werbung Reklame 1917.jpg|links|mini|237x237px|Eine Werbereklame des Unternehmens aus dem Jahre 1917.]]Im Dezember 1770 erhielten beide das [[Bürgerrecht|Norder Bürgerrecht]]. 1771 kauften sie ein stattliches Anwesen am [[Neuer Weg|Neuen Weg]] 7, das zunächst von beiden Familien gemeinsam bewohnt wurde, später dann der alleinige Familiensitz der Steinbömers war. Im gleichen Jahr erwerben sie bei einer Auktion im [[Weinhaus]] ein westlich des Betriebssitz gelegenes Gebäude, das heute als [[Behrendssche Villa]] bekannt ist und Keimzelle der Fabrikgebäude wurde. Ein Nebengebäude dazu erwarben sie bereits im Januar des Jahres<ref>Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 59</ref> Die Firma entwickelte sich schnell und hervorragend, was nicht zuletzt darauf zurückzuführen war, dass der [[Norder Hafen]] noch direkten Zugang zur Nordsee hatte (Tabak wurde vor allem aus den Niederlanden importiert) und dass das 1766 durch die preußische Regierung eingeführte Tabakmonopol nicht für Ostfriesland galt. Auch brachte der junge Steinbömer großes fachliches Wissen als gelernter Apotheker mit. Seinerzeit galt Tabak noch als Heilpflanze.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 59</ref>
''Steinbömer & Lubinus'' wurde 1769 von den beiden Pastorensöhnen [[Justus Friedrich Steinbömer (1740)|Justus Friedrich Steinbömer]] und [[Johann Heinrich Lubinus]] in Norden gegründet. Während die Vorfahren von Lubinus bereits seit mehreren Generationen in Ostfriesland als Pastoren ansässig waren, stammte Steinbömer aus Westfalen, wo seine Vorfahren Kaufleute, Leineweber und Pfarrer waren. Den Entschluss zur Firmengründung fassten sie bei einem Gespräch mit dem Ortspfarrer von Weene. Ausschlaggebend dabei war ein Dekret des preußischen Königs Friedrich dem Großen aus dem Jahre 1764, in dem er verfügte, dass in den Städten und Flecken Ostfrieslands neue Fabriken gegründet und auswärtige Fachkräfte ins Land geholt werden sollten.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 58</ref> Der preußische Staat beabsichtigte damit vor allem die Urbarmachung dieses von der Natur gesegneten Landes mit fruchtbarster Erde, das aber dennoch wirtschaftlich rückständig war und praktisch ausschließlich von der Landwirtschaft lebte.[[Datei:Steinboemer Lubinus Werbung Reklame 1917.jpg|links|mini|237x237px|Eine Werbereklame des Unternehmens aus dem Jahre 1917.]]Im Dezember 1770 erhielten die Gründer das [[Bürgerrecht|Norder Bürgerrecht]]. 1771 kauften sie ein stattliches Anwesen am [[Neuer Weg|Neuen Weg]] 7, das zunächst von beiden Familien gemeinsam bewohnt wurde, später dann der alleinige Familiensitz der Steinbömers war. Im gleichen Jahr erwerben sie bei einer Auktion im [[Weinhaus]] ein westlich des Betriebssitz gelegenes Gebäude, das heute als [[Behrendssche Villa]] bekannt ist und Keimzelle der Fabrikgebäude wurde. Ein Nebengebäude dazu erwarben sie bereits im Januar des Jahres<ref>Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 59</ref> Die Firma entwickelte sich schnell und hervorragend, was nicht zuletzt darauf zurückzuführen war, dass der [[Norder Hafen]] noch direkten Zugang zur Nordsee hatte (Tabak wurde vor allem aus den Niederlanden importiert) und dass das 1766 durch die preußische Regierung eingeführte Tabakmonopol nicht für Ostfriesland galt. Auch brachte der junge Steinbömer großes fachliches Wissen als gelernter Apotheker mit. Seinerzeit galt Tabak noch als Heilpflanze und wurde dort entsprechend angeboten.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 59</ref>


Steinbömer wurde früh als Mitglied in die [[Kramerzunft]] aufgenommen, wodurch ihm der Verkauf von Tabak (und anderer Handelsartikel) auch im eigenen Ladengeschäft möglich war; weiterhin hatte er als angesehener Bürger in Norden mehrere kommunale Ehrenämter inne. 1786 errichteten sie mit dem Packhaus ([[Neuer Weg 119]]) der erste große Neubau des noch jungen Unternehmens.
Steinbömer wurde früh als Mitglied in die [[Kramerzunft]] aufgenommen, wodurch ihm der Verkauf von Tabak (und anderer Handelsartikel) auch im eigenen Ladengeschäft möglich war; weiterhin hatte er als angesehener Bürger in Norden mehrere kommunale Ehrenämter inne. 1786 errichteten sie mit dem Packhaus (heute [[Neuer Weg 119]]) den ersten großen Neubau des noch jungen Unternehmens.


Trotz großer Konkurrenz - es gab im Jahre 1805 allein in Norden noch vier weitere Tabakfabriken (siehe Abschnitt [[Steinbömer & Lubinus#Mitbewerber|''Mitbewerber'']]) - konnten sich ''Steinbömer & Lubinus'' im Markt behaupten. Es auch das erste derartige Unternehmen Norden und hatte 1805/1806 bereits 33 Mitarbeiter, die jährlich 317.000 Pfund Rauch- und Schnupftabak verarbeiteten.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 79</ref><ref>Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 14</ref> Exportiert wurde zu dieser Zeit vor allem nach Ostfriesland, ins Jeverland, nach Oldenburg, ins Münsterland sowie nach Bremen, Thüringen und ins Bergische Gebiet, ab 1787 auch in die Niederlande.[[Datei:Steinboemer Lubinus Werbung Reklame um 1965 01.jpg|mini|273x273px|Werbeanzeige aus der Zeit um 1965.]]Nach seinem Tode 1809 übernahm der [[Justus Friedrich Steinbömer (1777)|gleichnamige Sohn]] von Mitbegründer Steinbömer zusammen mit Mitgesellschafter [[Peter Friedrich Lubinus (1845)|Peter Friedrich Lubinus]] und nach dessen Tod allein die Firmenleitung, welche er 45 Jahre inne hatte. Neben der Produktion von Tabak wurde bald auch Seife und Kerzen hergestellt. Während der französischen Fremdherrschaft über Ostfriesland (1807 - 1813) drückten höhe Zölle den Gewinn und führten zur wirtschaftlich schweren Zeiten für die Tabakindustrie. 1811 beschäftigte das Unternehmen nur noch 24 Arbeiter und verarbeitete jährlich 200.000 Pfund.<ref name=":0">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 61</ref> Doch schon 1832 zählte ''Steinbömer & Lubinus'' wieder zu den größten zehn im Königreich Hannover (zu dem Ostfriesland seit 1815 gehörte) und war die größte von den 41 Tabakfabriken in Ostfriesland.
Trotz großer Konkurrenz - es gab im Jahre 1805 allein in Norden noch vier weitere Tabakfabriken (siehe Abschnitt [[Steinbömer & Lubinus#Mitbewerber|''Mitbewerber'']]) - konnten sich ''Steinbömer & Lubinus'' am Markt behaupten. Es war seinerzeit auch das erste derartige Unternehmen in Norden und hatte um den Jahreswechsel 1805 / 1806 bereits 33 Mitarbeiter, die jährlich 317.000 Pfund Rauch- und Schnupftabak verarbeiteten.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 79</ref><ref>Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 14</ref> Exportiert wurde zu dieser Zeit vor allem nach Ostfriesland, ins Jeverland, nach Oldenburg, ins Münsterland sowie nach Bremen, Thüringen und ins Bergische Gebiet; ab 1787 auch in die Niederlande.[[Datei:Steinboemer Lubinus Werbung Reklame um 1965 01.jpg|mini|273x273px|Werbeanzeige aus der Zeit um 1965.]]Nach seinem Tode 1809 übernahm der [[Justus Friedrich Steinbömer (1777)|gleichnamige Sohn]] von Mitbegründer Steinbömer zusammen mit Mitgesellschafter [[Peter Friedrich Lubinus (1845)|Peter Friedrich Lubinus]] und nach dessen Tod schließlich allein die Firmenleitung, welche er 45 Jahre inne hatte. Neben der Produktion von Tabak wurden bald auch Seifen und Kerzen hergestellt. Während der [[Französische Besatzungszeit|Französischen Besatzungszeit]] (1807 - 1813) drückten höhe Zölle den Gewinn und führten zur wirtschaftlich schweren Zeiten für die Tabakindustrie. 1811 beschäftigte das Unternehmen deshalb nur noch 24 Arbeiter und verarbeitete nur noch 200.000 Pfund pro Jahr.<ref name=":0">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 61</ref> Doch schon 1832 zählte ''Steinbömer & Lubinus'' wieder zu den größten zehn im Königreich Hannover, zu dem Ostfriesland seit 1815 gehörte und war die größte der 41 Tabakfabriken in Ostfriesland.


In Hooksiel am Jadeufer wurde 1835 für einige Jahre ein Zweigwerk gegründet, um Export- und Zollschwierigkeiten mit dem Großherzogtum Oldenburg zu unterlaufen. Für den Seetransport erwarb man 1844 mit der ''Johanne'' ein eigenes Schiff.<ref name=":0" /> Weiterhin wurde in Norden eine Kolonialwarengroßhandlung für Tee, Kaffee, Öl und weitere Güter angegliedert, um das unternehmerische Risiko zu verteilen. Als Justus Friedrich Steinbömer jun. 1854 starb, fielen Fabrik und Großhandlung an [[Arend Wilhelm Steinbömer (1811)|Arend Wilhelm Steinbömer]]. ''Der Konsul'', wie der energische Arend Wilhelm in Norden aufgrund seiner Tätigkeit als Konsul in Großbritannien genannt wurde, hatte neben seiner erfolgreichen Tätigkeit als Unternehmer mehrere öffentliche Ehrenämter inne, so war er seit dem Revolutionsjahr 1848 Kommandant der [[Norder Bürgerwehr]], saß als Bürgervorsteher im [[Stadtrat]], leitete die [[Mobiliar-Feuerversicherungsanstalt]] und vertrat seine Vaterstadt bei der Ostfriesischen Landschaftsversammlung in Aurich. Außerdem kämpfte er bei den Landesbehörden dafür, die [[Bahnstrecke Rheine-Norddeich Mole|Eisenbahnlinie]] 1856 über Emden hinaus bis nach Norden zu verlängern, um so einen besseren Anschluss an das Binnenland und günstigere Absatzmöglichkeiten für den Norder Handel zu bekommen. Norden erhielt diesen notwendigen Bahnanschluss schließlich 1883; die Bauarbeiten dafür waren gleichzeitig eine dringend notwendige Maßnahme, die damalige hohe Arbeitslosigkeit zu mildern.[[Datei:Zwei Jahrhunderte Steinbömer Tabak.jpg|mini|Zwei Jahrhunderte Steinbömer Tabak - Festschrift (Frontseite).|alternativtext=|links|306x306px]]Auf Initiative des ''Konsuls'' und [[Johann Taaks|Bürgermeister Taaks]] stattete König Georg V. von Hannover der Stadt Norden am 9. September 1857 einen offiziellen Besuch ab, ein festliches Ereignis, das den kleinstädtischen Alltag lange überstrahlte. Der blinde König pflegte im Staatsbad Norderney seinen Sommerurlaub zu verbringen und auch gelegentlich auf dem Wege dorthin im Hause Steinbömer für eine Tasse Tee Halt zu machen. Zweifellos hatte der ''Konsul'' die Firma zu ihrer größten Ausdehnung und Anerkennung und zu höchstem wirtschaftlichen Erfolg geführt.
In Hooksiel am Ufer der Jade wurde 1835 für einige Jahre ein Zweigwerk gegründet, um Export- und Zollschwierigkeiten mit dem Großherzogtum Oldenburg zu unterlaufen. Für den Seetransport erwarb man 1844 mit der ''Johanne'' sogar ein eigenes Schiff.<ref name=":0" /> Weiterhin wurde in Norden eine Kolonialwarengroßhandlung für Tee, Kaffee, Öl und weitere Güter angegliedert, um das unternehmerische Risiko zu verteilen. Als Justus Friedrich Steinbömer jun. 1854 starb, fielen Fabrik und Großhandlung an [[Arend Wilhelm Steinbömer (1811)|Arend Wilhelm Steinbömer]]. ''Der Konsul'', wie der energische Arend Wilhelm in Norden aufgrund seiner Tätigkeit als Konsul in Großbritannien genannt wurde, hatte neben seiner erfolgreichen Tätigkeit als Unternehmer mehrere öffentliche Ehrenämter inne, so war er seit dem Revolutionsjahr 1848 Kommandant der [[Norder Bürgerwehr]], war Mitglied des [[Stadtrat|Stadtrats]], leitete die [[Mobiliar-Feuerversicherungsanstalt]] und vertrat seine Heimatstadt bei der Ostfriesischen Landschaftsversammlung in Aurich. Außerdem kämpfte er bei den Landesbehörden dafür, die [[Bahnstrecke Rheine-Norddeich Mole|Eisenbahnlinie]] 1856 über Emden hinaus bis nach Norden zu verlängern, um so einen besseren Anschluss an das Binnenland und günstigere Absatzmöglichkeiten für den Norder Handel zu bekommen. Norden erhielt diesen notwendigen Bahnanschluss schließlich 1883; die Bauarbeiten dafür waren gleichzeitig eine dringend notwendige Maßnahme, die damalige hohe Arbeitslosigkeit zu mildern.[[Datei:Zwei Jahrhunderte Steinbömer Tabak.jpg|mini|Zwei Jahrhunderte Steinbömer Tabak - Festschrift (Frontseite).|alternativtext=|links|306x306px]]Auf Initiative des ''Konsuls'' und [[Johann Taaks|Bürgermeister Taaks]] stattete König Georg V. von Hannover der [[Stadt Norden]] am 9. September 1857 einen offiziellen Besuch ab. Ein festliches Ereignis, das den kleinstädtischen Alltag lange überstrahlte. Der blinde König pflegte im Staatsbad Norderney seinen Sommerurlaub zu verbringen und auch gelegentlich auf dem Wege dorthin im Hause Steinbömer für eine Tasse Tee Halt zu machen. Zweifellos hatte der ''Konsul'' die Firma zu ihrer größten Ausdehnung und Anerkennung und zu höchstem wirtschaftlichen Erfolg geführt. Die Wirtschaftsrezession und politische Umstände nach der Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871 bewirkten jedoch in seinem letzten Lebensjahrzehnt, dass sich eine unternehmerische Krise entwickelte, an deren Ende 1883 bzw. 1884 der Firmenkonkurs kurz bevorstand. Auch der 1869 in die Firma gekommene, in Bremen kaufmännisch ausgebildete [[Peter Friedrich Lubinus (1845)|Peter Friedrich Lubinus]], konnte das Unheil nicht abwenden.<ref>Schuh, Friedrich (1997): Ostfriesische Landschaft. Geschichte der Familie Lubinus, Aurich ([https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/BLO/Lubinus_fam.pdf Link])</ref> Hilfe wurde ''Steinbömer & Lubinus'' in dieser Situation dadurch zuteil, dass der Norder Brennereibesitzer [[Jan ten Doornkaat Koolman (1815)|Jan ten Doornkaat Koolman II.]] die gesamte Firma für 51.000 Mark aufkaufte und sie kurz darauf zu äußerst günstigen Bedingungen wieder an Steinbömer zurück verkaufte; die Produktion konnte damit fortgeführt werden.<ref name=":1">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 62</ref>[[Datei:Am Fridericussiel 01072021.jpg|mini|''Steinbömer & Lubinus'' im Eingangsbereich von [[Onno Behrends Tee|Onno Behrends]], aufgenommen am 1. Juli 2021|327x327px]]
Die Wirtschaftsrezession und politische Umstände nach der Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871 bewirkten jedoch in seinem letzten Lebensjahrzehnt, dass sich eine unternehmerische Krise entwickelte, an deren Ende 1883/84 der Firmenkonkurs kurz bevorstand. Auch der 1869 in die Firma gekommene, in Bremen kaufmännisch ausgebildete [[Peter Friedrich Lubinus (1845)|Peter Friedrich Lubinus]], konnte das Unheil nicht abwenden.<ref>Schuh, Friedrich (1997): Ostfriesische Landschaft. Geschichte der Familie Lubinus, Aurich ([https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/BLO/Lubinus_fam.pdf Link])</ref> Hilfe wurde ''Steinbömer & Lubinus'' in dieser Situation dadurch zuteil, dass der Norder Brennereibesitzer [[Jan ten Doornkaat Koolman (1815)|Jan ten Doornkaat Koolman]] die ganze Firma für 51.000 Mark aufkaufte und sie kurz darauf zu äußerst günstigen Bedingungen wieder an Steinbömer zurück verkaufte; die Produktion konnte damit fortgeführt werden.<ref name=":1">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 62</ref>[[Datei:Am Fridericussiel 01072021.jpg|mini|''Steinbömer & Lubinus'' im Eingangsbereich von [[Onno Behrends Tee|Onno Behrends]], aufgenommen am 1. Juli 2021|327x327px]]


1875 ging die Unternehmensführung in die vierte Steinbömer-Generation über und lag nun bei [[Justus Friedrich Steinbömer (1838)|Justus Friedrich Steinbömer IV.]], der die Tradition der Namensgebung, nachdem der erstgeborene Sohn stets diesen Namen erhält, fortführte. Als Lubinus die Firma 1885 verließ und nach Bremen verzog, wurde Steinbömer alleiniger Geschäftsführer. Die Seifenproduktion musste im selben Jahr eingestellt werden.<ref name=":1" /> Steinbömers Sohn, der ebenfalls [[Arend Wilhelm Steinbömer (1864)|Arend Wilhelm]] hieß, war seit 1889 als Prokurist in der Firma tätig. Die Fabrikation kam wieder in Gang, auf der Ostfriesischen Ausstellung für Landwirtschaft und Gewerbe im Jahre 1894 erhielten Steinbömers für ihre Rauch- und Kautabakprodukte sogar die Goldmedaille zuerkannt. Während dieser Zeit verarbeitete das Unternehmen auch Tabak aus den deutschen Kolonien. Als Arend Wilhelm, mittlerweile Geschäftsführer, 1904 völlig unerwartet starb, musste sein Vater, der sich bereits aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen hatte, mit seinen 66 Jahren erneut die Firmenleitung übernehmen. Dazu war er jedoch zu unbeweglich und nicht mehr genügend vertraut mit zeitgemäßer Unternehmensführung, die z.B. Produktwerbung und Maschineneinsatz erforderte. Die Fabrik veraltete, die Umsätze gingen zusehends zurück.
1875 ging die Unternehmensführung in die vierte Steinbömer-Generation über und lag nun bei [[Justus Friedrich Steinbömer (1838)|Justus Friedrich Steinbömer IV.]], der die Tradition der Namensgebung, nachdem der erstgeborene Sohn stets diesen Namen erhält, fortführte. Als Lubinus die Firma 1885 verließ und nach Bremen verzog, wurde Steinbömer alleiniger Geschäftsführer. Die Seifenproduktion musste im selben Jahr eingestellt werden.<ref name=":1" /> Steinbömers Sohn, der ebenfalls [[Arend Wilhelm Steinbömer (1864)|Arend Wilhelm]] hieß, war seit 1889 als Prokurist in der Firma tätig. Die Fabrikation kam wieder in Gang, auf der Ostfriesischen Ausstellung für Landwirtschaft und Gewerbe im Jahre 1894 erhielten Steinbömers für ihre Rauch- und Kautabakprodukte sogar die Goldmedaille zuerkannt. Während dieser Zeit verarbeitete das Unternehmen auch Tabak aus den deutschen Kolonien in Übersee. Als Arend Wilhelm, mittlerweile Geschäftsführer, 1904 völlig unerwartet starb, musste sein Vater, der sich bereits aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen hatte, mit seinen 66 Jahren erneut die Firmenleitung übernehmen. Dazu war er jedoch zu unbeweglich und nicht mehr genügend vertraut mit zeitgemäßer Unternehmensführung, die zum Beispiel Produktwerbung und Maschineneinsatz erforderte. Die Fabrik veraltete, die Umsätze gingen zusehends zurück.


Als er 1916 starb, war niemand mehr aus der Familie da, der die Firma aus der Krise hätte herausholen und weiterführen können. Der sich immer weiter verschärfende [[Erster Weltkrieg|Erste Weltkrieg]] erschwerte die Situation zusätzlich. Sein Enkel und Hoffnungsträger, der auch Justus Friedrich hieß, war 1915 als Kriegsfreiwilliger in Belgien gefallen. Damit war in Norden nach sechs Generationen die Familie Steinbömer im Mannesstamm erloschen. Die Firma ging 1917 in den Besitz des Kaufmanns und Teefabrikanten [[Onno Behrends]] über, der sie aus dem Nachlass erwarb und sich auch die [[Eisenhütte]] aneignete, um Geld aus seinem Asienhandel anzulegen.
Als er 1916 starb, war niemand mehr aus der Familie da, der die Firma aus der Krise hätte herausholen und weiterführen können. Der sich immer weiter verschärfende [[Erster Weltkrieg|Erste Weltkrieg]] erschwerte die Situation zusätzlich. Sein Enkel und Hoffnungsträger, der auch Justus Friedrich hieß, war 1915 als Kriegsfreiwilliger in Belgien gefallen. Damit war in Norden nach sechs Generationen die Familie Steinbömer im Mannesstamm erloschen. Die Firma ging 1917 in den Besitz des Kaufmanns und Teefabrikanten [[Onno Behrends]] über, der sie aus dem Nachlass der Familie erwarb und sich auch die [[Eisenhütte]] aneignete, um Geld aus seinem Asienhandel anzulegen.


Mit wechselndem Erfolg überstand ''Steinbömer & Lubinus'' die politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts. Besonders die NS-Zeit erschwerte den Tabakimport und damit das Firmengeschäft. Während des [[Zweiter Weltkrieg|Krieges]] jedoch konnte man Tabak aus den besetzten Ostgebieten verarbeiten.<ref name=":2" /> Ab 1940 produzierte [[Onno Behrends Tee|Onno Behrends]] im Werk einen Kaffeersatz unter dem Namen ''OBO''.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 65</ref> Nach dem Krieg bauten viele ostfriesische Kleinbauern Tabak an, denen ''Steinbömer & Lubinus'' die Pflanze dankbar abkaufte.<ref name=":2">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 63</ref>
Mit wechselndem Erfolg überstand ''Steinbömer & Lubinus'' die politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts. Besonders die NS-Zeit erschwerte den Tabakimport und damit das Firmengeschäft. Während des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkriegs]] jedoch konnte man Tabak aus den besetzten Ostgebieten verarbeiten.<ref name=":2" /> Ab 1940 produzierte [[Onno Behrends Tee|Onno Behrends]] im Werk einen Kaffeersatz, vermutlich aus [[Zichorienfabrik|Zichorien]], unter dem Namen ''OBO''.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 65</ref> Nach dem Krieg bauten viele ostfriesische Kleinbauern wieder Tabak an, denen ''Steinbömer & Lubinus'' die Pflanze dankbar abkaufte.<ref name=":2">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 63</ref>


1969 wurde eine Festschrift anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Firma veröffentlicht, doch schon vier Jahre später endete die Geschichte der Firma. Gegen die Konkurrenz der internationalen Tabakkonzerne hatte das kleine Unternehmen keine Chance mehr. 1972 wurde die Fabrik aufgelöst. Marke und Name gingen an die ''Manufacture de Tabacs Heintz van Landewyk'' in Luxemburg. Aus dem öffentlichen Bewusstsein der Norder ist das historische Traditionsunternehmen trotz seiner einst immensen Bedeutung heute weitestgehend verschwunden.
1969 wurde eine Festschrift anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Firma veröffentlicht, doch schon vier Jahre später endete die Geschichte der Firma. Gegen die Konkurrenz der internationalen Tabakkonzerne hatte das kleine Unternehmen keine Chance mehr. Zum 30. Juni 1972 wurde die Fabrik aufgelöst. Marke und Name gingen an die ''Manufacture de Tabacs Heintz van Landewyk'' in Luxemburg. Aus dem öffentlichen Bewusstsein der Norder ist das historische Traditionsunternehmen trotz seiner einst immensen Bedeutung heute weitestgehend verschwunden.
==Produkte==
==Produkte==
* ''Norder Vogel'' (Naturreine, helle Spezialmischung von Feinschnitt-Tabak aus dem Orient)
* ''Norder Vogel'' (Naturreine, helle Spezialmischung von Feinschnitt-Tabak aus dem Orient)

Version vom 21. Oktober 2021, 14:17 Uhr

Steinbömer & Lubinus

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Basisdaten
Gründung Mai 1769
Auflösung 30. Juni 1972
Rechtsform Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH)
Hauptsitz Neuer Weg 119

26506 Norden

Steinbömer & Lubinus war eine Norder Tabakmanufaktur mit über 200 Jahre langer Tradition. Das Unternehmen existierte bis 1972 und gehörte lange Zeit neben der Firma Doornkaat und der Eisenhütte zu den wichtigsten Arbeitgebern der Stadt. 1832 gehörte es sogar zu den zehn größten Unternehmen im Königreich Hannover, zu dem Ostfriesland seinerzeit gehörte. Zugleich war es auch das erste Norder Unternehmen, das eine nennenswerte Anzahl an Personen beschäftigte, die über einen regulären Familienbetrieb hinausgingen.

Während der Großen Depression (1873–1896) geriet Steinbömer & Lubinus in wirtschaftliche Not und 1883/1884 in den Konkurs. Durch die Hilfe von Jan ten Doornkaat Koolman konnte das Unternehmen jedoch gerettet werden. 1917 ging das Unternehmen an die Firma Onno Behrends Tee über, zu dem es bis zur Schließung gehörte. Die kleine, traditionsreiche Marke konnte sich schlichtweg nicht mehr gegen die große Konkurrenz (Marlboro etc.) behaupten.

Geschichte

Steinbömer & Lubinus wurde 1769 von den beiden Pastorensöhnen Justus Friedrich Steinbömer und Johann Heinrich Lubinus in Norden gegründet. Während die Vorfahren von Lubinus bereits seit mehreren Generationen in Ostfriesland als Pastoren ansässig waren, stammte Steinbömer aus Westfalen, wo seine Vorfahren Kaufleute, Leineweber und Pfarrer waren. Den Entschluss zur Firmengründung fassten sie bei einem Gespräch mit dem Ortspfarrer von Weene. Ausschlaggebend dabei war ein Dekret des preußischen Königs Friedrich dem Großen aus dem Jahre 1764, in dem er verfügte, dass in den Städten und Flecken Ostfrieslands neue Fabriken gegründet und auswärtige Fachkräfte ins Land geholt werden sollten.[1] Der preußische Staat beabsichtigte damit vor allem die Urbarmachung dieses von der Natur gesegneten Landes mit fruchtbarster Erde, das aber dennoch wirtschaftlich rückständig war und praktisch ausschließlich von der Landwirtschaft lebte.

Eine Werbereklame des Unternehmens aus dem Jahre 1917.

Im Dezember 1770 erhielten die Gründer das Norder Bürgerrecht. 1771 kauften sie ein stattliches Anwesen am Neuen Weg 7, das zunächst von beiden Familien gemeinsam bewohnt wurde, später dann der alleinige Familiensitz der Steinbömers war. Im gleichen Jahr erwerben sie bei einer Auktion im Weinhaus ein westlich des Betriebssitz gelegenes Gebäude, das heute als Behrendssche Villa bekannt ist und Keimzelle der Fabrikgebäude wurde. Ein Nebengebäude dazu erwarben sie bereits im Januar des Jahres[2] Die Firma entwickelte sich schnell und hervorragend, was nicht zuletzt darauf zurückzuführen war, dass der Norder Hafen noch direkten Zugang zur Nordsee hatte (Tabak wurde vor allem aus den Niederlanden importiert) und dass das 1766 durch die preußische Regierung eingeführte Tabakmonopol nicht für Ostfriesland galt. Auch brachte der junge Steinbömer großes fachliches Wissen als gelernter Apotheker mit. Seinerzeit galt Tabak noch als Heilpflanze und wurde dort entsprechend angeboten.[3]

Steinbömer wurde früh als Mitglied in die Kramerzunft aufgenommen, wodurch ihm der Verkauf von Tabak (und anderer Handelsartikel) auch im eigenen Ladengeschäft möglich war; weiterhin hatte er als angesehener Bürger in Norden mehrere kommunale Ehrenämter inne. 1786 errichteten sie mit dem Packhaus (heute Neuer Weg 119) den ersten großen Neubau des noch jungen Unternehmens.

Trotz großer Konkurrenz - es gab im Jahre 1805 allein in Norden noch vier weitere Tabakfabriken (siehe Abschnitt Mitbewerber) - konnten sich Steinbömer & Lubinus am Markt behaupten. Es war seinerzeit auch das erste derartige Unternehmen in Norden und hatte um den Jahreswechsel 1805 / 1806 bereits 33 Mitarbeiter, die jährlich 317.000 Pfund Rauch- und Schnupftabak verarbeiteten.[4][5] Exportiert wurde zu dieser Zeit vor allem nach Ostfriesland, ins Jeverland, nach Oldenburg, ins Münsterland sowie nach Bremen, Thüringen und ins Bergische Gebiet; ab 1787 auch in die Niederlande.

Werbeanzeige aus der Zeit um 1965.

Nach seinem Tode 1809 übernahm der gleichnamige Sohn von Mitbegründer Steinbömer zusammen mit Mitgesellschafter Peter Friedrich Lubinus und nach dessen Tod schließlich allein die Firmenleitung, welche er 45 Jahre inne hatte. Neben der Produktion von Tabak wurden bald auch Seifen und Kerzen hergestellt. Während der Französischen Besatzungszeit (1807 - 1813) drückten höhe Zölle den Gewinn und führten zur wirtschaftlich schweren Zeiten für die Tabakindustrie. 1811 beschäftigte das Unternehmen deshalb nur noch 24 Arbeiter und verarbeitete nur noch 200.000 Pfund pro Jahr.[6] Doch schon 1832 zählte Steinbömer & Lubinus wieder zu den größten zehn im Königreich Hannover, zu dem Ostfriesland seit 1815 gehörte und war die größte der 41 Tabakfabriken in Ostfriesland. In Hooksiel am Ufer der Jade wurde 1835 für einige Jahre ein Zweigwerk gegründet, um Export- und Zollschwierigkeiten mit dem Großherzogtum Oldenburg zu unterlaufen. Für den Seetransport erwarb man 1844 mit der Johanne sogar ein eigenes Schiff.[6] Weiterhin wurde in Norden eine Kolonialwarengroßhandlung für Tee, Kaffee, Öl und weitere Güter angegliedert, um das unternehmerische Risiko zu verteilen. Als Justus Friedrich Steinbömer jun. 1854 starb, fielen Fabrik und Großhandlung an Arend Wilhelm Steinbömer. Der Konsul, wie der energische Arend Wilhelm in Norden aufgrund seiner Tätigkeit als Konsul in Großbritannien genannt wurde, hatte neben seiner erfolgreichen Tätigkeit als Unternehmer mehrere öffentliche Ehrenämter inne, so war er seit dem Revolutionsjahr 1848 Kommandant der Norder Bürgerwehr, war Mitglied des Stadtrats, leitete die Mobiliar-Feuerversicherungsanstalt und vertrat seine Heimatstadt bei der Ostfriesischen Landschaftsversammlung in Aurich. Außerdem kämpfte er bei den Landesbehörden dafür, die Eisenbahnlinie 1856 über Emden hinaus bis nach Norden zu verlängern, um so einen besseren Anschluss an das Binnenland und günstigere Absatzmöglichkeiten für den Norder Handel zu bekommen. Norden erhielt diesen notwendigen Bahnanschluss schließlich 1883; die Bauarbeiten dafür waren gleichzeitig eine dringend notwendige Maßnahme, die damalige hohe Arbeitslosigkeit zu mildern.

Zwei Jahrhunderte Steinbömer Tabak - Festschrift (Frontseite).

Auf Initiative des Konsuls und Bürgermeister Taaks stattete König Georg V. von Hannover der Stadt Norden am 9. September 1857 einen offiziellen Besuch ab. Ein festliches Ereignis, das den kleinstädtischen Alltag lange überstrahlte. Der blinde König pflegte im Staatsbad Norderney seinen Sommerurlaub zu verbringen und auch gelegentlich auf dem Wege dorthin im Hause Steinbömer für eine Tasse Tee Halt zu machen. Zweifellos hatte der Konsul die Firma zu ihrer größten Ausdehnung und Anerkennung und zu höchstem wirtschaftlichen Erfolg geführt. Die Wirtschaftsrezession und politische Umstände nach der Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871 bewirkten jedoch in seinem letzten Lebensjahrzehnt, dass sich eine unternehmerische Krise entwickelte, an deren Ende 1883 bzw. 1884 der Firmenkonkurs kurz bevorstand. Auch der 1869 in die Firma gekommene, in Bremen kaufmännisch ausgebildete Peter Friedrich Lubinus, konnte das Unheil nicht abwenden.[7] Hilfe wurde Steinbömer & Lubinus in dieser Situation dadurch zuteil, dass der Norder Brennereibesitzer Jan ten Doornkaat Koolman II. die gesamte Firma für 51.000 Mark aufkaufte und sie kurz darauf zu äußerst günstigen Bedingungen wieder an Steinbömer zurück verkaufte; die Produktion konnte damit fortgeführt werden.[8]

Steinbömer & Lubinus im Eingangsbereich von Onno Behrends, aufgenommen am 1. Juli 2021

1875 ging die Unternehmensführung in die vierte Steinbömer-Generation über und lag nun bei Justus Friedrich Steinbömer IV., der die Tradition der Namensgebung, nachdem der erstgeborene Sohn stets diesen Namen erhält, fortführte. Als Lubinus die Firma 1885 verließ und nach Bremen verzog, wurde Steinbömer alleiniger Geschäftsführer. Die Seifenproduktion musste im selben Jahr eingestellt werden.[8] Steinbömers Sohn, der ebenfalls Arend Wilhelm hieß, war seit 1889 als Prokurist in der Firma tätig. Die Fabrikation kam wieder in Gang, auf der Ostfriesischen Ausstellung für Landwirtschaft und Gewerbe im Jahre 1894 erhielten Steinbömers für ihre Rauch- und Kautabakprodukte sogar die Goldmedaille zuerkannt. Während dieser Zeit verarbeitete das Unternehmen auch Tabak aus den deutschen Kolonien in Übersee. Als Arend Wilhelm, mittlerweile Geschäftsführer, 1904 völlig unerwartet starb, musste sein Vater, der sich bereits aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen hatte, mit seinen 66 Jahren erneut die Firmenleitung übernehmen. Dazu war er jedoch zu unbeweglich und nicht mehr genügend vertraut mit zeitgemäßer Unternehmensführung, die zum Beispiel Produktwerbung und Maschineneinsatz erforderte. Die Fabrik veraltete, die Umsätze gingen zusehends zurück.

Als er 1916 starb, war niemand mehr aus der Familie da, der die Firma aus der Krise hätte herausholen und weiterführen können. Der sich immer weiter verschärfende Erste Weltkrieg erschwerte die Situation zusätzlich. Sein Enkel und Hoffnungsträger, der auch Justus Friedrich hieß, war 1915 als Kriegsfreiwilliger in Belgien gefallen. Damit war in Norden nach sechs Generationen die Familie Steinbömer im Mannesstamm erloschen. Die Firma ging 1917 in den Besitz des Kaufmanns und Teefabrikanten Onno Behrends über, der sie aus dem Nachlass der Familie erwarb und sich auch die Eisenhütte aneignete, um Geld aus seinem Asienhandel anzulegen.

Mit wechselndem Erfolg überstand Steinbömer & Lubinus die politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts. Besonders die NS-Zeit erschwerte den Tabakimport und damit das Firmengeschäft. Während des Zweiten Weltkriegs jedoch konnte man Tabak aus den besetzten Ostgebieten verarbeiten.[9] Ab 1940 produzierte Onno Behrends im Werk einen Kaffeersatz, vermutlich aus Zichorien, unter dem Namen OBO.[10] Nach dem Krieg bauten viele ostfriesische Kleinbauern wieder Tabak an, denen Steinbömer & Lubinus die Pflanze dankbar abkaufte.[9]

1969 wurde eine Festschrift anlässlich des 200-jährigen Jubiläums der Firma veröffentlicht, doch schon vier Jahre später endete die Geschichte der Firma. Gegen die Konkurrenz der internationalen Tabakkonzerne hatte das kleine Unternehmen keine Chance mehr. Zum 30. Juni 1972 wurde die Fabrik aufgelöst. Marke und Name gingen an die Manufacture de Tabacs Heintz van Landewyk in Luxemburg. Aus dem öffentlichen Bewusstsein der Norder ist das historische Traditionsunternehmen trotz seiner einst immensen Bedeutung heute weitestgehend verschwunden.

Produkte

  • Norder Vogel (Naturreine, helle Spezialmischung von Feinschnitt-Tabak aus dem Orient)
  • Steinbömer Gelb (Schwarzer Krauser)
  • Steinbömer Gelb extra (Schwarzer Krauser)
  • Steinbömer Gold (helle, milde Spezialmischung von Tabak aus Virginia und Kentucky)
  • Steinbömer Silver
  • Steinbömer Slaukopp (heller Feinschnitt-Tabak)

Mitbewerber

Um die Wende zum 19. Jahrhundert gab es noch folgende Tabakmanufakturen in Norden, die Steinbömer & Lubinus jedoch alle überdauerte:

Galerie

Einzelnachweise

  1. Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 58
  2. Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 59
  3. Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 59
  4. Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 79
  5. Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 14
  6. 6,0 6,1 Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 61
  7. Schuh, Friedrich (1997): Ostfriesische Landschaft. Geschichte der Familie Lubinus, Aurich (Link)
  8. 8,0 8,1 Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 62
  9. 9,0 9,1 Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 63
  10. Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 65

Quellenverzeichnis

  • Schuh, Friedrich (1997): Ostfriesische Landschaft. Geschichte der Familie Steinbömer, Aurich

Siehe auch