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'''Norddeich''' ist ein Stadtteil von Norden und hat 1.257 Einwohner (Stand: 31.12.2020), die sich auf einer Fläche von rund 10,52 km² verteilen.
'''Norddeich''' ist ein Stadtteil von Norden und hat 1.257 Einwohner (Stand: 31.Dezember 2020), die sich auf einer Fläche von rund 10,52 km² verteilen.
__TOC__
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== Namensherkunft ==
== Namensherkunft ==
''Norddeich'' war ursprünglich nur die Bezeichnung für eine kleine Fischersiedlung am nördlichen Deich - woraus sich der Name erklärt - die größtenteils zur [[Lintelermarsch|Gemeinde Lintelermarsch]], teilweise zur [[Westermarsch II|Gemeinde Westermarsch II]] gehörte.<ref>Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 51</ref> Im Laufe der Zeit, als der Ort mehr und mehr an Bedeutung gewann, wurde aus der Deichbezeichnung schließlich ein Ortsname. Erstmalige Erwähnung findet der Ort 1813 in einem Werbeprospekt, in dem ein Geschäftsmann für einen ''Urlaub am Norddeich'' von Norden wirbt. 1824 wird es als ''[[Fischerhausen]] am sogenannten Norddeich'' bezeichnet. Später kürzte man den Namen ab und nannte ihn fortan nur noch ''Norddeich''. Wann genau, ist nicht überliefert.
''Norddeich'' war ursprünglich nur die Bezeichnung für eine kleine Fischersiedlung am nördlichen Deich - woraus sich der Name erklärt - die größtenteils zur [[Lintelermarsch|Gemeinde Lintelermarsch]], teilweise zur [[Westermarsch II|Gemeinde Westermarsch II]] gehörte.<ref>Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 51</ref> Im Laufe der Zeit, als der Ort mehr und mehr an Bedeutung gewann, wurde aus der Deichbezeichnung schließlich ein Ortsname. Erstmalige Erwähnung findet der Ort 1813 in einem Werbeprospekt, in dem ein Geschäftsmann für einen ''Urlaub am Norddeich'' von Norden wirbt. 1824 wird es als ''[[Fischerhausen]] am sogenannten Norddeich'' bezeichnet. Später kürzte man den Namen ab und nannte ihn fortan nur noch ''Norddeich''. Wann genau, ist nicht überliefert.


Seit den 1950er Jahren wird aufgrund der gemeinsamen, touristischen Vermarktung von Norden und Norddeich (siehe Abschnitt: ''Wirtschaft und Infrastruktur'') oftmals auch von ''Norden-Norddeich'' gesprochen.
Seit den 1950er Jahren wird aufgrund der gemeinsamen, touristischen Vermarktung von Norden und Norddeich (siehe Abschnitt: [[Norddeich#Wirtschaft und Infrastruktur|Wirtschaft und Infrastruktur]]) oftmals auch von ''Norden-Norddeich'' gesprochen.


==Wappen==
==Wappen==
Das Wappen zeigt im grünen Schildhaupt einen silbernen Fisch mit goldenen Flossen und darunter einen roten Blitz mit silbernem Rand. Es wurde von der Gemeinde [[Lintelermarsch]] übernommen, welche 1972 Teil von Norden wurde und das Wappen am 26. Juli 1960 verliehen bekam. Es handelt sich um ein sogennantes redendes Wappen, da es die Ortsgeschichte - wie bei [[Neuwesteel]] - bildlich wiedergibt. Der Fisch im oberen Bereich spiegelt die in Norddeich jahrhundertelang bedeutende Fischerei wieder, der Blitz steht für die Sendestelle von [[Norddeich Radio]], welche sich in Osterloog befand. Heute befindet sich dort das [[Waloseum]]. Die Farbgebung Rot-Silber wurde vom Anstrich der Sendetürme übernommen. Das Grün im Wappen steht für die Landwirtschaft, die ebenfalls lange Zeit eine große Bedeutung hatte und in den östlichen Gebieten Norddeichs bis heute hat.
Das Wappen zeigt im grünen Schildhaupt einen silbernen Fisch mit goldenen Flossen und darunter einen roten Blitz mit silbernem Rand. Es wurde von der [[Lintelermarsch|Gemeinde Lintelermarsch]] übernommen, welche im Zuge der niedersächsischen Gebietsreform zum 1. Juli 1972 ein Stadtteil von Norden wurde und das Wappen am 26. Juli 1960 verliehen bekam. Es handelt sich um ein sogennantes ''redendes Wappen'', da es die Ortsgeschichte bildlich wiedergibt.
 
Der Fisch im oberen Bereich spiegelt die in Norddeich jahrhundertelang bedeutende Fischerei wieder, der Blitz erinnert an die [[Sender Osterloog|Sendestelle]] von [[Norddeich Radio]], welche sich in [[Osterloog]] befand. Heute befindet sich dort das [[Waloseum]]. Die Farbgebung Rot-Silber wurde vom Anstrich der Sendetürme übernommen. Das Grün im Wappen steht für die Landwirtschaft, die ebenfalls lange Zeit eine große Bedeutung hatte und in den östlichen Gebieten Norddeichs bis heute hat.


==Bevölkerungsentwicklung==
==Bevölkerungsentwicklung==
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== Geografie ==
== Geografie ==
Der Ort befindet sich in einem Kalkmarschgebiet in einer Höhe von bis zu 1,4 m über Meeresniveau (NN). Eine von Südwest nach Nordost zum Teil am [[Süderschloot]] verlaufende Linie trennt Norddeich von der südlich gelegenen ehemaligen, heute zu Norden gehörenden [[Sandbauerschaft]]. Diese Linie ist heute die Grenze zu [[Neustadt]]. In nördlicher Richtung wird der Ort vom Wattenmeer begrenzt, im Osten von der [[Ostermarsch]] und im Westen von [[Westermarsch II]].
Der Ort befindet sich in einem Kalkmarschgebiet in einer Höhe von bis zu 1,4 m über Meeresniveau (NN). Eine von Südwest nach Nordost zum Teil am [[Süderschloot]] verlaufende Linie trennt Norddeich von der südlich gelegenen ehemaligen, heute zu Norden gehörenden [[Sandbauerschaft]]. Diese Linie ist heute die Grenze zu [[Neustadt]]. In nördlicher Richtung wird der Ort vom Wattenmeer begrenzt, im Osten von der [[Ostermarsch]] und im Westen von [[Westermarsch II]], mit dem Norddeich insbesondere im Bereich der Grenze, die in etwa mittig des [[Dörper Weg|Dörper Wegs]] verläuft, baulich verschmolzen ist.


In Teilen der südlichen Ausläufer des Ortes weist der Boden eine sandige und weißlich bis rötlichgraue Farbe auf. Der Großteil des Bodens in Norddeich und Umgebung besteht jedoch aus sehr fruchtbarem Marschboden, der eher kräftig hell und gelblich ist.
In Teilen der südlichen Ausläufer des Ortes weist der Boden eine sandige und weißlich bis rötlichgraue Farbe auf. Der Großteil des Bodens in Norddeich und Umgebung besteht jedoch aus sehr fruchtbarem Marschboden, der eher kräftig hell und gelblich ist.


Auffallend sind um Norddeich die vielen mit Schilf bestandenen Wasserstellen. Sie sind in den letzten Jahrhunderten durch immer wieder notwendig werdende Deichbauten entstanden. Außerdem sind etliche meist runde oder längliche Wasserstellen bzw. -löcher zu finden, die die verschiedenen Sturmfluten verursacht haben und als [[Kolk]] bezeichnet werden.
Auffallend sind um Norddeich die vielen mit Schilf bestandenen Wasserstellen. Sie sind in den letzten Jahrhunderten durch immer wieder notwendig werdende Deichbauten entstanden. Außerdem sind etliche meist runde oder längliche Wasserstellen bzw. -löcher zu finden, die die verschiedenen Sturmfluten verursacht haben und als [[Kolk|''Kolk'']] bezeichnet werden.
 
Im Osten grenzt Norddeich an [[Ostermarsch]], im Westen an [[Westermarsch II]] und im Süden an [[Norden (Stadtteil) | Norden]]. Im Norden wird das Land durch die Nordseeküste begrenzt.


== Geschichte ==
== Geschichte ==
===Mittelalter===
===Mittelalter===
Bis ins Mittelalter war die Zahl der hier lebenden Menschen äußerst gering. Der Ort bestand - wie alle [[Marsch|Marschgebiete]] nördlich von Norden - aus vereinzelten Streusiedlungen mit nur wenigen Gebäuden. Erbaut wurden sie zu Beginn auf Warften, künstlichen Erhöhungen, die Mensch, Tier und Behausung Schutz vor Sturmfluten bieten sollte, als es noch keine oder nur schwache Deiche gab.
Bis ins Mittelalter war die Zahl der hier lebenden Menschen äußerst gering. Der Ort bestand - wie alle [[Marsch|Marschgebiete]] nördlich der [[Stadt Norden]] - aus vereinzelten Streusiedlungen mit nur wenigen Gebäuden. Erbaut wurden sie zu Beginn auf Warften, künstlichen Erhöhungen, die Mensch, Tier und Behausung Schutz vor Sturmfluten bieten sollte, als es noch keine oder nur schwache Deiche gab.


===Neuzeit===
===Neuzeit===
Mit Beginn der Neuzeit begannen größere Veränderungen, besonders in der Sozialstruktur. In allen Marschgebieten - und damit auch in Norddeich und umzu - ging die Zahl der kleineren Höfe zurück, die der größeren stieg. Im Jahr 1600 werden in der gesamten Lintelermarsch 48 Hofstellen gezählt, im Jahre 1719 sind nur noch 27 Höfe vorhanden.
Mit Beginn der Neuzeit begannen größere Veränderungen, besonders in der Sozialstruktur. In allen Marschgebieten ging die Zahl der kleineren Höfe zurück, die der größeren stieg. Im Jahr 1600 werden in der gesamten Lintelermarsch noch 48 Hofstellen gezählt, im Jahre 1719 waren nur noch 27 Höfe vorhanden. Während des [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Krieges]] (1618 bis 1648) hatten auch die Bewohner der Lintelermarsch nicht nur unter den Folgen von Sturmfluten sondern auch unter den Einquartierungen der Mansfelder sowie der Kurfürstlichen Brandenburgischen Soldaten zu leiden, die ihr Land und ihre Häuser verwüsteten und kaum erfüllbare Forderungen stellten. Damit erlitten die Bewohner das gleiche Schicksal wie die von [[Westermarsch I]] und [[Westermarsch II]].


Während des [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Krieges]] (1618-1648) hatten die Bewohner von Norddeich und der gesamten Lintelermarsch nicht nur unter den Folgen von Sturmfluten sondern auch unter den Einquartierungen der Mansfelder sowie der Kurfürstlichen Brandenburgischen Soldaten zu leiden, die ihr Land und ihre Häuser verwüsteten und kaum erfüllbare Forderungen stellten. Damit erlitten die Bewohner das gleiche Schicksal wie die von [[Westermarsch I]] und [[Westermarsch II]].
Der Großteil des Gebiets des heutigen Ortes lag seinerzeit weiter im Landesinneren als heute. Nordwestlich von Norddeich gab es am damaligen Deichfuß in der Ortschaft [[Itzendorf]] einen ersten Schiffsanleger, der vor allem von Fischerbooten genutzt wurde. Die [[Weihnachtsflut|Weihnachtsflut von 1717]] durchbrach die Deichlinie und überflutete Itzendorf. Die Ortschaft musste 1721 aufgegeben und ausgedeicht werden, nachdem mehrere Versuche, es wiederaufzubauen, aufgrund der zu massiven Schäden, scheiterten. Die Deichlinie wurde weiter südlich an die heutige Stelle verlegt, etwa mittig des heutigen Ortskerns. Hier können die Straßen [[Hattermannsweg]], [[Am Warft]] und [[Pelikanstraße]] als ungefähre Anhaltspunkte für diese Deichlinie angenommen werden. An den alten Ort erinnert heute noch eine Untiefe in der Nordsee sowie eine Straße in [[Westermarsch II]], die beide ''[[Itzendorfplate]]'' genannt werden. 1735 gründete sich eine Landwehr, die von einem Leutnant und einem Fähnrich angeführt wurde.


Der Großteil des Gebiets des heutigen Ortes lag weiter im Landesinneren als heute. Nordwestlich von Norddeich gab es am damaligen Deichfuß in der Ortschaft [[Itzendorf]] einen ersten Schiffsanleger, der vor allem von Fischerbooten genutzt wurde. Die [[Weihnachtsflut|Weihnachtsflut von 1717]] durchbrach die Deichlinie und überflutete Itzendorf. Die Ortschaft musste 1721 aufgegeben werden, nachdem mehrere Versuche, es wiederaufzubauen, aufgrund der zu massiven Schäden, scheiterten. Die Deichlinie wurde weiter südlich an die heutige Stelle verlegt, etwa mittig des heutigen Ortskerns. Hier können die Straßen [[Hattermannsweg]], [[Am Warft]] und [[Pelikanstraße]] als ungefähre Anhaltspunkte für diese Deichlinie angenommen werden. 1735 wird eine Landwehr gegründet, die von einem Leutnant und einem Fähnrich angeführt wurde.
In unmittelbarer Nähe von der ehemaligen Ortschaft Itzendorf entstand spätestens ab 1780 ein rund 20 Metern langer Nachfolgebau für den Hafen, der bis 1840 in Betrieb war. Östlich davon entwickelte sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ein weiterer Hafen, den man zunächst als ''[[Fischerhausen]] am sogenannten Norddeich'' bezeichnete. Nahe dieses Hafens befanden sich zwei Bauernhöfe und ein Wirtshaus (den sogenannten [[Seebergskrug]]), welche mit weiteren kleinen Gebäuden zu einer Kleinstsiedlung verwuchsen und eine Art ersten Ortskern bildeten, von dem aus sich der Ort weiter entwickelte.


In unmittelbarer Nähe von der ehemaligen Ortschaft Itzendorf entstand spätestens ab 1780 ein rund 20 Metern langer Nachfolgebau für den Hafen, der bis 1840 in Betrieb war. Östlich davon entwickelte sich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts ein weiterer Hafen, den man zunächst als ''[[Fischerhausen]] am sogenannten Norddeich'' bezeichnete. Nahe dieses Hafens befanden sich zwei Bauernhöfe und ein Wirtshaus, welche mit weiteren kleinen Gebäuden zu einer Kleinstsiedlung verwuchsen und eine Art ersten Ortskern bildeten, von dem aus sich der Ort weiter entwickelte.
Im 18. Jahrhundert gewann der Tourismus allmählich an immer größer werdender Bedeutung, jedoch blieben die bis dahin vorherrschenden Wirtschaftszweige - die Fischerei und die Landwirtschaft - bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts weiterhin von zentraler Bedeutung. Mit dem Tode des letzten Grafen von Ostfriesland, [[Carl Edzard Cirksena]], fiel Ostfriesland - und damit auch Norddeich - im Jahre 1744 an das Königreich Preußen. Nach dem Sieg Napoleons über Preußen im Jahr 1806 wurde Ostfriesland ab 1807 Teil des Königreichs Holland, einem Vasallenstaat Frankreichs. Dies blieb bis 1813 so, als Ostfriesland nach der Vertreibung Napoleons wieder an Preußen fiel. In diesem Jahr wurde Norddeich erstmals als ''Küstenbadeort'' bezeichnet.


Im 18. Jahrhundert gewann der Tourismus allmählich an immer größer werdender Bedeutung, jedoch blieben die bis dahin vorherrschenden Wirtschaftszweige - die Fischerei und die Landwirtschaft - bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts weiterhin von zentraler Bedeutung für den Ort. Mit dem Tode des letzten Grafen von Ostfriesland, Carl Edzard aus dem Hause [[Cirksena]], fiel Ostfriesland - und damit auch Norddeich - an das Königreich Preußen. Nach dem Sieg Napoleons über Preußen im Jahr 1806 wurde Ostfriesland ab 1807 Teil des Königreichs Holland, einem Vasallenstaat Frankreichs. Dies blieb bis 1813 so, als Ostfriesland nach der Vertreibung Napoleons wieder an Preußen fiel. In diesem Jahr wurde Norddeich erstmals als Küstenbadeort in der Gemeinde Lintelermarsch bezeichnet.
Ab 1815 musste Preußen Ostfriesland an das Königreich Hannover abtreten. In dieser Zeit begannen Planungen, vor dem schon vorhandenen Haus eine eine befestigte Buhne (rechtwinklig zum Ufer vorgebauter Damm) anzulegen. Im Jahr 1824 wird dieses Vorhaben genehmigt. Aus schweren Feldsteinen, Ziegelsteinschutt, Eisen und Tannenholz wurde dann ein rund 30 Meter langes Bauwerk, das an der Krone eine Breite von vier Metern aufwies, errichtet. Die Unterhaltung erwies sich als sehr kostspielig, da der Anleger durch Sturmfluten und eisige Winter immer wieder stark beschädigt wurde. Zwischen 1869 und 1870 wurde von Privatleuten eine weitere Buhne zum Anlegen von Fähren errichtet. Diese Buhnen, auch ''Fährschlengen'' genannt, waren lange Zeit die wichtigsten Anlegestellen. Aus diesen entwickelte sich nach und nach der [[Norddeicher Hafen]].


Ab 1815 gehörte Ostfriesland schließlich zum Königreich Hannover. In dieser Zeit begannen Planungen, vor dem schon vorhandenen Haus eine eine befestigte Buhne (rechtwinklig zum Ufer vorgebauter Damm) anzulegen. Im Jahr 1824 wird dieses Vorhaben genehmigt. Aus schweren Feldsteinen, Ziegelsteinschutt, Eisen und Tannenholz wurde dann ein rund 30 Meter langes Bauwerk, das an der Krone eine Breite von vier Metern aufwies, errichtet. Die Unterhaltung erwies sich als sehr kostspielig, da der Anleger durch Sturmfluten und Eiswinter immer wieder stark beschädigt wurde. Zwischen 1869 und 1870 wurde von Privatleuten eine weitere Buhne zum Anlegen von Fähren errichtet. Diese Buhnen, auch ''Fährschlengen'' genannt, waren lange Zeit die wichtigsten Anlegestellen.
1866 wird das Königreich Hannover von Preußen annektiert, wodurch Ostfriesland wieder preußisch wird. DIe preußischen Beamten beginnen schon bald damit, das Land zu kartografieren. Die erstaunlich maßstabsgetreue und detaillierte preußische Grundkarte von Norden und Umgebung (ca. 1895) gilt als wichtiger Anhaltspunkte für viele heimatkundliche Nachforschungen. 1870 sind für Norddeich ein Fähranleger, eine Schule, vier Bauernhöfe (davon einer mit Gaststätte) und 18 Häusern angegeben. 1871 wird die [[Reederei Frisia]] als ''Dampfschiffsrhederei Norden'' gegründet. Erklärtes Ziel des Unternehmens ist es, einen geordneten Fährverkehr zwischen Norden und den Insel Juist und Norderney herzustellen, die zuvor vor allem aus Bremen und Hamburg angelaufen wurden. Hinzu kam die beschwerliche Anreise. Zwar war die [[Stadt Norden]] ab 1883 über den [[Alter Bahnhof Norden|Bahnhof in Süderneuland]] an das nationale Eisenbahnnetz angeschlossen, von dort aus mussten die Gäste und Güter aber umständlich mit Pferdefuhrwerken, Linienwagen und Kutschen in das vier Kilometer entfernte Norddeich transportiert werden. Auch von den Fischern des Ortes gab es Forderungen nach einem Ausbau des Hafens.


1866 wird Hannover von Preußen annektiert und Ostfriesland. Nun haben wieder die Preußen das Sagen und beginnen, das Land zu kartografieren. Die preußische Grundkarte von Norden und Umgebung (ca. 1895) gilt als wichtiger Anhaltspunkte für viele heimatkundliche Nachforschungen. 1870 sind für Norddeich ein Fähranleger, eine Schule, vier Bauernhöfe (davon einer mit Gaststätte) und 18 Häusern angegeben. 1871 wird die [[Reederei Frisia]] als ''Dampfschiffsrhederei Norden'' gegründet. Erklärtes Ziel des Unternehmens ist es, einen geordneten Fährverkehr zwischen Norden und den Insel Juist und Norderney herzustellen, die zuvor vor allem aus Bremen und Hamburg angelaufen wurden. Hinzu kam die beschwerliche Anreise. Zwar war die Stadt Norden ab 1883 an das nationale Eisenbahnnetz angeschlossen, von dort aus mussten die Gäste und Güter aber umständlich mit Pferdefuhrwerken, Linienwagen und Kutschen in das vier Kilometer entfernte Norddeich transportiert werden. Auch von den Fischern des Ortes gab es Forderungen nach einem Ausbau des Hafens.
In den Jahren 1889 bis 1891 erfolgt der Bau der [[Mole Norddeich]] und im Jahre 1892 der [[Bahnstrecke Rheine-Norddeich Mole|Anschluss an das Bahnnetz]], was dem Tourismus einen deutlichen Aufschwung versetzte und auch der [[Reederei Frisia]] einen bedeutenden Zuwachs an Fahrgästen verschaffte. Trotz des Bahnanschlusses gestaltete sich die Anreise der Gäster weiterhin aufwendig, da Passagiere und Gepäck mit Pferdekutschen die holprigen Wege nach Norddeich auf sich nehmen mussten. Viele von ihnen verweilten daher vor der Weiterreise nach Norddeich erstmal in einem der zahlreichen Norder Gasthäuser, wie beispielsweise dem [[Vossenhus]].


In den Jahren 1889 bis 1891 erfolgt der Bau der [[Mole Norddeich]] und im Jahre 1892 der [[Bahnstrecke Rheine-Norddeich Mole|Anschluss an das Bahnnetz]], was dem Tourismus einen deutlichen Aufschwung versetzte und auch der Reederei Frisia einen bedeutenden Zuwachs an Fahrgästen verschaffte. Zwar verfügte Norden [[Bahnhof Norden|bereits seit 1883 über einen Bahnanschluss]], doch die Anreise der Gäste nach Norddeich gestaltete sich weiterhin aufwendig, da Passagiere und Gepäck mit Pferdekutschen die holprigen Wege nach Norddeich auf sich nehmen mussten. Der Bau der Mole war für die Reederei Frisia ein weiterer Glücksfall, da sich die Fährschlengen als ungeeignet zum Anlegen größerer Schiffe erwiesen. Auch die Fischer, die den Ausbau des Hafens lange Zeit forderten, profitierten von der verbesserten Infrastruktur.
Der Bau der Mole war insbesondere für die Reederei Frisia ein Glücksfall, da sich die Fährschlengen schnell als ungeeignet zum Anlegen größerer Schiffe erwiesen. Auch die Fischer, die den Ausbau des Hafens lange Zeit forderten, profitierten von der verbesserten Infrastruktur. Den in Norden verweilenden Touristen wurde bereits dabei die ein oder andere Attraktion geboten, so waren etwa Pferderennen über mit Hindernissen bestickte Bahnen ein beliebter Anlaufpunkt.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 50</ref>  Ab 1905 wurde die Küstenfunkstelle [[Norddeich Radio]], die sich eigentlich zu keinem Zeitpunkt innerhalb der Grenzen Norddeichs befand, errichtet. Im April 1907 wurde die Station feierlich eingeweiht und in den 1930er Jahren schließlich nach [[Utlandshörn]] verlegt wurde, nachdem sich der Standort an der [[Deichstraße]] als ungeeignet erwies. Gut 90 Jahre lang wurden von dort Funktelegramme verschickt und Kommunikation zu Schiffen auf allen Weltmeeren aufgebaut. Im [[Erster Weltkrieg|Ersten]] und [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] hatte die Station große Bedeutung für das Militär, besonders die Kaiserliche Marine bzw. Kriegsmarine und wurde entsprechend geschützt.


Ab 1905 wurde die Küstenfunkstelle [[Norddeich Radio]] errichtet, die im April 1907 Eröffnung feierte und in den 1930er Jahren schließlich an ihren letzten Standort nach [[Utlandshörn]] verlegt wurde. Gut 90 Jahre lang wurden von dort Funktelegramme verschickt und Kommunikation zu Schiffen auf allen Weltmeeren aufgebaut. Im [[Erster Weltkrieg|Ersten]] und [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] hatte die Station große Bedeutung für das Militär, besonders die Kaiserliche Marine bzw. Kriegsmarine und wurde entsprechend geschützt.
1905 oder 1906 gründeten Bürger aus Norden einen [[Kurverein Norden-Norddeich|Kurverein]], der die touristische Zusammenarbeit zwischen den beiden Orten fördern sollte, was jedoch zunächst scheiterte. Die [[Badeverwaltung Norddeich]] und der Norder Kurverein gaben getrennt voneinander umfangreiche Werbebroschüren heraus.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 11</ref> Nach 1918, vor allem in den einsetzenden ''Goldenen Zwanzigern'', erlebte der Tourismus einen bedeutenden Aufschwung. Norddeich entwickelte sich nun sichtbar von einem Fischerdorf zum Touristen- und Badeort. Im Jahr 1925 gründete sich erneut ein [[Kurverein Nordseebad Norddeich|Kurverein]]. Im Sommer 1926 waren alle Betten belegt, im Jahr 1927 wurden 25.000 Gäste gezählt.


Vermutlich 1905 / 1906 gründeten Bürger aus Norden einen [[Kurverein Norden-Norddeich|Kurverein]], der die touristische Zusammenarbeit zwischen den beiden Orten fördern sollte, was jedoch zunächst scheiterte. Die [[Badeverwaltung Norddeich]] und der Norder Kurverein gaben getrennt voneinander umfangreiche Werbebroschüren heraus.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 11</ref> Nach 1918, vor allem in den einsetzenden ''Goldenen Zwanzigern'', erlebte der Tourismus einen bedeutenden Aufschwung. Norddeich entwickelte sich nun sichtbar von einem Fischerdorf zum Touristen- und Badeort. Im Jahr 1925 gründete sich erneut ein [[Kurverein Nordseebad Norddeich|Kurverein]]. Im Sommer 1926 waren alle Betten belegt, im Jahr 1927 wurden 25.000 Gäste gezählt.
Der [[Zweiter Weltkrieg|Zweite Weltkrieg]] bremste die Entwicklung, weil die gesamte Küste fortan als militärisches Operationsfeld eingestuft war. Die Wehrmacht richtete in der [[Gaststätte Friesenhof]] ein Kriegsgefangenenlager ein. Hier waren 40 Insassen aus Frankreich und Belgien untergebracht. Nach dem Krieg werden Bahnhof und die Gebäude der Reederei Frisia bedeutend erweitert. Im Sommer 1951 wurde die Seebadeanstalt wieder eröffnet. Initiator war der zuvor gegründete [[Bade- und Verkehrsverein Norden-Norddeich]]. 1958 wurde das [[Freibad Norddeich]] fertiggestellt und eröffnet.


Der [[Zweiter Weltkrieg|Zweite Weltkrieg]] bremste die Entwicklung, weil die gesamte Küste fortan als militärisches Operationsfeld eingestuft war. Die Wehrmacht richtete in der [[Gaststätte Friesenhof]] ein Kriegsgefangenenlager ein. Hier waren 40 Insassen aus Frankreich und Belgien untergebracht. Nach dem Krieg werden Bahnhof und die Gebäude der Reederei Frisia bedeutend erweitert. Im Sommer 1951 wird die Seebadeanstalt wieder eröffnet. Initiator ist der zuvor gegründete [[Bade- und Verkehrsverein Norden-Norddeich]]. 1958 wird das [[Freibad Norddeich]] fertiggestellt und eröffnet.
Für 1960 wurden bereits 50.000 Übernachtungen verzeichnet. Im Jahr 1962 übernahm ein [[Zweckverband zur Förderung des Bade- und Fremdenverkehrs in Norden-Norddeich|kommunaler Zweckverband]] die Aufgaben des Bade- und Verkehrsverein für Norden und Norddeich. Durch die [[Sturmflut 1962|Sturmflut vom 16. auf den 17. Februar 1962]] wurde auch Norddeich stark betroffen. Die 1965 aus fünf kleineren Verbänden gegründete [[Deichacht Norden]] ließ die gesamte Deichlinie zur Nordsee wesentlich erhöhen und verstärken. Diese Maßnahmen dauerten bis 1988 an. Parallel dazu wurde im Jahre 1969 ein 80.000 Quadratmeter großer Sandstrand aufgespült. Im gleichen Jahr nahm die [[Jugendherberge Norddeich|Jugendherberge]] ihren Betrieb auf.


Für 1960 werden bereits 50.000 Übernachtungen verzeichnet. Im Jahr 1962 übernahm ein kommunaler Zweckverband die Aufgaben des Bade- und Verkehrsverein für Norden und Norddeich. Durch die [[Sturmflut 1962|Sturmflut vom 16. auf den 17. Februar 1962]] wurde auch Norddeich stark betroffen. Die 1965 aus fünf kleineren Verbänden gegründete [[Deichacht Norden]] ließ den Deich wesentlich erhöhen und verstärken. Diese Maßnahmen dauerten bis 1988 an. Parallel dazu wurde im Jahre 1969 ein 80.000 Quadratmeter großer Sandstrand aufgespült. Im gleichen Jahr nahm die [[Jugendherberge Norddeich|Jugendherberge]] ihren Betrieb auf.
Im Rahmen der niedersächsischen Kommunalreform wurde die bis dahin eigenständige Gemeinde Lintelermarsch aufgelöst und unter dem Namen ''Norddeich'' zum 1. Juli 1972 ein Stadtteil von Norden. Der Name wurde gewählt, da dieser sich besser touristisch vermarkten ließ und sich im Laufe der Zeit ohnehin als Bezeichnung für die Lintelermarsch durchsetzte. Die Eingemeindung förderte nicht zuletzt die Gründung der [[Kurbetriebs GmbH]]. Vor einem inzwischen neugebauten Hauptdeich in Norddeich entstanden in den siebziger Jahren Freizeitanlagen, unter anderem ein [[Meerwasserbadebecken]] (1973) und das [[Haus des Gastes]] (1975 bis 1976). Hinter dem Deich folgten landeinwärts ein [[Ocean Wave|Hallenbad]], der [[Wellenpark]] sowie die [[Seehundstation Norddeich|Seehundstation]]. 1979 erhielt Norddeich das Prädikat ''Staatlich anerkanntes Nordseebad''.


Im Rahmen der niedersächsischen Kommunalreform wurde die Gemeinde Lintelermarsch aufgelöst und unter dem Namen Norddeich zum 1. Juli 1972 ein Stadtteil von Norden, womit die Gemeinde ihre Eigenständigkeit verlor. Die Eingemeindung fördert die Gründung der [[Kurbetriebs GmbH]]. Vor einem inzwischen neugebauten Hauptdeich in Norddeich entstehen in den siebziger Jahren Freizeitanlagen, unter anderem ein [[Meerwasserbadebecken]] (1973) und das [[Haus des Gastes]] (1975 - 1976). Hinter dem Deich folgen landeinwärts ein [[Ocean Wave|Hallenbad]], der [[Wellenpark]] sowie die [[Seehundstation Norddeich|Seehundstation]]. 1979 erhielt Norddeich das Prädikat ''Staatlich anerkanntes Nordseebad''.
Im Jahre 1992 erfolgte die Einweihung des [[Nationalparkzentrum|Nationalparkzentrums]], da das Wattenmeer zum Nationalpark erklärt wurde. In diesem Jahr begann auch der Bau der [[Dr. Becker Klinik]] sowie der Umbau und Erweiterung des [[Haus des Gastes]]. Die Vollendung erfolgte vier Jahre später. Von 2002 bis 2003 wurde das alte Wellenbad in das Meerwassererlebnisbad [[Ocean Wave|''Ocean Wave'']] umgebaut. Neben dem Tourismus ist die Fischerei weiterhin eine wichtige Erwerbsquelle, zahlreiche Kutter legen auch heute noch [[Am Fischereihafen]] an. Am 24. Juni 2010 verlieh der damalige niedersächsische Wirtschaftsminister Jörg Bode dem Stadtteil den Titel ''Nordseeheilbad'', die höchste touristische Anerkennungsstufe unseres Bundeslandes.


Im Jahre 1992 erfolgte die Einweihung des [[Nationalparkzentrum|Nationalparkzentrums]], da das Wattenmeer zum Nationalpark erklärt wurde. In diesem Jahr begann auch der Bau der [[Dr. Becker Klinik]] sowie der Umbau und Erweiterung des [[Haus des Gastes]]. Die Vollendung erfolgte vier Jahre später. Von 2002 bis 2003 wurde das alte Wellenbad in das Meerwassererlebnisbad [[Ocean Wave]] umgebaut. Neben dem Tourismus ist die Fischerei weiterhin eine wichtige Erwerbsquelle, zahlreiche Kutter legen auch heute noch [[Am Fischereihafen]] an.
Viele Personen, Betriebe und Verbände haben Norddeich im Laufe der Zeit zu dem gemacht, was es heute ist. Auf der einen Seite profitiert die Stadt von dem ungebrochen prosperierenden Tourismus wie von keinem anderen Wirtschaftszweig, auf der anderen Seite bringt dieser enorme Anstrengungen für die Infrastruktur mit sich. Nicht zuletzt hat eine rege Bautätigkeit dazu geführt, dass Norddeich besonders im Winter einer Geisterstadt gleicht, deren Häuser sich durch geschlossene Rollos aufweist. Man spricht hier im Volksmund auch spöttisch von Rollladensiedlungen. Die enorme Preissteigerung für Häuser und Gründstücke, die in der Amtszeit von [[Heiko Schmelzle|Bürgermeister Schmelzle]] nie da gewesene und mit Ballungsräumen vergleichbare Ausmaße erreicht hat, führte zudem dazu, dass heute kaum noch Einheimische in Norddeich wohnen. Die wenigen Neubauten, für die oftmals ortsbildprägende Einfamilienhäuser ohne Not abgebrochen werden, werden in der Regel für touristische Zwecke genutzt oder zu utopischen Preisen an auswärtige Senioren der Ballungsgebiete des Ruhrgebiets verkauft.


Am 24. Juni 2010 verlieh der damalige niedersächsische Wirtschaftsminister Jörg Bode dem Stadtteil den Titel ''Nordseeheilbad'', die höchste touristische Anerkennungsstufe unseres Bundeslandes.
==Verwaltung==


==Verwaltung==
* siehe auch: [[Liste der Bürgermeister der Gemeinde Lintelermarsch]]
Der oberste Beamte in der Grafen- bzw. Fürstenzeit (1464 - 1744) im Amt Norden war der Drost, später [[Amtsverwalter]] genannt, der die Oberaufsicht und Polizeigewalt im ganzen [[Amt Norden]] hatte. Der Vogt, ein Exekutivbeamte des Drosten, wurde vom Fürsten persönlich ernannt. Sein Arbeitsbereich umfasste die Lintelermarsch mitsamt Norddeich sowie die Norder Umlandgemeinde [[Sandbauerschaft]]. Dem Vogt wurde ein sogenannter Auskündiger beigesetzt, der vom Amtsverwalter eingesetzt wurde. Zusätzlich gab es die [[Rottmeister]], benannt nach den [[Rott|Rotten]] (vergleichbar mit heutigen Stadtvierteln) die die Aufgabe hatten, den Leuten, die im Rott wohnten, Steuerangelegenheiten und andere die Allgemeinheit betreffenden Pflichten oder Bestellungen kundzutun. Der Rottmeister amtierte zwei Jahre, das Amt wurde im Rott vergeben.
 
Der oberste Beamte in der Grafen- bzw. Fürstenzeit (1464 - 1744) im Amt Norden war der Drost, später [[Amtsverwalter]] genannt, der die Oberaufsicht und Polizeigewalt im ganzen [[Amt Norden]] hatte. Der [[Vogt]], ein Exekutivbeamte des Drosten, wurde vom Fürsten persönlich ernannt. Sein Arbeitsbereich umfasste die gesamte Lintelermarsch sowie die frühere Norder Umlandgemeinde [[Sandbauerschaft]]. Dem Vogt wurde ein sogenannter ''Auskündiger'' beigesetzt, der vom Amtsverwalter eingesetzt wurde. Zusätzlich gab es die [[Rottmeister]], benannt nach den [[Rott|Rotten]] (vergleichbar mit heutigen Stadtvierteln) die die Aufgabe hatten, den Leuten, die im Rott wohnten, Steuerangelegenheiten und andere die Allgemeinheit betreffenden Pflichten oder Bestellungen kundzutun. Der Rottmeister amtierte zwei Jahre, das Amt wurde im Rott vergeben.


Im 19. Jahrhundert stand ein Bürgermeister an oberster Spitze in der Gemeinde Lintelermarsch und nach der Gemeindereform 1972 ein [[Ortsvorsteher]], der Norddeich vor dem Rat und der Verwaltung der Stadt Norden vertritt.
Im 19. Jahrhundert stand ein Bürgermeister an oberster Spitze in der Gemeinde Lintelermarsch und nach der Gemeindereform 1972 ein [[Ortsvorsteher]], der Norddeich vor dem Rat und der Verwaltung der Stadt Norden vertritt. Der bekannteste Lintelermarscher Bürgermeister war [[Heinrich Balssen]], dem zu Ehren man auch die [[Bürgermeister-Balssen-Straße]] benannte.


==Bildung==
==Bildung==
* Hauptartikel: [[Osterlooger Schule]] | [[Schule Stuvertsweg]] | [[Schule Norddeich]]
* Hauptartikel: [[Osterlooger Schule]] | [[Schule Stuvertsweg]] | [[Schule Norddeich]]


Eine Schule ist für spätestens 1767 nachgewiesen. Die erste bekannte Schule befand sich vermutlich etwa in Höhe von [[Wiebens Trift]] und wurde 1852 durch einen Nachfolgebau ersetzt. Eine weitere Schule soll es ab 1843 im [[Stuvertsweg]] gegeben haben. 1888 wurde das bis heute erhaltene Schulgebäude an der [[Norddeicher Straße]] erbaut. 1908 wurde ein -ebenfalls noch heute existierendes - Schulgebäude an der [[Ostermarscher Straße]], kurz vor der Grenze zu [[Ostermarsch]] errichtet. Die einzige noch betrieben Schule ist die 1992 fertiggestellte Schule in der [[Nordmeerstraße]].
Eine Schule ist für spätestens 1767 nachgewiesen. Die erste bekannte Schule befand sich vermutlich etwa in Höhe von [[Wiebens Trift]] und wurde 1852 durch einen Nachfolgebau ersetzt. Eine weitere Schule soll es ab 1843 im [[Stuvertsweg]] gegeben haben. 1888 wurde das bis heute erhaltene Schulgebäude an der [[Norddeicher Straße]] erbaut. 1908 wurde ein - ebenfalls noch heute existierendes - Schulgebäude an der [[Ostermarscher Straße]], kurz vor der Grenze zu [[Ostermarsch]] errichtet. Die einzige noch betriebene Schule ist die 1992 fertiggestellte Schule in der [[Nordmeerstraße]].


==Religion==
==Religion==
Bis ins 20. Jahrhundert besuchten die Einwohner die Kirchen in Norden, vor allem die [[Ludgerikirche]], da die meisten evangelisch-lutherischer Glaubensrichtung waren. Seit Mitte der 1970er Jahre verfügt Norddeich mit der [[Arche]] über eine eigene Kirche. Später kam noch die [[Friedenskirche]] im [[Sozialwerk Nazareth]] dazu. Die wenigen römisch-katholischen und reformierten Bürger besuchen weiterhin die [[Liste der Sakralbauten|entsprechenden Kirchen]] in Norden.
Bis ins 20. Jahrhundert besuchten die Einwohner die Kirchen in Norden, vor allem die [[Ludgerikirche]], da die meisten evangelisch-lutherischer Glaubensrichtung waren. Seit 1975 verfügt Norddeich mit der [[Arche]] über eine eigene Kirche. 1973 kam bereits die [[Friedenskirche]] im [[Sozialwerk Nazareth]] dazu. Die anderen Konfessionsangehörigen besuchen unverändert die [[Liste der Sakralbauten|entsprechenden Kirchen]] in Norden.


==Gesundheit und Soziales==
==Gesundheit und Soziales==
Die Betreuung der Hilfsbedürftigen wurde früher von den Kirchengemeinden geleistet und nicht vom Staat. Die dafür benötigten Gelder stammten aus eigenen Ländereien und Kapitalvermögen und wurden auch [[Armenland]] genannt. In Norddeich wurde die Ländereien vor allem durch den [[Hof Armenplatz]], welcher noch heute erhalten ist, bewirtschaftet. Norddeich war dem [[Armenverband Norden]] und der Norder Kirchengemeinde angegliedert.
Die Betreuung der Hilfsbedürftigen wurde früher von den Kirchengemeinden geleistet und nicht vom Staat. Die dafür benötigten Gelder stammten aus eigenen Ländereien und Kapitalvermögen und wurden auch [[Armenland]] genannt. In Norddeich wurde die Ländereien vor allem durch den [[Hof Armenplatz]], welcher noch heute erhalten ist, bewirtschaftet. Norddeich war dem [[Armenverband Norden]] und der Norder Kirchengemeinde angegliedert. Die Armen wurden damit also ebenfalls vom [[Armenhaus|Norder Armenhaus]] versorgt.


1973 errichtet die Pfingstgemeinde in Norddeich ein Erholungszentrum, das 1977 als [[Sozialwerk Nazareth | Freizeit- und Heimstätte Nazareth]] bekannt wird und im Laufe der Jahre tausenden Flüchtlingen und Asylsuchenden Unterstützung und Unterkunft geboten hat.
1973 errichtet die Pfingstgemeinde in Norddeich ein Erholungszentrum, das 1977 als [[Sozialwerk Nazareth |Freizeit- und Heimstätte Nazareth]] bekannt wird und im Laufe der Jahre tausenden Flüchtlingen und Asylsuchenden Unterstützung und Unterkunft geboten hat.


==Wirtschaft und Infrastruktur==
==Wirtschaft und Infrastruktur==
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* siehe auch: [[Stadt Norden#Wirtschaft|Wirtschaft der Stadt Norden]]
* siehe auch: [[Stadt Norden#Wirtschaft|Wirtschaft der Stadt Norden]]


Lange Zeit spielten vor allem die Fischerei und die Landwirtschaft eine Rolle und tun dies zum Teil bis heute. Bekannt ist, dass von Norddeich aus um 1888 sieben Schaluppen auf Schellfischfang gingen und auch Argenfischerei betrieben wurde. Hierzu wurden auf einer Sandbank bis zu 800 Meter lange Buschzäune errichtet, die zu einem spitzen Winkel zusammenliefen und an dessen Ende Fangnetze aufgestellt waren. Bei Ebbstrom verfingen sich dadurch Schollen, Butte und andere Fische in den Netzen.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 302</ref> Muschelfang wird traditionell südlich von Borkum und nahe der Vogelinsel Memmert betrieben. Von Bedeutung war lange Zeit auch das Krabben- bzw. Granatpulen, das noch bis in die 1990er Jahre einer dreistelligen Personenzahl ein Einkommen bescherte.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 303</ref> Heute wird der in Norddeich gefangene Granat jedoch irrsinnigerweise überwiegend in Marokko gepult und dann wieder zurück nach Deutschland verschifft.
Lange Zeit spielten vor allem die Fischerei und die Landwirtschaft eine Rolle und tun dies zum Teil bis heute. Bekannt ist, dass von Norddeich aus um 1888 sieben Schaluppen auf Schellfischfang gingen und auch Argenfischerei betrieben wurde. Hierzu wurden auf einer Sandbank bis zu 800 Meter lange Buschzäune errichtet, die zu einem spitzen Winkel zusammenliefen und an dessen Ende Fangnetze aufgestellt waren. Bei Ebbstrom verfingen sich dadurch Schollen, Butte und andere Fische in den Netzen.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 302</ref> Muschelfang wird traditionell südlich von Borkum und nahe der Vogelinsel Memmert betrieben. Von Bedeutung war lange Zeit auch das Krabben- bzw. Granatpulen, das noch bis in die 1990er Jahre einer dreistelligen Personenzahl ein Einkommen bescherte.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 303</ref> Heute wird der vor Norddeich gefangene Granat jedoch irrsinnigerweise überwiegend in Marokko gepult und dann wieder zurück nach Deutschland verschifft.


Haupterwerbszeig ist jedoch spätestens seit den 1950er Jahren der Tourismus, der sich immer weiter zum Massentourismus entwickelt. Norddeich ist nach Rostock und Puttgarden der größte Personenhafen Deutschlands mit über zwei Millionen Passagieren und verzeichnet jährlich bis zu zwei Millionen Übernachtungen. Bei einer Einwohnerzahl von knapp über 1.200 Leuten werden die Dimension und das Ausmaß des Tourismus besonders deutlich. Ein Großteil aller Häuser und Wohnungen wird entweder vollständig oder zumindest teilweise zu Zwecken des Tourismus vermietet. Dazu kommen eine Vielzahl an Pensionen und Hotels der unterschiedlichsten Kategorien sowie eine herausragende Anzahl an Restaurants und weiteren, dem Tourismus dienende Einrichtungen.
Haupterwerbszeig ist spätestens seit den 1950er Jahren der Tourismus, der sich immer weiter zum Massentourismus entwickelt. Der [[Norddeicher Hafen]] ist nach dem in Rostock und Puttgarden der größte Personenhafen Deutschlands mit jährlich über zwei Millionen Passagieren. Der Ort selbst verzeichnet jährlich bis zu zwei Millionen Übernachtungen. Bei einer Einwohnerzahl von knapp über 1.200 werden die Dimension und das Ausmaß des Fremdenverkehrs besonders deutlich. Ein Großteil aller Häuser und Wohnungen wird entweder vollständig oder zumindest teilweise zu Zwecken des Tourismus vermietet. Dazu kommen eine Vielzahl an Pensionen und Hotels der unterschiedlichsten Kategorien sowie eine herausragende Anzahl an Restaurants und weiteren, dem Tourismus dienende Einrichtungen.


Der wohl älteste schriftliche Beleg für touristische Aktivitäten in Norddeich ist ein am 21. Juli 1813 veröffentlicht Prospekt eines [[Roolf Seeberg|Roolf W. Seeberg]], Inhaber des [[Seebergskrug|''Seebergskrugs am Norddeiche'']]: ''"Die kleine Seebadeanstalt am Norddeiche ohnweit Norden betrf. mache ich Unterzeichneter […] näher bekannt.''" Es folgen Informationen und Preisangaben für warme und kalte Bäder in seinem Hause diesseits des Deiches sowie für die Nutzung einer Badekutsche jenseits des Deiches. Seeberg bot zur mehreren Bequemlichkeit der ''Herren Badegäste'' auch ein Fahrdienst im verdeckten viersitzigem Wagen, und zwar zweimal täglich - vormittags um 10:00 Uhr und nachmittags um 14:00 Uhr - von Norden aus an. Gegen diesen Prospekt, der auf der Vorderseite in deutscher und - mit Blick auf damals in Ostfriesland und auch in Norden und Umgebung stationierten französischen Besatzungstruppen - auf der Rückseite in französischer Sprache abgefasst war, intervenierte der Präfekt des Départements Ems-Oriental, da für die Veröffentlichung keine Genehmigung eingeholt worden sei. Diese aber wäre schon deshalb notwendig gewesen, weil der Prospekt ''ein Zulauf von fremden Reisenden auf die äußersten Gränzen des Reiches bewirken'' könnte. Seeberg wandte sich deshalb - den Dienstweg einhaltend - am 6. August 1813 an den Bürgermeister (''Maire'') von Lintelermarsch und suchte dort offiziell um eine Genehmigung für seinen Badebetrieb nach. Seinen Antrag begründete er unter anderem auf folgende Weise: ''"So habe ich mich entschloßen, weill ich am Deiche wohne, vor [= für] unseres Landes Leute zu mehr bequemlichkeit es einzurichten, das Herren und Dames die sich Schienären [= genieren] öffentlich zu baden, sich durch eine Maschine sich können herein farren [= fahren] laßen, und unter ein Fallschirm zu Baden."'' Außerdem verwies Seeberg auf die wissenschaftliche Abhandlung eines Professor Vogels über den Nutzen der Seebäder und einen anderen französischen Aufsatz, in dem Vogel die These vertrat, dass das Seebad in mehreren Krankheiten fast durch nichts zu ersetzen ist. Ob der Bürgermeister dem Antrag stattgab, ist nicht bekannt. Im gleichen Jahr fiel Ostfriesland jedoch auch wieder an Preußen zurück und die ''französischen Bedenken'' wurden damit bedeutungslos.
Der wohl älteste schriftliche Beleg für touristische Aktivitäten in Norddeich ist ein am 21. Juli 1813 veröffentlicht Prospekt eines [[Roolf Seeberg|Roolf W. Seeberg]], Inhaber des [[Seebergskrug|''Seebergskrugs am Norddeiche'']]: ''"Die kleine Seebadeanstalt am Norddeiche ohnweit Norden betrf. mache ich Unterzeichneter […] näher bekannt.''" Es folgen Informationen und Preisangaben für warme und kalte Bäder in seinem Hause diesseits des Deiches sowie für die Nutzung einer Badekutsche jenseits des Deiches. Seeberg bot zur mehreren Bequemlichkeit der ''Herren Badegäste'' auch ein Fahrdienst im verdeckten viersitzigem Wagen, und zwar zweimal täglich - vormittags um 10:00 Uhr und nachmittags um 14:00 Uhr - von Norden aus an. Gegen diesen Prospekt, der auf der Vorderseite in deutscher und - mit Blick auf damals in Ostfriesland und auch in Norden und Umgebung stationierten französischen Besatzungstruppen - auf der Rückseite in französischer Sprache abgefasst war, intervenierte der Präfekt des Départements Ems-Oriental, da für die Veröffentlichung keine Genehmigung eingeholt worden sei. Diese aber wäre schon deshalb notwendig gewesen, weil der Prospekt ''ein Zulauf von fremden Reisenden auf die äußersten Gränzen des Reiches bewirken'' könnte. Seeberg wandte sich deshalb - den Dienstweg einhaltend - am 6. August 1813 an den Bürgermeister (''Maire'') von Lintelermarsch und suchte dort offiziell um eine Genehmigung für seinen Badebetrieb nach. Seinen Antrag begründete er unter anderem auf folgende Weise: ''"So habe ich mich entschloßen, weill ich am Deiche wohne, vor [= für] unseres Landes Leute zu mehr bequemlichkeit es einzurichten, das Herren und Dames die sich Schienären [= genieren] öffentlich zu baden, sich durch eine Maschine sich können herein farren [= fahren] laßen, und unter ein Fallschirm zu Baden."'' Außerdem verwies Seeberg auf die wissenschaftliche Abhandlung eines Professor Vogels über den Nutzen der Seebäder und einen anderen französischen Aufsatz, in dem Vogel die These vertrat, dass das Seebad in mehreren Krankheiten fast durch nichts zu ersetzen ist. Ob der Bürgermeister dem Antrag stattgab, ist nicht bekannt. Im gleichen Jahr fiel Ostfriesland jedoch auch wieder an Preußen zurück und die ''französischen Bedenken'' wurden damit bedeutungslos.