Norder Platt: Unterschied zwischen den Versionen
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Als '''Norder Platt''' bezeichnet man die Varietät des Ostfriesischen Niederdeutsch, die sich in der [[Stadt Norden]] und den umliegenden Gebieten des [[Norderland|Norderlandes]] seit dem Mittelalter entwickelt hat und bis heute gesprochen wird. Durch die Randlage und verschiedene Einflüsse spricht man im Norderland ein Platt, das sich von demjenigen im restlichen Ostfriesland in einigen charakteristischen Merkmalen unterscheidet. | Als '''Norder Platt''' bezeichnet man die Varietät des Ostfriesischen Niederdeutsch, die sich in der [[Stadt Norden]] und den umliegenden Gebieten des [[Norderland|Norderlandes]] seit dem Mittelalter entwickelt hat und bis heute gesprochen wird. Durch die Randlage und verschiedene Einflüsse spricht man im Norderland ein Platt, das sich von demjenigen im restlichen Ostfriesland in einigen charakteristischen Merkmalen unterscheidet. | ||
== Geografische Verbreitung == | ==Geografische Verbreitung== | ||
[[Datei:Baltrum Schild.jpg|mini|Infotafel auf Baltrum mit der fürs Norder Platt charakteristischen Wortvariante ''ne'' statt dem im übrigen Ostfriesland gebräuchlichen ''neet'' oder ''nich''.]] | [[Datei:Baltrum Schild.jpg|mini|Infotafel auf Baltrum mit der fürs Norder Platt charakteristischen Wortvariante ''ne'' statt dem im übrigen Ostfriesland gebräuchlichen ''neet'' oder ''nich''.]] | ||
Der Begriff ''Norder Platt'' dient naturgemäß zur Bezeichnung der in der Stadt gesprochenen niederdeutschen Sprache (Norder Platt im engeren Sinne). | Der Begriff ''Norder Platt'' dient naturgemäß zur Bezeichnung der in der Stadt gesprochenen niederdeutschen Sprache (Norder Platt im engeren Sinne). | ||
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Deutliche Unterschiede existieren aber bereits zum Krummhörner Platt, das sich eher zur Emder Variante orientiert, obwohl die Krummhörn ebenfalls Teil des ehemaligen Landkreises Norden (nicht aber des Norderlandes) gewesen ist. | Deutliche Unterschiede existieren aber bereits zum Krummhörner Platt, das sich eher zur Emder Variante orientiert, obwohl die Krummhörn ebenfalls Teil des ehemaligen Landkreises Norden (nicht aber des Norderlandes) gewesen ist. | ||
== Literatur, Veröffentlichungen, Autoren == | ==Literatur, Veröffentlichungen, Autoren== | ||
Das ostfriesische Plattdeutsch ist, im Vergleich zum Niederdeutschen überhaupt, welches seit langer Zeit in vielen norddeutschen (und nordniederländischen) Regionen von der jeweiligen Dachsprache verdrängt wird, noch in einem verhältnismäßig lebendigen Zustand. Es existiert eine reiche Literatur in ostfriesischem Platt. Speziell das Norder Platt ist dabei erkennbar unterrepräsentiert. Dies ist wichtig zu wissen, da ein Großteil der regionalen Literatur von Autoren aus dem Raum Leer stammt und daher möglicherweise ein falsches Bild vermitteln kann. Es existiert bisher keine zusammenhängende Darstellung aller Besonderheiten des Norder Platt. | Das ostfriesische Plattdeutsch ist, im Vergleich zum Niederdeutschen überhaupt, welches seit langer Zeit in vielen norddeutschen (und nordniederländischen) Regionen von der jeweiligen Dachsprache verdrängt wird, noch in einem verhältnismäßig lebendigen Zustand. Es existiert eine reiche Literatur in ostfriesischem Platt. Speziell das Norder Platt ist dabei erkennbar unterrepräsentiert. Dies ist wichtig zu wissen, da ein Großteil der regionalen Literatur von Autoren aus dem Raum Leer stammt und daher möglicherweise ein falsches Bild vermitteln kann. Es existiert bisher keine zusammenhängende Darstellung aller Besonderheiten des Norder Platt. | ||
Autoren, die im Norder Platt (im weiteren Sinne) schreiben oder geschrieben haben: | Autoren, die im Norder Platt (im weiteren Sinne) schreiben oder geschrieben haben: | ||
* Arend Dreesen (* 1883 in Norden, + 1928 in Norden) | *Arend Dreesen (* 1883 in Norden, + 1928 in Norden) | ||
* Ludwig Kimme (* 1907 in Grieth, + 1984 in Norden) | *Ludwig Kimme (* 1907 in Grieth, + 1984 in Norden) | ||
* Frerich Hokema (* 1897 in Norden, + 1984) | *Frerich Hokema (* 1897 in Norden, + 1984) | ||
* Rudolf Bielefeld (* 1867, + 1933) | *Rudolf Bielefeld (* 1867, + 1933) | ||
* Fooke Hoissen Müller (* 1798 in Aurich, + 1856 in Berlin) | *Fooke Hoissen Müller (* 1798 in Aurich, + 1856 in Berlin) | ||
* Christof Wehking (* 1924 in Norden, + 2004 in Malente)) | *Christof Wehking (* 1924 in Norden, + 2004 in Malente)) | ||
* Marieluise Stolper (* 1947 auf Juist) | *Marieluise Stolper (* 1947 auf Juist) | ||
* Else Bontjes (* um 1950 in Osteel) | *Else Bontjes (* um 1950 in Osteel) | ||
* Jan (Johann) Meiners (* 1908 in Bant, + 1998 in Visquard) | *Jan (Johann) Meiners (* 1908 in Bant, + 1998 in Visquard) | ||
*Wilfriede Aden-Bakker (* 1943 im Harlingerland, + 2017 in Norden) | *Wilfriede Aden-Bakker (* 1943 im Harlingerland, + 2017 in Norden) | ||
*Edzard Conring (* 1928, + 2012) | *Edzard Conring (* 1928, + 2012) | ||
*Frank Jakobs, veröffentlicht u. a. Hörbeiträge beim Norddeutschen Rundfunk | *Frank Jakobs (Norden), veröffentlicht u. a. Hörbeiträge beim Norddeutschen Rundfunk | ||
*Johann Rabenstein (Großheide) | |||
== Besondere Merkmale des Norder Platt == | ==Besondere Merkmale des Norder Platt== | ||
Das Gebiet um Norden lässt sich linguistisch grob der nordöstlichen Hälfte des ostfriesischen Platt zuordnen. Davon zu unterscheiden ist die südwestliche Hälfte (Krummhörn, Emden, Landkreis Leer). | Das Gebiet um Norden lässt sich linguistisch grob der nordöstlichen Hälfte des ostfriesischen Platt zuordnen. Davon zu unterscheiden ist die südwestliche Hälfte (Krummhörn, Emden, Landkreis Leer). | ||
==== 1. Betrifft die Aussprache ==== | ====1. Betrifft die Aussprache==== | ||
* Sprachlich weniger komplexe Realisierung einiger Langvokale (grob: einfacher, weniger Diphthonge oder gar Triphthonge, weniger Überlängen)<ref>vgl. Lücht, S. 38, Tab. 2, „Dollart-Linie“</ref> | * Sprachlich weniger komplexe Realisierung einiger Langvokale (grob: einfacher, weniger Diphthonge oder gar Triphthonge, weniger Überlängen)<ref>vgl. Lücht, S. 38, Tab. 2, „Dollart-Linie“</ref> | ||
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*Sonderfall: ''Arvt'' (Erbse), ostfrieslandweit einheitliche Schreibweise, aber im Norder Platt gesprochen wie ''*Aart'', im Gegensatz dazu im südlichen Ostfriesland realisiert als ''*Aarv''. | *Sonderfall: ''Arvt'' (Erbse), ostfrieslandweit einheitliche Schreibweise, aber im Norder Platt gesprochen wie ''*Aart'', im Gegensatz dazu im südlichen Ostfriesland realisiert als ''*Aarv''. | ||
==== 2. Betrifft Aussprache und Schreibweise ==== | ====2. Betrifft Aussprache und Schreibweise==== | ||
(Variante im Norder Platt '''fett''':) | (Variante im Norder Platt '''fett''':) | ||
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Weitere besondere Wortvarianten: '''woll''' (wohl), sonst oft wall, '''nee''' (nicht), (Abfall des ''-t'', Schriftsprache oft als ''neet,'' gesprochen als ''nee''), '''kien''' (kein), anstatt ''keen'' | Weitere besondere Wortvarianten: '''woll''' (wohl), sonst oft wall, '''nee''' (nicht), (Abfall des ''-t'', Schriftsprache oft als ''neet,'' gesprochen als ''nee''), '''kien''' (kein), anstatt ''keen'' | ||
==== 3. Betrifft Aussprache, Schreibweise und Grammatik ==== | ====3. Betrifft Aussprache, Schreibweise und Grammatik==== | ||
'''Lautung einiger Formen des Präteritums''': freet, geev, kweem, leeg, nehm, seeg, seet, weer (in anderen Gebieten meist mit kurzem -a- realisiert) | '''Lautung einiger Formen des Präteritums''': freet, geev, kweem, leeg, nehm, seeg, seet, weer (in anderen Gebieten meist mit kurzem -a- realisiert) | ||
Version vom 30. Oktober 2022, 06:43 Uhr
Als Norder Platt bezeichnet man die Varietät des Ostfriesischen Niederdeutsch, die sich in der Stadt Norden und den umliegenden Gebieten des Norderlandes seit dem Mittelalter entwickelt hat und bis heute gesprochen wird. Durch die Randlage und verschiedene Einflüsse spricht man im Norderland ein Platt, das sich von demjenigen im restlichen Ostfriesland in einigen charakteristischen Merkmalen unterscheidet.
Geografische Verbreitung

Der Begriff Norder Platt dient naturgemäß zur Bezeichnung der in der Stadt gesprochenen niederdeutschen Sprache (Norder Platt im engeren Sinne).
Er bezeichnet weiterhin aber auch die Besonderheiten der plattdeutschen Varietäten, in welchen sich die Ortsdialekte im überwiegenden Gebiet des Altkreises Norden bzw. des historischen Norderlandes (Gegenden um Hage, Berum, Großheide und Arle sowie diejenigen südlich von der Stadt Norden im Brookmerland) allesamt ähneln. Auch die durch die räumliche Nähe zur Stadt Norden hin orientierten Inseln Juist, Norderney und Baltrum teilen viele Besonderheiten des Norder Platt.
Deutliche Unterschiede existieren aber bereits zum Krummhörner Platt, das sich eher zur Emder Variante orientiert, obwohl die Krummhörn ebenfalls Teil des ehemaligen Landkreises Norden (nicht aber des Norderlandes) gewesen ist.
Literatur, Veröffentlichungen, Autoren
Das ostfriesische Plattdeutsch ist, im Vergleich zum Niederdeutschen überhaupt, welches seit langer Zeit in vielen norddeutschen (und nordniederländischen) Regionen von der jeweiligen Dachsprache verdrängt wird, noch in einem verhältnismäßig lebendigen Zustand. Es existiert eine reiche Literatur in ostfriesischem Platt. Speziell das Norder Platt ist dabei erkennbar unterrepräsentiert. Dies ist wichtig zu wissen, da ein Großteil der regionalen Literatur von Autoren aus dem Raum Leer stammt und daher möglicherweise ein falsches Bild vermitteln kann. Es existiert bisher keine zusammenhängende Darstellung aller Besonderheiten des Norder Platt.
Autoren, die im Norder Platt (im weiteren Sinne) schreiben oder geschrieben haben:
- Arend Dreesen (* 1883 in Norden, + 1928 in Norden)
- Ludwig Kimme (* 1907 in Grieth, + 1984 in Norden)
- Frerich Hokema (* 1897 in Norden, + 1984)
- Rudolf Bielefeld (* 1867, + 1933)
- Fooke Hoissen Müller (* 1798 in Aurich, + 1856 in Berlin)
- Christof Wehking (* 1924 in Norden, + 2004 in Malente))
- Marieluise Stolper (* 1947 auf Juist)
- Else Bontjes (* um 1950 in Osteel)
- Jan (Johann) Meiners (* 1908 in Bant, + 1998 in Visquard)
- Wilfriede Aden-Bakker (* 1943 im Harlingerland, + 2017 in Norden)
- Edzard Conring (* 1928, + 2012)
- Frank Jakobs (Norden), veröffentlicht u. a. Hörbeiträge beim Norddeutschen Rundfunk
- Johann Rabenstein (Großheide)
Besondere Merkmale des Norder Platt
Das Gebiet um Norden lässt sich linguistisch grob der nordöstlichen Hälfte des ostfriesischen Platt zuordnen. Davon zu unterscheiden ist die südwestliche Hälfte (Krummhörn, Emden, Landkreis Leer).
1. Betrifft die Aussprache
- Sprachlich weniger komplexe Realisierung einiger Langvokale (grob: einfacher, weniger Diphthonge oder gar Triphthonge, weniger Überlängen)[1]
Beispiel: School, realisiert im Norder Platt als "Schgoul", im Gegensatz dazu Krummhörn "Schgaul", Leer "Schgeaul"
Beispiel: Norderney, auf platt konventionell und einheitlich geschrieben als Nörderneei (Bestandteile Nörden "Norden", neei "neu", letzteres Wort in großen Teilen Ostfrieslands lautlich realisiert als Triphthong wie *neeäi); wurde nach Protesten aus der Norderneyer Bevölkerung auf dem zweisprachigen Ortsschild allerdings angepasst an die lokale Aussprachevariante, welche auch derjenigen des Norder Platt entspricht: Nördernee (realisiert mit Diphthong -*neei)
- Die Überlänge in der Konjugation tritt nördlich der Leybuchtlinie meist nicht auf.
- Sonderfall: Arvt (Erbse), ostfrieslandweit einheitliche Schreibweise, aber im Norder Platt gesprochen wie *Aart, im Gegensatz dazu im südlichen Ostfriesland realisiert als *Aarv.
2. Betrifft Aussprache und Schreibweise
(Variante im Norder Platt fett:)
Spree (Star), anstatt wie in anderen Regionen oft: Spraa
Froo (Frau), boen (bauen), troen (heiraten), anstatt sonst oft: Frau, bauen, trauen
Flass (Flasche), Gras (Gras), anstatt sonst auch: Fless, Gress
denn, wenn, wennehr - sonst oft mit -a-
dwelen (irren), reren (weinen), sonst auch: dwalen, raren
Budel (Umstand, Zustand), sonst auch Bodel
Goos (Gans), sonst vereinzelt auch Gaant oder Gaus
bleihen (blühen), breihen (brühen), fleiten (pfeifen), freien (freuen), gleihen (glühen), greien (gedeihen), andernorts realisiert mit -eu-
Eilamm (weibliches Lamm), statt sonst Öilamm oder Aulamm
Köppke (Tasse), löss (lose), över (über, übrig), sonst meistens ohne Umlaut realisiert
Weitere besondere Wortvarianten: woll (wohl), sonst oft wall, nee (nicht), (Abfall des -t, Schriftsprache oft als neet, gesprochen als nee), kien (kein), anstatt keen
3. Betrifft Aussprache, Schreibweise und Grammatik
Lautung einiger Formen des Präteritums: freet, geev, kweem, leeg, nehm, seeg, seet, weer (in anderen Gebieten meist mit kurzem -a- realisiert)
(fressen, geben, kommen, legen/liegen, nehmen, sagen, sitzen, sein)
Betrifft Ablautreihen 7, 8…
| Infinitiv, Imperativ | Person | Präsens | Präteritum | Partizip II |
| freten (fressen), freet | ik | freet | freet | freten |
| du | frettst | freetst | ||
| he,se | frett | freet | ||
| wi,ji,se | freten | freten |
Formen von „wesen“ (sein)
| Infinitiv, Imperativ | Person | Präsens | Präteritum | Partizip II |
| wesen | ik | bün | weer | (heb) west |
| du | büst | weerst | ||
| he,se | is | weer | ||
| wi,ji,se | sünd | weren |
Müssen: moten (he moot), statt in vielen anderen Varianten möten oder mutten
Sollen: sölen/sallen?

Einheitsplural auf -nt bei einigen Verbstämmen:
Sehr charakteristisches Merkmal des Norder Platt, das nirgendwo sonst beobachtet wird. Diskutiert wird eine Entstehung aus altem, friesischem Substrat oder durch frühe Handelskontakte mit den Hansestädten[2]. In der Schriftsprache wird dieses Merkmal nicht bei allen Autoren bewusst eingesetzt, da die überwiegende Literatur den Einheitsplural auf -en verwendet und dies oft als Orientierung dient. In der gesprochenen Sprache ist der Gebrauch von Flexionsformen, wie es für alle ostfriesischen Varianten gilt, selbst bei ein und demselben Sprecher nicht einheitlich und hängt u. a. von der Wortstellung im Satz und vom Grad der "Verschleifung" ab.
Beispiel: wi stahnt, ji doont, se gahnt; de Ohren doot di sehr
Aber, in anderer Wortstellung: stahnt wir, doont ji, gahnt se, sprachlich oft verschliffen realisiert als *stahwi, *dooji, *gahsei
Hauptsächlich bei Verben mit einsilbigem Infinitiv beobachtet, die sehr häufig verwendet werden (doon, gahn, sehn, slaan, stahn, könen, hebben). Autoren und Sprecher verwenden aber regelmäßig bei allen mehrsilbigen Verben den Einheitsplural auf -en.
Als Faustregel gilt: je weiter östlich sich ein Ort befindet, umso öfter hört man im Plural am Ende ein -t.