Haus Vienna: Unterschied zwischen den Versionen
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
||
| Zeile 31: | Zeile 31: | ||
26506 Norden | 26506 Norden | ||
|} | |} | ||
Das '''Haus Vienna''' ist ein denkmalgeschütztes Gebäude am nordwestlichen [[Marktplatz]]. Heute wird es auch im Allgemeinen als ''Bürgerhaus'' bezeichnet. Im Laufe seiner Geschichte hatte es 26 nachweisbare Besitzer. Benannt ist es nach der hier ab 1926 wohnhaften Familie Vienna, begonnen mit [[Sieben Vienna]]. | Das '''Haus Vienna''' (früher: ''Schwingehaus'') ist ein denkmalgeschütztes Gebäude am nordwestlichen [[Marktplatz]]. Heute wird es auch im Allgemeinen als ''Bürgerhaus'' bezeichnet. Im Laufe seiner Geschichte hatte es 26 nachweisbare Besitzer. Benannt ist es nach der hier ab 1926 wohnhaften Familie Vienna, begonnen mit [[Sieben Vienna]]. | ||
__TOC__ | __TOC__ | ||
==Geschichte== | ==Geschichte== | ||
Wie ausführliche Untersuchungen der Bausubstanz nahelegen, wurde das altehrwürdige Gebäude um 1550, spätestens um 1600 errichtet.<ref name=":0">Pühl, Eberhard (2007): Alte Backsteinhäuser in Ostfriesland und im Jeverland. Backsteinbauten des 15. bis 19. Jahrhunderts, Oldenburg, S. 181f.</ref><ref name=":4">Schreiber, Gretje (2020): Die Bewohner des Bürgerhauses in Norden. Haus der Bürgerstiftung Norden, Norden, S. 42</ref> Der Name des Bauherrn ist dabei jedoch ebenso wenig überliefert, wie ein konkretes Baujahr. Möglicherweise war dies die Familie von Rhaude, von der das Haus an den ersten namentlich bekannten Eigentümer, [[Albrecht Schwinge]], ging.<ref name=":4" /><ref name=":2">Bericht der Ostfriesen Zeitung vom 18. Januar 2020</ref> | |||
Albrecht Schwinge war ein Sohn des Hieronymus Schwinge aus Oldenburg und Tjade von Rhaude. Er wurde als unangenehmer Zeitgenosse beschrieben, der mehrfach eine Gefängnisstrafe verbüßte und mit der Familie zu Innhausen und Knyphausen im Streit lag. Aus Prozessakten geht hervor, dass Wilhelm zu Inn- und Knyphausen seit 1612 Besitzer des Hauses war.<ref name=":2" /> Er vermachte es dreien seiner vier Söhne, nachdem diese ihm während finanzieller Schwierigkeiten mehrfach zur Seite gestanden hatten.<ref name=":2" /><ref name=":1">[https://web.archive.org/web/20150817114335/http://www.buergerstiftung-norden.de/buergerhaus.geschichte.php Geschichte des Norder Bürgerhauses], abgerufen am 10. Mai 2021</ref><ref>Schreiber, Gretje (2020): Die Bewohner des Bürgerhauses in Norden. Haus der Bürgerstiftung Norden, Norden, S. 10f.</ref> | |||
Während des [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Krieges]] wurde auch das - natürlich erst später so genannte - Haus Vienna von den gefürchteten Söldnern des Peter Ernst II. von Mansfeld heimgesucht und schwer beschädigt. Die Mansfelder hielten sich seinerzeit schadlos an der Bevölkerung und ihrer Habe. Flohen die Bewohner eines Hauses, wurde dieses meist in Brand gesetzt.<ref>Schreiber, Gretje (2020): Die Bewohner des Bürgerhauses in Norden. Haus der Bürgerstiftung Norden, Norden, S. 13</ref> Bedingt durch die schweren Gebäudeschäden sollte das Haus am 20. April 1627 in einer Versteigerung im [[Weinhaus]] meistbietend versteigert werden. Aus unbekannten Gründen kam es hierzu nicht mehr.<ref>Schreiber, Gretje (2020): Die Bewohner des Bürgerhauses in Norden. Haus der Bürgerstiftung Norden, Norden, S. 15</ref> | |||
Ab 1722 wechselte das Haus mehrfach den Besitzer. So wohnten hier unter anderem der [[Amtsverwalter]] des [[Amt Norden|Amtes Norden]], [[Hajo Laurenz Damm|Dr. Hajo Laurenz Damm]], später stand das Haus im Eigentum von Kaufleuten und anderen Personen.<ref name=":1" /> So erwarb 1793 ein Abkömmling der niederländisch-ostfriesischen Familie ''Thoden van Velsen'' das Haus, denen zuvor auch das [[Gräfliches Haus|Gräfliche Haus]] gehörte. Ab 1838 wohnte hier ein [[Carl Friedrich Arndt]]. Ihm folgt nach 1872 ein Kaufmann namens Gerdes bzw. dessen Witwe.<ref name=":3">Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 38</ref> | |||
Aus Verkaufsunterlagen aus dem Jahr 1864 geht hervor, dass zum Haus eine Scheune gehörte, die im Zusammenhang mit dem Verkauf an einen Nachbarn namens Rösingh ([[Am Markt 56]]) erwähnt wird. In den Jahren 1914 bis 1919 versuchte ein Herr Rosenboom ein Lichtspieltheater (Kino) in Betrieb zu nehmen und Regierungsbausekretär Albers bemühte sich 1921 vehement, in einem umfangreichen Schriftwechsel mit der [[Stadt Norden]], um den Einbau von Zwischenwänden, um so die Zahl der Räume für seine Kinder zu vergrößern.<ref name=":1" /> Beide Vorhaben wurden schließlich genehmigt und nach der Entkernung des Erdgeschosses entstand ein Kinosaal für bis zu 150 Personen. Der Eingangsbereich befand sich auf der südlichen Seite des Gebäudes. Nach der Eröffnung am 20. Mai 1919 dauerte es jedoch nur wenige Monate, bis das Vorhaben endete, denn der Besucherzulauf war sehr gering und die Behörde stellte weitere Mängel fest. 1920 wurde das Gebäude daher an den Regierungsbausekretär [[Peter Albers]] zu [[Süderneuland II]] verkauft.<ref name=":5">Schreiber, Gretje (2020): Die Bewohner des Bürgerhauses in Norden. Haus der Bürgerstiftung Norden, Norden, S. 22</ref> | |||
Doch auch Peters war wenig Glück beschieden. Obwohl selbst städtischer Bediensteter begann er ohne Genehmigung mit der Sanierung des Gebäudes. Seiner Meinung nach sei der Zustand des Gebäudes in einem untragbaren und gesundheitsgefährdenden Zustand gewesen, was ihn zu dieser Notmaßnahmen veranlasst habe. Die Stadt führte daraufhin einen Prozess gegen Peters, welcher unterlag.<ref name=":5" /> | |||
So verkaufte Peters das Haus bald wieder, wodurch es mit Kaufvertrag vom 30. April 1924 schließlich in den Besitz der namensgebenden Familie Vienna kam, als es von [[Sieben Vienna]] erworben wurde.<ref name=":3" /><ref name=":5" /> Nach dem Tod der letzten Einwohnerin kaufte der Landkreis Aurich 1994 das Haus, um es vor einem weiteren Verfall oder gar Abriss zu bewahren und stattdessen grundlegend in den darauffolgenden Jahren unter eigener Regie und mit schwieriger Finanzierung durch eigene Haushaltsmittel zu restaurieren. Das Gebäude war umlaufend mit einem Zementputz versehen worden, hatte moderne große Fenster erhalten und in seinen Innenräumen höher gelegte Böden, eingezogene Decken, zusätzliche Schornsteine und absperrende Teerpappen gegen Feuchtigkeit erhalten.<ref name=":1" /> | |||
Während des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkriegs]] wurde der Keller mit Stahlbeton verstärkt bzw. verbunkert und diente als Luftschutzbunker.<ref>[http://www.luftschutzbunker-wilhelmshaven.de/umkreis/Listefrie.html Auflistung von Bunkern] auf ''Luftschutzbunker Wilhelmshaven'', abgerufen am 19. Juni 2022</ref> Von dieser einstigen Verbunkerung ist heute nichts mehr zu erkennen. | Während des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkriegs]] wurde der Keller mit Stahlbeton verstärkt bzw. verbunkert und diente als Luftschutzbunker.<ref>[http://www.luftschutzbunker-wilhelmshaven.de/umkreis/Listefrie.html Auflistung von Bunkern] auf ''Luftschutzbunker Wilhelmshaven'', abgerufen am 19. Juni 2022</ref> Von dieser einstigen Verbunkerung ist heute nichts mehr zu erkennen. | ||
Die Restaurierung wurde in den ersten dreieinhalb Jahren ausschließlich von kaum oder gar nicht deutschsprechenden Zuwanderern aus Weißrussland geleistet, die aus verschiedenen Berufssparten kommend, in einer Maßnahme nach dem Bundessozialhilfegesetz (BSHG) von der [[Kreisvolkshochschule Norden|Kreisvolkshochschule]] betreut und eingesetzt wurden. Der Zuwandererstrom aus den östlichen Ländern ließ 1997 nach, die BSHG-Gruppen wurden kleiner und so musste ab 1998 mit Unterstützung des Arbeitsamtes in mehreren Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen die Restaurierung weitergeführt werden. Baumaßnahmen an der Dachkonstruktion, Klempnerarbeiten, Sandsteinarbeiten, der technische Ausbau, wurden von hiesigen Firmen ausgeführt. Die Bleiverglasung in den halbachsigen Fenstern und den Kreuzstock-Fenstern, typische Merkmale der Renaissance, wurden von einer Künstlerin aus Lettland gefertigt und von ABM-Kräften eingebaut. | Nach dem Tod der letzten Bewohnerin 1994 erwarb der Landkreis Aurich das Gebäude, um es vor dem weiteren Verfall oder gar einem Abriss zu bewahren.<ref name=":5" /> Die Restaurierung wurde in den ersten dreieinhalb Jahren ausschließlich von kaum oder gar nicht deutschsprechenden Zuwanderern aus Weißrussland geleistet, die aus verschiedenen Berufssparten kommend, in einer Maßnahme nach dem Bundessozialhilfegesetz (BSHG) von der [[Kreisvolkshochschule Norden|Kreisvolkshochschule]] betreut und eingesetzt wurden. Der Zuwandererstrom aus den östlichen Ländern ließ 1997 nach, die BSHG-Gruppen wurden kleiner und so musste ab 1998 mit Unterstützung des Arbeitsamtes in mehreren Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen die Restaurierung weitergeführt werden. Baumaßnahmen an der Dachkonstruktion, Klempnerarbeiten, Sandsteinarbeiten, der technische Ausbau, wurden von hiesigen Firmen ausgeführt. Die Bleiverglasung in den halbachsigen Fenstern und den Kreuzstock-Fenstern, typische Merkmale der Renaissance, wurden von einer Künstlerin aus Lettland gefertigt und von ABM-Kräften eingebaut.<ref name=":1" /> 2001 wurden die Arbeiten abgeschlossen.<ref name=":5" /> | ||
Seit 2008 gehört das Gebäude der [[Bürgerstiftung Norden]], die das Gebäude vom Landkreis Aurich für 70.000 Euro erwarb und seitdem als ''Bürgerhaus'' bezeichnet.<ref>[https://web.archive.org/web/20141024233143/http://www.buergerstiftung-norden.de/buergerhaus.php Internetseite der Bürgerstiftung Norden], abgerufen am 10. Mai 2021</ref> Der Begriff hat längst Eingang in den Norder Alltagssprachgebrauch gefunden. Mit dem Kaufvertrag ging die Stiftung die Verpflichtung ein, das Gebäude zukünftig für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.<ref>Bericht der Ostfriesen Zeitung vom 12. Januar 2008</ref> Neben standesamtlichen Trauungen kann das Gebäude auch für Veranstaltungen genutzt bzw. gemietet werden. | Seit dem 19. Januar 2008 gehört das Gebäude der [[Bürgerstiftung Norden]], die das Gebäude vom Landkreis Aurich für 70.000 Euro erwarb und seitdem als ''Bürgerhaus'' bezeichnet.<ref>[https://web.archive.org/web/20141024233143/http://www.buergerstiftung-norden.de/buergerhaus.php Internetseite der Bürgerstiftung Norden], abgerufen am 10. Mai 2021</ref> Der Begriff hat längst Eingang in den Norder Alltagssprachgebrauch gefunden. Mit dem Kaufvertrag ging die Stiftung die Verpflichtung ein, das Gebäude zukünftig für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.<ref>Bericht der Ostfriesen Zeitung vom 12. Januar 2008</ref> Neben standesamtlichen Trauungen kann das Gebäude auch für Veranstaltungen genutzt bzw. gemietet werden. | ||
==Beschreibung== | ==Beschreibung== | ||
| Zeile 72: | Zeile 76: | ||
Datei:Am Markt 55 Buergerhaus Frontansicht 01032009.jpg|Aufnahme vom 1. März 2009. | Datei:Am Markt 55 Buergerhaus Frontansicht 01032009.jpg|Aufnahme vom 1. März 2009. | ||
</gallery> | </gallery> | ||
== Literatur == | |||
* Schreiber, Gretje (2020): Die Bewohner des Bürgerhauses in Norden. Haus der Bürgerstiftung Norden, Norden | |||
==Einzelnachweise== | ==Einzelnachweise== | ||