Norddeich Radio: Unterschied zwischen den Versionen
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Neben der Hauptfunkstelle in Utlandshörn verfügte die Küstenfunkstelle im Laufe ihrer Geschichte über in [[Osterloog]] (heute [[Waloseum]]), an der [[Deichstraße]] in [[Westermarsch II]] (heute [[Nordsee-Camp Norddeich]]) und am [[Funkweg]] in [[Westgaste]]. | Neben der Hauptfunkstelle in Utlandshörn verfügte die Küstenfunkstelle im Laufe ihrer Geschichte über in [[Osterloog]] (heute [[Waloseum]]), an der [[Deichstraße]] in [[Westermarsch II]] (heute [[Nordsee-Camp Norddeich]]) und am [[Funkweg]] in [[Westgaste]]. | ||
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==Geschichte== | ==Geschichte== | ||
===Anfangsjahre=== | |||
=== Anfangsjahre === | |||
Die Anfänge zur Gründung einer Küstenfunkstelle gehen zurück auf den technischen Fortschritt und der damit einhergehenden Nutzbarkeit für die maritimen Streitkräfte des Kaisers und die deutsche Handelsflotte. Physikpionieren wie Ferdinand Braun und Guglielmo Marconi war es um die letzte Jahrhundertwende gelungen, Signale über große Entfernungen über Funk zu übertragen. Obwohl es schon von der Norder Küstenfunkstelle derartige Anlagen gab, griff die Kriegsmarine nicht auf diese zu, da sie von der ausländischen Firma ''Marconi'' betrieben wurden, die Marine jedoch das deutsche Unternehmen ''Telefunken'' vorzog. Beide System konnten (und wollten von Seiten der Hersteller) nicht miteinander kommunizieren. | Die Anfänge zur Gründung einer Küstenfunkstelle gehen zurück auf den technischen Fortschritt und der damit einhergehenden Nutzbarkeit für die maritimen Streitkräfte des Kaisers und die deutsche Handelsflotte. Physikpionieren wie Ferdinand Braun und Guglielmo Marconi war es um die letzte Jahrhundertwende gelungen, Signale über große Entfernungen über Funk zu übertragen. Obwohl es schon von der Norder Küstenfunkstelle derartige Anlagen gab, griff die Kriegsmarine nicht auf diese zu, da sie von der ausländischen Firma ''Marconi'' betrieben wurden, die Marine jedoch das deutsche Unternehmen ''Telefunken'' vorzog. Beide System konnten (und wollten von Seiten der Hersteller) nicht miteinander kommunizieren. | ||
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1908 wurden zwei von ''Telefunken'' entwickelte, innovative ''Löschfunkensender'' installiert, die mit 2,5 kW und 10 kW sowie mit nochmals um 20 Meter erhöhten Antennen die maximale Reichweite auf mehr als 3.000 Kilometer erhöhen konnte. 1913 wurde der Station das neue Rufzeichen ''kav'' zugeteilt. Ebenfalls um diese Zeit herum begann man damit, horizontal polarisierte Antennenformen auszuprobieren. Nach erfolgreichen Versuchsreihen ergänzte eine fest installierte Drahtantenne die vertikalen Antennensysteme. Erste Versuche der drahtlosen Telefonie brachten noch 1912 keine zufriedenstellenden Ergebnisse über Entfernungen von mehr als 50 Kilometern, im darauffolgenden Jahr wurden die ausgestrahlten Zeitungsmeldungen hingegen in über 5.000 Kilometer Entfernung aufgenommen. | 1908 wurden zwei von ''Telefunken'' entwickelte, innovative ''Löschfunkensender'' installiert, die mit 2,5 kW und 10 kW sowie mit nochmals um 20 Meter erhöhten Antennen die maximale Reichweite auf mehr als 3.000 Kilometer erhöhen konnte. 1913 wurde der Station das neue Rufzeichen ''kav'' zugeteilt. Ebenfalls um diese Zeit herum begann man damit, horizontal polarisierte Antennenformen auszuprobieren. Nach erfolgreichen Versuchsreihen ergänzte eine fest installierte Drahtantenne die vertikalen Antennensysteme. Erste Versuche der drahtlosen Telefonie brachten noch 1912 keine zufriedenstellenden Ergebnisse über Entfernungen von mehr als 50 Kilometern, im darauffolgenden Jahr wurden die ausgestrahlten Zeitungsmeldungen hingegen in über 5.000 Kilometer Entfernung aufgenommen. | ||
=== Erster Weltkrieg === | ===[[Erster Weltkrieg]]=== | ||
Bei Manövern der Kaiserlichen Marine übernahmen Funker aus den eigenen Reihen den Betrieb der Station, die dann - in Vorbereitung auf bzw. als Übung für einen Ernstfall - durch Infanteristen aus Aurich geschützt wurde. Während des [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkriegs]] wurde die Küstenfunkstelle folgerichtig als kriegswichtig eingestuft und entsprechend geschützt.<ref name=":1" /> Die nahegelegene, alte [[Alte Itzendorfer Schule|Itzendorfer Schule]] diente als Unterkunft für die Wachmannschaften, weshalb der Unterricht von dort verlagert werden musste.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 40f.</ref> Das Kommando wurde von der Deutschen Reichspost an die Kaiserliche Marine übertragen. Aufgabe von Norddeich Radio war es nun vor allem, deutsche Kriegs- und Handelsschiffe sowie U-Boote zu warnen. Insbesondere im Laufe des Jahres 1915 nahm der Funkverkehr mit den Marinefahrzeugen vor der britischen Küste erheblich zu. Dieser Umstand dauerte noch bis einen Monat nach Kriegsende: Im Dezember 1918 räumte die Marine die Anlage und übergab sie ohne formelle Übergabe zurück an die Reichspost.<ref name=":1" /> | Bei Manövern der Kaiserlichen Marine übernahmen Funker aus den eigenen Reihen den Betrieb der Station, die dann - in Vorbereitung auf bzw. als Übung für einen Ernstfall - durch Infanteristen aus Aurich geschützt wurde. Während des [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkriegs]] wurde die Küstenfunkstelle folgerichtig als kriegswichtig eingestuft und entsprechend geschützt.<ref name=":1" /> Die nahegelegene, alte [[Alte Itzendorfer Schule|Itzendorfer Schule]] diente als Unterkunft für die Wachmannschaften, weshalb der Unterricht von dort verlagert werden musste.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 40f.</ref> Das Kommando wurde von der Deutschen Reichspost an die Kaiserliche Marine übertragen. Aufgabe von Norddeich Radio war es nun vor allem, deutsche Kriegs- und Handelsschiffe sowie U-Boote zu warnen. Insbesondere im Laufe des Jahres 1915 nahm der Funkverkehr mit den Marinefahrzeugen vor der britischen Küste erheblich zu. Dieser Umstand dauerte noch bis einen Monat nach Kriegsende: Im Dezember 1918 räumte die Marine die Anlage und übergab sie ohne formelle Übergabe zurück an die Reichspost.<ref name=":1" /> | ||
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Da Sender und Empfänger sich durch die größere Leistung zunehmend gegenseitig störten, wurde es erforderlich, eine neue Empfangsstelle zu errichten. Einen geeigneten Standort fand man am heutigen [[Funkweg]] in [[Westgaste]] - damals noch unbebaute Stadtrandlage. Das zur Station gehörende Gebäude, das heute die Anschrift [[Im Spiet 28]] trägt, steht bis heute. 1925 brachte ein kräftiger Herbststurm drei im Aufbau befindliche Antennentürme zum Einsturz, so dass die Inbetriebnahme weiterer geplanter Sender verzögert wurde. Ende der 1920er Jahre entdeckte man dann das vorteilhafte Ausbreitungsverhalten von Kurzwellen für den internationalen Funkverkehr, so dass 1929 ein 10 kW starker Kurzwellensender an der Heimatstation nebst Empfängern in Westgaste eingebaut wurden. Doch auch diese neue Anlage wurde bald von den immer zahlreicher werdenden Elektromotoren in der Stadt gestört, sodass 1931 erneut ein Umzug stattfand - diesmal so weit abwärts von Siedlungen, wie es eben ging: Nach [[Utlandshörn]].<ref name=":2" /> Am 8. Dezember des Jahres wurde die Anlage dort in Betrieb genommen und löste die bisherige Hauptstation an der Deichstraße ab.<ref>[http://www.fdeiters.de/Kustenfunk/Norddeich_Radio/Chronik_DAN/chronik_dan.html Chronik von Norddeich Radio], abgerufen am 27. Juli 2021</ref> Die Ausrüstung umfasste die für damalige Zeiten modernsten Empfangssysteme für Lang-, Mittel-, Grenz- und Kurzwelle sowie mehrere Dipole mit Reflektoren (Richtantennen) und Drahtantennen. Sendeseitig wurden 20 Kilowatt starke Kurzwellensender für Telegraphie und Telefonie eingebaut. Die Weltwirtschaftskrise am Anfang dieses Jahrzehntes ließ auch die Telegrammzahlen via Norddeich einbrechen; jedoch setzte sich die positive Entwicklung bereits in der Mitte der 1930er Jahre weiter fort. Die Olympischen Sommerspiele 1936 in Deutschland brachten den deutschen Funkstationen Rekord-Telegrammzahlen ein. Ebenfalls 1936 experimentierte man mit der Ankopplung des öffentlichen Telegraphennetzes an die Sendeanlagen, so dass Telegramme ohne Zwischenstation bei den Funkbeamten gegeben werden konnten. Technische Weiterentwicklungen bei Sendern und Empfängern vergrößerten die Reichweite im Sprechfunkbetrieb beträchtlich. | Da Sender und Empfänger sich durch die größere Leistung zunehmend gegenseitig störten, wurde es erforderlich, eine neue Empfangsstelle zu errichten. Einen geeigneten Standort fand man am heutigen [[Funkweg]] in [[Westgaste]] - damals noch unbebaute Stadtrandlage. Das zur Station gehörende Gebäude, das heute die Anschrift [[Im Spiet 28]] trägt, steht bis heute. 1925 brachte ein kräftiger Herbststurm drei im Aufbau befindliche Antennentürme zum Einsturz, so dass die Inbetriebnahme weiterer geplanter Sender verzögert wurde. Ende der 1920er Jahre entdeckte man dann das vorteilhafte Ausbreitungsverhalten von Kurzwellen für den internationalen Funkverkehr, so dass 1929 ein 10 kW starker Kurzwellensender an der Heimatstation nebst Empfängern in Westgaste eingebaut wurden. Doch auch diese neue Anlage wurde bald von den immer zahlreicher werdenden Elektromotoren in der Stadt gestört, sodass 1931 erneut ein Umzug stattfand - diesmal so weit abwärts von Siedlungen, wie es eben ging: Nach [[Utlandshörn]].<ref name=":2" /> Am 8. Dezember des Jahres wurde die Anlage dort in Betrieb genommen und löste die bisherige Hauptstation an der Deichstraße ab.<ref>[http://www.fdeiters.de/Kustenfunk/Norddeich_Radio/Chronik_DAN/chronik_dan.html Chronik von Norddeich Radio], abgerufen am 27. Juli 2021</ref> Die Ausrüstung umfasste die für damalige Zeiten modernsten Empfangssysteme für Lang-, Mittel-, Grenz- und Kurzwelle sowie mehrere Dipole mit Reflektoren (Richtantennen) und Drahtantennen. Sendeseitig wurden 20 Kilowatt starke Kurzwellensender für Telegraphie und Telefonie eingebaut. Die Weltwirtschaftskrise am Anfang dieses Jahrzehntes ließ auch die Telegrammzahlen via Norddeich einbrechen; jedoch setzte sich die positive Entwicklung bereits in der Mitte der 1930er Jahre weiter fort. Die Olympischen Sommerspiele 1936 in Deutschland brachten den deutschen Funkstationen Rekord-Telegrammzahlen ein. Ebenfalls 1936 experimentierte man mit der Ankopplung des öffentlichen Telegraphennetzes an die Sendeanlagen, so dass Telegramme ohne Zwischenstation bei den Funkbeamten gegeben werden konnten. Technische Weiterentwicklungen bei Sendern und Empfängern vergrößerten die Reichweite im Sprechfunkbetrieb beträchtlich. | ||
=== Zweiter Weltkrieg === | ===[[Zweiter Weltkrieg]]=== | ||
In den Folgejahren begleitete Norddeich Radio sogar die in der Antarktis operierende deutsche Walfangflotte, ehe diese mit Ausbruch des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkriegs]] im Jahre 1939 nicht mehr auslaufen konnte. Im gleichen Jahr wurde auch der [[Sender Osterloog]] fertiggestellt.<ref name=":2" /> Doch auch weiterhin wurde vom ersten Standort an der [[Deichstraße]] (heute [[Nordsee-Camp Norddeich|Nordsee-Camp]]) gesendet. Aus [[Osterloog]] wurde zunächst vor allem Propaganda gen Großbritannien gesendet.<ref>[http://www.rundfunk-nostalgie.de/sendero.html Geschichte der Sendestation Osterloog] abgerufen am 26. Juli 2021</ref> Erst 1970 wurde der Sendebetrieb an der Deichstraße eingestellt und nach Osterloog verlagert.<ref name=":2" /> Die letzten Masten wurden 1973 dorthin verlegt.<ref name=":3" /> Einer dieser Masten wurde auch ''Papstfinger'' genannt.<ref>Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 70</ref> | In den Folgejahren begleitete Norddeich Radio sogar die in der Antarktis operierende deutsche Walfangflotte, ehe diese mit Ausbruch des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkriegs]] im Jahre 1939 nicht mehr auslaufen konnte. Im gleichen Jahr wurde auch der [[Sender Osterloog]] fertiggestellt.<ref name=":2" /> Doch auch weiterhin wurde vom ersten Standort an der [[Deichstraße]] (heute [[Nordsee-Camp Norddeich|Nordsee-Camp]]) gesendet. Aus [[Osterloog]] wurde zunächst vor allem Propaganda gen Großbritannien gesendet.<ref>[http://www.rundfunk-nostalgie.de/sendero.html Geschichte der Sendestation Osterloog] abgerufen am 26. Juli 2021</ref> Erst 1970 wurde der Sendebetrieb an der Deichstraße eingestellt und nach Osterloog verlagert.<ref name=":2" /> Die letzten Masten wurden 1973 dorthin verlegt.<ref name=":3" /> Einer dieser Masten wurde auch ''Papstfinger'' genannt.<ref>Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 70</ref> | ||
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Im Herbst 1939 bestand die Küstenfunkstelle Norddeich Radio (nun auch ''Hauptfunkstelle Norddeich'' genannt) aus folgenden Organisationseinheiten: | Im Herbst 1939 bestand die Küstenfunkstelle Norddeich Radio (nun auch ''Hauptfunkstelle Norddeich'' genannt) aus folgenden Organisationseinheiten: | ||
* Betriebszentrale Utlandshörn (in [[Utlandshörn]]) | *Betriebszentrale Utlandshörn (in [[Utlandshörn]]) | ||
* Empfangsfunkstelle Utlandshörn (in [[Utlandshörn]]) | *Empfangsfunkstelle Utlandshörn (in [[Utlandshörn]]) | ||
* Sendefunkstelle Norddeich (an der [[Deichstraße]]). | *Sendefunkstelle Norddeich (an der [[Deichstraße]]). | ||
Auch der Sender in Osterloog wurde Norddeich Radio formell unterstellt, jedoch nicht für den eigentlichen Funkverkehr genutzt (siehe oben). | Auch der Sender in Osterloog wurde Norddeich Radio formell unterstellt, jedoch nicht für den eigentlichen Funkverkehr genutzt (siehe oben). | ||
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Die Alliierten versuchten während des Zweiten Weltkriegs zu keinem Zeitpunkt, die Hauptfunkstelle Norddeich zu zerstören. Die abgehörten Funksignale wurden vielmehr gezielt ausgewertet, denn sie gaben wertvolle Hinweise über die Standorte deutscher Kriegsschiffe und U-Boote auf See. Am 6. Mai 1945 besetzten kanadische oder britische Streitkräfte die Küstenfunkstelle schließlich und verboten jeglichen Funkverkehr. Erst 1948 konnte dieser wieder einschränkungsfrei aufgenommen werden.<ref name=":2" /> | Die Alliierten versuchten während des Zweiten Weltkriegs zu keinem Zeitpunkt, die Hauptfunkstelle Norddeich zu zerstören. Die abgehörten Funksignale wurden vielmehr gezielt ausgewertet, denn sie gaben wertvolle Hinweise über die Standorte deutscher Kriegsschiffe und U-Boote auf See. Am 6. Mai 1945 besetzten kanadische oder britische Streitkräfte die Küstenfunkstelle schließlich und verboten jeglichen Funkverkehr. Erst 1948 konnte dieser wieder einschränkungsfrei aufgenommen werden.<ref name=":2" /> | ||
=== Nachkriegszeit === | ===Nachkriegszeit=== | ||
Nach Kriegsende erwog die britische Besatzungsmacht die Zerstörung oder Verlagerung der Anlagen nach Großbritannien. Von diesem Vorhaben nahm man jedoch recht bald wieder Abstand, da die Küstenfunkstelle durchaus auch den eigenen Schiffen Sicherheit gewährleisten konnte. Nach und nach wurden alle zuvor angebotenen Dienstleistungen wieder aufgenommen, so etwa der Überseefunkdienst nach Südamerika, küstennaher Seefunkdienst auf Grenzwelle, Ausstrahlung von Wettermeldungen und Zeitzeichen und vieles mehr. Um den wieder stark steigenden Verkehrszahlen im Nachkriegsdeutschland gewachsen zu sein, wurde Norddeich Radio entsprechend ausgebaut. Die Firma MAN lieferte etwa um 1950 herum zwei leistungsstarke Dieselgeneratoren, die in einem eigens hierfür errichteten Kühlturm aus Holz montiert wurden. Die Station wurde zudem nicht der Deutschen Bundespost, sondern dem Nordwestdeutschen Rundfunk, einem Vorläufer des NDR und des WDR unterstellt. Ein neuer Grenzwellensender sowie ein moderner Antennenumschalter, mit dem alle 19 Sender beliebig auf die etwa zwanzig verschiedenen Antennen geschaltet werden konnten, rundeten die Ausstattung ab. Etwa Mitte des Jahrzehnts wurde erstmals die Sendung ''Gruß an Bord'' gesendet, bei der die ''Moderatoren'' mit den auf See befindlichen deutschen Seemännern Gespräche führten und Angehörige diesen ihre Grüße übermitteln konnten. Die Sendung wurde direkt in der Hauptzentrale produziert und im Radioprogramm des Norddeutschen Rundfunks (NDR) übertragen. | Nach Kriegsende erwog die britische Besatzungsmacht die Zerstörung oder Verlagerung der Anlagen nach Großbritannien. Von diesem Vorhaben nahm man jedoch recht bald wieder Abstand, da die Küstenfunkstelle durchaus auch den eigenen Schiffen Sicherheit gewährleisten konnte. Nach und nach wurden alle zuvor angebotenen Dienstleistungen wieder aufgenommen, so etwa der Überseefunkdienst nach Südamerika, küstennaher Seefunkdienst auf Grenzwelle, Ausstrahlung von Wettermeldungen und Zeitzeichen und vieles mehr. Um den wieder stark steigenden Verkehrszahlen im Nachkriegsdeutschland gewachsen zu sein, wurde Norddeich Radio entsprechend ausgebaut. Die Firma MAN lieferte etwa um 1950 herum zwei leistungsstarke Dieselgeneratoren, die in einem eigens hierfür errichteten Kühlturm aus Holz montiert wurden. Die Station wurde zudem nicht der Deutschen Bundespost, sondern dem Nordwestdeutschen Rundfunk, einem Vorläufer des NDR und des WDR unterstellt. Ein neuer Grenzwellensender sowie ein moderner Antennenumschalter, mit dem alle 19 Sender beliebig auf die etwa zwanzig verschiedenen Antennen geschaltet werden konnten, rundeten die Ausstattung ab. Etwa Mitte des Jahrzehnts wurde erstmals die Sendung ''Gruß an Bord'' gesendet, bei der die ''Moderatoren'' mit den auf See befindlichen deutschen Seemännern Gespräche führten und Angehörige diesen ihre Grüße übermitteln konnten. Die Sendung wurde direkt in der Hauptzentrale produziert und im Radioprogramm des Norddeutschen Rundfunks (NDR) übertragen. | ||
=== 1951 bis 1969 === | ===1951 bis 1969=== | ||
1957 konnte schließlich das 50-jährige Bestehen der Küstenfunkstelle mit einem großen Festakt begangen werden und erregte auch weit über die Grenzen der jungen Bundesrepublik hinaus das Interesse an der Küstenfunkstation. Die Zahl der Mitarbeiter war auf etwa 150 Personen angestiegen, was vor allem auf die steigende Nachfrage im Bereich der Telefonie zurückzuführen war. In dieser Zeit wurde - wie bereits in den 1920er Jahren - kurzfristig auch Flugfunkverkehr abgewickelt, jedoch bald wieder eingestellt. | 1957 konnte schließlich das 50-jährige Bestehen der Küstenfunkstelle mit einem großen Festakt begangen werden und erregte auch weit über die Grenzen der jungen Bundesrepublik hinaus das Interesse an der Küstenfunkstation. Die Zahl der Mitarbeiter war auf etwa 150 Personen angestiegen, was vor allem auf die steigende Nachfrage im Bereich der Telefonie zurückzuführen war. In dieser Zeit wurde - wie bereits in den 1920er Jahren - kurzfristig auch Flugfunkverkehr abgewickelt, jedoch bald wieder eingestellt. | ||
Ende Mai 1965 besuchte Königin Elisabeth II. (Vereinigtes Königreich) die Bundesrepublik. Die bei ihrer Verabschiedung auf hoher See gefertigten Bildern wurden hierbei drahtlos zu Norddeich Radio übertragen und kamen dort schneller an als der manuelle Transport mit dem Hubschrauber. Dieser experimentelle Bildübertragung gilt als eine technische Innovation und als Meilenstein in diesem Gebiet, wodurch die Küstenfunkstelle erneut die internationale Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte. Nachdem die Deutsche Bundespost die Immobilien vom Norddeutschen Rundfunk zurückgekauft hatte, erfolgte ab Mitte der 1960er Jahre eine grundlegende Modernisierung der Küstenfunkstelle. Dazu gehörte die Umsiedlung mehrerer Sendeanlagen zur [[Sender Osterloog|Station Osterloog]] sowie die Errichtung zusätzlicher Sendeanlagen, die dem damals neuesten Stand der Technik entsprachen. | Ende Mai 1965 besuchte Königin Elisabeth II. (Vereinigtes Königreich) die Bundesrepublik. Die bei ihrer Verabschiedung auf hoher See gefertigten Bildern wurden hierbei drahtlos zu Norddeich Radio übertragen und kamen dort schneller an als der manuelle Transport mit dem Hubschrauber. Dieser experimentelle Bildübertragung gilt als eine technische Innovation und als Meilenstein in diesem Gebiet, wodurch die Küstenfunkstelle erneut die internationale Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte. Nachdem die Deutsche Bundespost die Immobilien vom Norddeutschen Rundfunk zurückgekauft hatte, erfolgte ab Mitte der 1960er Jahre eine grundlegende Modernisierung der Küstenfunkstelle. Dazu gehörte die Umsiedlung mehrerer Sendeanlagen zur [[Sender Osterloog|Station Osterloog]] sowie die Errichtung zusätzlicher Sendeanlagen, die dem damals neuesten Stand der Technik entsprachen. | ||
=== 1970 bis 1989 === | ===1970 bis 1989=== | ||
Im November 1970 wurde der letzte Sender in der Sendefunkstelle Norddeich abgeschaltet, die letzten Masten 1973 nach Osterloog verbracht.<ref name=":3" /> Neben den fernsteuerbaren Sendern in Osterloog verfügte Norddeich Radio mit seiner Betriebszentrale Utlandshörn über weitere Sendeanlagen in der Nähe von Cuxhaven und in Elmshorn. Die Inbetriebnahme des Inmarsat-Systems und Erfindungen wie das GMDSS führten dazu, dass die auf 260 Mitarbeiter ausgebaute Küstenfunkstation zu Beginn der 1980er Jahre ihren Höhepunkt der Auslastung überschritten hatte und in den darauffolgenden Jahren immer weniger gefragt war. Technische Innovationen führten dazu, dass Funkoffiziere an Bord der Schiffe nicht mehr vorgeschrieben waren und die Kommunikation immer mehr verselbstständigt wurde. Bereits 1989 war ein beachtlicher Anteil der Schiffe mit der international verfügbaren Satellitentechnik ausgerüstet, durch die im Selbstwählverfahren Verbindungen zu nahezu beliebigen Telefonanschlüssen weltweit aufgebaut werden konnten. Das Absetzen von Notrufen inklusive genauer Positionsangabe war per Knopfdruck möglich und erforderte keine umständliche Peilortung mehr. | Im November 1970 wurde der letzte Sender in der Sendefunkstelle Norddeich abgeschaltet, die letzten Masten 1973 nach Osterloog verbracht.<ref name=":3" /> Neben den fernsteuerbaren Sendern in Osterloog verfügte Norddeich Radio mit seiner Betriebszentrale Utlandshörn über weitere Sendeanlagen in der Nähe von Cuxhaven und in Elmshorn. Die Inbetriebnahme des Inmarsat-Systems und Erfindungen wie das GMDSS führten dazu, dass die auf 260 Mitarbeiter ausgebaute Küstenfunkstation zu Beginn der 1980er Jahre ihren Höhepunkt der Auslastung überschritten hatte und in den darauffolgenden Jahren immer weniger gefragt war. Technische Innovationen führten dazu, dass Funkoffiziere an Bord der Schiffe nicht mehr vorgeschrieben waren und die Kommunikation immer mehr verselbstständigt wurde. Bereits 1989 war ein beachtlicher Anteil der Schiffe mit der international verfügbaren Satellitentechnik ausgerüstet, durch die im Selbstwählverfahren Verbindungen zu nahezu beliebigen Telefonanschlüssen weltweit aufgebaut werden konnten. Das Absetzen von Notrufen inklusive genauer Positionsangabe war per Knopfdruck möglich und erforderte keine umständliche Peilortung mehr. | ||
Am 1. September 1973 besuchte Bundeskanzler Willy Brandt die Küstenfunkstelle. Dabei wurde er von seinem persönlichen Referenten Günter Guillaume begleitet, der etwa ein halbes Jahr später als Spion der DDR enttarnt wurde.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 73</ref> | Am 1. September 1973 besuchte Bundeskanzler Willy Brandt die Küstenfunkstelle. Dabei wurde er von seinem persönlichen Referenten Günter Guillaume begleitet, der etwa ein halbes Jahr später als Spion der DDR enttarnt wurde.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 73</ref> | ||
=== 1990 bis 1999 === | ===1990 bis 1999=== | ||
Diese und weitere technische Innovationen zeichneten das Ende der Küstenfunkstelle und seiner Schwesterstationen ab. Hinzu kam eine Vorgabe der Europäischen Union, die Zahl der westeuropäischen Küstenfunkstellen zu verringern. Endgültig besiegelt wurde das Schicksal von Norddeich Radio mit der Privatisierung der Deutschen Bundespost in die Deutsche Post AG und die Überführung in die Sparte ''Telekom''. Die Telekom führte einschneidende Umstrukturierungen durch. Zunächst wurde der Kurzwellenverkehr von Rügen Radio bei Norddeich Radio angegliedert. Auf Eigeninitiative der Mitarbeiter hin wurde schließlich das sogenannte ''Daten Service Center'' in Utlandshörn gestartet: Um dem weiteren Stellenabbau neue Aufgabenfelder zur Arbeitsplatzsicherung entgegenzusetzen, beschäftigte man sich ab 1996 für die Mutterfirma Deutsche Telekom AG mit der Umsetzung der neuen DAB-Technik. | Diese und weitere technische Innovationen zeichneten das Ende der Küstenfunkstelle und seiner Schwesterstationen ab. Hinzu kam eine Vorgabe der Europäischen Union, die Zahl der westeuropäischen Küstenfunkstellen zu verringern. Endgültig besiegelt wurde das Schicksal von Norddeich Radio mit der Privatisierung der Deutschen Bundespost in die Deutsche Post AG und die Überführung in die Sparte ''Telekom''. Die Telekom führte einschneidende Umstrukturierungen durch. Zunächst wurde der Kurzwellenverkehr von Rügen Radio bei Norddeich Radio angegliedert. Auf Eigeninitiative der Mitarbeiter hin wurde schließlich das sogenannte ''Daten Service Center'' in Utlandshörn gestartet: Um dem weiteren Stellenabbau neue Aufgabenfelder zur Arbeitsplatzsicherung entgegenzusetzen, beschäftigte man sich ab 1996 für die Mutterfirma Deutsche Telekom AG mit der Umsetzung der neuen DAB-Technik. | ||
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Im Gebäude der Sendefunkstelle Osterloog befindet sich heute das ''Waloseum,'' eine Einrichtung der [[Seehundstation Norddeich]]. In den Räumen der Empfangsfunkstelle Utlandshörn befand sich bis Ende 2011 ein Callcenter der ''Vivento Customer Services'' (VCS), einem Tochterunternehmens der Deutschen Telekom AG. | Im Gebäude der Sendefunkstelle Osterloog befindet sich heute das ''Waloseum,'' eine Einrichtung der [[Seehundstation Norddeich]]. In den Räumen der Empfangsfunkstelle Utlandshörn befand sich bis Ende 2011 ein Callcenter der ''Vivento Customer Services'' (VCS), einem Tochterunternehmens der Deutschen Telekom AG. | ||
=== 2000 bis heute === | ===2000 bis heute=== | ||
Im Jahre 2001 bildete sich auf Initiative eines Funkamateurs der Verein ''Funktechnisches Museum Norddeich Radio'', der am historischen Standort der einstigen Empfangsfunkstelle in Utlandshörn ein Museum einrichtete. Es zeigte dort unter anderem Funkgeräte von Schiffen sowie Empfangs- und Sendegeräte (samt einem originalen Arbeitstisch) von Norddeich Radio. Nach Abriss und Umbau der Baulichkeiten in Utlandshörn verzog das Museum nach Dornum (Ortsteil Nesse), wo es sich seither befindet. | Im Jahre 2001 bildete sich auf Initiative eines Funkamateurs der Verein ''Funktechnisches Museum Norddeich Radio'', der am historischen Standort der einstigen Empfangsfunkstelle in Utlandshörn ein Museum einrichtete. Es zeigte dort unter anderem Funkgeräte von Schiffen sowie Empfangs- und Sendegeräte (samt einem originalen Arbeitstisch) von Norddeich Radio. Nach Abriss und Umbau der Baulichkeiten in Utlandshörn verzog das Museum nach Dornum (Ortsteil Nesse), wo es sich seither befindet. | ||
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Zum anderen ist der Namensbestandteil ''Radio'' nach heutigen Maßstäben verwirrend. Das Wort bezieht sich auf eine historische Bezeichnung für Radiowellen bzw. Sendefunktechnik und hat nichts mit einem [[Radio Nordseewelle|Radiosender]] im heutigen Sinne zu tun. | Zum anderen ist der Namensbestandteil ''Radio'' nach heutigen Maßstäben verwirrend. Das Wort bezieht sich auf eine historische Bezeichnung für Radiowellen bzw. Sendefunktechnik und hat nichts mit einem [[Radio Nordseewelle|Radiosender]] im heutigen Sinne zu tun. | ||
==Galerie== | |||
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Datei:Deichstraße Norddeich Radio um 1920 01.jpg|Blick auf die Station, die sich damals noch an der [[Deichstraße]] befand (um 1920). | |||
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==Literatur== | ==Literatur== | ||
*Canzler, Gerhard (2004): Norddeich-Radio. 1905-1998, Weener | |||
*Canzler, Gerhard (2004): Norddeich-Radio. 1905 - 1998, Weener | |||
==Einzelnachweise== | ==Einzelnachweise== | ||