Molkerei (Norden): Unterschied zwischen den Versionen

Aus Norder Stadtgeschichte
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Die '''Alte Molkerei''' in der [[Molkereilohne]] wurde 1880 von der durch [[Adolf Wegner]] initiierten ''Molkereigenossenschaft Norden'' errichtet. Nach der Schließung der Molkerei wurde das Hauptgebäude zu einem Mehrparteienhaus umgebaut. In einem Nebengebäude befindet sich heute die Firma [[Everwien]]. Wie auch der Schornstein der Brennerei [[Doornkaat]] ist jener der alten Molkerei maßgeblich an der Prägung des Stadtpanoramas beteiligt.
Die '''Alte Molkerei''' an der heutigen [[Molkereilohne]] wurde 1880 von der durch [[Adolf Wegner|Dr. Adolf Wegner]] initiierten ''Molkereigenossenschaft Norden'' errichtet. Nach der Schließung der Molkerei wurde das größte Gebäude (ehemaliges Sanatogen- bzw. Milchpulverwerk) zu einem Mehrparteienhaus umgebaut. In einem Nebengebäude befindet sich heute die Firma [[Everwien]]. Wie auch der Schornstein der Brennerei [[Doornkaat]] ist jener der alten Molkerei maßgeblich an der Prägung des Stadtpanoramas beteiligt.


== Geschichte ==
== Geschichte ==
Kurz nachdem er bereits bei der Gründung der [[Landwirtschaftsschule]] eine tragende Rolle gespielt hatte, wandte sich [[Adolf Wegner]] im Jahre 1878 in einer Annonce im [[Ostfriesischer Kurier]] an die örtlichen Bauern mit der Aufforderung, sich genossenschaftlich zu vereinigen, um die Absatzmöglichkeiten und die Produktqualität zu erhöhen. Gängige Praxis war, dass die Bauern ihre Milchprodukte auf ihren Höfen selbst verarbeiteten, was zu sehr unterschiedlichen Qualitätsstufen führte. Maßgeblich für die Gründung einer Molkerei war die Erfindung der industriellen Butterherstellung im selben Jahr durch den Schweden Carl Gustav Patrik de Laval.<ref name=":0">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 256</ref>
Kurz nachdem er bereits bei der Gründung der [[Landwirtschaftsschule]] eine tragende Rolle gespielt hatte, wandte sich [[Adolf Wegner|Dr. Adolf Wegner]] im Jahre 1878 in einer Annonce im [[Ostfriesischer Kurier]] an die örtlichen Bauern mit der Aufforderung, sich genossenschaftlich zu vereinigen, um die Absatzmöglichkeiten und die Produktqualität zu erhöhen. Gängige Praxis war, dass die Bauern ihre Milchprodukte auf ihren Höfen selbst verarbeiteten, was zu sehr unterschiedlichen Qualitätsstufen führte. Maßgeblich für die Gründung einer Molkerei war die Erfindung der industriellen Butterherstellung im selben Jahr durch den Schweden Carl Gustav Patrik de Laval.<ref name=":0">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 256</ref>


Am 26. November 1878 kamen Wegner sowie 19 Landwirte in der [[Marxsche Bierhalle|Marxschen Bierhalle]] zusammen und konstituierten die ''Molkereigenossenschaft Norden''. Die Bauern konnten zusammen 109 Milchkühe vorweisen, aus deren Milch man ab dem 30. März 1880 gemeinschaftlich bzw. genossenschaftlich Milchprodukte wie beispielsweise Käse herstellte. Produktionsort war die eigens dafür errichtete Molkerei an der heutigen [[Molkereilohne]] 35. Das Land wurde hierfür von der [[Ludgerusgemeinde Norden|katholischen Gemeinde]] erworben, die das Land ursprünglich für den Bau ihrer Kirche nutzen wollte, dann aber dank eines bischöflichen Darlehens [[Ludgeruskirche|den Bau]] an der favorisierten [[Osterstraße]] in Angriff nehmen konnten.<ref name=":0" /><ref>Foraita, Heinz (1985): Dein sind die Zeiten, Herr. Die Geschichte der Katholischen Gemeinde Norden. Herausgegeben zur 100-Jahr-Feier der St.-Ludgerus-Kirche zu Norden, Norden</ref> Insgesamt verschlang der Bau bis zur vollständigen Fertigstellung zum 1. Mai 1882 rund 50.500 Mark, wobei nur 5.000 Mark auf den Erwerb des Grundstücks entfielen. Für weitere 13.200 Mark wurden Maschinen angeschafft.<ref name=":0" /> Um geeignete Nachwuchskräfte auszubilden, gründete die Molkereigenossenschaft einhergehend mit dem Bau der Molkerei eine [[Molkereischule]].
Am 26. November 1878 kamen Wegner sowie 19 Landwirte in der [[Marxsche Bierhalle|Marxschen Bierhalle]] zusammen und konstituierten die ''Molkereigenossenschaft Norden''. Die Bauern konnten zusammen 109 Milchkühe vorweisen, aus deren Milch man ab dem 30. März 1880 gemeinschaftlich bzw. genossenschaftlich Milchprodukte wie beispielsweise Käse herstellte. Produktionsort war die eigens dafür errichtete Molkerei an der heutigen [[Molkereilohne]] 35, wobei sich das erste Hauptgebäude im Winkel der Lohne zur [[Westerstraße]] befand. Das Land wurde hierfür von der [[Ludgerusgemeinde Norden|katholischen Gemeinde]] erworben, die das Land ursprünglich für den Bau ihrer Kirche nutzen wollte, dann aber dank eines bischöflichen Darlehens [[Ludgeruskirche|den Bau]] an der favorisierten [[Osterstraße]] in Angriff nehmen konnten.<ref name=":0" /><ref>Foraita, Heinz (1985): Dein sind die Zeiten, Herr. Die Geschichte der Katholischen Gemeinde Norden. Herausgegeben zur 100-Jahr-Feier der St.-Ludgerus-Kirche zu Norden, Norden</ref> Insgesamt verschlang der Bau bis zur vollständigen Fertigstellung zum 1. Mai 1882 rund 50.500 Mark, wobei nur 5.000 Mark auf den Erwerb des Grundstücks entfielen. Für weitere 13.200 Mark wurden Maschinen angeschafft.<ref name=":0" /> Um geeignete Nachwuchskräfte auszubilden, gründete die Molkereigenossenschaft einhergehend mit dem Bau der Molkerei eine [[Molkereischule]].


Schwierigkeiten bereitete der jungen Molkerei vor allem die schlechten Wegverhältnisse der damaligen Zeit. Befestigte Straßen waren damals noch eine absolute Seltenheit, sodass die Wege im Winter schwer oder gar nicht zu befahren waren. Dies führte zu Lieferengpässen an Rohmilch, sodass kaum Molkereiprodukte hergestellt und abgesetzt werden konnten.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 257</ref> Da die Bauern sowohl am Gewinn, aber auch am Verlust der genossenschaftlichen Molkerei beteiligt waren, waren die wirtschaftlichen Folgen natürlich nicht unerheblich.
Schwierigkeiten bereitete der jungen Molkerei vor allem die schlechten Wegverhältnisse der damaligen Zeit. Befestigte Straßen waren damals noch eine absolute Seltenheit, sodass die Wege im Winter schwer oder gar nicht zu befahren waren. Dies führte zu Lieferengpässen an Rohmilch, sodass kaum Molkereiprodukte hergestellt und abgesetzt werden konnten.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 257</ref> Da die Bauern sowohl am Gewinn, aber auch am Verlust der genossenschaftlichen Molkerei beteiligt waren, waren die wirtschaftlichen Folgen natürlich nicht unerheblich. Um diesem Missstand zu begegnen, einigte man sich auf die Zahlung erhöhter Preise pro Liter Milch zur Winterzeit (12 Pfennig gegenüber 8 Pfennig im Sommer), um den Bauern einen besseren Anreiz für ihre Mühen bzw. die Lieferung zu geben.<ref name=":1">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 258</ref>
 
In den Folgejahren wuchsen die Absatzzahlen stetig. Wurden im Anfangsjahr noch 400.000 Liter Milch pro Jahr verarbeitet, waren es 1895 schon 2 Millionen Liter. In den Folgejahren wuchs diese Zahl stetig und lag 1989 schließlich bei 60 Millionen Litern. Aufgrund der guten Geschäfte eröffnete die Genossenschaft auf Norderney eine auch heute noch als ''Milchbar'' bekannte Ausschankstelle. 1891 erwarb die Molkereigenossenschaft eine Grundstück [[Am Kalkwarf]] sowie das östlich der Firma [[Döpke]] gelegene Land an der [[Mackeriege]].<ref name=":1" />
 
Der [[Erster Weltkrieg|Erste Weltkrieg]] und insbesondere die Zeit danach führte auch für die Molkerei zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die vor allem darin begründet waren, dass die Bauern ihre Butter wieder selbst herstellten, um diese gegen andere Gegenstände einzutauschen.<ref name=":1" /> Aufgrund der horrenden Inflation der 1920er Jahre war Geld nichts mehr wert, sodass Tausch- und Schwarzmarktgeschäfte die Regel waren. Erst 1925 erreichte die angelieferte Milchmenge wieder das Vorkriegsniveau.<ref name=":2">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 259</ref>
 
1914 wurde das Molkereigelände um einen langgestreckten Ziegelsteinbau mit Schornstein erweitert (hier befindet sich heute das Mehrparteienhaus). In dem Neubau produzierte ein Fabrikant aus Gronau aus Magermilch gewonnenes Milchpulver. Das Werk wurde auch ''Sanatogenwerk'' (Milchpulverwerk) genannt. Die Zusammenarbeit erwies sich zunächst als förderlich, doch schon wenig später konnten die vorhandenen Milchpulverkapazitäten nicht mehr genutzt werden, sodass die Genossenschaft das Sanatogenwerk im Jahre 1929 zu einem Preis von 50.000 Mark erwarb. Auf Beschluss der Mitgliederversammlung begann man noch im selben Jahr damit, die Molkereiproduktion auf die Bedürfnisse der Schokoladenindustrie anzupassen. Bekannte Hersteller wie Stollwerk, Mauxion und Trumpf gehörten zu den Abnehmern der Norder Molkerei.<ref name=":2" />
 
1938 musste der Schornstein des Sanatogenwerks durch den Einbau einer neuen Kesselanlage mit einer Heizfläche von 200 Quadratmetern umgebaut werden. Dieser wurde durch typisch ostfriesische Klinker verstärkt und auf 38 Meter erhöht. Der ein Jahr später einsetzende [[Zweiter Weltkrieg|Zweite Weltkrieg]] brachte zunächst kaum Veränderungen im Betriebsalltag mit sich, auch die Produktionsmengen konnten hochgehalten werden. Erst die Nachkriegszeit erwies sich als schwierig, 1947 wurde mit 5 Millionen Litern ein neuer Tiefstwert bei der Milchanlieferung erreicht. Erst 1953 wurde das Vorkriegsniveau wieder erreicht. Die positive Entwicklung der Molkerei wird hierbei vor allem dem Vorsitzenden der Molkereigenossenschaft [[Friedrich Swart|Dr. Friedrich Swart]] zugeschrieben.<ref name=":3">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 260</ref>
 
Da die Milchanlieferung in den 1960er Jahren weiter anstieg, wurde ein Neubau notwendig, der 1963 südöstlich des Sanatogenwerks errichtet wurde (hier befindet sich heute die Firma [[Everwien]]). Währenddessen wurde die Milchtrockungsanlage stillgelegt und die Milchtrockung in eine Großanlage nach Leer verlegt, um Kosten zu sparen. Aufgrund der guten Entwicklung konnte die Norder Molkerei schon bald weitere umliegende Molkereien übnernehmen und dank eines neu errichteten Milchlagers auch Tankwagen einsetzen. 1967 wurde die Molkerei in Hilgenriedersiel übernommen, 1973 jene in Marienhafe und 1981 schließlich die [[Molkerei (Süderneuland II)|Süderneulander Molkerei]].<ref name=":3" />
 
In den 1970er Jahren und noch mehr in den 1980er Jahren wuchsen die wirtschaftlichen Probleme der Molkerei, sodass der Mitarbeiterstamm immer weiter verkleinert werden musste. Allein von 1983 bis 1989 wurde das Personal um über 50 % (von 41 auf 20) Mitarbeiter reduziert.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 261</ref> Auch eine Kooperation mit der MZO Oldenburg/Ostfriesland sowie deren Tochterunternehmen Botterbloom konnte die schwächelnde Molkerei nicht retten, sodass diese in den 1990er Jahren schließlich geschlossen werden musste. Neben der Firma Everwien wird das ehemalige Sanatogenwerk heute als Mehrparteienhaus genutzt. Hier befinden sich mehrere Sozialwohnungen, die nur von Personen mit entsprechendem Wohnberechtigungsschein gemietet werden können.


==Einzelnachweise==
==Einzelnachweise==

Version vom 15. Juli 2021, 10:37 Uhr

Alte Molkerei

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Basisdaten
Entstehungszeit 1880
Erbauer Molkereigenossenschaft Norden
Bauweise Molkerei
Erhaltungszustand erhalten
Genaue Lage Molkereilohne 35

26506 Norden

Die Alte Molkerei an der heutigen Molkereilohne wurde 1880 von der durch Dr. Adolf Wegner initiierten Molkereigenossenschaft Norden errichtet. Nach der Schließung der Molkerei wurde das größte Gebäude (ehemaliges Sanatogen- bzw. Milchpulverwerk) zu einem Mehrparteienhaus umgebaut. In einem Nebengebäude befindet sich heute die Firma Everwien. Wie auch der Schornstein der Brennerei Doornkaat ist jener der alten Molkerei maßgeblich an der Prägung des Stadtpanoramas beteiligt.

Geschichte

Kurz nachdem er bereits bei der Gründung der Landwirtschaftsschule eine tragende Rolle gespielt hatte, wandte sich Dr. Adolf Wegner im Jahre 1878 in einer Annonce im Ostfriesischer Kurier an die örtlichen Bauern mit der Aufforderung, sich genossenschaftlich zu vereinigen, um die Absatzmöglichkeiten und die Produktqualität zu erhöhen. Gängige Praxis war, dass die Bauern ihre Milchprodukte auf ihren Höfen selbst verarbeiteten, was zu sehr unterschiedlichen Qualitätsstufen führte. Maßgeblich für die Gründung einer Molkerei war die Erfindung der industriellen Butterherstellung im selben Jahr durch den Schweden Carl Gustav Patrik de Laval.[1]

Am 26. November 1878 kamen Wegner sowie 19 Landwirte in der Marxschen Bierhalle zusammen und konstituierten die Molkereigenossenschaft Norden. Die Bauern konnten zusammen 109 Milchkühe vorweisen, aus deren Milch man ab dem 30. März 1880 gemeinschaftlich bzw. genossenschaftlich Milchprodukte wie beispielsweise Käse herstellte. Produktionsort war die eigens dafür errichtete Molkerei an der heutigen Molkereilohne 35, wobei sich das erste Hauptgebäude im Winkel der Lohne zur Westerstraße befand. Das Land wurde hierfür von der katholischen Gemeinde erworben, die das Land ursprünglich für den Bau ihrer Kirche nutzen wollte, dann aber dank eines bischöflichen Darlehens den Bau an der favorisierten Osterstraße in Angriff nehmen konnten.[1][2] Insgesamt verschlang der Bau bis zur vollständigen Fertigstellung zum 1. Mai 1882 rund 50.500 Mark, wobei nur 5.000 Mark auf den Erwerb des Grundstücks entfielen. Für weitere 13.200 Mark wurden Maschinen angeschafft.[1] Um geeignete Nachwuchskräfte auszubilden, gründete die Molkereigenossenschaft einhergehend mit dem Bau der Molkerei eine Molkereischule.

Schwierigkeiten bereitete der jungen Molkerei vor allem die schlechten Wegverhältnisse der damaligen Zeit. Befestigte Straßen waren damals noch eine absolute Seltenheit, sodass die Wege im Winter schwer oder gar nicht zu befahren waren. Dies führte zu Lieferengpässen an Rohmilch, sodass kaum Molkereiprodukte hergestellt und abgesetzt werden konnten.[3] Da die Bauern sowohl am Gewinn, aber auch am Verlust der genossenschaftlichen Molkerei beteiligt waren, waren die wirtschaftlichen Folgen natürlich nicht unerheblich. Um diesem Missstand zu begegnen, einigte man sich auf die Zahlung erhöhter Preise pro Liter Milch zur Winterzeit (12 Pfennig gegenüber 8 Pfennig im Sommer), um den Bauern einen besseren Anreiz für ihre Mühen bzw. die Lieferung zu geben.[4]

In den Folgejahren wuchsen die Absatzzahlen stetig. Wurden im Anfangsjahr noch 400.000 Liter Milch pro Jahr verarbeitet, waren es 1895 schon 2 Millionen Liter. In den Folgejahren wuchs diese Zahl stetig und lag 1989 schließlich bei 60 Millionen Litern. Aufgrund der guten Geschäfte eröffnete die Genossenschaft auf Norderney eine auch heute noch als Milchbar bekannte Ausschankstelle. 1891 erwarb die Molkereigenossenschaft eine Grundstück Am Kalkwarf sowie das östlich der Firma Döpke gelegene Land an der Mackeriege.[4]

Der Erste Weltkrieg und insbesondere die Zeit danach führte auch für die Molkerei zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die vor allem darin begründet waren, dass die Bauern ihre Butter wieder selbst herstellten, um diese gegen andere Gegenstände einzutauschen.[4] Aufgrund der horrenden Inflation der 1920er Jahre war Geld nichts mehr wert, sodass Tausch- und Schwarzmarktgeschäfte die Regel waren. Erst 1925 erreichte die angelieferte Milchmenge wieder das Vorkriegsniveau.[5]

1914 wurde das Molkereigelände um einen langgestreckten Ziegelsteinbau mit Schornstein erweitert (hier befindet sich heute das Mehrparteienhaus). In dem Neubau produzierte ein Fabrikant aus Gronau aus Magermilch gewonnenes Milchpulver. Das Werk wurde auch Sanatogenwerk (Milchpulverwerk) genannt. Die Zusammenarbeit erwies sich zunächst als förderlich, doch schon wenig später konnten die vorhandenen Milchpulverkapazitäten nicht mehr genutzt werden, sodass die Genossenschaft das Sanatogenwerk im Jahre 1929 zu einem Preis von 50.000 Mark erwarb. Auf Beschluss der Mitgliederversammlung begann man noch im selben Jahr damit, die Molkereiproduktion auf die Bedürfnisse der Schokoladenindustrie anzupassen. Bekannte Hersteller wie Stollwerk, Mauxion und Trumpf gehörten zu den Abnehmern der Norder Molkerei.[5]

1938 musste der Schornstein des Sanatogenwerks durch den Einbau einer neuen Kesselanlage mit einer Heizfläche von 200 Quadratmetern umgebaut werden. Dieser wurde durch typisch ostfriesische Klinker verstärkt und auf 38 Meter erhöht. Der ein Jahr später einsetzende Zweite Weltkrieg brachte zunächst kaum Veränderungen im Betriebsalltag mit sich, auch die Produktionsmengen konnten hochgehalten werden. Erst die Nachkriegszeit erwies sich als schwierig, 1947 wurde mit 5 Millionen Litern ein neuer Tiefstwert bei der Milchanlieferung erreicht. Erst 1953 wurde das Vorkriegsniveau wieder erreicht. Die positive Entwicklung der Molkerei wird hierbei vor allem dem Vorsitzenden der Molkereigenossenschaft Dr. Friedrich Swart zugeschrieben.[6]

Da die Milchanlieferung in den 1960er Jahren weiter anstieg, wurde ein Neubau notwendig, der 1963 südöstlich des Sanatogenwerks errichtet wurde (hier befindet sich heute die Firma Everwien). Währenddessen wurde die Milchtrockungsanlage stillgelegt und die Milchtrockung in eine Großanlage nach Leer verlegt, um Kosten zu sparen. Aufgrund der guten Entwicklung konnte die Norder Molkerei schon bald weitere umliegende Molkereien übnernehmen und dank eines neu errichteten Milchlagers auch Tankwagen einsetzen. 1967 wurde die Molkerei in Hilgenriedersiel übernommen, 1973 jene in Marienhafe und 1981 schließlich die Süderneulander Molkerei.[6]

In den 1970er Jahren und noch mehr in den 1980er Jahren wuchsen die wirtschaftlichen Probleme der Molkerei, sodass der Mitarbeiterstamm immer weiter verkleinert werden musste. Allein von 1983 bis 1989 wurde das Personal um über 50 % (von 41 auf 20) Mitarbeiter reduziert.[7] Auch eine Kooperation mit der MZO Oldenburg/Ostfriesland sowie deren Tochterunternehmen Botterbloom konnte die schwächelnde Molkerei nicht retten, sodass diese in den 1990er Jahren schließlich geschlossen werden musste. Neben der Firma Everwien wird das ehemalige Sanatogenwerk heute als Mehrparteienhaus genutzt. Hier befinden sich mehrere Sozialwohnungen, die nur von Personen mit entsprechendem Wohnberechtigungsschein gemietet werden können.

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 1,2 Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 256
  2. Foraita, Heinz (1985): Dein sind die Zeiten, Herr. Die Geschichte der Katholischen Gemeinde Norden. Herausgegeben zur 100-Jahr-Feier der St.-Ludgerus-Kirche zu Norden, Norden
  3. Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 257
  4. 4,0 4,1 4,2 Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 258
  5. 5,0 5,1 Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 259
  6. 6,0 6,1 Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 260
  7. Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 261

Siehe auch