Gewerbeschule: Unterschied zwischen den Versionen
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| Text = Schule in Norden | | Text = Ehemalige Schule in Norden | ||
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26506 Norden | 26506 Norden | ||
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Die '''Gewerbeschule''' war die erste ihrer Art im Königreich Hannover, zu dem Ostfriesland seinerzeit gehörte. Sie befand sich an der [[Kleine Mühlenstraße|Kleinen Mühlenstraße]]. Das Gebäude wurde 1960 abgebrochen. Ihr Nachfolger ist die [[Conerus-Schule]] an der [[Schulstraße]]. Neben allgemeinen gewerblichen Berufen befand sich auch eine Haushaltungsschule für Mädchen und junge Frauen in den Räumen der Gewerbeschule. | |||
Die '''Gewerbeschule''' war die erste ihrer Art im Königreich Hannover, zu dem Ostfriesland seinerzeit gehörte. Sie befand sich an der [[Kleine Mühlenstraße|Kleinen Mühlenstraße]]. Das Gebäude wurde 1960 abgebrochen. Ihr Nachfolger ist die [[Conerus-Schule]] an der [[Schulstraße]]. | |||
Heute erinnert praktisch nichts mehr an die alte Gewerbeschule an der Mühlenstraße. Lediglich ein kleines Transformatorenhäuschen der [[Stadtwerke Norden|Norder Stadtwerke]] im rückwärtigen, westlichen Bereich des ehemaligen Schulhofs trägt noch die Bezeichnung ''Schulhof Nr. 2''. | |||
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==Geschichte== | ==Geschichte== | ||
*siehe auch: [[Conerus-Schule#Geschichte|Geschichte der Conerus-Schule Norden]] | *siehe auch: [[Conerus-Schule#Geschichte|Geschichte der Conerus-Schule Norden]] | ||
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Diese Pläne nahmen 1829 anlässlich einer Tagung der Allgemeinen Ständeversammlung in Hannover, an der er als Abgeordnete der Stadt Norden teilnahm, konkrete Formen an. Er holte dort beim Königlichen Ministerium (Ostfriesland gehörte damals zum Königreich Hannover) die Genehmigung des zuständigen Ministers ein. Nachdem auch die Genehmigung der Landdrostei in Aurich vorlag, machte sich Conerus an die Umsetzung. Als Bürgermeister unterhielt er zahlreiche Kontakte zu einflussreichen Norder Persönlichkeiten, die er für den ehrenamtlichen Unterricht gewinnen konnte. Am 13. September 1829 eröffnete damit Nordens erste Gewerbeschule mit zunächst 72 Schülern.<ref name=":0" /> | Diese Pläne nahmen 1829 anlässlich einer Tagung der Allgemeinen Ständeversammlung in Hannover, an der er als Abgeordnete der Stadt Norden teilnahm, konkrete Formen an. Er holte dort beim Königlichen Ministerium (Ostfriesland gehörte damals zum Königreich Hannover) die Genehmigung des zuständigen Ministers ein. Nachdem auch die Genehmigung der Landdrostei in Aurich vorlag, machte sich Conerus an die Umsetzung. Als Bürgermeister unterhielt er zahlreiche Kontakte zu einflussreichen Norder Persönlichkeiten, die er für den ehrenamtlichen Unterricht gewinnen konnte. Am 13. September 1829 eröffnete damit Nordens erste Gewerbeschule mit zunächst 72 Schülern.<ref name=":0" /> | ||
Zunächst wurde die [[Theelkammer]] als Schulraum genutzt. Für den Unterricht in Schönschreiben, Orthografie, Sprachkunde, Zeichnen, Rechnen, Buchführung und Geografie zeichnete sich [[Anton Ernst Taaks]], der Rektor des [[Ulrichsgymnasium|Ulrichsgymnasiums]], verantwortlich. Die | Zunächst wurde die [[Theelkammer]] als Schulraum genutzt. Für den Unterricht in Schönschreiben, Orthografie, Sprachkunde, Zeichnen, Rechnen, Buchführung und Geografie zeichnete sich [[Anton Ernst Taaks]], der Rektor des [[Ulrichsgymnasium|Ulrichsgymnasiums]], verantwortlich. Die Gewerbetreibenden Egers und von Halem sowie der Volksschullehrer [[Adolph von Freeden]] unterstützten ihn dabei. Später kamen weitere Lehrkräfte, wie der Tischler Lorentz hinzu. Der Zeichenunterricht wurde von [[Johann Rudolf Siltmann (1789)|Lehrer Siltmann]] geleitet, ebenfalls vom Ulrichsgymnasium.<ref name=":0" /> | ||
Der Unterricht fand außerhalb der Arbeitszeit ausschließlich am Wochenende statt. Dieser dauerte für gewöhnlich von 18:00 bis 20:00 Uhr an | Der Unterricht fand außerhalb der Arbeitszeit ausschließlich am Wochenende statt. Dieser dauerte für gewöhnlich von 18:00 bis 20:00 Uhr an Samstagen und an Sonntagen von 07:00 bis 09:00 Uhr (im Sommer) bzw. von 08:00 bis 10:00 Uhr (im Winter).<ref name=":1">Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 77</ref> | ||
Trotz des Mehrgewinns für das Norder Gewerbe wurde die neue Gewerbeschule nicht von allen Gewerbetreibenden gut angenommen. Durch den Wochenendunterricht konnten die Lehrlinge nicht mehr von ihren Meistern zu Arbeiten am Wochenende herangezogen werden. Insgesamt jedoch fand die Schule breite Anerkennung in der | Trotz des Mehrgewinns für das Norder Gewerbe wurde die neue Gewerbeschule nicht von allen Gewerbetreibenden gut angenommen. Durch den Wochenendunterricht konnten die Lehrlinge nicht mehr von ihren Meistern zu Arbeiten am Wochenende herangezogen werden. Insgesamt jedoch fand die Schule breite Anerkennung in der Allgemeinheit. Sogar das Parlament in Hannover belobigte sie und sah in ihr ein Vorbild für weitere, ähnliche Schulen im Königreich.<ref name=":1" /> | ||
Indes kam es häufiger zu Problemen bei der Unterrichtsgestaltung, da die Theelkammer nach Sitzungen durch die [[Theelacht]] oftmals verschmutzt war, sodass der Schulbetrieb hin und wieder in der [[Ludgerikirche]] stattfand.<ref name=":1" /> Hier fanden auch die halbjährlichen, öffentlichen Prüfungen der Gewerbeschule statt.<ref name=":2">Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 78</ref> | Indes kam es häufiger zu Problemen bei der Unterrichtsgestaltung, da die Theelkammer nach Sitzungen durch die [[Theelacht]] oftmals verschmutzt war, sodass der Schulbetrieb hin und wieder in der [[Ludgerikirche]] stattfand.<ref name=":1" /> Hier fanden auch die halbjährlichen, öffentlichen Prüfungen der Gewerbeschule statt.<ref name=":2">Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 78</ref> | ||
1835 wurde der Unterrichtsplan neu geordnet, auch die Wochenstunden wurde erhöht und auch an Werktagen fand abends Unterricht statt. Ab 1837 mussten die Schüler schließlich ein Schulgeld in Höhe von halbjährlich 12 1/2 Pfennig zahlen. Die Gebühren wurden nur den Bedürftigen erlassen. Nachdem die Schülerzahlen viele Jahre | 1835 wurde der Unterrichtsplan neu geordnet, auch die Wochenstunden wurde erhöht und auch an Werktagen fand abends Unterricht statt. Ab 1837 mussten die Schüler schließlich ein Schulgeld in Höhe von halbjährlich 12 1/2 Pfennig zahlen. Die Gebühren wurden nur den Bedürftigen erlassen. Nachdem die Schülerzahlen viele Jahre kontinuierlich stiegen, brachen sie in den 1850er Jahren ein, ehe sie zu Beginn der 1860er wieder eklatant stiegen. Auch das Lehrpersonal wurde größer. Auch [[Samuel Baruch Flersheimer]] unterrichte hier.<ref name=":2" /> | ||
Längst war auch die Theelkammer zu klein, die nur eine maximale Kapazität von etwa 80 Personen hatte. 1869 ließ die Stadt Norden daraufhin für 2.500 Reichstaler ein neues Gebäude an der [[Kleine Mühlenstraße|Kleinen Mühlenstraße]] errichten, das ab 1873 auch die Klassen der [[Höhere Töchterschule|Höheren Töchterschule]] aufnahm. Seit 1874 trug sie den Namen | Längst war auch die Theelkammer zu klein, die nur eine maximale Kapazität von etwa 80 Personen hatte. 1869 ließ die Stadt Norden daraufhin für 2.500 Reichstaler ein neues Gebäude an der [[Kleine Mühlenstraße|Kleinen Mühlenstraße]] errichten, das ab 1873 auch die Klassen der [[Höhere Töchterschule|Höheren Töchterschule]] aufnahm. Seit 1874 trug sie den Namen ''Gewerbliche Fortbildungsschule''. Diese Doppelbelastung führte dazu, dass die Gewerbeschule 1887 in den [[Rummel]] im [[Altes Rathaus|Alten Rathaus]] zog. Als 1912 die [[Gräfin-Theda-Schule]] in der [[Gartenstraße]] fertiggestellt wurde, zog die Gewerbeschule wieder zurück in die Mühlenstraße.<ref name=":2" /> | ||
Eine erneute Neuorganisation der Schule hatte vier Klassen zur Folge: Zwei für den allgemeinen Unterricht der Gewerbeschüler und eine für besonders begabte Schüler. Dazu kam eine gesonderte Klasse für Handelslehrlinge. Ab 1896 wurde die Handelsklasse von [[Harm Kaufmann]] unterrichtet, der zugleich erster hauptamtlicher Lehrer der Schule wurde.<ref name=":2" /><ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 79</ref> Neben seminarisch fortgebildeten Volksschullehrer unterrichten auch weiterhin Gewerbetreibende an der Schule. Eine Praxis, die sich so ähnlich bis heute an den Berufsbildenden Schulen gehalten hat.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 80</ref> | Eine erneute Neuorganisation der Schule hatte vier Klassen zur Folge: Zwei für den allgemeinen Unterricht der Gewerbeschüler und eine für besonders begabte Schüler. Dazu kam eine gesonderte Klasse für Handelslehrlinge. Ab 1896 wurde die Handelsklasse von [[Harm Kaufmann]] unterrichtet, der zugleich erster hauptamtlicher Lehrer der Schule wurde.<ref name=":2" /><ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 79</ref> Neben seminarisch fortgebildeten Volksschullehrer unterrichten auch weiterhin Gewerbetreibende an der Schule. Eine Praxis, die sich so ähnlich bis heute an den Berufsbildenden Schulen gehalten hat.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 80</ref> | ||
Ab 1921 wurden auch Mädchen bzw. junge Frauen nach Beendigung ihrer regulären Schulausbildung zum Besuch einer Gewerbeschule verpflichtet. Ab 1925 trug die Schule den Namen | Ab 1921 wurden auch Mädchen bzw. junge Frauen nach Beendigung ihrer regulären Schulausbildung zum Besuch einer Gewerbeschule verpflichtet.<ref name=":3" /> Im selben Jahr zog die ''Förderschule'' bzw. ''Schule für Lernhilfe'' in einem Nebenraum im Gebäude ein und blieb hier bis zum Bau der [[Pestalozzischule]] im Jahre 1929.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 140</ref> Ab 1925 trug die Schule den Namen ''Städtische Berufsschule''.<ref name=":3">Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 81</ref> Noch in den 1920er Jahren war es üblich, dass die Schüler Schulmützen trugen, die unterschiedliche Bänder aufwiesen und jährlich wechselten.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 108</ref> | ||
Die folgenden Jahrzehnte wurden von einer akuten Raumnot gezeichnet, die dazu führte, dass beispielsweise die hauswirtschaftliche Abteilung in ein separates Gebäude am [[Burggraben]] verlagert wurde. Nach Einrichtung einer zweijährigen Handelsschule zu Ostern 1929 und der Gründung einer einjährigen Haushaltungsschule im Jahr 1933 spitzte sich die Raumnot noch weiter zu. Endgültig überschritten wurde das Maximum der Kapazität, als 1937 zu den 690 noch zusätzliche 148 Jugendliche der aufgelösten Berufsschulklasse in Dornum, Hage und Marienhafe kamen. Anfang der 1930er Jahre begannen Planungen für einen Neubau, diese scheiterten jedoch an der Finanzierung, da im Rahmen der Kriegsvorbereitungen für den Zweiten Weltkrieg andere Projekte, insbesondere der [[Vertriebenenlager Tidofeld|Kasernenbau]] eine höhere Priorität genossen.<ref name=":3" /> | Die folgenden Jahrzehnte wurden von einer akuten Raumnot gezeichnet, die dazu führte, dass beispielsweise die hauswirtschaftliche Abteilung in ein separates Gebäude am [[Burggraben]] verlagert wurde. Nach Einrichtung einer zweijährigen Handelsschule zu Ostern 1929 und der Gründung einer einjährigen Haushaltungsschule im Jahr 1933 spitzte sich die Raumnot noch weiter zu. Endgültig überschritten wurde das Maximum der Kapazität, als 1937 zu den 690 noch zusätzliche 148 Jugendliche der aufgelösten Berufsschulklasse in Dornum, Hage und Marienhafe kamen. Anfang der 1930er Jahre begannen Planungen für einen Neubau, diese scheiterten jedoch an der Finanzierung, da im Rahmen der Kriegsvorbereitungen für den [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] andere Projekte, insbesondere der [[Vertriebenenlager Tidofeld|Kasernenbau]] eine höhere Priorität genossen.<ref name=":3" /> | ||
Nachdem die Schülerzahlen während des | Nachdem die Schülerzahlen während des Kriegs sanken, zogen sie nach Kriegsende wieder deutlich an. An unterschiedlichen Gebäuden, wie zum Beispiel am [[Jugendheim (Klosterstraße)|Jugendheim]] an der [[Klosterstraße]], fand nun der Unterricht statt. Auch wurden Teile der Schule als Großküche für die notleidende Bevölkerung genutzt.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 86</ref> Erst 1954 wurde seitens der Behörden der Beschluss für einen Neubau gefasst. Berufsschuldirektor [[Conrad Heeren]] fasste 1955 zusammen, dass nun ''"zum dritten Male die Hoffnung"'' besteht, dass ''"dem Berufsschulwesen in Norden endlich eine würdige Schule gebaut wird, die als Bildungsstätte für die gesamte werktätige Jugend dienen kann."'' Doch erst fünf Jahre später [[Conerus-Schule|begann der Bau]], das alte Schulgebäude an der Kleinen Mühlenstraße wurde im selben Jahr abgebrochen.<ref name=":3" /> | ||
== Schülerzahlen == | ==Schülerzahlen== | ||
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!Schuljahr | !Schuljahr | ||
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==Galerie== | |||
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Datei:Kleine Mühlenstraße Gewerbeschule Berufsschule um 1950 01.jpg|Etwa mittig ist das alte Schulgebäude zu sehen (um 1950). | |||
Datei:Kleine Mühlenstraße Gewerbeschule Alte Berufsschule 1959 01.jpg|Aufnahme vom 22. November 1959. | |||
Datei:Kleine Mühlenstraße 3 - Wulf & Flentje - 21 05 2006.jpg|''Wulf & Flentje'' - Aufnahme vom 21. Mai 2006. | |||
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==Literatur== | ==Literatur== | ||
*Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 76-84 | *Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 76-84 | ||