Herrnhuter Brüdergemeine: Unterschied zwischen den Versionen
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Erste Anhänger der Herrnhuter Bewegung lassen sich in Norden bereits für 1738 nachweisen. [[Ufke Cremer]] vermutete, dass es sich dabei um Handwerker aus dem niederländischen Zeist sowie aus der Schweiz gehandelt hat.<ref name=":0">Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 80</ref> Während es in der Schweiz um diese Zeit noch keine "Herrnhuter Gemeine" gab, hatte sich in s´Heerendijk bei IJsselstein bereits 1736 eine Herrnhuter Gemeinschaft konstituiert. Sie war die erste europäische Brüdergemeine außerhalb von Herrnhut (Sachsen) und diente den Missionaren als sogenanntes "Posthaus" und als Zwischenstation auf dem Weg nach Übersee.<ref>Mettele, Gisela (2009): Weltbürgertum oder Gottesreich: Die Herrnhuter Brüdergemeine als globale Gemeinschaft 1727-1857, Göttingen, S. 46</ref> Ab 1745 übernahm diese Funktion die neugegründete Brüdergemeine im nur 25 Kilometer von s´Heerendijk entfernten Zeist, wohin die Mitglieder der s´Heerendijker Kolonie bis 1760 in Etappen umzogen. Zwischen den Herrnhutern in Norden und in Zeist bestanden in den ersten Jahrzehnten rege Verbindungen. So begaben sich zum Beispiel im Frühjahr 1755 Norder Mitglieder auf die nach damaligen Verhältnissen beschwerliche Reise nach Zeist, um dort mit dem aus England zurückgekehrten Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, dem Begründer der Herrnhuter Bewegung, mehrere Wochen zu verbringen.<ref>Verbeek, Jacob Wilhelm (1845): Des Grafen Nicolaus Ludwig von Zinzendorf Leben und Charakter in kurzgefasster Darstellung, Gnadau, S. 313</ref> | Erste Anhänger der Herrnhuter Bewegung lassen sich in Norden bereits für 1738 nachweisen. [[Ufke Cremer]] vermutete, dass es sich dabei um Handwerker aus dem niederländischen Zeist sowie aus der Schweiz gehandelt hat.<ref name=":0">Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 80</ref> Während es in der Schweiz um diese Zeit noch keine "Herrnhuter Gemeine" gab, hatte sich in s´Heerendijk bei IJsselstein bereits 1736 eine Herrnhuter Gemeinschaft konstituiert. Sie war die erste europäische Brüdergemeine außerhalb von Herrnhut (Sachsen) und diente den Missionaren als sogenanntes "Posthaus" und als Zwischenstation auf dem Weg nach Übersee.<ref>Mettele, Gisela (2009): Weltbürgertum oder Gottesreich: Die Herrnhuter Brüdergemeine als globale Gemeinschaft 1727-1857, Göttingen, S. 46</ref> Ab 1745 übernahm diese Funktion die neugegründete Brüdergemeine im nur 25 Kilometer von s´Heerendijk entfernten Zeist, wohin die Mitglieder der s´Heerendijker Kolonie bis 1760 in Etappen umzogen. Zwischen den Herrnhutern in Norden und in Zeist bestanden in den ersten Jahrzehnten rege Verbindungen. So begaben sich zum Beispiel im Frühjahr 1755 Norder Mitglieder auf die nach damaligen Verhältnissen beschwerliche Reise nach Zeist, um dort mit dem aus England zurückgekehrten Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, dem Begründer der Herrnhuter Bewegung, mehrere Wochen zu verbringen.<ref>Verbeek, Jacob Wilhelm (1845): Des Grafen Nicolaus Ludwig von Zinzendorf Leben und Charakter in kurzgefasster Darstellung, Gnadau, S. 313</ref> | ||
Eine wichtige Rolle bei den herrnhuterischen Anfängen in Norden spielte der Mennonitenprediger [[Johannes Deknatel]].<ref>von Schlachta Astrid (2005): Mit Religions Streitigkeiten wollen wir uns nicht befassen. Begriffe und Konzepte im herrnhutisch-hutterischen Verhältnis. In: Mennonitische Geschichtsblätter 62/2005. S. 51–76</ref> Der gebürtige Norder war ab 1720 Hilfsprediger und fünf Jahre später Inhaber einer Predigerstelle der Mennonitengemeinde Amsterdam. 1736 kam es dort zu einer Begegnung zwischen ihm und Zinzendorf.<ref>[https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/BLO/Deknatel.pdf Biographie des Johannes Deknatel in der Personendatenbank] der Ostfriesischen Landschaft</ref> Sie führte dazu, dass sich Deknatel der herrnhuterischen Theologie öffnete, ohne seine mennonitischen Grundüberzeugungen aufzugeben. Ende der 1730er Jahre richtete er im Haus seiner in Norden wohnhaften Schwester, einer verwitweten Blaupot, einen Hauskreis ein, aus dem sich 1742 regelmäßige gottesdienstliche Zusammenkünfte entwickelten. | Eine wichtige Rolle bei den herrnhuterischen Anfängen in Norden spielte der Mennonitenprediger [[Johannes Deknatel]].<ref>von Schlachta Astrid (2005): Mit Religions Streitigkeiten wollen wir uns nicht befassen. Begriffe und Konzepte im herrnhutisch-hutterischen Verhältnis. In: Mennonitische Geschichtsblätter 62/2005. S. 51–76</ref> Der gebürtige Norder war ab 1720 Hilfsprediger und fünf Jahre später Inhaber einer Predigerstelle der Mennonitengemeinde Amsterdam. 1736 kam es dort zu einer Begegnung zwischen ihm und Zinzendorf.<ref>[https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/BLO/Deknatel.pdf Biographie des Johannes Deknatel in der Personendatenbank] der Ostfriesischen Landschaft</ref> Sie führte dazu, dass sich Deknatel der herrnhuterischen Theologie öffnete, ohne seine mennonitischen Grundüberzeugungen aufzugeben. Ende der 1730er Jahre richtete er im Haus seiner in Norden wohnhaften Schwester, einer verwitweten Blaupot, einen Hauskreis ein, aus dem sich 1742 regelmäßige gottesdienstliche Zusammenkünfte entwickelten. Später wurden die Gottesdienste in einem angemieteten Saal im [[Hotel Heeren-Logement]] ([[Am Markt]] 50), abgehalten. 1776 konnte das Hotel von der Brüdergemeine käuflich erworben werden.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 121</ref> | ||
[[Datei:Hotel Heeren-Logement um 1800 01.jpg|links|mini|326x326px|Saal im [[Hotel Heeren-Logement]], genutzt als Gottesdienstraum (um 1800).]] | [[Datei:Hotel Heeren-Logement um 1800 01.jpg|links|mini|326x326px|Saal im [[Hotel Heeren-Logement]], genutzt als Gottesdienstraum (um 1800).]] | ||
1748 konstituierte sich der Herrnhuter Kreis als Sozietät und ab 1757 – verbunden mit der Einführung ihres ersten Predigers am 7. Mai 1757 – als Stadtgemeine Norden. Das letztgenannte Datum galt den Norder Herrnhutern in der Folgezeit als offizieller Gründungstag ihrer Gemeinde.<ref name=":1">Smid, Menno (1974): Ostfriesische Kirchengeschichte, Band VI in der Reihe Ostfriesland im Schutze des Deiches, Pewsum, S. 533</ref> Dies bestätigt auch eine Gedenktafel, die ihren ursprünglichen Platz in der Herrnhuter Kapelle hatte und heute im [[Altes Rathaus|Alten Rathaus]] zu besichtigen ist. | 1748 konstituierte sich der Herrnhuter Kreis als Sozietät und ab 1757 – verbunden mit der Einführung ihres ersten Predigers am 7. Mai 1757 – als "Stadtgemeine Norden". Das letztgenannte Datum galt den Norder Herrnhutern in der Folgezeit als offizieller Gründungstag ihrer Gemeinde.<ref name=":1">Smid, Menno (1974): Ostfriesische Kirchengeschichte, Band VI in der Reihe Ostfriesland im Schutze des Deiches, Pewsum, S. 533</ref> Dies bestätigt auch eine Gedenktafel, die ihren ursprünglichen Platz in der Herrnhuter Kapelle hatte und heute im [[Altes Rathaus|Alten Rathaus]] zu besichtigen ist. | ||
Das Gemeindeleben konnte sich unter der ersten preußischen Herrschaft Ostfrieslands (1744–1807) frei von staatlichen Repressionsmaßnahmen entfalten, was wohl auf die besonderen Privilegien zurückzuführen ist, die das Königreich Preußen den Herrnhutern gewährt hatte. Für 1773 kann sogar die Einrichtung einer eigenen Schule belegt werden.<ref>Ufke Cremer</ref> In den von Christian Gottlieb Frohberger herausgegebenen Briefen über Herrnhut und die evangelische Brüdergemeine heißt es: "Zu Norden in Ostfriesland ist auch eine kleine Brüdergemeine, die ihr öffentliches Versammlungshaus hat und daselbst in ungestörter Freiheit ihren Gottesdienst hält."<ref>Frohberger, Christian Gottlieb (1796): Briefe über Herrnhut und die evangelische Brüdergemeine nebst einem Anhange, Bautzen, S. 17</ref> In den zeitgenössischen Ortsbeschreibungen und Reisehandbüchern werden die Norder Herrnhuter gleichberechtigt neben den anderen Kirchen und der [[Jüdische Gemeinde Norden|jüdischen Gemeinde]] erwähnt. So heißt es zum Beispiel in Baedekers Handbuch für Reisende: "Fünf christliche Gemeinden verschiedener Confessionen, darunter Mennoniten und Herrnhuter, leben hier sammt einer israelitischen Gemeinde friedlich nebeneinander."<ref>Baedeker, Karl (1869): Deutschland und Österreich. Handbuch für Reisende, Koblenz, S. 83</ref> | Das Gemeindeleben konnte sich unter der ersten preußischen Herrschaft Ostfrieslands (1744–1807) frei von staatlichen Repressionsmaßnahmen entfalten, was wohl auf die besonderen Privilegien zurückzuführen ist, die das Königreich Preußen den Herrnhutern gewährt hatte. Für 1773 kann sogar die Einrichtung einer eigenen Schule belegt werden.<ref>Ufke Cremer</ref> In den von Christian Gottlieb Frohberger herausgegebenen Briefen über Herrnhut und die evangelische Brüdergemeine heißt es: "Zu Norden in Ostfriesland ist auch eine kleine Brüdergemeine, die ihr öffentliches Versammlungshaus hat und daselbst in ungestörter Freiheit ihren Gottesdienst hält."<ref>Frohberger, Christian Gottlieb (1796): Briefe über Herrnhut und die evangelische Brüdergemeine nebst einem Anhange, Bautzen, S. 17</ref> In den zeitgenössischen Ortsbeschreibungen und Reisehandbüchern werden die Norder Herrnhuter gleichberechtigt neben den anderen Kirchen und der [[Jüdische Gemeinde Norden|jüdischen Gemeinde]] erwähnt. So heißt es zum Beispiel in Baedekers Handbuch für Reisende: "Fünf christliche Gemeinden verschiedener Confessionen, darunter Mennoniten und Herrnhuter, leben hier sammt einer israelitischen Gemeinde friedlich nebeneinander."<ref>Baedeker, Karl (1869): Deutschland und Österreich. Handbuch für Reisende, Koblenz, S. 83</ref> | ||