Ludgerikirche: Unterschied zwischen den Versionen
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Im frühen 14. Jahrhundert folgte der Glockenturm. Als Grund dafür, dass dieser freistehend und unabhängig errichtet wurde, wird die Unsicherheit der Erbauer in Bezug auf die Bodenbeschaffenheit vermutet. Es kam nicht selten vor, dass der Untergrund nicht fest genug war, um schwere Bauten zu halten und diese somit sackten oder umstürzten.<ref>Erchinger, Elke (1985): Alte und neue Gedanken zur Baugeschichte der Ludgerikirche. In: Festschrift zur Wiedereinweihung der restaurierten Ludgerikirche, Norden, S. 49f.</ref> Viele Kirchtürme, die eine direkte Verbindung mit den Kirchen aufweisen, sind im Laufe der Jahrhunderte versackt, so etwa der Kirchturm von Suurhusen. | Im frühen 14. Jahrhundert folgte der Glockenturm. Als Grund dafür, dass dieser freistehend und unabhängig errichtet wurde, wird die Unsicherheit der Erbauer in Bezug auf die Bodenbeschaffenheit vermutet. Es kam nicht selten vor, dass der Untergrund nicht fest genug war, um schwere Bauten zu halten und diese somit sackten oder umstürzten.<ref>Erchinger, Elke (1985): Alte und neue Gedanken zur Baugeschichte der Ludgerikirche. In: Festschrift zur Wiedereinweihung der restaurierten Ludgerikirche, Norden, S. 49f.</ref> Viele Kirchtürme, die eine direkte Verbindung mit den Kirchen aufweisen, sind im Laufe der Jahrhunderte versackt, so etwa der Kirchturm von Suurhusen. | ||
Etwa um die gleiche Zeit wurde die vorgebaute Westfassade mit einer für die Frühgotik charakteristischen Gestaltung des Giebeldreiecks errichtet, nachdem ein Teil des Giebels offenbar 1296 bei einem Gewitterbrand oder 1318 durch ein Erdbeben eingestürzt war.<ref name=":1" /> In diesem Jahr wurde vermutlich die östliche Apsis (siehe oben) abgerissen und mit dem Anbau des gotischen Querschiffs begonnen. Nachdem diese neuen Gewölbe einige Zeit nach der Baufertigstellung einstürzten, wurde das ganze Querhaus mit verstärkten Mauern und Pfeilern in der heutigen, erhöhten Gestalt wiederaufgebaut. Von diesem Vorgang berichtet die Inschrift außen über dem Südportal, die zugleich die einzige sicher überlieferte Jahreszahl in der Baugeschichte der Ludgerikirche bietet.<ref name=":0" /> Der Norder Altphilologe [[Gerd Dickers]] konnte diese im Laufe der Jahrhunderte verwitterte Inschrift wiederherstellen. Seither ist die lateinische Inschrift als ergänzte Kopie wieder an ihrem alten Platz angebracht und lautet nun in deutscher Übersetzung: "Im Jahre des Herrn 1445 ist dieses Gebäude wiederhergestellt worden mit Hilfe des edlen Junkers Ulrich, des Häuptlings zu Norden, durch die Fürsorge des Pfarrkollegiums und der Bürger von Norden." | Etwa um die gleiche Zeit wurde die vorgebaute Westfassade mit einer für die Frühgotik charakteristischen Gestaltung des Giebeldreiecks errichtet, nachdem ein Teil des Giebels offenbar 1296 bei einem Gewitterbrand oder 1318 durch ein Erdbeben eingestürzt war.<ref name=":1" /> In diesem Jahr wurde vermutlich die östliche Apsis (siehe oben) abgerissen und mit dem Anbau des gotischen Querschiffs begonnen. Nachdem diese neuen Gewölbe einige Zeit nach der Baufertigstellung einstürzten, wurde das ganze Querhaus mit verstärkten Mauern und Pfeilern in der heutigen, erhöhten Gestalt wiederaufgebaut. Von diesem Vorgang berichtet die Inschrift außen über dem Südportal, die zugleich die einzige sicher überlieferte Jahreszahl in der Baugeschichte der Ludgerikirche bietet.<ref name=":0" /> Der Norder Altphilologe [[Gerd Dickers]] konnte diese im Laufe der Jahrhunderte verwitterte Inschrift wiederherstellen. Seither ist die lateinische Inschrift als ergänzte Kopie wieder an ihrem alten Platz angebracht und lautet nun in deutscher Übersetzung: "Im Jahre des Herrn 1445 ist dieses Gebäude wiederhergestellt worden mit Hilfe des edlen [[Ulrich Cirksena|Junkers Ulrich]], des Häuptlings zu Norden, durch die Fürsorge des Pfarrkollegiums und der Bürger von Norden." Sein Familienwappen der Cirksenas befindet sich in den Schlusssteinen des Vierungs- und des östlichen Hochchorgewölbes.<ref>Haddinga Johann / Stromann, Martin (2001): Norden-Norddeich. Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 58</ref> | ||
Der Chor wurde wahrscheinlich von einer wandernden Bauhütte (mittelalterlicher Werkstättenverband) errichtet, die zuvor den Chor der "Martinikerk" (Martinikirche) in Groningen gebaut hatte. Der Anbau größerer Chorbauten an ältere Kirchen entsprach dem Zeitgeist, wie er auch bei der Kirche St. Sebald in Nürnberg, dem Aachener Dom und dem Freiburger Münster erkennbar ist. Zur Erstausstattung des Chores, der spätestens um 1455 fertiggestellt gewesen sein dürfte, gehörte sicherlich auch der geschnitzte Hochaltar, von dem nur noch der spätgotische Baldachin (Traghimmel) mit dem reichhaltigen Schnitzwerk erhalten ist.<ref name=":3">Kiesow, Gottfried (2010): Architekturführer Ostfriesland, Bonn, S. 266</ref> | |||
Der Chor wurde wahrscheinlich von einer wandernden Bauhütte (mittelalterlicher Werkstättenverband) errichtet, die zuvor den Chor der "Martinikerk" (Martinikirche) in Groningen gebaut hatte. Der Anbau größerer Chorbauten an ältere Kirchen entsprach dem Zeitgeist, wie er auch bei der Kirche St. Sebald in Nürnberg, dem Aachener Dom und dem Freiburger Münster erkennbar ist. Zur Erstausstattung des Chores, der spätestens um 1455 fertiggestellt gewesen sein dürfte, gehörte sicherlich auch der geschnitzte Hochaltar, von dem nur noch der spätgotische Baldachin mit dem reichhaltigen Schnitzwerk erhalten ist.<ref>Kiesow, Gottfried (2010): Architekturführer Ostfriesland, Bonn, S. 266</ref> | |||
Mit dem Einzug der Reformation in der Stadt ab 1527 wurden viele der historisch wertvollen Bildwerke und Gemälde katholischen Ursprungs zerstört, beschädigt oder übermalt, denn Bildnisse von Heiligen entsprachen nicht der reformatorischen Gesinnung. In der Kirche wirkten nun abwechselnd lutherische und reformatorische Pastoren. Dem Geiste der Reformation entsprechend wurde 1576/77 der Hochaltar in einen Schriftaltar umgewandelt. Die Inschrift lautet: ''DV SCHALT DY NENE BILDE NOCH GELIKENISSE MAKE. BEDE SE NICHT AN VND DENE EN NICHT.'' (Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht.).<ref name=":2">Ruge, Reinhard (2015): Die Ludgeri-Kirche zu Norden, Norden, S. 18</ref> | Mit dem Einzug der Reformation in der Stadt ab 1527 wurden viele der historisch wertvollen Bildwerke und Gemälde katholischen Ursprungs zerstört, beschädigt oder übermalt, denn Bildnisse von Heiligen entsprachen nicht der reformatorischen Gesinnung. In der Kirche wirkten nun abwechselnd lutherische und reformatorische Pastoren. Dem Geiste der Reformation entsprechend wurde 1576/77 der Hochaltar in einen Schriftaltar umgewandelt. Die Inschrift lautet: ''DV SCHALT DY NENE BILDE NOCH GELIKENISSE MAKE. BEDE SE NICHT AN VND DENE EN NICHT.'' (Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht.).<ref name=":2">Ruge, Reinhard (2015): Die Ludgeri-Kirche zu Norden, Norden, S. 18</ref> | ||
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==Beschreibung== | ==Beschreibung== | ||
=== Außenansicht === | |||
Das Areal, auf dem beide Gotteshäuser errichtet wurden, liegt auf einer Sandinsel in der Marsch, die dem nordwestlichsten Ausläufer des ostfriesischen Geestrückens vorgelagert ist.<ref>Rack, Eberhard (1998): Kleine Landeskunde Ostfriesland, Oldenburg, S. 94</ref> Der eigentliche Kirchhügel hat eine Fläche von rund 150×90 Metern und erhebt sich an seiner höchsten Stelle auf 10,2 Meter über Normalnull.<ref>Bärenfänger, Rolf (1996): Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands. Band 76 (1996) S. 220</ref> Für den Bau der Vorgängerkirche der Andreaskirche wurde der Hügel in seinem Zentrum auf einer Fläche von 30 x 13 Metern um 0,6 Meter mit Heidesoden erhöht, später dann auch in den Randbereichen durch Aufbringung von humosem Sand.<ref>Bärenfänger, Rolf (1999): Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland. Band 35: Ostfriesland, Stuttgart, S. 187f.</ref> | Das Areal, auf dem beide Gotteshäuser errichtet wurden, liegt auf einer Sandinsel in der Marsch, die dem nordwestlichsten Ausläufer des ostfriesischen Geestrückens vorgelagert ist.<ref>Rack, Eberhard (1998): Kleine Landeskunde Ostfriesland, Oldenburg, S. 94</ref> Der eigentliche Kirchhügel hat eine Fläche von rund 150×90 Metern und erhebt sich an seiner höchsten Stelle auf 10,2 Meter über Normalnull.<ref>Bärenfänger, Rolf (1996): Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands. Band 76 (1996) S. 220</ref> Für den Bau der Vorgängerkirche der Andreaskirche wurde der Hügel in seinem Zentrum auf einer Fläche von 30 x 13 Metern um 0,6 Meter mit Heidesoden erhöht, später dann auch in den Randbereichen durch Aufbringung von humosem Sand.<ref>Bärenfänger, Rolf (1999): Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland. Band 35: Ostfriesland, Stuttgart, S. 187f.</ref> | ||
Die Ludgerikirche ist mit rund 80 Meter Länge | Die Ludgerikirche ist mit ihren rund 80 Meter Länge die größte erhaltene mittelalterliche Kirche in Ostfriesland. Bereits von außen ist der unterteilte und sich unterscheidende Baustil der einzelnen Teilbauten deutlich erkennbar. Geprägt wird die Kirche hierbei vor allem durch den gotischen Hochchor, der mit seinem Umgang der einzige dreischiffige Sakralbau in Ostfriesland in der Art gotischer Kathedralenarchitektur ist. Der südlich neben der Kirche freistehende, um 1310 erbaute romanische Glockenturm ist durch [[Am Markt|eine Straße]] von der Kirche getrennt. | ||
=== Innenansicht === | |||
Im Inneren ist die Ludgerikirche besonders reich verziert und weist mehrere bedeutende Kunstwerke auf. Bedeutend sind insbesondere der Schriftaltar, die barocke Kanzel, das gotische Chorgestühl, das Taufbecken, das Grabdenkmal (Epitaph) von [[Unico Manninga]] und ganz besonders die Orgel von [[Arp Schnitger]]. Vorreformatorische Kunst des Mittelalters ist nur in geringen Resten erhalten geblieben, da viele Bildnisse im Zuge der aufkommenden Reformation zerstört oder beschädigt worden sind. Die wenigen erhaltenen bildlichen Zeugnisse dieser Zeit sind nur im Querschiff und im Chor zu sehen. | |||
=== Langschiff === | |||
=== Querschiff === | |||
Das Querhaus hat heute eine Länge von 32 und eine Breite von fast 12 Metern. Das steile Dach ist mit Schiefer gedeckt. Während das romanische Langschiff noch recht schlicht gehalten war, trat im Querschiff erstmals architektonischer Formenreichtum auf. Die Südseite wurde zur repräsentativen Schaufassade ausgebaut und ist durch fünf gestaffelte Blendnischen und eine spätgotische, spitzbogig geschlossene Nische reich gegliedert. Im nördlichen Querhausportal wurde ein Türsturz mit giebelförmigem Abschluss eingelassen, der vermutlich von der abgegangenen Andreaskirche stammt. Am Wiederaufbau des Querschiffs und an der Errichtung des Chors war der Norder Häuptling und spätere erste Reichsgraf Ostfrieslands, [[Ulrich Cirksena]], maßgeblich beteiligt. Sein Familienwappen befindet sich in den Schlusssteinen des Vierungs- und des östlichen Hochchorgewölbes. | |||
=== Hochchor === | |||
Zur Erstausstattung des Chores, der spätestens um 1455 fertiggestellt gewesen sein dürfte, gehörte sicherlich auch der geschnitzte Hochaltar, von dem nur noch der spätgotische Baldachin (Traghimmel) mit dem reichhaltigen Schnitzwerk erhalten ist.<ref name=":3" /> | |||
==Einzelnachweise== | ==Einzelnachweise== | ||