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Die '''Mennonitenkirche''' (auch: ''Kettler'sches Haus'') wurde 1662 ursprünglich als städtisches Wohnhaus erbaut. Seit 1795 dient es der [[Mennonitengemeinde Norden|Norder Mennonitengemeinde]] als Kirche.
Die '''Mennonitenkirche''' (auch: ''Kettler'sches Haus'') wurde 1662 ursprünglich als städtisches Wohnhaus erbaut. Seit 1795 dient es der [[Mennonitengemeinde Norden|Norder Mennonitengemeinde]] als Kirche.


Das Gebäude umfasst drei Grundstücke, die bis dato eigenständig waren. Links befand sich ursprünglich eine Scheune, die zum Haupthaus (in der Mitte; erbaut 1662) gehörte. Das linke Gebäude wurde nach deM Abbruch der Scheune 1796 errichtet. Rechts befand sich einst die ''Süderpastorei'', die für die [[Süderkluft]] zuständig war sowie später eine Gastwirtschaft namens ''Koloß von Rhodos''. Dieser Teil wurde 1835 neu errichtet.
Das Gebäude umfasst drei Grundstücke, die bis dato eigenständig waren. Links befand sich ursprünglich eine Scheune, die zum Haupthaus (in der Mitte; erbaut 1662) gehörte. Das linke Gebäude wurde nach deM Abbruch der Scheune 1796 errichtet. Rechts befand sich einst die ''Süderpastorei'', die für die [[Süderkluft]] zuständig war sowie später eine Gastwirtschaft namens ''Koloss von Rhodos''. Dieser Teil wurde 1835 neu errichtet.


Der Abschnitt zur Geschichte der Süderpastorei wird aufgrund des Umfangs weiter unten gesondert behandelt.
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Das Hauptgebäude in der Mitte (Am Markt 17) wurde 1662 ursprünglich als städtisches Wohnhaus von dem wohlhabenden [[Amtsverwalter]] und Rechtsanwalt [[Engelbert Kettler (1618)|Engelbert Kettler]] erbaut, dem auch das [[Haus Wirde]] zuzurechnen ist. Fortan war es viele Jahre als ''Kettler'sches Haus'' bzw. ''Kettlerhaus'' bekannt.<ref name=":1">Pühl, Eberhard (2007): Alte Backsteinhäuser in Ostfriesland und im Jeverland. Backsteinbauten des 15. bis 19. Jahrhunderts, Oldenburg, S. 166</ref> Der Überlieferung nach soll Kettler das Haus für seine Frau [[Johanna Berck]], einer Niederländerin, gebaut haben. Bereits am 8. Dezember 1554 wurde in dem Vorgängerbau ein Mann namens [[Rolf Cuper]] erwähnt, der sein Haus an besagtem Tage an den ''Erbaren und Erentfesten [[Phillipus van Dorp]]'' verkauft hatte.<ref name=":4">Schreiber, Gretje (1992): Der Norder Marktplatz und seine Geschichte bis heute, Aurich, S. 62</ref>
Das Hauptgebäude in der Mitte (Am Markt 17) wurde 1662 ursprünglich als städtisches Wohnhaus von dem wohlhabenden [[Amtsverwalter]] und Rechtsanwalt [[Engelbert Kettler (1618)|Engelbert Kettler]] erbaut, dem auch das [[Haus Wirde]] zuzurechnen ist. Fortan war es viele Jahre als ''Kettler'sches Haus'' bzw. ''Kettlerhaus'' bekannt.<ref name=":1">Pühl, Eberhard (2007): Alte Backsteinhäuser in Ostfriesland und im Jeverland. Backsteinbauten des 15. bis 19. Jahrhunderts, Oldenburg, S. 166</ref> Der Überlieferung nach soll Kettler das Haus für seine Frau [[Johanna Berck]], einer Niederländerin, gebaut haben. Bereits am 8. Dezember 1554 wurde in dem Vorgängerbau ein Mann namens [[Rolf Cuper]] erwähnt, der sein Haus an besagtem Tage an den ''Erbaren und Erentfesten [[Phillipus van Dorp]]'' verkauft hatte.<ref name=":4">Schreiber, Gretje (1992): Der Norder Marktplatz und seine Geschichte bis heute, Aurich, S. 62</ref>


Nach dem Tode Kettlers im Jahre 1676 ging das Haus, das seinerzeit die Anschrift ''[[Süderkluft]], Nr. 387'' hatte, an seinen Sohn [[Johann Diedrich Kettler]]. Dieser wiederum vererbte es seiner Tochter [[Charlotte Juliane Kettler]], die mit dem Kapitän [[Adolf van Leeuwen]] verheiratet war.<ref name=":3" /><ref name=":4" /> Nach dem Tode van Le(e)uwen wurde das Haus vom Makler [[Johann Schatteborg]] am 31. Dezember 1750 an [[Leonard Meinders]] und dessen Ehefrau [[Anna Margaretha Meinders]] für 4.560 Gulden verkauft.<ref name=":4" />
Nach dem Tode Kettlers im Jahre 1676 ging das Haus, das seinerzeit die Anschrift ''[[Süderkluft]], Nr. 387'' hatte, an seinen Sohn [[Johann Diedrich Kettler]]. Dieser wiederum vererbte es seiner Tochter [[Charlotte Juliane Kettler]], die mit dem Kapitän [[Adolf van Leeuwen]] verheiratet war.<ref name=":3">Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 56</ref><ref name=":4" /> Nach dem Tode van Le(e)uwen wurde das Haus vom Makler [[Johann Schatteborg]] am 31. Dezember 1750 an [[Leonard Meinders]] und dessen Ehefrau [[Anna Margaretha Meinders]] für 4.560 Gulden verkauft.<ref name=":4" />


Am 15. Februar 1779 erwarb [[Rudolph Ludwig Haaß|Bürgermeister Haaß]] das Kettler'sche Haus für 6.300 Gulden in Gold.<ref name=":4" /><ref name=":3" /> Nach seinem Tode ging das Haus an seine Witwe [[Nicolai Haaß]], geborene Damm, die es ihrer Tochter aus erster Ehe [[Hermanna Nicolai Hoppe]], geborene Damm vermachte.<ref name=":3" />
Am 15. Februar 1779 erwarb [[Rudolph Ludwig Haaß|Bürgermeister Haaß]] das Kettler'sche Haus für 6.300 Gulden in Gold.<ref name=":4" /><ref name=":3" /> Nach seinem Tode ging das Haus an seine Witwe [[Nicolai Haaß]], geborene Damm, die es ihrer Tochter aus erster Ehe [[Hermanna Nicolai Hoppe]], geborene Damm vermachte.<ref name=":3" />
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Im Inneren des Hauses wurden anschließend umfangreiche Umbauarbeiten durchgeführt, die bis 1797 andauerten.<ref name=":0">Bericht der Ostfriesen Zeitung, Ausgabe vom 6. März 2008, S. 21</ref> Im linken Teil des Gebäudes entfernte man die Zwischendecke, sodass ein zweistöckiger Kirchsaal für rund 150 Personen entstehen konnte. Die Innenarchitektur ist - einzigartig unter den deutschen Mennonitenkirchen - vom Stile des Rokoko geprägt. Einen besonderen Blickfang bildet - abgesehen von Kanzel und Abendmahlstisch - der Deckenschmuck, ein Schablonengemälde aus dem Jahr 1900.
Im Inneren des Hauses wurden anschließend umfangreiche Umbauarbeiten durchgeführt, die bis 1797 andauerten.<ref name=":0">Bericht der Ostfriesen Zeitung, Ausgabe vom 6. März 2008, S. 21</ref> Im linken Teil des Gebäudes entfernte man die Zwischendecke, sodass ein zweistöckiger Kirchsaal für rund 150 Personen entstehen konnte. Die Innenarchitektur ist - einzigartig unter den deutschen Mennonitenkirchen - vom Stile des Rokoko geprägt. Einen besonderen Blickfang bildet - abgesehen von Kanzel und Abendmahlstisch - der Deckenschmuck, ein Schablonengemälde aus dem Jahr 1900.


Die marktseitige Fassade zieren so genannte ''Fruchtgehänge''. Die Gebäude rechts und links des Haupthauses wurden erst später erworben und in der Fassadengestaltung dem Hauptgebäude angepasst. Auf dem Dach des Haupthauses befindet sich ein kleiner Kirchturm, der jedoch kein Geläut besitzt. 1835 wurde der rechte (westliche) Flügelanbau auf dem Grund des dortigen Vorgängerbaus errichtet.<ref name=":1" /> Hier befand sich viele Jahre eine Schankwirtschaft namens ''Koloß von Rhodos''.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 81</ref> Auf dem Grund des rechten Flügels war das Gebäude der ''Süderpastorei'', der für die [[Süderkluft]] zuständige Pastorensitz.<ref name=":2">[https://www.heiko-campen.de/theelachtii.htm Die Geschichte der Theelacht], abgerufen am 7. September 2021</ref> Auch heute wird dieses Gebäude noch vom mennonitischen Prediger genutzt.<ref name=":3">Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 56</ref>
Die marktseitige Fassade zieren so genannte ''Fruchtgehänge''. Die Gebäude rechts und links des Haupthauses wurden erst später erworben und in der Fassadengestaltung dem Hauptgebäude angepasst. Auf dem Dach des Haupthauses befindet sich ein kleiner Kirchturm, der jedoch kein Geläut besitzt. 1835 wurde der rechte (westliche) Flügelanbau auf dem Grund des dortigen Vorgängerbaus errichtet.<ref name=":1" /> Auf dem Grund des rechten Flügels war das Gebäude der ''Süderpastorei'', der für die [[Süderkluft]] zuständige Pastorensitz.<ref name=":2">[https://www.heiko-campen.de/theelachtii.htm Die Geschichte der Theelacht], abgerufen am 7. September 2021</ref> Die Geschichte der [[Mennonitenkirche#Süderpastorei|Süderpastorei]] befindet sich unten in diesem Artikel.


Die Orgel wurde im Jahre 1900 von den Gebrüdern Link erbaut. Das Schleifladen-Instrument hat 12 Register auf zwei Manualwerken und Pedal. Die Trakturen sind pneumatisch.<ref>[https://www.orgel-information.de/Orgeln/n/nk-no/norden_mennonitenkirche.html Informationen zur Orgel], abgerufen am 1. Mai 2021</ref>
Die Orgel wurde im Jahre 1900 von den Gebrüdern Link erbaut. Das Schleifladen-Instrument hat 12 Register auf zwei Manualwerken und Pedal. Die Trakturen sind pneumatisch.<ref>[https://www.orgel-information.de/Orgeln/n/nk-no/norden_mennonitenkirche.html Informationen zur Orgel], abgerufen am 1. Mai 2021</ref>
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==Süderpastorei==
==Süderpastorei==
Die '''Süderpastorei''' war einer der vier für jeweils eine [[Kluft]] zuständigen Pastoreien. Erstmals wird hier eine Pastorei im Jahre 1554 erwähnt. Bewohner in jener Zeit war [[Elehard Schounicht]]. Er war bereits vor der Reformation als Geistlicher tätig, wohl bedingt durch diese war es ihm später möglich geworden, zu heiraten.<ref>Schreiber, Gretje (1992): Der Norder Marktplatz und seine Geschichte bis heute, Aurich, S. 64</ref> Schounicht war Anteilseigner an einem Handelsschiff. Sein Sohn [[Lambert Schounicht|Lambert]] verhandelte am 25. Mai 1560 über die Veräußerung dieses ''Schiffsparts''. Eine zum Haus gehörende Scheune wurde bereits 1594 durch die Kirche, der das Gebäude gehörte, verkauft.<ref name=":5">Schreiber, Gretje (1992): Der Norder Marktplatz und seine Geschichte bis heute, Aurich, S. 65</ref>
Die '''Süderpastorei''' war einer der vier für jeweils eine [[Kluft]] zuständigen Pastoreien. Erstmals wurde eine solche Pastorei im Jahre 1554 erwähnt. Bewohner in jener Zeit war [[Elehard Schounicht]]. Er war bereits vor der Reformation als Geistlicher tätig, wohl bedingt durch diese war es ihm später möglich geworden, zu heiraten.<ref>Schreiber, Gretje (1992): Der Norder Marktplatz und seine Geschichte bis heute, Aurich, S. 64</ref> Schounicht war Anteilseigner an einem Handelsschiff. Sein Sohn [[Lambert Schounicht|Lambert]] verhandelte am 25. Mai 1560 über die Veräußerung dieses ''Schiffsparts''. Eine zum Haus gehörende Scheune wurde bereits 1594 durch die Kirche, der das Gebäude gehörte, verkauft.<ref name=":5">Schreiber, Gretje (1992): Der Norder Marktplatz und seine Geschichte bis heute, Aurich, S. 65</ref>


Um 1600 wohnte [[Bernhard Elsenius|Pastor Elsenius]] in der Süderpastorei. Elsenius trat auch als Geschichtsschreiber für die [[Pestepidemie 1611]], der er selbst erlag, und weitere Ereignisse in Erscheinung. So berichtete Elsenius, dass eine Abordnung des römisch-deutschen Kaisers am 25. Juli 1593 im benachbarten Hause [[Am Markt 20]] eingezogen waren.<ref name=":5" />
Um 1600 wohnte [[Bernhard Elsenius|Pastor Elsenius]] im Haus der Süderpastorei, welches seit jeher der Kirche gehörte. Elsenius trat auch als Geschichtsschreiber für die [[Pestepidemie 1611]], der er selbst erlag, und weitere Ereignisse in Erscheinung. So berichtete Elsenius, dass eine Abordnung des römisch-deutschen Kaisers am 25. Juli 1593 im benachbarten Hause [[Am Markt 20]] eingezogen waren.<ref name=":5" />


In einem Protokoll vom 23. April 1693 wurde die Süderpastorei erneut erwähnt. Das eher bedeutungslose Dokument behandelt die Unterhaltung eines Zauns zwischen der Süderpastorei und dem Kettler'schen (Haupt-)Haus. Zu jener Zeit wohnte in der Süderpastorei der Pastor [[Hajo König]], der am 4. Mai 1702 verstarb.
In einem Protokoll vom 23. April 1693 wurde die Süderpastorei erneut erwähnt. Das eher bedeutungslose Dokument behandelt die Unterhaltung eines Zauns zwischen der Süderpastorei und dem Kettler'schen (Haupt-)Haus. Zu jener Zeit wohnte in der Süderpastorei der Pastor [[Hajo König]], der am 4. Mai 1702 verstarb. Wenig später veräußerte die Kirche das Haus. Erster bekannter Besitzer wurde der Bäckermeister [[Dirk Reinder]], der das Haus mit Erlaubnis seiner Mutter [[Antje Willems Sweers]], die dort schon mit ihrem Ehemann wohnte, veräußern wollte. Am 25. Juli 1738 wurde das Haus sodann für 700 Gulden an Frau Pastorin Röhsing veräußert.<ref name=":5" />
 
Pastorin Röhsing wohnte hier zunächst mit ihrem Ehemann [[Wiard van Velsen]]. Später wohnte Pastorin Pfeiffer hier zur Miete. Dann wurde das Haus von den Erben van Velsen am 3. Juni 1779 auf Erbpacht an den [[Stadtdiener]] [[Tobias Remmer]] und seiner Ehefrau [[Hilcke Albertus Gnapheus]] für 450 Gulden Anzahlung und einem jährlichen Erbpachtzins von 22,5 Gulden verkauft.<ref name=":5" />
 
Am 29. August 1803 erwarb [[Anton Bernhard Sievcke]] die ehemalige Pastorei für 5.350 Gulden in Gold und vererbte das Haus nach seinem Tod an seine vier Kinder. Diese verkauften es am 4. März 1811 an den Kleidermacher [[Lubbe Muller|Lubbe H. Muller]] für 4.500 Gulden. Nur ein dreiviertel Jahr später, am 23. Dezember 1811, tauschte der Wirt [[Albartus Wolters Gärtner]] sein an Haus an der [[Osterstraße 140]] ([[Liste der Häuser nach alter Adressierung|damalige Anschrift]]: [[Osterkluft]], 4. [[Rott]], Nr. 63) gegen die ehemalige Süderpastorei.<ref name=":5" /> Fortan befand sich hier viele Jahre eine Schankwirtschaft namens ''Koloss von Rhodos''.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 81</ref> Am 15. Dezember 1834 übernahm die Mennonitengemeinde das Gebäude für 1.890 Gulden, ließ es abbrechen und 1835 einen Neubau errichten, in dem der Prediger wohnen sollte.<ref name=":5" /> Auch heute noch wird dieses Gebäude vom zuständigen Prediger bewohnt.<ref name=":3" />


==Galerie==
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