Kloster Marienthal: Unterschied zwischen den Versionen
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Am 21. April 1255 schloss das Emsigerland (historische Bezeichnung für die Stadt Emden und ihre Umgebung) mit der Stadt Bremen im Kloster den sogenannten [[Norder Vertrag]], ein Abkommen zur Wahrung des Friedens und der Sicherung der Handelswege. Der Vertragstext, der auch Sühnemaßnahmen für bestimmte Straftaten vorsah, wurde hier von den Vertragsparteien unterzeichnet und besiegelt. Obgleich der Vertrag für die Stadt Norden an sich eher wenig Bedeutung hatte, gilt er als herausragendes Dokument der Norder Stadtgeschichte, denn hier werden die Stadt und das Kloster erstmals gesichert urkundlich erwähnt. Aus diesem Grund wird das Jahr 1255 heute im Allgemeinen - wenn auch fälschlicherweise - als das Gründungsjahr der [[Stadt Norden]] angesehen. | Am 21. April 1255 schloss das Emsigerland (historische Bezeichnung für die Stadt Emden und ihre Umgebung) mit der Stadt Bremen im Kloster den sogenannten [[Norder Vertrag]], ein Abkommen zur Wahrung des Friedens und der Sicherung der Handelswege. Der Vertragstext, der auch Sühnemaßnahmen für bestimmte Straftaten vorsah, wurde hier von den Vertragsparteien unterzeichnet und besiegelt. Obgleich der Vertrag für die Stadt Norden an sich eher wenig Bedeutung hatte, gilt er als herausragendes Dokument der Norder Stadtgeschichte, denn hier werden die Stadt und das Kloster erstmals gesichert urkundlich erwähnt. Aus diesem Grund wird das Jahr 1255 heute im Allgemeinen - wenn auch fälschlicherweise - als das Gründungsjahr der [[Stadt Norden]] angesehen. | ||
[[Datei:Am Zingel AWO Altersheim altes Kloster Zingelschule Luftbild 1970 (0469141) MZ.jpg|mini|Eine weitere Luftaufnahme.]] | |||
Dass das Dokument im Kloster Marienthal unterzeichnet wurde, liegt darin begründet, dass dieses einen überaus guten Ruf als Vermittler genoss und als vornehmstes und wohlhabendstes Kloster im Umkreis galt.<ref>Foraita, Heinz (1985): Dein sind die Zeiten, Herr. Die Geschichte der Katholischen Gemeinde Norden. Herausgegeben zur 100-Jahr-Feier der St.-Ludgerus-Kirche zu Norden, Norden, S. 8</ref> Zudem war es neutral gelegenen und war mit keiner der beiden Vertragsparteien verbunden. Schon 14 Jahre später, am 25. Juli 1269, kam es zu einer Erneuerung des Vertrags, diesmal im benachbarten [[Kloster Norden|Dominikanerkloster]] am [[Fräuleinshof]], das erst wenige Jahre zuvor gegründet wurde.<ref>Friedlaender, Ernst: Ostfriesisches Urkundenbuch Bd. 1, Emden 1874-76, Urkunde Nr. 26 und 28</ref> | Dass das Dokument im Kloster Marienthal unterzeichnet wurde, liegt darin begründet, dass dieses einen überaus guten Ruf als Vermittler genoss und als vornehmstes und wohlhabendstes Kloster im Umkreis galt.<ref>Foraita, Heinz (1985): Dein sind die Zeiten, Herr. Die Geschichte der Katholischen Gemeinde Norden. Herausgegeben zur 100-Jahr-Feier der St.-Ludgerus-Kirche zu Norden, Norden, S. 8</ref> Zudem war es neutral gelegenen und war mit keiner der beiden Vertragsparteien verbunden. Schon 14 Jahre später, am 25. Juli 1269, kam es zu einer Erneuerung des Vertrags, diesmal im benachbarten [[Kloster Norden|Dominikanerkloster]] am [[Fräuleinshof]], das erst wenige Jahre zuvor gegründet wurde.<ref>Friedlaender, Ernst: Ostfriesisches Urkundenbuch Bd. 1, Emden 1874-76, Urkunde Nr. 26 und 28</ref> | ||
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Im 14. Jahrhundert wurde Ostfriesland von mehreren verheerenden Sturmfluten, wie der [[Erste Dionysiusflut|Ersten Dionysiusflut]] heimgesucht. Dazu kam von 1347 bis 1353 eine europaweit wütende [[Pestepidemie 1350 - 1360|Pestepidemie]], der geschätzte 25 Millionen Menschen - ein Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung - zum Opfer fielen. Auch das Kloster Marienthal wurde von der Seuche heimgesucht. Es wurde daraufhin 1350 und erneut um 1400 grundlegend umgestaltet, um nach damaligem Verständnis der Krankheit besser Herr zu werden.<ref name=":1" /><ref>Möhlmann, Günther (1959): Norder Annalen. Aufzeichnungen aus dem Dominikanerkloster in Norden, Aurich, S. 65</ref> Da man im Mittelalter vermutete, dass sich Krankheiten vor allem über Gerüche verbreiteten, ist davon auszugehen, dass die Gebäude weitflächiger, größer und besser belüftet gebaut wurden. Der Neubau der Klosterkirche wird in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts datiert. Er war vermutlich breiter als sein Vorgänger. Möglicherweise stand ihre Errichtung in Zusammenhang mit den [[Cirksena|Cirksenas]], die dort ihr Erbbegräbnis einrichteten.<ref name=":5">Dolle, Josef (2012): Marienthal. In: Niedersächsisches Klosterbuch. Verzeichnis der Klöster, Stifte, Kommenden und Beginenhäuser in Niedersachsen und Bremen von den Anfängen bis 1810, Bielefeld, S. 1033ff.</ref> | Im 14. Jahrhundert wurde Ostfriesland von mehreren verheerenden Sturmfluten, wie der [[Erste Dionysiusflut|Ersten Dionysiusflut]] heimgesucht. Dazu kam von 1347 bis 1353 eine europaweit wütende [[Pestepidemie 1350 - 1360|Pestepidemie]], der geschätzte 25 Millionen Menschen - ein Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung - zum Opfer fielen. Auch das Kloster Marienthal wurde von der Seuche heimgesucht. Es wurde daraufhin 1350 und erneut um 1400 grundlegend umgestaltet, um nach damaligem Verständnis der Krankheit besser Herr zu werden.<ref name=":1" /><ref>Möhlmann, Günther (1959): Norder Annalen. Aufzeichnungen aus dem Dominikanerkloster in Norden, Aurich, S. 65</ref> Da man im Mittelalter vermutete, dass sich Krankheiten vor allem über Gerüche verbreiteten, ist davon auszugehen, dass die Gebäude weitflächiger, größer und besser belüftet gebaut wurden. Der Neubau der Klosterkirche wird in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts datiert. Er war vermutlich breiter als sein Vorgänger. Möglicherweise stand ihre Errichtung in Zusammenhang mit den [[Cirksena|Cirksenas]], die dort ihr Erbbegräbnis einrichteten.<ref name=":5">Dolle, Josef (2012): Marienthal. In: Niedersächsisches Klosterbuch. Verzeichnis der Klöster, Stifte, Kommenden und Beginenhäuser in Niedersachsen und Bremen von den Anfängen bis 1810, Bielefeld, S. 1033ff.</ref> | ||
[[Datei:Am Zingel Kloster Marienthal Statue Maria 02 12 2012.jpg|mini|Statue der Heiligen Maria auf dem Gelände des Altenwohnheims.]] | |||
1420 nahm das Kloster mehrere Benediktinermönche aus dem Kloster Marienkamp in Esens und 1444 einen Teil der Nonnen des Klosters Sielmönken in der Krummhörn auf, nachdem die dortigen Klöster in Augustiner-Chorherren-Stifte umgewandelt worden waren.<ref name=":2">Dolle, Josef (2012): Niedersächsisches Klosterbuch. Verzeichnis der Klöster, Stifte, Kommenden und Beginenhäuser in Niedersachsen und Bremen von den Anfängen bis 1810. Teil 3, Bielefeld, S. 1033ff.</ref> | 1420 nahm das Kloster mehrere Benediktinermönche aus dem Kloster Marienkamp in Esens und 1444 einen Teil der Nonnen des Klosters Sielmönken in der Krummhörn auf, nachdem die dortigen Klöster in Augustiner-Chorherren-Stifte umgewandelt worden waren.<ref name=":2">Dolle, Josef (2012): Niedersächsisches Klosterbuch. Verzeichnis der Klöster, Stifte, Kommenden und Beginenhäuser in Niedersachsen und Bremen von den Anfängen bis 1810. Teil 3, Bielefeld, S. 1033ff.</ref> | ||
1529 wurde das Kloster im Zuge der seit 1527 in Norden Einzug haltenden Reformation säkularisiert, verlor also seine Bedeutung als solches und wurde ''verweltlicht''.<ref name=":2" /> 1531 fiel [[Balthasar von Esens]] in Norden ein. Seine Truppen zerstörten eine Vielzahl an Gebäuden in Norden, so zum Beispiel die [[Andreaskirche]] und das [[Altes Rathaus|Alte Rathaus]]. Auch plünderte er das Kloster und zerstörte dabei die Grablege der mit ihm verfeindeten [[Cirksena|Cirksenas]].<ref name=":2" /> In diesem Jahr lebten noch ein Mönch und eine Nonne in Marienthal, die wohl dem Kloster Thedinga in Leer unterstellt waren. Die anderen Mönche und Nonnen, von denen es 1530 noch rund 120 gegeben haben soll, zogen zuvor größtenteils in andere Klöster, etwa das Kloster Selward bei Groningen.<ref name=":1" /> | 1529 wurde das Kloster im Zuge der seit 1527 in Norden Einzug haltenden Reformation säkularisiert, verlor also seine Bedeutung als solches und wurde ''verweltlicht''.<ref name=":2" /> 1531 fiel [[Balthasar von Esens]] in Norden ein. Seine Truppen zerstörten eine Vielzahl an Gebäuden in Norden, so zum Beispiel die [[Andreaskirche]] und das [[Altes Rathaus|Alte Rathaus]]. Auch plünderte er das Kloster und zerstörte dabei die Grablege der mit ihm verfeindeten [[Cirksena|Cirksenas]].<ref name=":2" /> In diesem Jahr lebten noch ein Mönch und eine Nonne in Marienthal, die wohl dem Kloster Thedinga in Leer unterstellt waren. Die anderen Mönche und Nonnen, von denen es 1530 noch rund 120 gegeben haben soll, zogen zuvor größtenteils in andere Klöster, etwa das Kloster Selward bei Groningen.<ref name=":1" /> | ||
[[Datei:Ludgerikirche Chorgestühl Kloster Marienthal.jpg|mini|Das ehemalige Gestühl des Klosters steht nun im Hochchor der [[Ludgerikirche]].]] | |||
Der letzte Abt in Norden war [[Gerardus Synellius]]. Er wurde 1512 in sein Amt eingeführt und war am 1. Januar 1527 anlässlich der [[Norder Disputation]] der einzige Geistliche, der den ''alten Glauben'' und die katholische Kirche verteidigte. Doch stand er allein dar, die Reformation setzte sich durch. Seitdem ist Norden weitestgehend evangelisch geprägt. Synellius verließ das Kloster Marienthal vermutlich noch im gleichen Jahr, blieb aber bis zu seinem Tode im Jahre 1552 in Norden, weshalb davon ausgegangen wird, dass er keine weiteren Widerstandsbestrebungen gegen die Reformation vorbrachte.<ref name=":03">Tielke, Martin: Gerardus Synellius. In: Biographisches Lexikon für Ostfriesland. Ostfriesische Landschaft, Aurich</ref> | Der letzte Abt in Norden war [[Gerardus Synellius]]. Er wurde 1512 in sein Amt eingeführt und war am 1. Januar 1527 anlässlich der [[Norder Disputation]] der einzige Geistliche, der den ''alten Glauben'' und die katholische Kirche verteidigte. Doch stand er allein dar, die Reformation setzte sich durch. Seitdem ist Norden weitestgehend evangelisch geprägt. Synellius verließ das Kloster Marienthal vermutlich noch im gleichen Jahr, blieb aber bis zu seinem Tode im Jahre 1552 in Norden, weshalb davon ausgegangen wird, dass er keine weiteren Widerstandsbestrebungen gegen die Reformation vorbrachte.<ref name=":03">Tielke, Martin: Gerardus Synellius. In: Biographisches Lexikon für Ostfriesland. Ostfriesische Landschaft, Aurich</ref> | ||