Bürgerwehr: Unterschied zwischen den Versionen
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Die erste Bürgerwehr entstand in den Wirren des Revolutionsjahres 1848 (Märzrevolution), obgleich ihre Anfänge bereits am 15. Mai 1847 zu suchen sind.<ref name=":0" /><ref name=":4">Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 115</ref> Sie bestand aus vier Kompanien zunächst freiwilliger, später dienstverpflichteter Bürger und erreichte daher schon früh mit 450 Mann die Stärke eines Bataillons.<ref name=":0">Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 85</ref><ref name=":2">Behrends, Berend-Heiko (1969): Zwei Jahrhunderte Steinbömer Tabak, Norden, S. 34</ref> Als Kommandant fungierte der hochangesehene Norder Tabakfabrikant [[Arend Wilhelm Steinbömer (1811)|Arend Wilhelm Steinbömer]].<ref>Stöver, Christof (1998): Über die Gründung der Norder Bürgerwehr am 16. Mai 1848, In: Ostfriesland Magazin, 5, S. 82f.</ref> Ihm standen ein Premierlieutnant und drei Seconde-Lieutenant zur Seite. Nach dem Reglement der Wehr bestand sie aus vier Kompanien, die von je einem Hauptmann befehligt wurden, dem ein Feldwebel nachgeordnet war. Die einzelnen Züge innerhalb der Kompanien wurden von Unteroffizieren (Fähnrichen) geführt. Jeder Zug hatte zudem einen eigenen Fahnenträger.<ref name=":4" /> | Die erste Bürgerwehr entstand in den Wirren des Revolutionsjahres 1848 (Märzrevolution), obgleich ihre Anfänge bereits am 15. Mai 1847 zu suchen sind.<ref name=":0" /><ref name=":4">Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 115</ref> Sie bestand aus vier Kompanien zunächst freiwilliger, später dienstverpflichteter Bürger und erreichte daher schon früh mit 450 Mann die Stärke eines Bataillons.<ref name=":0">Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 85</ref><ref name=":2">Behrends, Berend-Heiko (1969): Zwei Jahrhunderte Steinbömer Tabak, Norden, S. 34</ref> Als Kommandant fungierte der hochangesehene Norder Tabakfabrikant [[Arend Wilhelm Steinbömer (1811)|Arend Wilhelm Steinbömer]].<ref>Stöver, Christof (1998): Über die Gründung der Norder Bürgerwehr am 16. Mai 1848, In: Ostfriesland Magazin, 5, S. 82f.</ref> Ihm standen ein Premierlieutnant und drei Seconde-Lieutenant zur Seite. Nach dem Reglement der Wehr bestand sie aus vier Kompanien, die von je einem Hauptmann befehligt wurden, dem ein Feldwebel nachgeordnet war. Die einzelnen Züge innerhalb der Kompanien wurden von Unteroffizieren (Fähnrichen) geführt. Jeder Zug hatte zudem einen eigenen Fahnenträger.<ref name=":4" /> | ||
Die Bewaffnung wurde vorwiegend aus eigenen Mitteln der Mitglieder gestellt, denn schon seit dem 17. Jahrhundert waren die Norder Bürger aufgerufen, Waffen für den Verteidigungsfall vorzuhalten.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 55</ref> Hinzu kamen (gebrauchte) Gewehre und Piken, die Steinbömer günstig auftreiben konnte.<ref name=":2" /> So bestellte er beispielsweise 300 Gewehre mit Pulver und Bajonetten bei [[Cremer Haustechnik|Cremer]], die aus Amsterdam importiert wurden.<ref name=":4" /> Später lieferte Cremer noch Koppelriemen und Feuersteine für die Gewehre.<ref name=":5">Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 117</ref> Die Munition wurde sodann im sogenannten [[Pulverturm]] nahe der [[Kolkbrücke]] aufbewahrt.<ref name=":1" /> | Die Bewaffnung wurde vorwiegend aus eigenen Mitteln der Mitglieder gestellt, denn schon seit dem 17. Jahrhundert waren die Norder Bürger aufgerufen, Waffen für den Verteidigungsfall vorzuhalten.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 55</ref> Hinzu kamen (gebrauchte) Gewehre und Piken, die Steinbömer günstig auftreiben konnte.<ref name=":2" /> So bestellte er beispielsweise 300 Gewehre mit Pulver und Bajonetten bei [[Cremer Haustechnik|Cremer]], die aus Amsterdam importiert wurden.<ref name=":4" /> Später lieferte Cremer noch Koppelriemen und Feuersteine für die Gewehre.<ref name=":5">Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 117</ref> Die Munition wurde sodann im sogenannten [[Pulverturm]] nahe der [[Kolkbrücke]] aufbewahrt.<ref name=":1" />[[Datei:Am Markt Marktplatz Weinhaus Ludgerikirche Bürgerwehr Parade 1848 01.jpg|mini|283x283px|Ein Gemälde des [[Johann Rudolf Siltmann (1789)|Johann Rudolf Siltmann]], das die Bürgerwehr 1848 bei einer Parade in Höhe des [[Weinhaus|Alten Weinhauses]] zeigt. Ausgestellt im [[Heimat- und Teemuseum]].]] | ||
Ursächlich für die Gründung war einerseits der Wille der Bürger, ihre Stadt vor dem aufkommenden Chaos zu schützen, andererseits vor allem die Tatsache, dass die gesamte Gemeinde für durch Tumulte verursachte Schäden aufkommen musste, das den Nordern Bürgern natürlich zutiefst widerstrebte.<ref name=":0" /> Angeblich sei die Aufstellung zudem auf ausdrücklichen Willen der hannoverschen Regierung beschlossen worden, um sich gegen den aufkommenden Konflikt mit Dänemark wappnen.<ref name=":1">Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 54</ref> So kam es, dass die königliche Regierung die Bürgerwehr auch finanziell unterstützte.<ref name=":2" /> Die Uniformierung, Bewaffnung und Ausbildung wurde hierbei durch ein eigenes Reglement festgelegt. Die Mitglieder trugen grüne Röcke und Wachstuchkappen mit schwarz-rot-goldenen Kokarden.<ref name=":3">Behrends, Berend-Heiko (1969): Zwei Jahrhunderte Steinbömer Tabak, Norden, S. 35</ref> Exzerzierübungen wurden zunächst auf dem späteren Gelände der [[Sägemühle Betriebsamkeit]] (heute [[Onno Behrends Tee]]) durchgeführt.<ref>Schreiber, Gretje (2011): Mühlen in Norden und Umgebung, Nr. 15</ref> | Ursächlich für die Gründung war einerseits der Wille der Bürger, ihre Stadt vor dem aufkommenden Chaos zu schützen, andererseits vor allem die Tatsache, dass die gesamte Gemeinde für durch Tumulte verursachte Schäden aufkommen musste, das den Nordern Bürgern natürlich zutiefst widerstrebte.<ref name=":0" /> Angeblich sei die Aufstellung zudem auf ausdrücklichen Willen der hannoverschen Regierung beschlossen worden, um sich gegen den aufkommenden Konflikt mit Dänemark wappnen.<ref name=":1">Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 54</ref> So kam es, dass die königliche Regierung die Bürgerwehr auch finanziell unterstützte.<ref name=":2" /> Die Uniformierung, Bewaffnung und Ausbildung wurde hierbei durch ein eigenes Reglement festgelegt. Die Mitglieder trugen grüne Röcke und Wachstuchkappen mit schwarz-rot-goldenen Kokarden.<ref name=":3">Behrends, Berend-Heiko (1969): Zwei Jahrhunderte Steinbömer Tabak, Norden, S. 35</ref> Exzerzierübungen wurden zunächst auf dem späteren Gelände der [[Sägemühle Betriebsamkeit]] (heute [[Onno Behrends Tee]]) durchgeführt.<ref>Schreiber, Gretje (2011): Mühlen in Norden und Umgebung, Nr. 15</ref> | ||
Die Bürgerwehr, zu deren Mitgliedschaft bald jeder Bürger zwischen 20 und 60 Jahren dienstverpflichtet wurde, wurde schnell ein wesentlicher Faktor für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung in der abgelegenen Seestadt. Wie in allen nordwestdeutschen Küstenregionen übertrug man ihr gar den Küstenschutz für den Fall eines dänisch-deutschen Krieges.<ref name=":1" /><ref name=":4" /> Einen ersten, echten Einsatz hatte die Bürgerwehr dadurch nach Sichtung eines dänischen Kriegsschiffes am 8. Juni 1848, das Teil der dänischen Seeblockade anlässlich des Schleswig-Holsteinischen Krieges war, durch die die Dänen den gesamten Schiffsverkehr in Nord- und Ostsee lahmlegten. Angeblich war dieses vor Norderney vor Anker gegangen. Die Bürgerwehr - oder zumindest der mutige Teil von ihr - war bereits im Begriff, nach Norderney zu verlegen, als die Nachricht eintraf, dass das Schiff wieder abgelegt hatte.<ref name=":0" /><ref name=":3" /> | |||
Norder Frauen stifteten der Bürgerwehr zum 11. Oktober 1848 eine selbst gestickte Bataillonsfahne, die an diesem Tage nach einer feierlichen Fahnenweihe auf dem [[Marktplatz]] überreicht wurde.<ref name=":0" /> Auch lange nach der Revolution bestand die Wehr fort, 1849 wurde ihr eine Musikapelle, das ''Janitscharen-Corps Silistria'' angegliedert. Der Exerzierplatz wurde nun am [[Hof Selden Rüst]], damals noch eine Gastwirtschaft, eingerichtet. Dort fand seit 1850 auch das ''Bürgerwehr-Scheibenschießen'' statt.<ref name=":0" /> Für reguläre Zusammenkünfte nutzte man den Saal im [[Weinhaus]].<ref>Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 13</ref> | Norder Frauen stifteten der Bürgerwehr zum 11. Oktober 1848 eine selbst gestickte Bataillonsfahne, die an diesem Tage nach einer feierlichen Fahnenweihe auf dem [[Marktplatz]] überreicht wurde.<ref name=":0" /> Auch lange nach der Revolution bestand die Wehr fort, 1849 wurde ihr eine Musikapelle, das ''Janitscharen-Corps Silistria'' angegliedert. Der Exerzierplatz wurde nun am [[Hof Selden Rüst]], damals noch eine Gastwirtschaft, eingerichtet. Dort fand seit 1850 auch das ''Bürgerwehr-Scheibenschießen'' statt.<ref name=":0" /> Für reguläre Zusammenkünfte nutzte man den Saal im [[Weinhaus]].<ref>Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 13</ref> | ||