Altstadtsanierung: Unterschied zwischen den Versionen
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Das aus baugeschichtlicher und architektonischer Sicht katastrophale Altstadtsanierung hatte pragmatische Gründe, die die Maßnahmen der Planenden und Durchführenden in ein etwas besseres Licht rücken könnten: Der [[Zweiter Weltkrieg|Zweite Weltkrieg]] hatte zu einer umfangreichen Vertreibung deutscher Staatsbürger aus den (ehemaligen) deutschen Ostgebieten wie Königsberg, Pommern, Ost- und Westpreußen sowie Schlesien (heute Polen, Tschechien und teilweise Russland) geführt. Die Vertriebenen kamen vor allem in Baracken wie denen im [[Vertriebenenlager Tidofeld]] unter oder wurden - nicht selten gegen den Willen der Besitzer - in Bauernhöfen, Wohnhäusern oder Geräteschuppen einquartiert. Die Wohnungsnot war enorm und da die Wirtschaft der jungen Bundesrepublik ab den 1950er Jahren immer stärker florierte, war genug Geld da, um dafür zu sorgen, dass jedem eine adäquate Wohnung angeboten werden kann. Bundesweit mussten über 16 Millionen Heimatvertriebene zusätzlich mit Wohnraum versorgt werden mussten, die anfangs häufig einquartiert worden waren. Von den 18,3 Millionen Wohnungen und Häusern im Deutschen Reich in den Grenzen von 1937 lagen etwa 2,3 Millionen in den abgetretenen Gebieten östlich von Oder und Neiße. Von den verbliebenen 16 Millionen Wohnungen und Häusern waren rund 2,5 Millionen total zerstört und 4 Millionen in unterschiedlichem Grad beschädigt. Viele Menschen mussten zunächst in Behelfsunterkünften wie den sogenannten Nissenhütten unterkommen. In Westdeutschland wurde auf den Wohnraummangel mit massivem Sozial- und Mietwohnungsbau sowie der Unterstützung von Wohneigentumsbildung reagiert, die durch günstige Kredite der öffentlichen Hand (z. B. über die staatliche KfW) unterstützt wurden. Dadurch wurde der Wohnungsraum zwischen 1950 und 1975 mehr als verdoppelt. | Das aus baugeschichtlicher und architektonischer Sicht katastrophale Altstadtsanierung hatte pragmatische Gründe, die die Maßnahmen der Planenden und Durchführenden in ein etwas besseres Licht rücken könnten: Der [[Zweiter Weltkrieg|Zweite Weltkrieg]] hatte zu einer umfangreichen Vertreibung deutscher Staatsbürger aus den (ehemaligen) deutschen Ostgebieten wie Königsberg, Pommern, Ost- und Westpreußen sowie Schlesien (heute Polen, Tschechien und teilweise Russland) geführt. Die Vertriebenen kamen vor allem in Baracken wie denen im [[Vertriebenenlager Tidofeld]] unter oder wurden - nicht selten gegen den Willen der Besitzer - in Bauernhöfen, Wohnhäusern oder Geräteschuppen einquartiert. Die Wohnungsnot war enorm und da die Wirtschaft der jungen Bundesrepublik ab den 1950er Jahren immer stärker florierte, war genug Geld da, um dafür zu sorgen, dass jedem eine adäquate Wohnung angeboten werden kann. Bundesweit mussten über 16 Millionen Heimatvertriebene zusätzlich mit Wohnraum versorgt werden mussten, die anfangs häufig einquartiert worden waren. Von den 18,3 Millionen Wohnungen und Häusern im Deutschen Reich in den Grenzen von 1937 lagen etwa 2,3 Millionen in den abgetretenen Gebieten östlich von Oder und Neiße. Von den verbliebenen 16 Millionen Wohnungen und Häusern waren rund 2,5 Millionen total zerstört und 4 Millionen in unterschiedlichem Grad beschädigt. Viele Menschen mussten zunächst in Behelfsunterkünften wie den sogenannten Nissenhütten unterkommen. In Westdeutschland wurde auf den Wohnraummangel mit massivem Sozial- und Mietwohnungsbau sowie der Unterstützung von Wohneigentumsbildung reagiert, die durch günstige Kredite der öffentlichen Hand (z. B. über die staatliche KfW) unterstützt wurden. Dadurch wurde der Wohnungsraum zwischen 1950 und 1975 mehr als verdoppelt. | ||
[[Datei:Am Markt Vossenhus 23 09 1967 01.JPG|mini|Das baufällige [[Vossenhus]] am 23. September 1967.]] | |||
Anders als im Falle fast aller deutschen Großstädte und auch der Seehafenstadt Emden, das im [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] wegen seiner Bedeutung für die Kriegsmarine sowie die Rüstungsindustrie praktisch gänzlich durch alliierte Bomben zerstört wurde, war Norden jedoch nur vereinzelt Ziel von Luftangriffen geworden und hatte den Krieg dementsprechend glimpflich überstanden. In Emden galt es nach dem Krieg, möglicht schnell und günstig neuen Wohnraum zu bauen, um den Ausgebombten ein Dach über dem Kopf bieten zu können. Die Planenden hatten daher weder die Zeit noch das Geld die historische Altstadt von Emden, die in ihrer Schönheit alle anderen ostfriesischen Städte mit Abstand in den Schatten stellte, zu restaurieren. In Norden war wiederum vor allem der damalige Zeitgeist Schuld daran, dass etliche historische Bauwerke unwiderruflich verlorengingen. Man wollte das ''Alte'' hinter sich lassen und eine neue Stadt errichten; dadurch quasi den Schmutz der Vergangenheit abstreifen. Denkmalschutz spielte damals noch praktisch keine Rolle und wenn, dann nur in den Köpfen einiger weitsichtigerer Mitbürger. Allerdings waren viele Gebäude auch derart heruntergekommen und nicht mehr zeitgemäß, dass oftmals gar keine Alternative zu einem Abbruch im Raume stand. Im Falle der [[Sielstraße]], der [[Kirchstraße]] und der umliegenden Wege waren weder angemessene Energieversorgungsmöglichkeiten noch eine [[Kanalisation]] vorhanden. Die hygienischen Bedingungen dort waren katastrophal und wurden vom [[Stadtrat]] in ihrer Beschlusssitzung zur Flächensanierung vom 20 November 1962 gar als ''menschenunwürdig'' bezeichnet.<ref name=":1">Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 78</ref><ref name=":2">Ostfriesischer Kurier (1999): Von der Kaiserzeit bis zur Gegenwart (Sonderdruck), Norden, S. 59</ref> | Anders als im Falle fast aller deutschen Großstädte und auch der Seehafenstadt Emden, das im [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] wegen seiner Bedeutung für die Kriegsmarine sowie die Rüstungsindustrie praktisch gänzlich durch alliierte Bomben zerstört wurde, war Norden jedoch nur vereinzelt Ziel von Luftangriffen geworden und hatte den Krieg dementsprechend glimpflich überstanden. In Emden galt es nach dem Krieg, möglicht schnell und günstig neuen Wohnraum zu bauen, um den Ausgebombten ein Dach über dem Kopf bieten zu können. Die Planenden hatten daher weder die Zeit noch das Geld die historische Altstadt von Emden, die in ihrer Schönheit alle anderen ostfriesischen Städte mit Abstand in den Schatten stellte, zu restaurieren. In Norden war wiederum vor allem der damalige Zeitgeist Schuld daran, dass etliche historische Bauwerke unwiderruflich verlorengingen. Man wollte das ''Alte'' hinter sich lassen und eine neue Stadt errichten; dadurch quasi den Schmutz der Vergangenheit abstreifen. Denkmalschutz spielte damals noch praktisch keine Rolle und wenn, dann nur in den Köpfen einiger weitsichtigerer Mitbürger. Allerdings waren viele Gebäude auch derart heruntergekommen und nicht mehr zeitgemäß, dass oftmals gar keine Alternative zu einem Abbruch im Raume stand. Im Falle der [[Sielstraße]], der [[Kirchstraße]] und der umliegenden Wege waren weder angemessene Energieversorgungsmöglichkeiten noch eine [[Kanalisation]] vorhanden. Die hygienischen Bedingungen dort waren katastrophal und wurden vom [[Stadtrat]] in ihrer Beschlusssitzung zur Flächensanierung vom 20 November 1962 gar als ''menschenunwürdig'' bezeichnet.<ref name=":1">Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 78</ref><ref name=":2">Ostfriesischer Kurier (1999): Von der Kaiserzeit bis zur Gegenwart (Sonderdruck), Norden, S. 59</ref> | ||