Altstadtsanierung: Unterschied zwischen den Versionen
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Das aus baugeschichtlicher und architektonischer Sicht katastrophale Altstadtsanierung hatte pragmatische Gründe, die die Maßnahmen der Planenden und Durchführenden in ein etwas besseres Licht rücken könnten: Der [[Zweiter Weltkrieg|Zweite Weltkrieg]] hatte zu einer umfangreichen Vertreibung deutscher Staatsbürger aus den (ehemaligen) deutschen Ostgebieten wie Königsberg, Pommern, Ost- und Westpreußen sowie Schlesien (heute Polen, Tschechien und teilweise Russland) geführt. Die Vertriebenen kamen vor allem in Baracken wie denen im [[Vertriebenenlager Tidofeld]] unter oder wurden - nicht selten gegen den Willen der Besitzer - in Bauernhöfen, Wohnhäusern oder Geräteschuppen einquartiert. Die Wohnungsnot war enorm und da die Wirtschaft der jungen Bundesrepublik ab den 1950er Jahren immer stärker florierte, war genug Geld da, um dafür zu sorgen, dass jedem eine adäquate Wohnung angeboten werden kann. | Das aus baugeschichtlicher und architektonischer Sicht katastrophale Altstadtsanierung hatte pragmatische Gründe, die die Maßnahmen der Planenden und Durchführenden in ein etwas besseres Licht rücken könnten: Der [[Zweiter Weltkrieg|Zweite Weltkrieg]] hatte zu einer umfangreichen Vertreibung deutscher Staatsbürger aus den (ehemaligen) deutschen Ostgebieten wie Königsberg, Pommern, Ost- und Westpreußen sowie Schlesien (heute Polen, Tschechien und teilweise Russland) geführt. Die Vertriebenen kamen vor allem in Baracken wie denen im [[Vertriebenenlager Tidofeld]] unter oder wurden - nicht selten gegen den Willen der Besitzer - in Bauernhöfen, Wohnhäusern oder Geräteschuppen einquartiert. Die Wohnungsnot war enorm und da die Wirtschaft der jungen Bundesrepublik ab den 1950er Jahren immer stärker florierte, war genug Geld da, um dafür zu sorgen, dass jedem eine adäquate Wohnung angeboten werden kann. | ||
Anders als im Falle von Emden, das im [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] praktisch gänzlich durch alliierte Bomben zerstört wurde, war Norden nur vereinzelt Ziel von Luftangriffen geworden und hatte den Krieg dementsprechend glimpflich überstanden. In Emden galt es nach dem Krieg, möglicht schnell und günstig neuen Wohnraum zu bauen, um den Ausgebombten ein Dach über dem Kopf bieten zu können. Die Planenden dort hatten daher weder die Zeit noch das Geld die historische Altstadt von Emden, die in ihrer Schönheit alle anderen ostfriesischen Städte mit Abstand in den Schatten stellte, zu restaurieren. In Norden war wiederum der damalige Zeitgeist Schuld daran, dass etliche historische Bauwerke unwiderruflich verlorengingen. Man wollte das ''Alte'' hinter sich lassen und eine neue Stadt errichten; dadurch quasi den Schmutz der Vergangenheit abstreifen. Denkmalschutz spielte damals noch praktisch keine Rolle und wenn, dann nur in den Köpfen einiger weitsichtigerer Mitbürger. Allerdings waren viele Gebäude auch derart heruntergekommen und nicht mehr zeitgemäß, dass oftmals gar keine Alternative zu einem Abbruch im Raume stand. Im Falle der [[Sielstraße]], der [[Kirchstraße]] und der umliegenden Wege waren weder angemessene Energieversorgungsmöglichkeiten noch eine [[Kanalisation]] vorhanden. Die hygienischen Bedingungen dort waren katastrophal und wurden vom [[Stadtrat]] in ihrer Beschlusssitzung zur Flächensanierung vom November 1962 gar als ''menschenunwürdig'' bezeichnet.<ref name=":1">Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 78</ref> | Anders als im Falle von Emden, das im [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] praktisch gänzlich durch alliierte Bomben zerstört wurde, war Norden nur vereinzelt Ziel von Luftangriffen geworden und hatte den Krieg dementsprechend glimpflich überstanden. In Emden galt es nach dem Krieg, möglicht schnell und günstig neuen Wohnraum zu bauen, um den Ausgebombten ein Dach über dem Kopf bieten zu können. Die Planenden dort hatten daher weder die Zeit noch das Geld die historische Altstadt von Emden, die in ihrer Schönheit alle anderen ostfriesischen Städte mit Abstand in den Schatten stellte, zu restaurieren. In Norden war wiederum der damalige Zeitgeist Schuld daran, dass etliche historische Bauwerke unwiderruflich verlorengingen. Man wollte das ''Alte'' hinter sich lassen und eine neue Stadt errichten; dadurch quasi den Schmutz der Vergangenheit abstreifen. Denkmalschutz spielte damals noch praktisch keine Rolle und wenn, dann nur in den Köpfen einiger weitsichtigerer Mitbürger. Allerdings waren viele Gebäude auch derart heruntergekommen und nicht mehr zeitgemäß, dass oftmals gar keine Alternative zu einem Abbruch im Raume stand. Im Falle der [[Sielstraße]], der [[Kirchstraße]] und der umliegenden Wege waren weder angemessene Energieversorgungsmöglichkeiten noch eine [[Kanalisation]] vorhanden. Die hygienischen Bedingungen dort waren katastrophal und wurden vom [[Stadtrat]] in ihrer Beschlusssitzung zur Flächensanierung vom 20 November 1962 gar als ''menschenunwürdig'' bezeichnet.<ref name=":1">Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 78</ref><ref name=":2">Ostfriesischer Kurier (1999): Von der Kaiserzeit bis zur Gegenwart (Sonderdruck), Norden, S. 59</ref> | ||
===Umsetzung=== | ===Umsetzung=== | ||
Kleinere Abbruch- und Sanierungsmaßnahmen fanden bereits Anfang der 1960er Jahre statt, so fiel etwa die rechte der [[Drei Schwestern]] bereits 1963 dem Bau von Parkplätzen zum Opfer.<ref name=":0">Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2001): Norden/Norddeich – Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 74</ref> Der Großteil folgte wenige Jahre später: Nach einiger Planung wurde am 29. August 1968 damit begonnen, zunächst die südlich des [[Marktplatz|Marktplatzes]] gelegenen Gebäude abzureißen bzw. die Flächen dort regelrecht zu planieren.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 77</ref> Euphemistisch nannte man | Kleinere Abbruch- und Sanierungsmaßnahmen fanden bereits Anfang der 1960er Jahre statt, so fiel etwa die rechte der [[Drei Schwestern]] bereits 1963 dem Bau von Parkplätzen zum Opfer.<ref name=":0">Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2001): Norden/Norddeich – Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 74</ref> Der Großteil folgte wenige Jahre später: Nach einiger Planung wurde am 29. August 1968 damit begonnen, zunächst die südlich des [[Marktplatz|Marktplatzes]] gelegenen Gebäude abzureißen bzw. die Flächen dort regelrecht zu planieren.<ref name=":2" /><ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 77</ref> Den Startschuss hierfür gab Bundeswohnungsbauminister Lauritz Lauritzen persönlich.<ref name=":2" /> Euphemistisch nannte man die nun folgenden Maßnahmen ''Flächensanierung''. | ||
Der ''Flächensanierung'' fiel nahezu alle historischen Bauten der [[Sielstraße]], der [[Kirchstraße]], der [[Große Lohne|Großen Lohne]] und [[Steenbalgen]] sowie der westlichen [[Uffenstraße|Uffen-]] und [[Heringstraße]] zum Opfer.<ref name=":1" /><ref>Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 44</ref> Das gemeinnützige, dem Deutschen Gewerksschaftsbund gehörende Bauunternehmen ''Neue Heimat'' sowie die ''Nordwestdeutsche Siedlungsgesellschaft'' ließen hier die bis heute bestehenden Mehrparteien- bzw. Hochhäuser errichten, der Bund stellte erhebliche Finanzmittel in Höhe von 50 Millionen DM bereit und erklärte das Projekt zu einem Studien- und Modellvorhaben.<ref name=":1" /><ref>Leiner, Karl (1972): Norden. Gestern heute morgen, Norden, S. 50</ref> Unbegreiflich ist, warum [[Stadtrat]] und Verwaltung in Anbetracht dieser für damalige Zeiten unfassbar hohen Summe nicht wenigstens einen Teil für einen Architektenwettbewerb aufgewandt wurden, der bestenfalls die Erhaltung der historischen Struktur bewirkt hätte.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 79</ref> Offenbar erhoffte man sich von Modellprojekt einiges an Prestige für die Stadt, erreichte jedoch letztlich genau das Gegenteil. | |||
Neben den Hochhäusern legte man vor dem Hintergrund des sich verschärfenden Kalten Krieges und der damit immer präsenten Gefahr eines nuklearen Erstschlags durch die Sowjetunion einen atomwaffensicheren [[Tiefbunker]] unter dem heutigen [[Jan-ten-Doornkaat-Koolman-Platz]] an. Der Bunker wird heute überwiegend als Tiefgarage genutzt, große Teile der Bunkeranlage wie Sanitär- und Maschinenräume sind nicht frei zugänglich. Theoretisch ist hier jedoch nach wie vor ein Überleben für etwa 3.500 Menschen möglich.<ref name=":02">[https://www.geschichtsspuren.de/datenbanken/zivilschutzanlagen-verzeichnis/details/6/1311-norden-zivilschutz-mehrzweckanlage-jan-ten-doornkaat-koolmann-platz.html Kurzbeschreibung des Norder Tiefbunkers], abgerufen am 11. August 2021</ref> | Neben den Hochhäusern legte man vor dem Hintergrund des sich verschärfenden Kalten Krieges und der damit immer präsenten Gefahr eines nuklearen Erstschlags durch die Sowjetunion einen atomwaffensicheren [[Tiefbunker]] unter dem heutigen [[Jan-ten-Doornkaat-Koolman-Platz]] an. Der Bunker wird heute überwiegend als Tiefgarage genutzt, große Teile der Bunkeranlage wie Sanitär- und Maschinenräume sind nicht frei zugänglich. Theoretisch ist hier jedoch nach wie vor ein Überleben für etwa 3.500 Menschen möglich.<ref name=":02">[https://www.geschichtsspuren.de/datenbanken/zivilschutzanlagen-verzeichnis/details/6/1311-norden-zivilschutz-mehrzweckanlage-jan-ten-doornkaat-koolmann-platz.html Kurzbeschreibung des Norder Tiefbunkers], abgerufen am 11. August 2021</ref> | ||
Letztendlich wurde die kleinteilige Struktur vollständig und unwiderruflich zerstört. Auch die Straßenverläufe wurden ganz oder teilweise verändert. Anhand des anliegenden [[Burggraben|Burggrabens]] lässt sich jedoch noch die ehemalige Bebauung, die vor allem aus derartigen, eingeschössigen Kleinhäusern, die eng an eng standen (dies nennt man ''Riege'') bestand, nachvollziehen. Die Häuser dort entgingen nur knapp dem gleichen Schicksal, nachdem die Norder Bürgerschaft in erschreckendem Anbetracht der das Stadtbild verschandelnden Wohnblocks wachgerüttelt wurde. Statt den Burggraben ebenfalls zu planieren, entschied man sich hier für die Rettung und Sanierung der Häuserreihen.<ref>Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 24</ref> Die letzten Sanierungsarbeiten wurde 1991 beendet, womit auch die Altstadtsanierung als Großprojekt zu den Akten gelegt werden konnte, wenngleich in den Folgejahren selbstverständlich weitere, kleinere Sanierungsmaßnahmen folgten.<ref>Medienzentrum des Landkreises Aurich (Bildarchiv: 0270538.jpg)</ref> | Letztendlich wurde die kleinteilige, über Jahrhunderte gewachsene Struktur vollständig und unwiderruflich zerstört. Auch die Straßenverläufe wurden ganz oder teilweise verändert. Anhand des anliegenden [[Burggraben|Burggrabens]] lässt sich jedoch noch die ehemalige Bebauung, die vor allem aus derartigen, eingeschössigen Kleinhäusern, die eng an eng standen (dies nennt man ''Riege'') bestand, nachvollziehen. Die Häuser dort entgingen nur knapp dem gleichen Schicksal, nachdem die Norder Bürgerschaft in erschreckendem Anbetracht der das Stadtbild verschandelnden Wohnblocks wachgerüttelt wurde. Statt den Burggraben ebenfalls zu planieren, entschied man sich hier für die Rettung und Sanierung der Häuserreihen.<ref>Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 24</ref> Die letzten Sanierungsarbeiten wurde 1991 beendet, womit auch die Altstadtsanierung als Großprojekt zu den Akten gelegt werden konnte, wenngleich in den Folgejahren selbstverständlich weitere, kleinere Sanierungsmaßnahmen folgten.<ref>Medienzentrum des Landkreises Aurich (Bildarchiv: 0270538.jpg)</ref> | ||
==Bedrohte Gebäude== | ==Bedrohte Gebäude== | ||