Jüdische Gemeinde Norden: Unterschied zwischen den Versionen
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Wann die Gemeinde ihren ersten Gebetsraum einrichtete, ist unklar. 1679 erwarb sie ein Haus am [[Neuer Weg 110|Neuen Weg 110]], das sie bis 1804 als [[Synagoge]], Schule und Wohnhaus nutzte. Auch eine Mikwe (ritueller Waschraum zur Hygiene) war in dem Gebäude untergebracht. Vielleicht wurde das Gebäude zuvor bereits mietweise als Betsaal bzw. Synagoge mit Mikwe genutzt.<ref name=":1" /> | Wann die Gemeinde ihren ersten Gebetsraum einrichtete, ist unklar. 1679 erwarb sie ein Haus am [[Neuer Weg 110|Neuen Weg 110]], das sie bis 1804 als [[Synagoge]], Schule und Wohnhaus nutzte. Auch eine Mikwe (ritueller Waschraum zur Hygiene) war in dem Gebäude untergebracht. Vielleicht wurde das Gebäude zuvor bereits mietweise als Betsaal bzw. Synagoge mit Mikwe genutzt.<ref name=":1" /> | ||
Rund um dieses Haus entstand ab 1804 das jüdische Gemeindezentrum. Das Grundstück hatte seit 1752 einer jüdischen Familie aus [[Bargebur]] gehört. Noch 1804 begann der Bau der Synagoge, für die der preußische König Friedrich Wilhelm III. 100 Reichstaler bewilligte. Den Rest der Bausumme finanzierten Gemeindemitglieder und nichtjüdische Spender aus Aurich, Emden und Greetsiel.<ref name=":1" /> Im Gegensatz zu den anderen ostfriesischen Orten sah sich die jüdische Gemeinde in Norden von Beginn an mit einem offenen Antisemitismus konfrontiert, der sich mit dem verstärkten Zuzug von polnischen und russischen Juden infolge der dortigen Pogrome von 1881 bis 1884 sogar noch verstärkte. Darüber hinaus gab es zur Jahrhundertwende Gerüchte, wonach die zugezogenen Juden die Cholera übertragen würden. Der [[Ostfriesischer Kurier|Ostfriesische Kurier]] schrieb dazu, das ''"mehr ungezogene als ernst zu nehmende Gebaren gegen die Fleischnot birgt auch in Bezug auf die drohend ihr Haupt erhebende Cholera ernste Gefahren. Denn mit der Oeffnung der Grenze kommen nicht nur russische Schweine, sondern auch – russisch polnische Juden über die Grenzen!"'' Das amtliche Kreisblatt von Norden schlägt in dieselbe Kerbe und schreibt: ''"Viel gefährlicher sind in ihrer unglaublichen Unsauberkeit die russisch-polnischen Juden."''<ref name=":4">Gödeken, Lina (2000): Rund um die Synagoge in Norden. Die Geschichte der Synagogengemeinde seit 1866 | Rund um dieses Haus entstand ab 1804 das jüdische Gemeindezentrum. Das Grundstück hatte seit 1752 einer jüdischen Familie aus [[Bargebur]] gehört. Noch 1804 begann der Bau der Synagoge, für die der preußische König Friedrich Wilhelm III. 100 Reichstaler bewilligte. Den Rest der Bausumme finanzierten Gemeindemitglieder und nichtjüdische Spender aus Aurich, Emden und Greetsiel.<ref name=":1" /> Im Gegensatz zu den anderen ostfriesischen Orten sah sich die jüdische Gemeinde in Norden von Beginn an mit einem offenen Antisemitismus konfrontiert, der sich mit dem verstärkten Zuzug von polnischen und russischen Juden infolge der dortigen Pogrome von 1881 bis 1884 sogar noch verstärkte. Darüber hinaus gab es zur Jahrhundertwende Gerüchte, wonach die zugezogenen Juden die Cholera übertragen würden. Der [[Ostfriesischer Kurier|Ostfriesische Kurier]] schrieb dazu, das ''"mehr ungezogene als ernst zu nehmende Gebaren gegen die Fleischnot birgt auch in Bezug auf die drohend ihr Haupt erhebende Cholera ernste Gefahren. Denn mit der Oeffnung der Grenze kommen nicht nur russische Schweine, sondern auch – russisch polnische Juden über die Grenzen!"'' Das amtliche Kreisblatt von Norden schlägt in dieselbe Kerbe und schreibt: ''"Viel gefährlicher sind in ihrer unglaublichen Unsauberkeit die russisch-polnischen Juden."''<ref name=":4">Gödeken, Lina (2000): Rund um die Synagoge in Norden. Die Geschichte der Synagogengemeinde seit 1866, Aurich</ref> | ||
1891 folgte der Neubau eines neuen Gebäudes für den [[Vorsängers Haus|Vorsänger]], in dem sich auch ein Frauenbad befand und Holz zum Sargbau sowie die Totenbahren gelagert wurden. Diesem Bau ging ein älterer Bau voran, über den jedoch nichts näher bekannt ist.<ref name=":2">Schreiber, Gretje (2006): Norder Häuser (XIX). Die Bewohner des Neuen Weges, in: Ostfriesischer Kurier, 17./18. August 1006, S. 12</ref> Im selben Jahr wurde auch das [[Synagogenweg 3|Wohnhaus des Lehrers]] erbaut.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 86</ref> Hier wohnte später die bekannte jüdische Widerstandskämpferin [[Recha Freier]] mit ihrer Familie. Neben der Eingangstür sind die Namen von Gemeindevorstand und -ausschuss sowie das Baujahr in die Steine geritzt. Auch der Name von Rechas Vater ist hier zu lesen.<ref name=":0" /> | 1891 folgte der Neubau eines neuen Gebäudes für den [[Vorsängers Haus|Vorsänger]], in dem sich auch ein Frauenbad befand und Holz zum Sargbau sowie die Totenbahren gelagert wurden. Diesem Bau ging ein älterer Bau voran, über den jedoch nichts näher bekannt ist.<ref name=":2">Schreiber, Gretje (2006): Norder Häuser (XIX). Die Bewohner des Neuen Weges, in: Ostfriesischer Kurier, 17./18. August 1006, S. 12</ref> Im selben Jahr wurde auch das [[Synagogenweg 3|Wohnhaus des Lehrers]] erbaut.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 86</ref> Hier wohnte später die bekannte jüdische Widerstandskämpferin [[Recha Freier]] mit ihrer Familie. Neben der Eingangstür sind die Namen von Gemeindevorstand und -ausschuss sowie das Baujahr in die Steine geritzt. Auch der Name von Rechas Vater ist hier zu lesen.<ref name=":0" /> | ||
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==Gedenkstätte und Stolpersteine== | ==Gedenkstätte und Stolpersteine== | ||
An die jüdische Gemeinde erinnern die Gedenkstätte für die niedergebrannte Synagoge am Synagogenweg und ein Mahnmal auf dem [[Jüdischer Friedhof|Jüdischen Friedhof]]. Die Gedenkstätte auf dem Grundstück der ehemalige Synagoge entstand 1987 auf Initiative [[Ökumenischer Arbeitskreis Synagogenweg Norden|Ökumenischer Arbeitskreis Synagogenweg]]. Zentraler Bestandteil des kleinen Platzes ist ein bereits im September 1985 freigelegtes Grundmauerfragment der alten Synagoge.<ref name=":3" /> Das sich unterhalb des Straßenniveaus befindliche Mauernfragment wird über eine mehrstufige terrassenförmig angelegte Treppe erschlossen. Ein Hinweisschild über dem Mauernfragment erklärt seine Bedeutung. Abgerundet wird der Platz der Synagoge durch einen Gedenkstein zur Erinnerung und zur Mahnung. Die Einweihung der Anlage erfolgte aus Anlass der ''Woche der Begegnung'' im Jahre 1987 (16. bis 18. August 1987) im Beisein ehemaliger Norder Juden und deren Angehörigen.<ref>[https://web.archive.org/web/20140810105721/https://www.norden.de/index.phtml?La=1&sNavID=1652.4&ffsm=1&object=tx%7C1652.82.1&FID=1652.82.1 Bericht zur "Woche der Begegnung] auf Norden.de, abgerufen am 14. April 2021</ref> Der bis dahin ''Judenlohne'' genannte Weg wurde durch die Stadt in ''Synagogenweg'' umbenannt. Weitere Gebäude des alten jüdischen Gemeindezentrums sind im unmittelbaren Umfeld der ehemaligen Synagoge vollständig erhalten. | An die jüdische Gemeinde erinnern die Gedenkstätte für die niedergebrannte Synagoge am Synagogenweg und ein Mahnmal auf dem [[Jüdischer Friedhof|Jüdischen Friedhof]]. Die Gedenkstätte auf dem Grundstück der ehemalige Synagoge entstand 1987 auf Initiative [[Ökumenischer Arbeitskreis Synagogenweg Norden|Ökumenischer Arbeitskreis Synagogenweg]]. Zentraler Bestandteil des kleinen Platzes ist ein bereits im September 1985 freigelegtes Grundmauerfragment der alten Synagoge.<ref name=":3" /> Das sich unterhalb des Straßenniveaus befindliche Mauernfragment wird über eine mehrstufige terrassenförmig angelegte Treppe erschlossen. Ein Hinweisschild über dem Mauernfragment erklärt seine Bedeutung. Abgerundet wird der Platz der Synagoge durch einen Gedenkstein zur Erinnerung und zur Mahnung. Die Einweihung der Anlage erfolgte aus Anlass der ''Woche der Begegnung'' im Jahre 1987 (16. bis 18. August 1987) im Beisein ehemaliger Norder Juden und deren Angehörigen.<ref>[https://web.archive.org/web/20140810105721/https://www.norden.de/index.phtml?La=1&sNavID=1652.4&ffsm=1&object=tx%7C1652.82.1&FID=1652.82.1 Bericht zur "Woche der Begegnung] auf Norden.de, abgerufen am 14. April 2021</ref> Der bis dahin ''Judenlohne'' genannte Weg wurde durch die Stadt in ''Synagogenweg'' umbenannt. Weitere Gebäude des alten jüdischen Gemeindezentrums sind im unmittelbaren Umfeld der ehemaligen Synagoge vollständig erhalten. | ||
== Literatur == | |||
* Gödeken, Lina (2000): Rund um die Synagoge in Norden. Die Geschichte der Synagogengemeinde seit 1866, Aurich | |||
==Einzelnachweise== | ==Einzelnachweise== | ||