Sandbauerschaft: Unterschied zwischen den Versionen
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
||
| Zeile 32: | Zeile 32: | ||
==Bevölkerungsentwicklung== | ==Bevölkerungsentwicklung== | ||
Aufgrund mangelnder Belege aus der früheren Zeit kann eine genauere Bevölkerungsentwicklung nicht nachgewiesen werden. | {| class="wikitable" | ||
!Jahr | |||
!Einwohner | |||
|- | |||
|1848 | |||
| align="right" | 1.290 | |||
|- | |||
|1892 | |||
| align="right" |2.562 | |||
|- | |||
|1895 | |||
| align="right" |2.446 | |||
|- | |||
| 1900 | |||
| align="right" |3.023 | |||
|- | |||
| 1910 | |||
| align="right" |3.415 | |||
|- | |||
|1914 | |||
| align="right" | 3.896 | |||
|}Aufgrund mangelnder Belege aus der früheren Zeit kann eine genauere Bevölkerungsentwicklung nicht nachgewiesen werden. Für das Jahr 1848 sind gemäß statistischem Handbuch des Königreichs Hannover (Ostfriesland war zu dem Zeitpunkt ein Teil Hannovers) eine Einwohnerzahl von 1.290 nachgewiesen, die sich auf 201 Wohngebäude verteilten.<ref>Statistisches Handbuch für das Königreich Hannover von 1848</ref> Ein durchschnittlicher Haushalt bestand folglich aus sechs bis sieben Personen. | |||
==Geografie== | ==Geografie== | ||
| Zeile 51: | Zeile 70: | ||
==Geschichte== | ==Geschichte== | ||
[[Datei:Theelacht Thele Hilgenrieder Bucht 01.JPG | [[Datei:Theelacht Thele Hilgenrieder Bucht 01.JPG|mini|Die historischen ''Theele'' in der Bucht von Hilgenriedersiel, die von der [[Theelacht]] verwaltet wurden.]] | ||
Die Entstehung der Sandbauerschaft scheint in einem relativ engen Kontext mit der Entstehung der [[Theelacht]] zu stehen. Die führenden Adelsgeschlechter (auch: ''Ethelingsgeschlechter''), die ihre Sitze an den [[Geest|Geesträndern]] der [[Altstadt|Norder Altstadt]] hatten, hatten in der Bucht von Hilgenriedersiel, wo die legendäre [[Schlacht von Nordendi]] gegen die Normannen bzw. Wikinger im Jahre 884 stattgefunden haben soll, mehrere sogenannte ''Uthöfe'', also Außenhöfe, von denen aus sie die umliegenden, fruchtbaren Landstriche bewirtschafteten. Deshalb wurden die von den siegreichen Friesen verteidigten bzw. zurück eroberten Landstriche auch stolz entsprechend der Herkunft ihrer Herren benannt: ''[[Westgaste|(West-)Gaster]] Theel, [[Lintel|Linteler]] Theel, [[Ekel|Ekeler]] Theel'' und ''[[Neugroden|Neugroder]] Theel.''<ref>[https://www.heiko-campen.de/theelachtii.htm Die Geschichte der Norder Theelacht], abgerufen am 7. September 2021</ref> | Die Entstehung der Sandbauerschaft scheint in einem relativ engen Kontext mit der Entstehung der [[Theelacht]] zu stehen. Die führenden Adelsgeschlechter (auch: ''Ethelingsgeschlechter''), die ihre Sitze an den [[Geest|Geesträndern]] der [[Altstadt|Norder Altstadt]] hatten, hatten in der Bucht von Hilgenriedersiel, wo die legendäre [[Schlacht von Nordendi]] gegen die Normannen bzw. Wikinger im Jahre 884 stattgefunden haben soll, mehrere sogenannte ''Uthöfe'', also Außenhöfe, von denen aus sie die umliegenden, fruchtbaren Landstriche bewirtschafteten. Deshalb wurden die von den siegreichen Friesen verteidigten bzw. zurück eroberten Landstriche auch stolz entsprechend der Herkunft ihrer Herren benannt: ''[[Westgaste|(West-)Gaster]] Theel, [[Lintel|Linteler]] Theel, [[Ekel|Ekeler]] Theel'' und ''[[Neugroden|Neugroder]] Theel.''<ref>[https://www.heiko-campen.de/theelachtii.htm Die Geschichte der Norder Theelacht], abgerufen am 7. September 2021</ref> | ||
Die ältesten, gesicherten Belege über eine Besiedlung des Gebiets der Sandbauerschaft stammen indes erst aus dem späten 12. Jahrhundert. Zu dieser Zeit errichtete der katholische Benediktinerorden das [[Kloster Marienthal]] auf dem Gelände der heutigen Seniorenwohnanlage der [[AWO Norden]], das geografisch zu [[Ostlintel]] zählt. Das dazugehörige Land reichte von der Altenwohnanlage bis zur nordöstlichen Ecke des [[Marktplatz|Norder Marktplatz]]. An das Kloster und seine Umlande erinnern heute noch die Bezeichnung ''[[Klosterstraße]]'' sowie eine Statue der Heiligen Maria auf dem Gelände der Wohnanlage. | |||
Ab etwa dem 13. Jahrhundert erbauten die in der Stadt residierenden und herrschenden [[Ostfriesische Häuptlinge|Häuptlings- und Edelfamilien]] mehrere [[Liste der Burgen und Wehrhäuser|Wehrtürme und Steinhäuser]] ringförmig um die Stadt, um diese bei Angriffen besser verteidigen zu können. Eine Stadtmauer hat es in Norden vor allem wegen mangelnder Steinvorkommen nie gegeben. Bereits anhand dieser Umstände ist das Gemeinwesen zwischen Sandbauerschaft und Stadt gut erkennbar. Auch die Tatsache, dass die [[Ludgerikirche]] ursprünglich die Kirche der [[Norder Umlandgemeinden]] und die benachbarte [[Andreaskirche]] für die Stadtbewohner war, lässt dies erkennen. | |||
Um diese Wehranlagen siedelten sich Menschen an, die sich im Laufe der Zeit zu einzelnen Bauerschaften zusammenschlossen. Einige dieser Höfe hatten [[Vorwerk|Vorwerke]], also Außenhöfe, die der Versorgung dienten. Ein Beispiel dafür ist das [[Ekeler Vorwerk]]. Aus den einzelnen, um die Wehrhäuser befindlichen Siedlungen, wiederum formten sich im Laufe der Zeit kleine und größere Ortschaften, von denen die drei größten entsprechend der geografischen Gegebenheiten benannt wurden. Der Ort auf der westlichen [[Gaste]] wurde ''[[Westgaste]]'' genannt, der um- bzw. besiedelte Eichenwald (niederdeutsch: ''Eckeloh'') im Osten [[Ekel]] und der Lindenwald (''Linteloh'') im Norden ''[[Lintel]]'', wobei diese Ortschaft wegen ihrer Größe in [[Ostlintel]] und [[Westlintel]] zerfiel. Ob auch die im Süden der Stadt liegende [[Addinggaste]] historisch zur Sandbauerschaft gehörte, ist unklar, da keine frühen Belege über diese im späten 14. Jahrhundert überschwemmte Ortschaft finden lassen. | |||
Neben diesen Hauptorten gab es eine Reihe kleiner Nebenorte, die vor allem administrative Bedeutung hatten. Hierzu zählten unter anderem [[Hollweg]] und [[Martensdorf]]. Auch größere Wohnplätze wie [[Hof Selden Rüst|Selden Rüst]] wurden oftmals eigenständig genannt, obwohl beispielsweise letzterer in Westgaste liegt. | |||
Alle Ortschaften haben gemein, dass sie hauptsächlich auf der [[Geest]] liegen. Sie standen damit im Gegensatz zu den Bewohnern der [[Marsch]]. Da Marschboden wesentlich fruchtbarer ist, waren die Bewohner der Sandbauerschaft zumeist ärmer als die äußerst reichen Marschbauern, wenngleich auf dem sandigen Boden Kartoffeln oder [[Zichorienfabrik|Zichorien]] besser gedeihten. Viele Bewohner verdingten sich dennoch auf den Höfen der umliegenden Marschgebiete, um über die Runden zu kommen. Funde einer mittelalterlichen Siedlung in [[Ekel]] deuten jedoch zumindest auch auf eine arbeitsteilige Beziehung des Geestortes mit der Bevölkerung der umliegenden Marsch hin. Der wesentliche Vorteil der Sandbauern hingegen bestand darin, dass sie ihre Höfe und Ländereien kaum oder gar nicht gegen Sturmfluten zu sichern hatten. Die Marschbauern hingegen mussten ihre Höfe auf [[Warft|Warften]] errichten, die jedoch nicht die Ländereien vor den Fluten schützten. Auch die später entstehenden [[Deich|Deiche]] boten aufgrund ihrer unzureichenden Befestigung manchmal keinen Schutz vor dem Fluten, wie zahlreiche Katastrophen - so etwa die [[Erste Dionysiusflut]] - eindrucksvoll belegen. | |||
1911 wurden die Bestreben immer konkreter, da die Stadt kaum mehr eigenen Platz besaß, den sie so dringend für die Expansion benötigte. Man wollte sich zudem nicht weiter mit einfachen Landkäufen begnügen, sondern strebte eine vollständige Verschmelzung an. Die Sandbauerschaft weigerte sich jedoch beharrlich und langwierige Verhandlungen erzielten kein fruchtbares Ergebnis. Im Jahre 1914 wurde die Frage der Eingemeindung dann jedoch wieder akut, da sich zwischenzeitlich die Regierungsbehörde in Aurich eingeschaltet hatte. In einer Kommissionssitzung wurden die größten Streitpunkte festgelegt.<ref name=":1" /> Besonders strittig war die Frage, ob es den Einwohnern der Sandbauerschaft auch nach dem Zusammenschluss erlaubt bleiben sollte, Hausschlachtungen durchzuführen, die für sie existenziell waren, für die Stadt aber schon allein aus hygienischen Gründen als kritisch galten.<ref name=":1" /><ref name=":0" /> Zudem war der Stadt sehr daran gelegen, dass wegen der zu erwartenden Einnahmen alle Schlachtungen im [[Schlachthof]] durchgeführt werden würden.<ref name=":1" /> | Nach dem siegreichen Deutsch-Französischen Krieg (1870-1871) setzte eine wirtschaftliche Blüte in Norden ein, die dazu führte, dass die Stadt neue, kostenintensive Projekte ins Auge fasste. Da die kleine Stadt mit ihren gerade einmal 90 Hektar (0,9 km²) Größe dafür keinerlei Platz besaß, kam wohl erstmals der Gedanke der Vereinigung mit der Sandbauerschaft auf, die die Stadt in einem (nördlichen) Dreiviertelring von Westen nach Osten umspannte. Da diese Plände wegen widerstreitender Interessen (vorerst) nicht umsetzbar waren, erwarb die Stadt einige Gebiete von der Sandbauerschaft, so etwa große Flächen in [[Ostlintel]] für die Schaffung des [[Neuer Friedhof|Neuen Friedhofs]] oder den Bau einer [[Gräfin-Theda-Schule|Höheren Töchterschule]] sowie eines [[Krankenhaus Norden|Krankenhauses]]. Auch von der, bis 1972 ebenfalls noch eigenständigen, [[Westermarsch I|Gemeinde Westermarsch I]] erwarb man einen Teil des [[Vierzig Diemat]] genannten Gebiets und errichtete hier einen [[Schlachthof]] und ein [[Gaswerk]].<ref name=":12">Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 30</ref><ref>Ramm, Heinz (1989): Popke Fegter (18741946). Sein Leben und sein Wirken im Norderland, Norden, S. 51</ref>[[Datei:Hollweg 01011900 01.jpg|mini|Die Ortschaft [[Hollweg]] um 1900.]]1911 wurden die Bestreben immer konkreter, da die Stadt kaum mehr eigenen Platz besaß, den sie so dringend für die Expansion benötigte. Man wollte sich zudem nicht weiter mit einfachen Landkäufen begnügen, sondern strebte eine vollständige Verschmelzung an. Die Sandbauerschaft weigerte sich jedoch beharrlich und langwierige Verhandlungen erzielten kein fruchtbares Ergebnis. Im Jahre 1914 wurde die Frage der Eingemeindung dann jedoch wieder akut, da sich zwischenzeitlich die Regierungsbehörde in Aurich eingeschaltet hatte. In einer Kommissionssitzung wurden die größten Streitpunkte festgelegt.<ref name=":1">Ramm, Heinz (1989): Popke Fegter (18741946). Sein Leben und sein Wirken im Norderland, Norden, S. 52</ref> Besonders strittig war die Frage, ob es den Einwohnern der Sandbauerschaft auch nach dem Zusammenschluss erlaubt bleiben sollte, Hausschlachtungen durchzuführen, die für sie existenziell waren, für die Stadt aber schon allein aus hygienischen Gründen als kritisch galten.<ref name=":1" /><ref name=":0" /> Zudem war der Stadt sehr daran gelegen, dass wegen der zu erwartenden Einnahmen alle Schlachtungen im [[Schlachthof]] durchgeführt werden würden.<ref name=":1" /> | ||
Nach dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] kam es in Preußen zu einer Kommunalreform, in deren Folge die Sandbauerschaft unter ihrem Bürgermeister [[Popke Fegter]], der sich bereits seit längerem mit der der bereits seit vielen Jahren bestehende ''Eingemeindungsfrage'' beschäftigte, zum 1. April 1919 ihre Eigenständigkeit verlor und nach Norden eingemeindet wurde.<ref>Ramm, Heinz (1989): Popke Fegter (1874-1946). Sein Leben und sein Wirken im Norderland, Norden, S. 15</ref><ref name=":0" /> Auch in anderen Teilen Preußens wurde die Reform umgesetzt. Beispielsweise wurde die Stadt Wilhelmshaven am gleichen Tag vom Landkreis Wittmund getrennt. Der Eingemeindung gingen konfliktreiche Verhandlungen voraus. Die Gemeinde kam der Zwangseingemeindung zuvor, indem sie bereits von Dezember 1918 bis Januar 1919 neue Verhandlungen führten, anderen Ende man schließlich einer Eingemeindung zustimmte.<ref name=":1" /> Neben der Weitsicht der Beteiligten dürfte sicherlich auch die wirtschaftliche schwierige Lage der Nachkriegszeit eine Rolle gespielt haben. In Bezug auf die Hausschlachtungen einigte man sich übrigens auf einen Kompromiss, dass nur gewerbliche Schlachtungen im [[Schlachthof]] durchzuführen seien, während private weiterhin im eigenen Haushalt erlaubt seien.<ref name=":0">Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 20</ref> | Nach dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] kam es in Preußen zu einer Kommunalreform, in deren Folge die Sandbauerschaft unter ihrem Bürgermeister [[Popke Fegter]], der sich bereits seit längerem mit der der bereits seit vielen Jahren bestehende ''Eingemeindungsfrage'' beschäftigte, zum 1. April 1919 ihre Eigenständigkeit verlor und nach Norden eingemeindet wurde.<ref>Ramm, Heinz (1989): Popke Fegter (1874-1946). Sein Leben und sein Wirken im Norderland, Norden, S. 15</ref><ref name=":0" /> Auch in anderen Teilen Preußens wurde die Reform umgesetzt. Beispielsweise wurde die Stadt Wilhelmshaven am gleichen Tag vom Landkreis Wittmund getrennt. Der Eingemeindung gingen konfliktreiche Verhandlungen voraus. Die Gemeinde kam der Zwangseingemeindung zuvor, indem sie bereits von Dezember 1918 bis Januar 1919 neue Verhandlungen führten, anderen Ende man schließlich einer Eingemeindung zustimmte.<ref name=":1" /> Neben der Weitsicht der Beteiligten dürfte sicherlich auch die wirtschaftliche schwierige Lage der Nachkriegszeit eine Rolle gespielt haben. In Bezug auf die Hausschlachtungen einigte man sich übrigens auf einen Kompromiss, dass nur gewerbliche Schlachtungen im [[Schlachthof]] durchzuführen seien, während private weiterhin im eigenen Haushalt erlaubt seien.<ref name=":0">Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 20</ref> | ||