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Die '''Sandbauerschaft''' war bis zu ihrer Eingliederung zum 1. April 1919 in die [[Stadt Norden]] eine selbständige Gemeinde mit mehreren Ortschaften, die den Stadtkern wie ein Dreiviertelring umschlossen. Ihre ehemaligen Ortsteile, beispielsweise [[Ekel]] und [[Westgaste]], sind noch heute im alltäglichen Sprachgebrauch wichtige Ortsbezeichnungen.
Die '''Sandbauerschaft''' war bis zu ihrer Eingliederung zum 1. April 1919 in die [[Stadt Norden]] eine selbständige Gemeinde mit mehreren Ortschaften, die den Stadtkern wie ein Dreiviertelring umschlossen. Ihre ehemaligen Ortsteile [[Ekel]], [[Lintel]] und [[Westgaste]], sind noch heute im alltäglichen Sprachgebrauch wichtige Ortsbezeichnungen.


Die ehemalige Gemeinde wird manchmal fälschlicherweise auch Sandbauer''n''schaft genannt.
Fälschlicherweise wird die Gemeinde manchmal auch Sandbauer'''''n'''''schaft genannt.
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==Namensherkunft==
==Namensherkunft==
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==Geschichte==
==Geschichte==
[[Datei:Theelacht Thele Hilgenrieder Bucht 01.JPG|links|mini|Die historischen ''Theele'' in der Bucht von Hilgenriedersiel, die von der [[Theelacht]] verwaltet wurden.]]
[[Datei:Theelacht Thele Hilgenrieder Bucht 01.JPG|links|mini|Die historischen ''Theele'' in der Bucht von Hilgenriedersiel, die von der [[Theelacht]] verwaltet wurden.]]
Die Entstehung der Sandbauerschaft scheint in einem relativ engen Kontext mit der Entstehung der [[Theelacht]] zu stehen. Die führenden Adelsgeschlechter (auch: ''Ethelingsgeschlechter''), die ihre Sitze an den [[Geest|Geesträndern]] der Norder Altstadt hatten, hatten in der Bucht von Hilgenriedersiel, wo die legendäre [[Schlacht von Nordendi]] gegen die Normannen bzw. Wikinger im Jahre 884 stattgefunden haben soll, mehrere sogenannte ''Uthöfe'', also Außenhöfe, von denen aus sie die umliegenden, fruchtbaren Landstriche bewirtschafteten. Deshalb wurden die von den siegreichen Friesen verteidigten bzw. zurück eroberten Landstriche auch stolz entsprechend der Herkunft ihrer Herren benannt: ''[[Westgaste|(West-)Gaster]] Theel, [[Lintel|Linteler]] Theel, [[Ekel|Ekeler]] Theel'' und ''[[Neugroden|Neugroder]] Theel.''<ref>[https://www.heiko-campen.de/theelachtii.htm Die Geschichte der Norder Theelacht], abgerufen am 7. September 2021</ref> Naheliegend ist, dass dieser gemeinsam errungene Sieg zur Gründung eines Gemeinwesens als ''Sandbauerschaft'' im Umfeld der sonst weniger landwirtschaftlich geprägten [[Altstadt|Norder Altstadt]] führte.
Die Entstehung der Sandbauerschaft scheint in einem relativ engen Kontext mit der Entstehung der [[Theelacht]] zu stehen. Die führenden Adelsgeschlechter (auch: ''Ethelingsgeschlechter''), die ihre Sitze an den [[Geest|Geesträndern]] der [[Altstadt|Norder Altstadt]] hatten, hatten in der Bucht von Hilgenriedersiel, wo die legendäre [[Schlacht von Nordendi]] gegen die Normannen bzw. Wikinger im Jahre 884 stattgefunden haben soll, mehrere sogenannte ''Uthöfe'', also Außenhöfe, von denen aus sie die umliegenden, fruchtbaren Landstriche bewirtschafteten. Deshalb wurden die von den siegreichen Friesen verteidigten bzw. zurück eroberten Landstriche auch stolz entsprechend der Herkunft ihrer Herren benannt: ''[[Westgaste|(West-)Gaster]] Theel, [[Lintel|Linteler]] Theel, [[Ekel|Ekeler]] Theel'' und ''[[Neugroden|Neugroder]] Theel.''<ref>[https://www.heiko-campen.de/theelachtii.htm Die Geschichte der Norder Theelacht], abgerufen am 7. September 2021</ref> Naheliegend ist, dass dieser gemeinsam errungene Sieg zur Gründung eines Gemeinwesens als ''Sandbauerschaft'' im Umfeld der sonst weniger landwirtschaftlich geprägten Stadt Norden führte.


Die ältesten, gesicherten Belege über eine Besiedelung der Sandbauerschaft stammen indes aus dem späten 12. Jahrhundert. Zu dieser Zeit errichtete der Benediktinerorden das [[Kloster Marienthal]] auf dem Gelände der heutigen Seniorenwohnanlage der [[AWO Norden]], das geografisch zu [[Ostlintel]] zählt. Das dazugehörige Land reichte von der Altenwohnanlage bis zur nordöstlichen Ecke des [[Marktplatz|Norder Marktplatz]]. An das Kloster und seine Umlande erinnert heute noch unter anderem die [[Klosterstraße]] sowie eine Statue der Heiligen Maria auf dem Gelände der Wohnanlage.
Die ältesten, gesicherten Belege über eine Besiedelung der Sandbauerschaft stammen indes aus dem späten 12. Jahrhundert. Zu dieser Zeit errichtete der Benediktinerorden das [[Kloster Marienthal]] auf dem Gelände der heutigen Seniorenwohnanlage der [[AWO Norden]], das geografisch zu [[Ostlintel]] zählte. Das dazugehörige Land reichte von der Altenwohnanlage bis zur nordöstlichen Ecke des [[Marktplatz|Norder Marktplatz]]. An das Kloster und seine Umlande erinnern heute noch die Bezeichnung ''[[Klosterstraße]]'' sowie eine Statue der Heiligen Maria auf dem Gelände der Wohnanlage.


Die in der Stadt residierenden und herrschenden [[Ostfriesische Häuptlinge|Häuptlings- und Edelfamilien]] erbauten etwa ab dem 13. Jahrhundert [[Liste der Burgen und Wehrhäuser|mehrere Wehrtürme und Steinhäuser]] ringförmig um die Stadt, um diese bei Angriffen besser verteidigen zu können. Eine Stadtmauer hat es in Norden nie gegeben. Erbauer dieser Wehranlagen waren (bis auf die [[Oldeborg]]), wie vorgenannt, adelige Familien, die für die Entwicklung der Stadt Norden und des umliegenden Norderlandes große Bedeutung hatten. Um diese Wehranlagen siedelten sich Menschen an, die sich im Laufe der Zeit zu einzelnen Bauernschaften letztlich zusammenschlossen. Bereits anhand dieser Umstände ist das Gemeinwesen zwischen Sandbauerschaft und Stadt gut erkennbar. Auch die Tatsache, dass die [[Ludgerikirche]] ursprünglich die Kirche der [[Norder Umlandgemeinden]] und die benachbarte [[Andreaskirche]] für die Stadtbewohner war, lässt dies erkennen.[[Datei:Hollweg 01011900 01.jpg|mini|Die Ortschaft [[Hollweg]] um 1900.]]Seit alters her setzte sich die Gemeinde aus den oben genannten Ortschaften zusammen.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 96</ref> Alle Ortschaften haben gemein, dass sie auf der [[Geest]] liegen. Sie standen damit im Gegensatz zu den Bauern der [[Marsch]]. Da Marschboden wesentlich fruchtbarer ist, waren die Bewohner der Sandbauerschaft grundsätzlich ärmer als die äußerst reichen Marschbauern. Viele Bewohner verdingten sich daher auf den Höfen der umliegenden Marschgebiete. Funde einer mittelalterlichen Siedlung in [[Ekel]] deuten zudem auf eine arbeitsteilige Beziehung des Geestortes mit der Bevölkerung der umliegenden Marsch hin. Der wesentliche Vorteil der Sandbauern hingegen bestand darin, dass sie ihre Höfe und Ländereien kaum oder gar nicht gegen Sturmfluten zu sichern hatten. Die Marschbauern hingegen mussten ihre Höfe auf [[Warft|Warften]] errichten, die jedoch nicht die Ländereien vor den Fluten schützten. Auch die später entstehenden [[Deich|Deiche]] boten aufgrund ihrer unzureichenden Befestigung manchmal keinen Schutz vor dem Fluten, wie zahlreiche Katastrophen - so etwa die [[Erste Dionysiusflut]] - eindrucksvoll belegen.
Die in der Stadt residierenden und herrschenden [[Ostfriesische Häuptlinge|Häuptlings- und Edelfamilien]] erbauten etwa ab dem 13. Jahrhundert [[Liste der Burgen und Wehrhäuser|mehrere Wehrtürme und Steinhäuser]] ringförmig um die Stadt, um diese bei Angriffen besser verteidigen zu können. Eine Stadtmauer hat es in Norden nie gegeben. Erbauer dieser Wehranlagen waren (bis auf die [[Oldeborg]]), wie vorgenannt, adelige Familien, die für die Entwicklung der Stadt Norden und des umliegenden Norderlandes große Bedeutung hatten. Um diese Wehranlagen siedelten sich Menschen an, die sich im Laufe der Zeit zu einzelnen Bauernschaften letztlich zusammenschlossen. Bereits anhand dieser Umstände ist das Gemeinwesen zwischen Sandbauerschaft und Stadt gut erkennbar. Auch die Tatsache, dass die [[Ludgerikirche]] ursprünglich die Kirche der [[Norder Umlandgemeinden]] und die benachbarte [[Andreaskirche]] für die Stadtbewohner war, lässt dies erkennen.[[Datei:Hollweg 01011900 01.jpg|mini|Die Ortschaft [[Hollweg]] um 1900.]]Seit alters her setzte sich die Gemeinde aus den oben genannten Ortschaften zusammen.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 96</ref> Alle Ortschaften haben gemein, dass sie auf der [[Geest]] liegen. Sie standen damit im Gegensatz zu den Bewohnern der [[Marsch]]. Da Marschboden wesentlich fruchtbarer ist, waren die Bewohner der Sandbauerschaft zumeist ärmer als die äußerst reichen Marschbauern, wenngleich auf dem sandigen Boden Kartoffeln oder [[Zichorienfabrik|Zichorien]] besser gedeihten. Viele Bewohner verdingten sich dennoch auf den Höfen der umliegenden Marschgebiete, um über die Runden zu kommen. Funde einer mittelalterlichen Siedlung in [[Ekel]] deuten jedoch zumindest auch auf eine arbeitsteilige Beziehung des Geestortes mit der Bevölkerung der umliegenden Marsch hin.


Nach dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] kam es in Preußen zu einer Kommunalreform, in deren Folge die Sandbauerschaft zum 1. April 1919 ihre Eigenständigkeit verlor und nach Norden eingemeindet wurde. Auch in anderen Teilen Preußens wurde die Reform umgesetzt. Beispielsweise wurde die Stadt Wilhelmshaven am gleichen Tag vom Landkreis Wittmund getrennt. Der Eingemeindung gingen konfliktreiche Verhandlungen voraus. Besonders strittig war die Frage, ob es den Einwohnern der Sandbauerschaft auch nach dem Zusammenschluss erlaubt bleiben sollte, Hausschlachtungen durchzuführen, die für sie existenziell waren, für die Stadt aber schon allein aus hygienischen Gründen als kritisch galten. Letztlich einigte man sich auf einen Kompromiss, dass nur gewerbliche Schlachtungen im [[Schlachthof]] durchzuführen seien, während private weiterhin im eigenen Haushalt erlaubt seien.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 20</ref>
Der wesentliche Vorteil der Sandbauern hingegen bestand darin, dass sie ihre Höfe und Ländereien kaum oder gar nicht gegen Sturmfluten zu sichern hatten. Die Marschbauern hingegen mussten ihre Höfe auf [[Warft|Warften]] errichten, die jedoch nicht die Ländereien vor den Fluten schützten. Auch die später entstehenden [[Deich|Deiche]] boten aufgrund ihrer unzureichenden Befestigung manchmal keinen Schutz vor dem Fluten, wie zahlreiche Katastrophen - so etwa die [[Erste Dionysiusflut]] - eindrucksvoll belegen.
 
Nach dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] kam es in Preußen zu einer Kommunalreform, in deren Folge die Sandbauerschaft unter ihrem Bürgermeister [[Popke Fegter]], der sich bereits seit längerem mit der der bereits seit vielen Jahren bestehende ''Eingemeindungsfrage'' beschäftigte, zum 1. April 1919 ihre Eigenständigkeit verlor und nach Norden eingemeindet wurde.<ref>Ramm, Heinz (1989): Popke Fegter (1874-1946). Sein Leben und sein Wirken im Norderland, Norden, S. 15</ref><ref name=":0" /> Auch in anderen Teilen Preußens wurde die Reform umgesetzt. Beispielsweise wurde die Stadt Wilhelmshaven am gleichen Tag vom Landkreis Wittmund getrennt. Der Eingemeindung gingen konfliktreiche Verhandlungen voraus. Besonders strittig war die Frage, ob es den Einwohnern der Sandbauerschaft auch nach dem Zusammenschluss erlaubt bleiben sollte, Hausschlachtungen durchzuführen, die für sie existenziell waren, für die Stadt aber schon allein aus hygienischen Gründen als kritisch galten. Letztlich einigte man sich auf einen Kompromiss, dass nur gewerbliche Schlachtungen im [[Schlachthof]] durchzuführen seien, während private weiterhin im eigenen Haushalt erlaubt seien.<ref name=":0">Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 20</ref>


==Verwaltung==
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