Vertriebenenlager Tidofeld: Unterschied zwischen den Versionen
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Bereits am 1. August 1946 wurde zudem eine Poststelle im Lager eröffnet, bei der auch die Baracken eigene postalische Erreichbarkeiten erhielten. Die Abschnitte des Lagers wurden in römischen Ziffern unterteilt, die Baracken bekamen arabische Ziffern. So war beispielsweise Tidofeld I/10 im ehemaligen Lager 1 und dort die Baracke 10. | Bereits am 1. August 1946 wurde zudem eine Poststelle im Lager eröffnet, bei der auch die Baracken eigene postalische Erreichbarkeiten erhielten. Die Abschnitte des Lagers wurden in römischen Ziffern unterteilt, die Baracken bekamen arabische Ziffern. So war beispielsweise Tidofeld I/10 im ehemaligen Lager 1 und dort die Baracke 10. | ||
Zum 13. August 1946 wurde im ehemaligen Unterkunftsgebäude der Mannschaften eine Schule eingerichtet, die bis heute gemeinhin als [[Lagerschule Tidofeld]] bekannt ist. Im Februar 1947 eröffnete im gleichen Gebäude eine | Zum 13. August 1946 wurde im ehemaligen Unterkunftsgebäude der Mannschaften eine Schule eingerichtet, die bis heute gemeinhin als [[Lagerschule Tidofeld]] bekannt ist. Im Februar 1947 eröffnete im gleichen Gebäude eine Blechwarenfabrik ihre Pforten, die von einem Lagerbewohner gegründet worden war und ab 1950 auch Drahtzäune herstellte. Das ständige Hämmern störte den Unterricht ungemein.<ref name=":0" /> Nach der Schließung des Werks nahm am 5. Dezember 1961 die [[Lingener Wäschefabrik]] (''Lincron'') in den Räumlichkeiten ihren Betrieb auf.<ref>[http://neuauwiewitt.de/kluengeltuengels-auf-den-spuren-von-fluechtlingen/ Auf den Spuren von Flüchtlingen], abgerufen am 18. Mai 2021</ref> Spätestens jetzt wurde das ''H-Gebäude'' im Bau vollendet. Seit 1975 wird die Wäscherei von der [[Behindertenhilfe Norden]] betrieben. | ||
Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1949 und der weitestgehenden Rückgabe der Souveränität an die Deutschen kam auch das Lager unter die Kontrolle der örtlichen Behörden. Tidofeld, das trotz seiner Verwaltung durch die Stadt noch immer zu Lütetsburg gehörte, kam 1952 zu Norden und wurde 1996 schließlich ein eigenständiger Stadtteil. Rechtliche Unklarheiten in Bezug auf das Eigentum an dem Gebiet wurden zugunsten von Wilhelm Edzard Fürst zu Innhausen und Knyphausen entschieden und die Beschlagnahme des Geländes durch die Wehrmacht damit rückwirkend als rechtswidrig erachtet. Wilhelm Edzard veräußerte das Land jedoch zu sehr günstigen Konditionen an die Bewohner und ermöglichte ihnen dadurch die Ansiedlung. | Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1949 und der weitestgehenden Rückgabe der Souveränität an die Deutschen kam auch das Lager unter die Kontrolle der örtlichen Behörden. Tidofeld, das trotz seiner Verwaltung durch die Stadt noch immer zu Lütetsburg gehörte, kam 1952 zu Norden und wurde 1996 schließlich ein eigenständiger Stadtteil. Rechtliche Unklarheiten in Bezug auf das Eigentum an dem Gebiet wurden zugunsten von Wilhelm Edzard Fürst zu Innhausen und Knyphausen entschieden und die Beschlagnahme des Geländes durch die Wehrmacht damit rückwirkend als rechtswidrig erachtet. Wilhelm Edzard veräußerte das Land jedoch zu sehr günstigen Konditionen an die Bewohner und ermöglichte ihnen dadurch die Ansiedlung. | ||
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===ab 1960=== | ===ab 1960=== | ||
Ursprünglich plante die [[Stadt Norden]], die Siedlung in Tidofeld vollends aufzugeben. Die Bewohner sollten in dem - hauptsächlich für sie errichteten - Stadtteil [[Neustadt]] unterkommen. Doch für viele war der Ort so wichtig, dass sie nach zähen Verhandlungen erwirken konnten, dass eine neue Siedlung an der bisherigen Stelle errichtet wurde.<ref name=":3" /> | Ursprünglich plante die [[Stadt Norden]], die Siedlung in Tidofeld vollends aufzugeben. Die Bewohner sollten in dem - hauptsächlich für sie errichteten - Stadtteil [[Neustadt]] unterkommen. Doch für viele war der Ort so wichtig, dass sie nach zähen Verhandlungen erwirken konnten, dass eine neue Siedlung an der bisherigen Stelle errichtet wurde.<ref name=":3" /> Am 28. Februar 1958 wurde die erste Baracke (Nummer 27 oder 28) abgerissen. Im gleichen Jahr waren dann schon die ersten 111 Siedlungshäuser errichtet, bei denen es sich zunächst um kleinere Wohnhäuser handelte. Ab 1961 wurden dann auch auch Wohnblocks erbaut.<ref name=":7" /> Die neuen Straßen verliefen weitestgehend entlang der bisherigen Lagerwege und wurden allesamt nach Flüssen benannt. Die letzte Baracke wurde 1964 abgebrochen.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 147</ref> Bis 1960/1961 hatten mehr als 6.000 Personen das Lager durchlaufen. Die Unterhaltskosten beliefen sich bis dahin auf 621.533,18 DM. | ||
Der ehemalige Sportplatz (heute [[Jadestraße]] und [[Allerstraße]] erstrecken) wurde bis zum Neubau des ''Motodroms'' in Halbemond die Rennstrecke des [[Motorsportclub Norden|Motorsportclubs Norden]].<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 148</ref> Der Verein, der seine Rennen bis dahin vor allem auf dem [[Jahnplatz]] veranstaltete, hatte den ehemaligen Sportplatz am 14. Januar 1957 erworben und am 10. Juni des Jahres dort erstmals ein Rennen abgehalten. | Der ehemalige Sportplatz (heute [[Jadestraße]] und [[Allerstraße]] erstrecken) wurde bis zum Neubau des ''Motodroms'' in Halbemond die Rennstrecke des [[Motorsportclub Norden|Motorsportclubs Norden]].<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 148</ref> Der Verein, der seine Rennen bis dahin vor allem auf dem [[Jahnplatz]] veranstaltete, hatte den ehemaligen Sportplatz am 14. Januar 1957 erworben und am 10. Juni des Jahres dort erstmals ein Rennen abgehalten. | ||
Am 15. Juni 1961 erfolgte die Grundsteinlegung der [[Gnadenkirche Tidofeld]] als Nachfolger der bisherigen [[Lagerkirche Tidofeld|Lagerkirche]]. Bereits am 19. Dezember des Jahres wurde die neue Kirche mit einem Gottesdienst feierlich eingeweiht. Sie diente fortan der evangelisch-lutherischen Konfession. Heimatvertriebene, die Mitglieder anderer Konfessionen waren, schlossen sich den [[Liste der Religionsgemeinschaften|bestehenden Kirchengemeinden]] in der Stadt an. Aufgrund schwindender Besucherzahlen wurde die Gnadenkirche 2006 offiziell säkularisiert. Nach jahrelanger, schon ab 2005 beginnender Planungen und Vorbereitungen befindet sich in ihr seit 2013 eine Dokumentationsstätte, die sich mit dem Schicksal von von Flucht und Vertreibung betroffenen Menschen weltweit im Allgemeinen und der ehemaligen Bewohner Tidofelds im Speziellen widmet. Die Dokumentationsstätte wurde am 2. November des Jahres offiziell der Öffentlichkeit vorgestellt.<ref name=":4" /> | Am 15. Juni 1961 erfolgte die Grundsteinlegung der [[Gnadenkirche Tidofeld]] als Nachfolger der bisherigen [[Lagerkirche Tidofeld|Lagerkirche]]. Bereits am 19. Dezember des Jahres wurde die neue Kirche mit einem Gottesdienst feierlich eingeweiht. Sie diente fortan der evangelisch-lutherischen Konfession. Heimatvertriebene, die Mitglieder anderer Konfessionen waren, schlossen sich den [[Liste der Religionsgemeinschaften|bestehenden Kirchengemeinden]] in der Stadt an. Aufgrund schwindender Besucherzahlen wurde die Gnadenkirche 2006 offiziell säkularisiert. Nach jahrelanger, schon ab 2005 beginnender Planungen und Vorbereitungen befindet sich in ihr seit 2013 eine Dokumentationsstätte, die sich mit dem Schicksal von von Flucht und Vertreibung betroffenen Menschen weltweit im Allgemeinen und der ehemaligen Bewohner Tidofelds im Speziellen widmet. Die Dokumentationsstätte wurde am 2. November des Jahres offiziell der Öffentlichkeit vorgestellt.<ref name=":4" /> | ||
Neben Wohnhäusern entstanden auch einige Gewerbeobjekte, so etwa Einkaufsläden des täglichen Bedarfs am nördlichen Beginn der [[Rheinstraße]]. Hier siedelten sich die Schlachterei von [[Heinrich Siwek]] (Rheinstraße 37), der Lebensmittelhändler [[Johannes Saeger]] (Rheinstraße 36) sowie ein Friseursalon (ebenfalls 36) an. | |||
==Struktur und Organisation== | ==Struktur und Organisation== | ||
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|1960 | |1960 | ||
| align="right" |336 | | align="right" |336 | ||
|} | |||
|} | |||
== Unterhaltskosten == | |||
{| | |||
| valign="top" | | |||
{| class="wikitable" | |||
!Jahr | |||
!Einwohner | |||
|- | |||
|1946 | |||
| align="right" |43.057,17 DM | |||
|- | |||
|1947 | |||
| align="right" |37.877,24 DM | |||
|- | |||
|1948 | |||
| align="right" |31.115,21 DM | |||
|- | |||
|1949 | |||
| align="right" |21.633,55 DM | |||
|- | |||
|1950 | |||
| align="right" |36.435,91 DM | |||
|} | |||
| valign="top" | | |||
{| class="wikitable" | |||
!Jahr | |||
!Einwohner | |||
|- | |||
|1951 | |||
| align="right" |232.190,71 DM | |||
|- | |||
|1952 | |||
| align="right" |13.742,12 DM | |||
|- | |||
|1953 | |||
| align="right" |24.765,35 DM | |||
|- | |||
|1954 | |||
| align="right" |25.396,40 DM | |||
|- | |||
|1955 | |||
| align="right" |38.238,23 DM | |||
|- | |||
|} | |||
| valign="top" | | |||
{| class="wikitable" | |||
!Jahr | |||
!Einwohner | |||
|- | |||
|1956 | |||
| align="right" |29.857,29 DM | |||
|- | |||
|1957 | |||
| align="right" |31.352,00 DM | |||
|- | |||
|1958 | |||
| align="right" |29.572,00 DM | |||
|- | |||
|1959 | |||
| align="right" |15.650,00 DM | |||
|- | |||
|1960 | |||
| align="right" |10.650,00 DM | |||
|} | |} | ||
|} | |} | ||