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Der Stadtkern von Norden liegt auf einer [[Norder Geestinsel|Geestinsel]], die dem nordwestlichsten Ausläufer des oldenburgisch-ostfriesischen Geestrückens vorgelagert ist.<ref>Rack, Eberhard (1998): Kleine Landeskunde Ostfriesland, Oldenburg, S. 94</ref> Auch [[Bargebur]] und [[Tidofeld]] sowie [[Süderneuland II]] befinden sich ebenfalls auf Geestboden, während der Großteil des weiteren Stadtgebiets auf der [[Marsch]] liegt. Die beiden Bodentypen unterscheiden sich insbesondere durch ihre Beschaffenheit. Im [[Geest|Geestboden]] dominiert Sand, im [[Marsch|Marschboden]] schwerer Klei. Die Geest ist zudem deutlicher höher als die Marsch gelegen und gehört daher auch zu den erstbesiedelten Gebieten, wobei die fruchtbaren Böden in der tiefliegenden Marsch liegen.
Der Stadtkern von Norden liegt auf einer [[Norder Geestinsel|Geestinsel]], die dem nordwestlichsten Ausläufer des oldenburgisch-ostfriesischen Geestrückens vorgelagert ist.<ref>Rack, Eberhard (1998): Kleine Landeskunde Ostfriesland, Oldenburg, S. 94</ref> Auch [[Bargebur]] und [[Tidofeld]] sowie [[Süderneuland II]] befinden sich ebenfalls auf Geestboden, während der Großteil des weiteren Stadtgebiets auf der [[Marsch]] liegt. Die beiden Bodentypen unterscheiden sich insbesondere durch ihre Beschaffenheit. Im [[Geest|Geestboden]] dominiert Sand, im [[Marsch|Marschboden]] schwerer Klei. Die Geest ist zudem deutlicher höher als die Marsch gelegen und gehört daher auch zu den erstbesiedelten Gebieten, wobei die fruchtbaren Böden in der tiefliegenden Marsch liegen.


Rund die Hälfte des Stadtgebiets wurde nach verheerenden Sturmfluten im 14. Jahrhundert, allen voran die [[Erste Dionysiusflut]], bei der unter anderem das Dorf [[Westeel]] zerstört wurde, seit 1425, beginnend mit dem [[Udo-Focken-Deich]], dem Meer abgerungen und [[Liste der Eindeichungen|wiedereingedeicht]]. Der geologisch jüngste Stadtteil [[Leybuchtpolder]] wurde erst 1947 bis 1950 durch den Bau des [[Störtebekerdeich|Störtebekerdeichs]] eingedeicht und urbar gemacht. Es ist das jüngste Dorf Deutschlands. Der Großteil der [[Liste der Eindeichungen|Eindeichungen]] konzentriert sich jedoch auf das 16. und 17. Jahrhundert. Seit der Eindeichung eines Teils der [[Leybucht]] und einer deutlich kleineren Eindeichungsmaßnahme nahe Harlesiel gab es an der niedersächsischen Nordseeküste keine nennenswerten Landgewinnungsmaßnahmen durch Eindeichung mehr, so dass diese Landstriche die jüngsten dem Meer abgerungenen und von Menschen besiedelten Flächen Niedersachsens sind. Auch [[Neuwesteel]] wurde erst in den späten 1920er bis frühen 1930er Jahren dem Meer abgerungen.
Rund die Hälfte des Stadtgebiets wurde nach verheerenden Sturmfluten im 14. Jahrhundert, allen voran die [[Erste Dionysiusflut]], bei der unter anderem das Dorf [[Westeel]] zerstört wurde, seit 1425, beginnend mit dem [[Udo-Focken-Deich]], dem Meer abgerungen und [[Liste der Eindeichungen|wieder eingedeicht]]. Der geologisch jüngste Stadtteil [[Leybuchtpolder]] wurde erst 1947 bis 1950 durch den Bau des [[Störtebekerdeich|Störtebekerdeichs]] eingedeicht und urbar gemacht. Es ist das jüngste Dorf Deutschlands. Der Großteil der [[Liste der Eindeichungen|Eindeichungen]] konzentriert sich jedoch auf das 16. und 17. Jahrhundert. Seit der Eindeichung eines Teils der [[Leybucht]] und einer deutlich kleineren Eindeichungsmaßnahme nahe Harlesiel gab es an der niedersächsischen Nordseeküste keine nennenswerten Landgewinnungsmaßnahmen durch Eindeichung mehr, so dass diese Landstriche die jüngsten dem Meer abgerungenen und von Menschen besiedelten Flächen Niedersachsens sind. Auch [[Neuwesteel]] wurde erst in den späten 1920er bis frühen 1930er Jahren dem Meer abgerungen.


Norden ist geprägt von Wasser und Landwirtschaftsflächen, fast 80 Prozent des Stadtgebiets werden landwirtschaftlich genutzt. Auf den [[Polder|eingepolderten]] Flächen im Süden der Stadt extensiver Ackerbau betrieben. Das eingepolderte [[Marsch|Marschland]], das vor allem aus früherem Schlick besteht, ist sehr fruchtbar. Angepflanzt werden hauptsächlich Kartoffeln, Getreide und Raps. Auf den anderen Landwirtschaftsflächen wird Viehzucht betrieben. Dominierend ist hier die Milchviehwirtschaft, gefolgt von der Schweinezucht. Auf den Deichen weiden in den wärmeren Monat Schafe, die nicht nur die Grasnarbe niedrig halten, sondern zugleich auch mit ihren Hufen den Deichboden festtreten.
Norden ist geprägt von Wasser und Landwirtschaftsflächen, fast 80 Prozent des Stadtgebiets werden landwirtschaftlich genutzt. Auf den [[Polder|eingepolderten]] Flächen im Süden der Stadt extensiver Ackerbau betrieben. Das eingepolderte [[Marsch|Marschland]], das vor allem aus früherem Schlick besteht, ist sehr fruchtbar. Angepflanzt werden hauptsächlich Kartoffeln, Getreide und Raps. Auf den anderen Landwirtschaftsflächen wird Viehzucht betrieben. Dominierend ist hier die Milchviehwirtschaft, gefolgt von der Schweinezucht. Auf den Deichen weiden in den wärmeren Monat Schafe, die nicht nur die Grasnarbe niedrig halten, sondern zugleich auch mit ihren Hufen den Deichboden festtreten.
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==Gliederung==
==Gliederung==


* siehe auch: [[Kluft|Kluftenteilung der Stadt Norden]]
* siehe auch: [[Kluft|Klufteinteilung der Stadt Norden]]
* siehe auch: [[Hausnummerierung|Hausnummerierung in der Stadt Norden]]
* siehe auch: [[Hausnummerierung|Hausnummerierung in der Stadt Norden]]
* siehe auch: [[Rotteinteilung der Ostermarsch]]
* siehe auch: [[Rotteinteilung der Ostermarsch]]
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Im Verlauf des Jahres 1938 setzte eine verstärkte antijüdische Hetze in der Norder Presse ein. Norden besaß über viele Jahrhunderte hinweg eine [[Jüdische Gemeinde Norden|jüdische Gemeinde]] mit Synagogen in Norden und auf Norderney. Die [[Synagoge|Norder Synagoge]] wurde während der nationalsozialistischen Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 durch Brandstiftung zerstört. Das [[Jüdische Schule|einstige Schulhaus]], das [[Vorsängers Haus|Wohnhaus des Rabbiners]] und das des [[Synagogenweg 3|Lehrers]] stehen indes bis heute. Die Synagoge auf Norderney hingegen blieb von den Aktionen in Zusammenhang mit den Novemberpogromen verschont, da sie zuvor an einen Eisenwarenhändler verkauft worden war, der dort einen Lagerraum einrichten wollte. Die in Norden lebenden Juden wurden am [[Schlachthof]] zusammengetrieben und gemeinsam mit den anderen ostfriesischen Juden in das KZ Sachsenhausen gebracht, von wo sie Wochen später zunächst zurückkehrten, ehe sie einige Zeit später endgültig deportiert wurden. Nach den Novemberpogromen löste sich die jüdische Gemeinde in Norden, die noch 1925 mehr als 230 Mitglieder hatte, auf. Noch 1933 gab es 50 Handelsbetriebe und Geschäfte mit jüdischen Eigentümern.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 241</ref> Die letzten [[Jüdische Gemeinde Norden|Norder Juden]] wurden im April 1940 in Konzentrationslager abtransportiert. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde fast die Hälfte der jüdischen Norder umgebracht. Nur wenige von ihnen kehrten nach dem Krieg nach Norden zurück.
Im Verlauf des Jahres 1938 setzte eine verstärkte antijüdische Hetze in der Norder Presse ein. Norden besaß über viele Jahrhunderte hinweg eine [[Jüdische Gemeinde Norden|jüdische Gemeinde]] mit Synagogen in Norden und auf Norderney. Die [[Synagoge|Norder Synagoge]] wurde während der nationalsozialistischen Pogrome in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 durch Brandstiftung zerstört. Das [[Jüdische Schule|einstige Schulhaus]], das [[Vorsängers Haus|Wohnhaus des Rabbiners]] und das des [[Synagogenweg 3|Lehrers]] stehen indes bis heute. Die Synagoge auf Norderney hingegen blieb von den Aktionen in Zusammenhang mit den Novemberpogromen verschont, da sie zuvor an einen Eisenwarenhändler verkauft worden war, der dort einen Lagerraum einrichten wollte. Die in Norden lebenden Juden wurden am [[Schlachthof]] zusammengetrieben und gemeinsam mit den anderen ostfriesischen Juden in das KZ Sachsenhausen gebracht, von wo sie Wochen später zunächst zurückkehrten, ehe sie einige Zeit später endgültig deportiert wurden. Nach den Novemberpogromen löste sich die jüdische Gemeinde in Norden, die noch 1925 mehr als 230 Mitglieder hatte, auf. Noch 1933 gab es 50 Handelsbetriebe und Geschäfte mit jüdischen Eigentümern.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 241</ref> Die letzten [[Jüdische Gemeinde Norden|Norder Juden]] wurden im April 1940 in Konzentrationslager abtransportiert. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde fast die Hälfte der jüdischen Norder umgebracht. Nur wenige von ihnen kehrten nach dem Krieg nach Norden zurück.
[[Datei:Sielstraße Gasthof Hinrichs Bombenschaden Zweiter Weltkrieg 17 01 1941 01.jpg|mini|Am 17. Januar 1941 wurde der [[Gasthof Hinrichs]] an der [[Sielstraße]] von einer Fliegerbombe getroffen. Ein junges Mädchen kam dabei ums Leben.]]
[[Datei:Sielstraße Gasthof Hinrichs Bombenschaden Zweiter Weltkrieg 17 01 1941 01.jpg|mini|Am 17. Januar 1941 wurde der [[Gasthof Hinrichs]] an der [[Sielstraße]] von einer Fliegerbombe getroffen. Ein junges Mädchen kam dabei ums Leben.]]
Im [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] wurde Norden von Bomben getroffen, die zu mehreren Todesopfern und Gebäudeschäden führten. Es gab mehrere Kriegsgefangenenlager, unter anderem wurden Kriegsgefangene in der Produktion der [[Molkerei (Norden)|Norder Molkerei]] und der [[Eisenhütte]] eingesetzt, um das zum Kriegsdienst einberufene Personal zu ersetzen.<ref>[https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/HOO/HOO_Norden.pdf Beschreibung von Norden] in der historischen Ortsdatenbank der Ostfriesischen Landschaft</ref> Insgesamt überstand die Stadt den Krieg, von den Entbehrungen des Alltags abgesehen, relativ glimpflich. Norden nahm wie andere Städte und Gemeinden in Ostfriesland nach dem 6. September 1944 ausgebombte Emder auf, nachdem die Seehafenstadt durch alliierte Luftangriffe schwer zerstört worden war. Die weitestgehende Unversehrtheit Nordens war vor allem auf seine geringe militärische Bedeutung zurückzuführen. Zu erwähnen sind lediglich die die Küstenfunkstelle [[Norddeich Radio]], der [[Norddeicher Hafen]] als Fährhafen nach Juist und Norderney, die durch den ''Atlantikwall'' aufgerüstet wurden, der [[Sender Osterloog|Propagandasender Osterloog]] und das [[Vertriebenenlager Tidofeld|Ausbildungs- und Durchgangslager der Marine]] in [[Tidofeld]]. Um die Stadt herum wurden mehrere [[Liste der Flakstellungen|Flakstellungen]] und [[Liste der Bunker|Bunker]] errichtet. Zum Einsatz an der ''Heimatflak'' wurden viele Norder Schüler einberufen, die nach heutiger Definition als Kindersoldaten gelten würden. Hunderte Söhne und Töchter der Stadt starben auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Der Gefallenen beider Weltkriege wird noch heute jedes Jahr zum Volkstrauertag am [[Glockenturm]] gedacht, in dem sich eine Gedenktafel mit den Namen der Gefallenen findet. Zudem gibt es einen [[Soldatenfriedhof]] auf dem [[Neuer Friedhof|Neuen Friedhof]] (''Parkfriedhof'') in [[Ostlintel]].
Im [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] wurde Norden von Bomben getroffen, die zu mehreren Todesopfern und Gebäudeschäden führten. Es gab mehrere Kriegsgefangenenlager, unter anderem wurden Kriegsgefangene in der Produktion der [[Molkerei (Norden)|Norder Molkerei]] und der [[Eisenhütte]] eingesetzt, um das zum Kriegsdienst einberufene Personal zu ersetzen.<ref>[https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/HOO/HOO_Norden.pdf Beschreibung von Norden] in der historischen Ortsdatenbank der Ostfriesischen Landschaft</ref> Insgesamt überstand die Stadt den Krieg, von den Entbehrungen des Alltags abgesehen, relativ glimpflich. Norden nahm wie andere Städte und Gemeinden in Ostfriesland nach dem 6. September 1944 ausgebombte Emder auf, nachdem die Seehafenstadt durch alliierte Luftangriffe schwer zerstört worden war. Bereits ab Mitte 1944 begann die Stadt Norden mit dem Bau von [[Behelfsheime|Behelfsheimen]], um die große Zahl der Flüchtlinge unterbringen zu können.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 10</ref> Mit der sich verschärfenden Versorgungslage wurden die Bürger aufgerufen, bei der Ernte mitzuhelfen. Ende Juli versammelten sich daraufhin über tausend Menschen auf dem [[Torfmarkt]], bestiegen Lastwagen, Omnibusse und Fahrräder und machten sich auf dem Weg zum Ernteeinsatz. Unterstützung gab es von 1.200 Soldaten, die hierzu abkommandiert wurden.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 13</ref>


Am 4. Mai trafen kanadische Truppen in Norden ein. Nachdem aufgebrachte Norder Bürger energisch bei NSDAP-Parteiführer [[Lenhard Everwien]], der noch am 20. April in einer Rede anlässlich des Geburtstags von Adolf Hitler zum Durchhalten aufgerufen hatte (die Alliierten standen zu diesem Zeitpunkt schon vor Leer) und verantwortlichen Angehörigen der Wehrmacht sowie der Stadtverwaltung vorgesprochen hatten, wurde die Stadt kampflos übergeben. Nachfolgend übernimmt die britische Militärregierung das Kommando in der Stadt und führt eine Entnazifizierung durch. Für die Versorgung der Kriegsversehrten werden mehrere Baracken, die teilweise noch aus dem Ersten Weltkrieg stammen, als Lazarett umfunktioniert. Auch das [[Ulrichsgymnasium]], das noch während des Krieges im Keller verbunkert wurde, dient einige Zeit als Lazarett. Auch fast alle anderen Schulen werden entsprechend umfunktioniert, um die zahlreichen Verwundeten zu versorgen. Die Panzersperren und unter Brücken deponierte Sprengladungen, die dort kurz vor Kriegsende noch von einigen Fanatikern entsprechend Hitlers ''Nerobefehls'' platziert wurden, wurden wieder entfernt, ehe sie gezündet wurden.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 43</ref>
Die weitestgehende Unversehrtheit Nordens war vor allem auf seine geringe militärische Bedeutung zurückzuführen. Zu erwähnen sind lediglich die die Küstenfunkstelle [[Norddeich Radio]], der [[Norddeicher Hafen]] als Fährhafen nach Juist und Norderney, die durch den ''Atlantikwall'' aufgerüstet wurden, der [[Sender Osterloog|Propagandasender Osterloog]] und das [[Vertriebenenlager Tidofeld|Ausbildungs- und Durchgangslager der Marine]] in [[Tidofeld]]. Um die Stadt herum wurden mehrere [[Liste der Flakstellungen|Flakstellungen]] und [[Liste der Bunker|Bunker]] errichtet. Zum Einsatz an der ''Heimatflak'' wurden viele Norder Schüler einberufen, die nach heutiger Definition als Kindersoldaten gelten würden. Hunderte Söhne und Töchter der Stadt starben auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Der Gefallenen beider Weltkriege wird noch heute jedes Jahr zum Volkstrauertag am [[Glockenturm]] gedacht, in dem sich eine Gedenktafel mit den Namen der Gefallenen findet. Zudem gibt es einen [[Soldatenfriedhof]] auf dem [[Neuer Friedhof|Neuen Friedhof]] (''Parkfriedhof'') in [[Ostlintel]].


Ab sofort waren alle öffentlichen Zusammenkünfte, insbesondere Sportveranstaltungen verboten bzw. bedurften einer schriftlichen Genehmigung durch die Militärregierung. Hierzu erließen die Briten umfassende (Kontroll-)Anweisungen, die streng kontrolliert und durchgesetzt wurden. Der Betrieb in sämtlichen Vereinen kam dadurch zum Erliegen und nur langsam wieder zu einem Neuanfang.
Am 4. Mai 1945 trafen kanadische Truppen in Norden ein. Nachdem aufgebrachte Norder Bürger energisch bei NSDAP-Parteiführer [[Lenhard Everwien]], der noch am 20. April in einer Rede anlässlich des Geburtstags von Adolf Hitler zum Durchhalten aufgerufen hatte (die Alliierten standen zu diesem Zeitpunkt schon vor Leer) und verantwortlichen Angehörigen der Wehrmacht sowie der Stadtverwaltung vorgesprochen hatten, wurde die Stadt auf Geheiß von [[Friedrich-Wilhelm Fleischer|Admiral und Landrat Fleischer]] und [[Max Janssen|Vize-Bürgermeister Janssen]] kampflos übergeben. Nachfolgend übernahm die britische Militärregierung das Kommando in der Stadt und führte eine Entnazifizierung durch. Für die Versorgung der Kriegsversehrten wurden mehrere Baracken, die teilweise noch aus dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] stammen, als Lazarett umfunktioniert. Auch fast alle anderen Schulen, insbesondere das [[Ulrichsgymnasium]], wurden entsprechend umfunktioniert, um die zahlreichen Verwundeten zu versorgen. Die Panzersperren und unter Brücken deponierte Sprengladungen, die dort kurz vor Kriegsende noch von einigen Fanatikern entsprechend Hitlers ''Nerobefehls'' platziert wurden, wurden wieder entfernt, ehe sie gezündet wurden.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 43</ref>


Durch den Flüchtlingsstrom der Nachkriegszeit, insbesondere durch Zuweisung unzähliger Vertriebener aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, nahm die Bevölkerung Nordens erheblich zu. Auf dem ehemaligen [[Vertriebenenlager Tidofeld|Ausbildungs- und Durchgangslager]] wurde ein [[Vertriebenenlager Tidofeld|Vertriebenenlager]] eingerichtet, in dem zeitweise weit über 1.000 Menschen gleichzeitig wohnten. Im gesamten [[Landkreis Norden]] wurden Ende 1946 bereits rund 17.000 Heimatvertriebene gezählt, 1949 waren es schon 27.000. Hinzu kamen 9.000 Menschen aus ausgebombten Städten, darunter auch aus Emden, das durch den alliierten Bombenterror nahezu vollständig zerstört wurde. Diese rund 26.000 Menschen stellten damals rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung im Landkreis Norden. Unabhängig vom Lager Tidofeld wurden die Vertriebenen in der ganzen Region disloziert verteilt. Sie wohnten bei Familien, auf Bauernhöfen, in Scheunen, alten Rettungsschuppen, Baracken, und Flakscheinwerferhütten. Letztlich wird alles als Unterkunft genutzt, was in irgendeiner Form vier Wände und ein Dach hat. Nach heutigen Maßstäben ein unvorstellbarer, aber auch damals natürlich schon unhaltbarer Zustand. Neben dem Vertriebenenlager in Tidofeld entstanden weitere [[Behelfsheime Bargebur|Behelfsheime]] in [[Bargebur]] und auch die zahlreichen Wehrmachtsbaracken im Stadtgebiet wurden zu Wohnlagern umfunktioniert, so etwa jene [[Barackenlager (Jahnplatz)|Baracken]] am [[Jahnplatz]].
Ab sofort waren alle öffentlichen Zusammenkünfte, insbesondere Sportveranstaltungen verboten bzw. bedurften einer schriftlichen Genehmigung durch die Militärregierung. Hierzu erließen die Briten umfassende (Kontroll-)Anweisungen, die streng kontrolliert und durchgesetzt wurden. Der Betrieb in sämtlichen Vereinen kam dadurch zum Erliegen und nur langsam wieder zu einem Neuanfang. Auch die Presse wurde zensiert, der [[Ostfriesischer Kurier|Ostfriesische Kurier]] wurde gar verboten. Erst ab Mitte 1947 erfolgten erste Lockerungen, bis die Pressefreiheit gänzlich gewährleistet wurde.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 8</ref>
 
Durch den Flüchtlingsstrom der Nachkriegszeit, insbesondere durch Zuweisung unzähliger Vertriebener aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, nahm die Bevölkerung Nordens erheblich zu. Auf dem ehemaligen [[Vertriebenenlager Tidofeld|Ausbildungs- und Durchgangslager]] wurde ein [[Vertriebenenlager Tidofeld|Vertriebenenlager]] eingerichtet, in dem zeitweise weit über 1.000 Menschen gleichzeitig wohnten. Im gesamten [[Landkreis Norden]] wurden Ende 1946 bereits rund 17.000 Heimatvertriebene gezählt, 1949 waren es schon 27.000. Hinzu kamen 9.000 Menschen aus ausgebombten Städten, darunter auch aus Emden, das durch den alliierten Bombenterror nahezu vollständig zerstört wurde. Diese rund 26.000 Menschen stellten damals rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung im Landkreis Norden. Unabhängig vom Lager Tidofeld wurden die Vertriebenen in der ganzen Region disloziert verteilt. Sie wohnten bei Familien, auf Bauernhöfen, in Scheunen, alten Rettungsschuppen, Baracken, und Flakscheinwerferhütten. Letztlich wird alles als Unterkunft genutzt, was in irgendeiner Form vier Wände und ein Dach hat. Nach heutigen Maßstäben ein unvorstellbarer, aber auch damals natürlich schon unhaltbarer Zustand. Auch die zahlreichen Wehrmachtsbaracken im Stadtgebiet wurden zu Wohnlagern umfunktioniert, so etwa jene [[Barackenlager (Jahnplatz)|Baracken]] am [[Jahnplatz]].


Zum ersten Bürgermeister der Nachkriegszeit ernannte die im [[Landratsamt]] am [[Fräuleinshof]] residierende Militärregierung am 8. Juni 1945 [[Albert Schöneberg|Dr. Albert Schöneberg]]. Die Entnazifizierung schritt zügig voran, schnell erging beispielsweise die Anordnung, dass aus allen Amtsstempeln das Hakenkreuz entfernt werden musste. Auch die hiesigen Tageszeitungen wie der [[Ostfriesischer Kurier|Ostfriesische Kurier]] wurden vorläufig verboten.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 44</ref> Viele Straßen, die unter den Nationalsozialisten einen neuen Namen bekamen, aber auch ältere, die nun ''belastet'' erschienen, wurden umbenannt. Dies traf nicht nur offensichtliche Straßennamen wie ''Adolf-Hitler-Straße'' ([[Osterstraße]]) oder ''Horst-Wessel-Straße'' ([[Feldstraße]]), die sofort nach Kriegsende rückbenannt wurden, sondern auch eher unscheinbare Straßennamen wie ''Blücherstraße'' ([[Otto-Leege-Straße]]), ''Hindenburgstraße'' ([[Neuer Weg]]) oder ''Graf-von-Spee-Straße'' ([[Norderneyer Straße]]), die jedoch erst im Laufe der nächsten Jahre verschwanden bzw. umbenannt wurden.
Zum ersten Bürgermeister der Nachkriegszeit ernannte die im [[Landratsamt]] am [[Fräuleinshof]] residierende Militärregierung am 8. Juni 1945 [[Albert Schöneberg|Dr. Albert Schöneberg]]. Die Entnazifizierung schritt zügig voran, schnell erging beispielsweise die Anordnung, dass aus allen Amtsstempeln das Hakenkreuz entfernt werden musste. Auch die hiesigen Tageszeitungen wie der [[Ostfriesischer Kurier|Ostfriesische Kurier]] wurden vorläufig verboten.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 44</ref> Viele Straßen, die unter den Nationalsozialisten einen neuen Namen bekamen, aber auch ältere, die nun ''belastet'' erschienen, wurden umbenannt. Dies traf nicht nur offensichtliche Straßennamen wie ''Adolf-Hitler-Straße'' ([[Osterstraße]]) oder ''Horst-Wessel-Straße'' ([[Feldstraße]]), die sofort nach Kriegsende rückbenannt wurden, sondern auch eher unscheinbare Straßennamen wie ''Blücherstraße'' ([[Otto-Leege-Straße]]), ''Hindenburgstraße'' ([[Neuer Weg]]) oder ''Graf-von-Spee-Straße'' ([[Norderneyer Straße]]), die jedoch erst im Laufe der nächsten Jahre verschwanden bzw. umbenannt wurden.
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Um Energie zu sparen, speiste das [[Gaswerk]] nur von 07:00 bis 07:30 Uhr sowie von 18:00 bis 19:00 Gas an die Heimleitungen ein, ebenso wurden alle Einzelhandelsgeschäfte ab 17:00 Uhr geschlossen, um Strom zu sparen. Diese hatten allerdings an mindestens drei Tagen die Woche, in jedem Fall aber montags, zu öffnen.<ref name=":16" /> Den örtlichen Bäckereien wurde heimlich aufgetragen, keine Torten im Schaufenster zu präsentieren, um bei den Besatzern nicht den Anschein von Wohlstand in Zeiten der größten Not zu erwecken.<ref name=":17">Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 77</ref> Die Vorschriften über diese Energiesparmaßnahmen wurden erst nach Ende des Winters 1948/1949 aufgehoben.<ref>Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 80</ref>
Um Energie zu sparen, speiste das [[Gaswerk]] nur von 07:00 bis 07:30 Uhr sowie von 18:00 bis 19:00 Gas an die Heimleitungen ein, ebenso wurden alle Einzelhandelsgeschäfte ab 17:00 Uhr geschlossen, um Strom zu sparen. Diese hatten allerdings an mindestens drei Tagen die Woche, in jedem Fall aber montags, zu öffnen.<ref name=":16" /> Den örtlichen Bäckereien wurde heimlich aufgetragen, keine Torten im Schaufenster zu präsentieren, um bei den Besatzern nicht den Anschein von Wohlstand in Zeiten der größten Not zu erwecken.<ref name=":17">Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 77</ref> Die Vorschriften über diese Energiesparmaßnahmen wurden erst nach Ende des Winters 1948/1949 aufgehoben.<ref>Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 80</ref>
Nachdem die britische Militärregierung ssss


Bis zur Währungsreform 1948 behalfen sich die Bewohner von Norden mit Tauschgeschäften, für die an mehreren Standorten in der Stadt ''Tauschzentralen'' eingerichtet wurden. Als alternative Zahlungsmittel dienten zudem, wie praktisch überall im Land, Zigaretten.<ref name=":17" />
Bis zur Währungsreform 1948 behalfen sich die Bewohner von Norden mit Tauschgeschäften, für die an mehreren Standorten in der Stadt ''Tauschzentralen'' eingerichtet wurden. Als alternative Zahlungsmittel dienten zudem, wie praktisch überall im Land, Zigaretten.<ref name=":17" />