Stadt Norden: Unterschied zwischen den Versionen
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Die '''Stadt Norden''' ist die nordwestlichste auf dem deutschen Festland. Sie hat 25.614 Einwohner (Stand: 31. Dezember 2020), die sich auf einer Fläche von rund 106,33 km² verteilen. Gemessen an der Einwohnerzahl ist sie nach Emden, Aurich und Leer die viertgrößte Stadt Ostfrieslands und kann auf eine hochinteressante, wechselhafte Geschichte zurückbringen. Erstmals urkundlich erwähnt wird die Stadt im [[Norder Vertrag]] aus dem Jahre 1255. Fälschlicherweise wird dieses oftmals als das Gründungsjahr angesehen, Belege für eine wesentlich frühere Existenz der Stadt reichen weit voraus. Das [[Stadtrechtsverleihung|Stadtrecht]] wurde ihr indes erst 1277 verliehen. | Die '''Stadt Norden''' ist die nordwestlichste auf dem deutschen Festland. Sie hat 25.614 Einwohner (Stand: 31. Dezember 2020), die sich auf einer Fläche von rund 106,33 km² verteilen. Gemessen an der Einwohnerzahl ist sie nach Emden, Aurich und Leer die viertgrößte Stadt Ostfrieslands und kann auf eine hochinteressante, wechselhafte Geschichte zurückbringen. Erstmals urkundlich erwähnt wird die Stadt im [[Norder Vertrag]] aus dem Jahre 1255. Fälschlicherweise wird dieses oftmals als das Gründungsjahr angesehen, Belege für eine wesentlich frühere Existenz der Stadt reichen weit voraus. Das [[Stadtrechtsverleihung|Stadtrecht]] wurde ihr indes erst 1277 verliehen. | ||
In der absoluten Mehrzahl sind sich Heimatforscher und Wissenschaftler einig, dass die Entstehungsgeschichte der Stadt Norden untrennbar mit der [[Sandbauerschaft]] verbunden ist. Demnach wurden zunächst die Ränder der [[Geest]] besiedelt worden, von denen aus die umliegenden Marschgebiete besiedelt wurden. Um ihre wirtschaftlichen Interessen und Kräfte zu konzentrieren, schlossen sich die Bauern zur Sandbauerschaft zusammen. Die Edelleute unter ihnen siedelten sich dann planmäßig in der Mitte der Bauerschaften - an der Oster- und Westerstraße - an, um hier als Ende des Heer- und Handelswegs zu fungieren und zu handeln. Ihre bisherigen Siedlungen am Geestrand wurden zu Außenhöfe, die sie zum Schutz des Gemeinwesens und ihrerselbst befestigten und zu [[Liste der Burgen und Wehrhäuser|Wehrhäusern]] ausbauen ließen. Durch den zunehmend blühenden Handel legten die Herrschenden den großflächigen [[Marktplatz]] an, um den dominierenden Viehhandel noch weiter zu stärken. Dadurch entstand aus sich heraus ein stadtähnliches Gebilde, das sich durch Macht- und Eigentumsverschiebungen immer weiter von der Sandbauerschaft löste und schließlich eigenständig wurde. | |||
Seit Anfang an waren Stadt und Umland aufgrund der geografisch günstigen Lage und der äußerst fruchtbaren Böden ein begehrtes Ziel verschiedener Mächte. Waren es zunächst Friesen, Chauken und Sachsen, die das Land dominierten, versuchten schon im frühen Mittelalter auch Wikinger, die Kirche und die Franken unter Karl dem Großen ihren Einfluss auf Norden auszudehnen. Letztlich setzten sich die Friesen durch und lebten über Jahrhunderte in relativ Frieden sowie weitestgehender Autonomie (''Friesische Freiheit''). Mehrere Naturkatastrophen führten im 14. Jahrhundert jedoch zum Aufkommen eines faktischen Adels, den [[Ostfriesische Häuptlinge|Ostfriesischen Häuptlingen]], von denen sich letztlich die [[Cirksena]] durchsetzten und das Land bis zur preußischen Annexion 1744 beherrschten. | |||
Die Region um Norden ist seit jeher vor allem durch die Landwirtschaft geprägt. Besonders im 19. und 20. Jahrhundert befanden sich jedoch auch eine Reihe bedeutender Industriebetriebe in der Stadt Norden, die bekannteste davon dürfte wohl die Firma [[Doornkaat]] sein, welche die Stadt über fast zwei Jahrhunderte maßgeblich prägte. Aber auch die [[Eisenhütte]], die Tabakmanufaktur [[Steinbömer & Lubinus]] und die vielen kleineren Betriebe waren nicht weniger entscheidend für die Entwicklung der Stadt. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde schließlich der Fremdenverkehr zum bis heute bedeutendsten Wirtschaftszweig. | |||
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==Namensherkunft== | ==Namensherkunft== | ||
Es herrscht Uneinigkeit darüber, woher die Stadt Norden ihren Namen erhalten hat. Allgemeiner Konsens ist, dass sich der Name primär auf die nördliche Lage der Stadt bezieht und sie so zu ihrem Namen gekommen ist. Der älteste Beleg ist ''Nordedi'' (787, jedoch in fehlerhafter Abschrift); um 860 wird die Gegend Nordwidu (''Norder Wald''), später ''Nordwiede'' und ''Nordwicum'' sowie lateinisch ''Oppidum Norda'' und ''Urbem Nordanam'' genannt. Grundlage des Ortsnamens ist das altsächsische ''norð'' bzw. altfriesische ''north'' (''Norden'').<ref>Niemeyer, Manfred (2012): Deutsches Ortsnamenbuch, Berlin, S. 456</ref> Möglicherweise ist auch das 1124 in einer Urkunde genannte ''Nertin'' auf Norden zu beziehen. Die heutige Schreibweise ''Norden'' ist in jedem Fall seit dem Jahr 1409 nachweisbar. | Es herrscht Uneinigkeit darüber, woher die Stadt Norden ihren Namen erhalten hat. Allgemeiner Konsens ist, dass sich der Name primär auf die nördliche Lage der Stadt bezieht und sie so zu ihrem Namen gekommen ist. Der älteste Beleg ist ''Nordedi'' (787, jedoch in fehlerhafter Abschrift); um 860 wird die Gegend Nordwidu (''Norder Wald''), später ''Nordwiede'' und ''Nordwicum'' sowie lateinisch ''Oppidum Norda'' und ''Urbem Nordanam'' genannt. Grundlage des Ortsnamens ist das altsächsische ''norð'' bzw. altfriesische ''north'' (''Norden'').<ref>Niemeyer, Manfred (2012): Deutsches Ortsnamenbuch, Berlin, S. 456</ref> Möglicherweise ist auch das 1124 in einer Urkunde genannte ''Nertin'' auf Norden zu beziehen. Die heutige Schreibweise ''Norden'' ist in jedem Fall seit dem Jahr 1409 nachweisbar. Sicher ist, dass sich der Stadtname nicht vom mittelalterlichen Gau Nordendi ableitet, der auch als Örtlichkeit in den Zusammenhang mit der [[Schlacht von Nordendi|''Schlacht von Nordendi'']] genannt wird.<ref>Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2000): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 36</ref> Die Schlacht war ein wichtiger Sieg der Friesen über die plündernden, die hiesigen Gewässer heimsuchenden Wikinger und wurde zum Gründungsmythos der [[Theelacht]]. | ||
[[Gerrit van Norden]] berichtete hingegen in den [[Norder Annalen]] für das Jahr 1314, dass Norden in alter Zeit ''Morstatia'' genannt wurde.<ref name=":14">Möhlmann, Günther (1959): Norder Annalen. Aufzeichnungen aus dem Dominikanerkloster in Norden, Aurich, S. 31</ref> Dies ist jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach eine Fehlinterpretation einer Benennung des Bistums Bremen, die den Bereich um Norden auch ''Nordi atque Morseti'' (''Norden und Moorgebiet'') nannte, wobei mit ''Morseti'' vermutlich das früher von Sümpfen dominierte Auricherland gemeint war.<ref>Möhlmann, Günther (1959): Norder Annalen. Aufzeichnungen aus dem Dominikanerkloster in Norden, Aurich, S. 64</ref> | [[Gerrit van Norden]] berichtete hingegen in den [[Norder Annalen]] für das Jahr 1314, dass Norden in alter Zeit ''Morstatia'' genannt wurde.<ref name=":14">Möhlmann, Günther (1959): Norder Annalen. Aufzeichnungen aus dem Dominikanerkloster in Norden, Aurich, S. 31</ref> Dies ist jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach eine Fehlinterpretation einer Benennung des Bistums Bremen, die den Bereich um Norden auch ''Nordi atque Morseti'' (''Norden und Moorgebiet'') nannte, wobei mit ''Morseti'' vermutlich das früher von Sümpfen dominierte Auricherland gemeint war.<ref>Möhlmann, Günther (1959): Norder Annalen. Aufzeichnungen aus dem Dominikanerkloster in Norden, Aurich, S. 64</ref> | ||
==Wappen== | ==Wappen== | ||
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* siehe auch: [[Stadtchronik|Chronik der Stadt Norden]] | * siehe auch: [[Stadtchronik|Chronik der Stadt Norden]] | ||
===Frühzeit=== | === Frühzeit === | ||
Das Gebiet der heutigen Stadt Norden wurde nachweislich schon in der Mittelsteinzeit, viele tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung, besiedelt - vor allem von den Friesen, | Das Gebiet der heutigen Stadt Norden wurde nachweislich schon in der Mittelsteinzeit, viele tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung, besiedelt - vor allem von den Friesen, die vermutlich aus den heutigen Niederlanden einwanderten.<ref name=":18">Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2000): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 33</ref><ref name=":11">Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 7</ref> Aber auch Chauken und Sachsen waren hier sesshaft.<ref name=":10">Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 3</ref><ref name=":11" /> Während der Völkerwanderung seit dem 6. Jahrhundert wurden die Chauken mehr und mehr von den Friesen verdrängt. Die Menschen besiedelten zunächst die Gebiete auf der [[Norder Geestinsel]], die deutlich über den Meeresspiegel ragt und dadurch einen natürlichen Schutz vor Überflutungen bot. Die umliegenden [[Marsch|Marschgebiete]] wurden erst wesentlich später besiedelt bzw. [[Liste der Eindeichungen|eingedeicht]]. Es gibt jedoch Vermutungen, dass die fruchtbare Marsch vor dem 8. Jahrhundert, als der Meeresspiegel noch tiefer lag und damit kaum schwere Überflutungen eintraten, schon vor der [[Geest]] aufgrund des wesentlich fruchtbareren Bodens besiedelt war. Insbesondere konzentrierten sich derartige Siedlungen entlang der Wasserläufe an geografisch günstigen Stellen, wodurch erste Handelsplätze entstanden.<ref name=":18" /> | ||
1892 wurden die Kieshügel des [[Escher|Eschers]] für den Bau der [[Bahnstrecke Rheine-Norddeich Mole|Bahnstrecke nach Norddeich]] abgegraben, dabei stieß man auf Reste einer Siedlung aus dem 5. oder 6. Jahrhundert nach Christus. Forscher deuteten Teile der Fundstücke (Tongefäße und Scherben) als Reste einer Salzsiederei.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 7</ref> Auch beim Bau der [[Umgehungsstraße]] fanden Archäologen der Ostfriesischen Landschaft im [[Hooker]] (nahe des [[Goosbarg|Goosbargs]]) Reste einer Siedlung aus der Zeit zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert. Es handelte sich neben Gefäßen aus Keramik auch Hinweise auf einen Hochöfen, mit dem Eisen verhüttet wurde. Die Forscher schließen daraus auf ein reges handwerkliches Treiben, das sich nicht nur im Stadtkern, sondern auch im Norder Umland rege vollzog. | 1892 wurden die Kieshügel des [[Escher|Eschers]] für den Bau der [[Bahnstrecke Rheine-Norddeich Mole|Bahnstrecke nach Norddeich]] abgegraben, dabei stieß man auf Reste einer Siedlung aus dem 5. oder 6. Jahrhundert nach Christus. Forscher deuteten Teile der Fundstücke (Tongefäße und Scherben) als Reste einer Salzsiederei.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 7</ref> Auch beim Bau der [[Umgehungsstraße]] fanden Archäologen der Ostfriesischen Landschaft im [[Hooker]] (nahe des [[Goosbarg|Goosbargs]]) Reste einer Siedlung aus der Zeit zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert. Es handelte sich neben Gefäßen aus Keramik auch Hinweise auf einen Hochöfen, mit dem Eisen verhüttet wurde. Die Forscher schließen daraus auf ein reges handwerkliches Treiben, das sich nicht nur im Stadtkern, sondern auch im Norder Umland rege vollzog. | ||
Im Rahmen der Bauarbeiten zum in den Jahren 1996 bis 1997 im Umfeld von [[Hoog Ses]] erschlossenen Neubaugebiets brachten von der Archäologischen Forschungsstelle der Ostfriesischen Landschaft begleitete Grabungen neue Erkenntnisse über die dortige Siedlungsgeschichte hervor. Auf einer in den [[Süder Hooker]] vorspringenden [[Geest|Geestnase]] wurden mehrere Brunnen und Pfostenspuren von bäuerlichen Wirtschaftsgebäuden aus dem frühen bis späten Mittelalter gefunden. Hinzu kamen Tonscherben von Gefäßen, die in das 10. Jahrhundert datiert werden.<ref>Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2000): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 32</ref> | |||
Durch die günstige Lage am äußersten nordwestlichen Rand des Oldenburgisch-ostfriesischen [[Norder Geestinsel|Geestrückens]] hatte der Ort für viele Jahrhunderte Zugang zur See. Gehandelt wurde vor allem mit Vieh, Muschelkalk und Salz. Bis heute genießt Rindfleisch aus den Marschgebieten einen hervorragenden Ruf. Besonders dort, aber auch in Norden, gab es zudem mehrere [[Warft#Kalkwarf|Kalkwarfen]] sowie Salzsiedereien. Die Bedeutung als Marktort sowie die Erkenntnis, dass die [[Osterstraße|Oster]]- und [[Westerstraße]] als Reihensiedlung am vorgenannten Heerweg als erste besiedelt und noch vor dem [[Marktplatz]] errichtet wurden, spricht dafür, dass die Stadt geplant an diesem Heerweg entstanden ist.<ref name=":15">Rack, Eberhard (1967): Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden, Münster, S. 33</ref><ref>Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 9</ref><ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 9</ref> | |||
In der Folgezeit wuchsen die Bauerschaften des Norder Umlands um das Jahr 800 parallel zur Besiedlung in der heutigen Stadtmitte weiter zusammen, sodass Norden allmählich einen stadtähnlichen Charakter entwickelte. Mit dem Verschwinden der ortsnahen [[Gemeinweide|Gemeinweiden]] im 12. Jahrhundert bildete sich das Stadtbild weiter aus.<ref>Rack, Eberhard (1967): Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden, Münster, S. 32</ref> Das Gründungsdatum der Stadt Norden ist somit in der Zeit zwischen 800 und 1200 zu suchen. Als Gründer Nordens werden der mittelfriesische Graf Reginbert und sein Sohn Gerbert vermutet. Eine Stiftungsurkunde für Norden konnte jedoch noch nicht ermittelt werden. Ebenso fehlen Urkunden über die Erteilung des Markt- und Zollrechts.<ref>Rack, Eberhard (1967): Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden, Münster, S. 34</ref> | |||
===Mittelalter=== | |||
Nachdem das Reich der Friesen, beherrscht vom legendären Friesenkönig [[Radbodstraße|Radbod]], durch Karl Martell im Jahre 734 zerschlagen wurde, geriet Friesland unter die Herrschaft der Franken, die von Karl dem Großen endgültig vollzogen wurde.<ref name=":11" /> Neben einer christlichen Missionierung verfolgten die Franken in erster Linie politische Ziele zur Ausweitung ihres Machtbereichs. Der fränkische Missionar Luidger, nach dem die [[Ludgerikirche]] benannt wurde, sprach friesisch und konnte die Einheimischen von den Gedanken einer befürchteten ''Fremdherrschaft durch die Hintertür'' abbringen.<ref name=":10" /> Er hatte damit maßgeblichen Einfluss am Siegeszug des Christentums im bis dahin heidnischen Ostfriesland. | |||
Norden gehörte vermutlich zunächst politisch zum historischen Federgau, kirchlich wurde es anfangs dem Bistum Münster zugeordnet.<ref name=":10" /> Nach dem Einbruch der [[Leybucht]], die sich wahrscheinlich während einer schweren Sturmflut am 26. Dezember 838 bildete, verlor das [[Kirchspiel Norden]] ab dem 9. Jahrhundert nach und nach seine Verbindungen zum Federgau und wurde durch die geografische Trennung nun dem Bistum Bremen unterstellt.<ref name=":10" /><ref>[http://www.michaeltillheinze.de/f_k1989/f_k890223.htm#1 Fehntjer Kurier - Wer nicht will deichen, der muss weichen], abgerufen am 21. April 2021</ref> So entwickelte sich die Ansiedlung bis 1150 zu einem Vorort im Gau ''Nordendi'', der in etwa das Gebiet umfasste, das ab dem Hochmittelalter [[Norderland|Norder-]], Auricher- und Harlingerland genannt wurde. Im 11. und 12. Jahrhundert wurde die fränkische Grafschaftsverfassung von den Friesen weitgehend ausgehöhlt und der Großgau Nordendi brach auseinander. Norden wurde nun Hauptort des [[Norderland|Norderlandes]] und erhielt 1277 erstmals eine eigene Stadtverfassung.<ref name=":10" /> | |||
Der Ort war seinerzeit über eine hochwassersichere Verbindung auf der [[Geest]] mit Esens verbunden, das in [[Westgaste]] Endpunkt des ''Friesischen Heerwegs'' von Oldenburg war.<ref name=":15" /> Auch war Norden letzter Abschnitt des Westfälischen (von Süden kommend) und des Bremischen Heerwegs (von Osten kommend).<ref name=":10" /><ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 324</ref> Über den westfälischen Heerweg kamen nicht zuletzt auch viele arme westfälische Wanderarbeiter, die sich auf den Höfen der reichen Marschbauern eine Arbeit erhofften. Noch heute erinnert die [[Heerstraße]] mit ihrem Namen an den alten Heerweg gen Bremen. Hinzu kamen zahlreiche Wege an und auf Deichen, die als solche benutzt wurden. Viele Straßen in Norden verlaufen an oder auf alten Deichlinien, so etwa die [[Wurzeldeicher Straße]], die [[Landstraße]] oder der [[Altendeichsweg (Westermarsch)|Altendeichsweg]]. | |||
Am Rand der [[Norder Geestinsel|Geestinsel]] bildeten sich aus den früheren Handels- und Siedlungsplätzen im frühen Mittelalter die ersten Bauerschaften (Zusammenschlüsse mehrerer Höfe), die sich schließlich zu einer Gemeinde, der ''[[Sandbauerschaft]]'' (Geestbauerschaft), zusammenschlossen. Im Zentrum ihrer Bauerschaften errichteten sie spätestens in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts einen [[Marktplatz]], von dem aus sich das spätere Stadtgebiet entwickelte. Hier erbauten besonders vornehme Familien bzw. Geschlechter ihre Wohnhäuser und Burgen entstand. Fast alle [[Ostfriesische Häuptlinge|ostfriesischen Häuptlings- und Edelgeschlechter]] des [[Norderland|Norderlands]] haben ihre Wurzeln in Norden.<ref name=":10" /> Um ihre Außenhöfe zu schützen, entstanden [[Liste der Burgen und Wehrhäuser|mehrere Wehrhäuser]], die sich - wie die Sandbauerschaft selbst - in einem Dreiviertelring um die Stadt legten. Zugleich dienten die Häuser der Verteidigung der Stadt, denn eine Stadtmauer hatte es in Norden zu keiner Zeit gegeben. Nach den Edelgeschlechtern folgten spätestens im 15. Jahrhundert die wohlhabenden Bauern aus der [[Ostermarsch|Oster-]] und [[Westermarsch]], die vor allem durch Viehhandel zu ansehnlichem Wohlstand kamen und neben ihren Höfen auch ein Stadthaus am Marktplatz unterhielten.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 16</ref> | |||
[[Datei:Andreaskirche um 1530.jpg|mini|231x231px|Nicht zeitgenössische Zeichnung der [[Andreaskirche]] aus dem Jahr 1992 (Ostfriesische Landschaft, ''Emder Jahrbuch'').]] | [[Datei:Andreaskirche um 1530.jpg|mini|231x231px|Nicht zeitgenössische Zeichnung der [[Andreaskirche]] aus dem Jahr 1992 (Ostfriesische Landschaft, ''Emder Jahrbuch'').]] | ||
Ab etwa 1150 entstanden aus dem Zusammenschluss mehrere Bauerschaften und Orte sogenannte Landesgemeinden ([[Norderland]], Brookmerland, Harlingerland, ...). Die grundbesitzenden Einwohner wählten jeweils für ein Jahr einen ''Fürsprecher'' (lateinisch: ''consules''; friesisch: ''redjeven''), die den Frieden wahren und die Rechtsprechung führen sollten.<ref>Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2000): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 36</ref> Sie waren zudem zentrale Organe bei den friesischen Versammlungen am sogenannten ''Upstalsboom'' nahe Aurich. | |||
Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden erstmals steinerne Kirchen in Norden, die [[Andreaskirche]] war die erste von ihnen. Möglicherweise stand ihr Neubau im Zusammenhang mit dem Besuch des Bremer Erzbischofs Hildebold von Wunstorf, der die Stadt im Jahre 1271 besuchte, im [[Dominikanerkloster]] nächtigte und eine heilige Messe abgehalten haben soll.<ref name=":14" /> Trotz der erhöhten Lage der Kernstadt errichteten die Menschen eine künstliche [[Warft]], auf der sie die Andreaskirche bauten. Ihre Kirchtürme dienten über Jahrhunderte den Seefahrern bis hin zur Elbmündung als wichtiges Seezeichen, ehe sie 1531 von [[Balthasar von Esens]] gebrandschatzt wurde und in den Folgejahrzehnten verfiel. Mehrere Versuche, sie wieder aufzubauen, schlugen fehl. Noch 1217 sollen sich friesische Kreuzfahrer, darunter auch Angehörige der [[Idzinga]], hier getroffen haben, um gemeinsam ihren Weg zum Kreuzzug in das Heilige Land (''Fünfter Kreuzzug'' bzw. ''Kreuzzug von Damiette'') zu beginnen.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 179</ref> Aus dieser Legende heraus entstand der Name des späteren [[Gasthof Jerusalem|Gasthofs Jerusalem]]. Tatsächlich wurde 1956 bei Grabungsarbeiten zum Bau des [[Marktpavillon|Marktpavillons]] eine oströmische Kupfermünze aus dem 4. Jahrhundert gefunden, die offenbar von einem heimgekehrten Kreuzfahrer als Beute oder Andenken aus Antiochia (Syrien) mitgebracht und schließlich dort verloren wurde.<ref>Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2000): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 32</ref> | Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden erstmals steinerne Kirchen in Norden, die [[Andreaskirche]] war die erste von ihnen. Möglicherweise stand ihr Neubau im Zusammenhang mit dem Besuch des Bremer Erzbischofs Hildebold von Wunstorf, der die Stadt im Jahre 1271 besuchte, im [[Dominikanerkloster]] nächtigte und eine heilige Messe abgehalten haben soll.<ref name=":14" /> Trotz der erhöhten Lage der Kernstadt errichteten die Menschen eine künstliche [[Warft]], auf der sie die Andreaskirche bauten. Ihre Kirchtürme dienten über Jahrhunderte den Seefahrern bis hin zur Elbmündung als wichtiges Seezeichen, ehe sie 1531 von [[Balthasar von Esens]] gebrandschatzt wurde und in den Folgejahrzehnten verfiel. Mehrere Versuche, sie wieder aufzubauen, schlugen fehl. Noch 1217 sollen sich friesische Kreuzfahrer, darunter auch Angehörige der [[Idzinga]], hier getroffen haben, um gemeinsam ihren Weg zum Kreuzzug in das Heilige Land (''Fünfter Kreuzzug'' bzw. ''Kreuzzug von Damiette'') zu beginnen.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 179</ref> Aus dieser Legende heraus entstand der Name des späteren [[Gasthof Jerusalem|Gasthofs Jerusalem]]. Tatsächlich wurde 1956 bei Grabungsarbeiten zum Bau des [[Marktpavillon|Marktpavillons]] eine oströmische Kupfermünze aus dem 4. Jahrhundert gefunden, die offenbar von einem heimgekehrten Kreuzfahrer als Beute oder Andenken aus Antiochia (Syrien) mitgebracht und schließlich dort verloren wurde.<ref>Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2000): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 32</ref> | ||
[[Datei:Ludgerikirche Am Markt Marktplatz Glockenturm Kirche 1860.jpg|links|mini|264x264px|Die [[Ludgerikirche]] in der Zeit um 1860.]] | [[Datei:Ludgerikirche Am Markt Marktplatz Glockenturm Kirche 1860.jpg|links|mini|264x264px|Die [[Ludgerikirche]] in der Zeit um 1860.]] | ||
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===16. Jahrhundert=== | ===16. Jahrhundert=== | ||
Trotz dieser geografisch günstigen Gegebenheiten wurde die Stadt im Juni des Jahres 1514 während der [[Sächsische Fehde|Sächsischen Fehde]] von der ''Schwarzen Garde'', einem Söldnerheer geplündert und gebrandschatzt.<ref>Möhlmann, Günther (1959): Norder Annalen. Aufzeichnungen aus dem Dominikanerkloster in Norden, Aurich, S. 55</ref> Die genauen Verluste an Menschenleben und Gebäude lassen sich jedoch kaum mehr beziffern. | |||
1517 schlug Martin Luther die 95 Thesen an die Tore der Schlosskirche Wittenberg, in der er die Missstände in der katholischen Kirche aufzeigte. Bereits zwei Jahre später sendete er einen Mönch namens ''Stephani'' nach Norden, um seine Lehren im [[Kloster Norden|Dominikaner-]] und im [[Kloster Marienthal|Benediktinerkloster]] zu verbreiten. Die Reformation schritt in Norden zügig voran und fand bis in höchste Ebene Gehör. Nach ihrem Siegeszug die beiden (katholischen) Klöster säkularisiert (verweltlicht), aufgelöst und ihre Besitztümer konfisziert. Die Klosterinsassen verließen die Stadt, schlossen sich anderen Orden an oder konvertierten. Das Kloster Marienthal wurde nun als sogenanntes [[Gasthaus]] für die Armenpflege genutzt, auf dem Grund des Dominikanerklosters errichtete [[Enno II. Cirksena]] seinen Stammsitz. Der [[Fräuleinshof]] hatte bis zum Ende des [[Landkreis Norden]] im Jahre 1977 dauerhafte Bedeutung in der Herrschaft und Verwaltung, zuletzt als Sitz der Kreisverwaltung. | 1517 schlug Martin Luther die 95 Thesen an die Tore der Schlosskirche Wittenberg, in der er die Missstände in der katholischen Kirche aufzeigte. Bereits zwei Jahre später sendete er einen Mönch namens ''Stephani'' nach Norden, um seine Lehren im [[Kloster Norden|Dominikaner-]] und im [[Kloster Marienthal|Benediktinerkloster]] zu verbreiten. Die Reformation schritt in Norden zügig voran und fand bis in höchste Ebene Gehör. Nach ihrem Siegeszug die beiden (katholischen) Klöster säkularisiert (verweltlicht), aufgelöst und ihre Besitztümer konfisziert. Die Klosterinsassen verließen die Stadt, schlossen sich anderen Orden an oder konvertierten. Das Kloster Marienthal wurde nun als sogenanntes [[Gasthaus]] für die Armenpflege genutzt, auf dem Grund des Dominikanerklosters errichtete [[Enno II. Cirksena]] seinen Stammsitz. Der [[Fräuleinshof]] hatte bis zum Ende des [[Landkreis Norden]] im Jahre 1977 dauerhafte Bedeutung in der Herrschaft und Verwaltung, zuletzt als Sitz der Kreisverwaltung. | ||
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Im Jahr 1531 verwüstete ein Heerhaufen des Häuptlings [[Balthasar von Esens]] die unbefestigte Stadt. Seine Truppen zerstörten unter anderem den Vorgängerbau des [[Altes Rathaus|Alten Rathauses]], die beiden Klöster und die [[Andreaskirche]]. Balthasar galt als unbeherrschter, streitsüchtiger Zeitgenosse, der seine Männer sogar nach seinem Abzug noch einmal zurück in die brennende Andreaskirche schickte, da der Turm noch nicht in Brand geraten war. Sie starben dort einen qualvollen Feuertod. Anhand seiner Zerstörungswut wird ersichtlich, dass Balthasar es nur auf die Stadt und die Cirksenas abgesehen hatte, da er beispielsweise die [[Ludgerikirche]], die Kirche der Norder Umlandgemeinden, unbeschadet ließ. Nach dem Wiederaufbau Nordens gab [[Enno II. Cirksena|Graf Enno II.]] dem Ort mit den [[Instituta Nordana]] eine Stadtordnung (1535), die aufgrund der historischen Bedeutung des Wortes auch ''Polizeiordnung'' genannt wurde. | Im Jahr 1531 verwüstete ein Heerhaufen des Häuptlings [[Balthasar von Esens]] die unbefestigte Stadt. Seine Truppen zerstörten unter anderem den Vorgängerbau des [[Altes Rathaus|Alten Rathauses]], die beiden Klöster und die [[Andreaskirche]]. Balthasar galt als unbeherrschter, streitsüchtiger Zeitgenosse, der seine Männer sogar nach seinem Abzug noch einmal zurück in die brennende Andreaskirche schickte, da der Turm noch nicht in Brand geraten war. Sie starben dort einen qualvollen Feuertod. Anhand seiner Zerstörungswut wird ersichtlich, dass Balthasar es nur auf die Stadt und die Cirksenas abgesehen hatte, da er beispielsweise die [[Ludgerikirche]], die Kirche der Norder Umlandgemeinden, unbeschadet ließ. Nach dem Wiederaufbau Nordens gab [[Enno II. Cirksena|Graf Enno II.]] dem Ort mit den [[Instituta Nordana]] eine Stadtordnung (1535), die aufgrund der historischen Bedeutung des Wortes auch ''Polizeiordnung'' genannt wurde. | ||
Nach dem Tode von Enno II. regierte zunächst seine Ehefrau, [[Anna von Oldenburg]], vormundschaftlich für die Söhne über die Stadt. Dieser Umstand erwies sich als überaus förderlich für die weitere Entwicklung, denn zweifellos kann die kluge und weitsichtige Gräfin Anna als eine der bedeutendsten Frauen in der Geschichte der Stadt Norden angesehen werden. Unter ihrer Regentschaft blühte Norden auf. Sie förderte das Schulwesen, die Armenfürsorge und begann die Rückgewinnung des im 14. Jahrhunderts verlorenen [[Süderneuland|Süderneulandes]] durch [[Liste der Eindeichungen|mehrere Eindeichungen]]. Der [[Norder Hafen]] reichte zu dieser Zeit noch in etwa bis zur heutigen Straße [[Am Alten Siel]]. Nachfolgend wird die Deichlinie immer weiter nach Süden verlagert, wodurch das [[Süderneuland]] entsteht.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 43</ref> Auch in der [[Westermarsch]] förderte sie die Eindeichung neuer bzw. verlorener Ländereien. Hier ließ sie den [[Alter Süderdeich|Alten Süderdeich]], durch den 578 Hektar fruchtbaren Landes urbargemacht werden konnten, errichten. Das Gebiet wird bis heute als [[Westermarscher Altes Neuland|(Altes) Westermarscher Neuland]] bezeichnet. An den Deich erinnert noch heute der [[Altendeichsweg (Westermarsch)|Altendeichsweg]], der auf der damaligen Deichlinie verläuft. | Nach dem Tode von Enno II. im Jahre 1540 regierte zunächst seine Ehefrau, [[Anna von Oldenburg]], vormundschaftlich für die Söhne über die Stadt. Dieser Umstand erwies sich als überaus förderlich für die weitere Entwicklung, denn zweifellos kann die kluge und weitsichtige Gräfin Anna als eine der bedeutendsten Frauen in der Geschichte der Stadt Norden angesehen werden. Unter ihrer Regentschaft blühte Norden auf. Sie förderte das Schulwesen, die Armenfürsorge und begann die Rückgewinnung des im 14. Jahrhunderts verlorenen [[Süderneuland|Süderneulandes]] durch [[Liste der Eindeichungen|mehrere Eindeichungen]]. Der [[Norder Hafen]] reichte zu dieser Zeit noch in etwa bis zur heutigen Straße [[Am Alten Siel]]. Nachfolgend wird die Deichlinie immer weiter nach Süden verlagert, wodurch das [[Süderneuland]] entsteht.<ref>Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 43</ref> Auch in der [[Westermarsch]] förderte sie die Eindeichung neuer bzw. verlorener Ländereien. Hier ließ sie den [[Alter Süderdeich|Alten Süderdeich]], durch den 578 Hektar fruchtbaren Landes urbargemacht werden konnten, errichten. Das Gebiet wird bis heute als [[Westermarscher Altes Neuland|(Altes) Westermarscher Neuland]] bezeichnet. An den Deich erinnert noch heute der [[Altendeichsweg (Westermarsch)|Altendeichsweg]], der auf der damaligen Deichlinie verläuft. | ||
Während des ''Achtzigjährigen Krieges'' (1568 bis 1648) verlassen unzählige Niederländer als Glaubensflüchtlinge ihre Heimat, da sie der Verfolgung der katholischen Habsburger-Dynastie ausgesetzt sind. Wie keine andere Region profitierte Ostfriesland, vor allem Emden, von den niederländischen Flüchtlingen. Neben zahlreichen Gelehrten kamen eine Vielzahl von Kaufleuten ins Land, die über weitverzweigte Handelsverbindungen verfügen. Eine Vielzahl der ersten Schuldirektoren, so auch am [[Ulrichsgymnasium]], waren niederländischer Herkunft. Auch dominierten niederländische Theologen lange Zeit die Gottesdienste in der [[Ludgerikirche]]. Die Geschichten Ostfrieslands und der Niederlande sind seit jeher untrennbar miteinander verbunden und auch die kulturellen und gesellschaftlichen Gemeinsamkeiten stärkten sich dadurch weiter. | Während des ''Achtzigjährigen Krieges'' (1568 bis 1648) verlassen unzählige Niederländer als Glaubensflüchtlinge ihre Heimat, da sie der Verfolgung der katholischen Habsburger-Dynastie ausgesetzt sind. Wie keine andere Region profitierte Ostfriesland, vor allem Emden, von den niederländischen Flüchtlingen. Neben zahlreichen Gelehrten kamen eine Vielzahl von Kaufleuten ins Land, die über weitverzweigte Handelsverbindungen verfügen. Eine Vielzahl der ersten Schuldirektoren, so auch am [[Ulrichsgymnasium]], waren niederländischer Herkunft. Auch dominierten niederländische Theologen lange Zeit die Gottesdienste in der [[Ludgerikirche]]. Die Geschichten Ostfrieslands und der Niederlande sind seit jeher untrennbar miteinander verbunden und auch die kulturellen und gesellschaftlichen Gemeinsamkeiten stärkten sich dadurch weiter. | ||
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Zum 1. April 1919 wird die [[Sandbauerschaft]] nach Norden eingemeindet, wodurch das Stadtgebiet und die Einwohnerzahl beträchtlich von etwa 0,9 auf 14 Quadratkilometer wuchs. Bereits zuvor hatte die Stadt immer wieder Landflächen von der Sandbauerschaft erworben, um ihr eigenes Stadtgebiet zu erweitern; so etwa 1893 mit einem kleinen Areal am südlichen [[Burggraben]], um hier die [[Gaswerk|Gasanstalt]] und den [[Schlachthof]] errichten zu können. Kurz vor der Jahrhundertwende wurde das Stadtgebiet in nördliche Richtung erweitert, nicht zuletzt, damit der [[Neuer Friedhof|Neue Friedhof]] auf offiziellem Stadtgrund liegen konnte. Die Grenze reichte damals bis etwa zur Straße [[Am Sportplatz]].<ref name=":12">Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 30</ref> | Zum 1. April 1919 wird die [[Sandbauerschaft]] nach Norden eingemeindet, wodurch das Stadtgebiet und die Einwohnerzahl beträchtlich von etwa 0,9 auf 14 Quadratkilometer wuchs. Bereits zuvor hatte die Stadt immer wieder Landflächen von der Sandbauerschaft erworben, um ihr eigenes Stadtgebiet zu erweitern; so etwa 1893 mit einem kleinen Areal am südlichen [[Burggraben]], um hier die [[Gaswerk|Gasanstalt]] und den [[Schlachthof]] errichten zu können. Kurz vor der Jahrhundertwende wurde das Stadtgebiet in nördliche Richtung erweitert, nicht zuletzt, damit der [[Neuer Friedhof|Neue Friedhof]] auf offiziellem Stadtgrund liegen konnte. Die Grenze reichte damals bis etwa zur Straße [[Am Sportplatz]].<ref name=":12">Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 30</ref> | ||
1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, um Ansprüche aus dem Versailler Vertrag gewaltsam durchzusetzen. In der Folge fliehen viele Deutsche aus dem Ruhrgebiet oder werden vertrieben. Einige von ihnen finden in Norden eine Unterkunft, die meisten von ihnen kehren jedoch nach dem Abzug der fremden Streitkräfte im Jahr 1925 wieder in ihre Heimat zurück. Ebenso im Jahr 1923 erreicht die Inflation ihren absoluten Höhepunkt und ebbte erst nach der Währungsreform vom 15. November des Jahres ab. | 1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, um Ansprüche aus dem Versailler Vertrag gewaltsam durchzusetzen. In der Folge fliehen viele Deutsche aus dem Ruhrgebiet oder werden vertrieben. Einige von ihnen finden in Norden eine Unterkunft, die meisten von ihnen kehren jedoch nach dem Abzug der fremden Streitkräfte im Jahr 1925 wieder in ihre Heimat zurück. Ebenso im Jahr 1923 erreicht die Inflation ihren absoluten Höhepunkt und ebbte erst nach der Währungsreform vom 15. November des Jahres ab. Diese Missstände führen dazu, dass die im gleichen Jahr gegründete [[NSDAP Ortsgruppe Norden]] auf einen ideologisch nahrhaften Boden stößt.<ref>Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2000): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 45</ref> | ||
Spätestens im Jahre 1927, vereinzelt schon vorher, wird das judenfeindliche Klima in der Stadt immer rauer. Im genannten Jahr kommt es zur Gründung eines NSDAP-Ortsverbandes für Norden. Ein Jahr später wird eine Abteilung der Sturmabteilung (SA) gegründet. Noch ein Jahr später weist die Stadt auch eine Gruppe der Hitlerjugend auf.<ref name=":13">Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 6</ref> Durch Eindeichung weiterer Ländereien entsteht 1928 bis 1929 der Ort [[Neuwesteel]] (anfangs ''Süderpolder'' genannt), zunächst noch als eigenständige Gemeinde. Zur Entwässerung der neuen Ländereien wird der Bau [[Leybuchtsiel|eines Siels]] erforderlich. Norden verliert dadurch endgültig seinen Zugang zum offenen Meer und der [[Norder Hafen]] damit an Bedeutung. Der Siegeszug des [[Norddeicher Hafen|Norddeicher Hafens]] beginnt, wenngleich dieser langsam erfolgt, da der Norddeicher Hafen lange Zeit nur über Priele angefahren werden konnte. | Spätestens im Jahre 1927, vereinzelt schon vorher, wird das judenfeindliche Klima in der Stadt immer rauer. Im genannten Jahr kommt es zur Gründung eines NSDAP-Ortsverbandes für Norden. Ein Jahr später wird eine Abteilung der Sturmabteilung (SA) gegründet. Noch ein Jahr später weist die Stadt auch eine Gruppe der Hitlerjugend auf.<ref name=":13">Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 6</ref> Durch Eindeichung weiterer Ländereien entsteht 1928 bis 1929 der Ort [[Neuwesteel]] (anfangs ''Süderpolder'' genannt), zunächst noch als eigenständige Gemeinde. Zur Entwässerung der neuen Ländereien wird der Bau [[Leybuchtsiel|eines Siels]] erforderlich. Norden verliert dadurch endgültig seinen Zugang zum offenen Meer und der [[Norder Hafen]] damit an Bedeutung. Der Siegeszug des [[Norddeicher Hafen|Norddeicher Hafens]] beginnt, wenngleich dieser langsam erfolgt, da der Norddeicher Hafen lange Zeit nur über Priele angefahren werden konnte. | ||