Stadt Norden: Unterschied zwischen den Versionen
Keine Bearbeitungszusammenfassung |
|||
| Zeile 28: | Zeile 28: | ||
==Namensherkunft== | ==Namensherkunft== | ||
Es herrscht Uneinigkeit darüber, woher die Stadt Norden ihren Namen erhalten hat. Allgemeiner Konsens ist, dass sich der Name auf die nördliche Lage der Stadt bezieht und sie so zu ihrem Namen gekommen ist. Der älteste Beleg ist ''Nordedi'' (787, jedoch in fehlerhafter Abschrift); um 860 wird die Gegend Nordwidu (''Norder Wald''), später Nordwiede und Nordwicum sowie lateinisch ''Oppidum Norda'' und ''Urbem Nordanam'' genannt. Grundlage des Ortsnamens ist das altsächsische ''norð'' bzw. altfriesische ''north'' (''Norden'').<ref>Niemeyer, Manfred (2012): Deutsches Ortsnamenbuch, Berlin, S. 456 | Es herrscht Uneinigkeit darüber, woher die Stadt Norden ihren Namen erhalten hat. Allgemeiner Konsens ist, dass sich der Name primär auf die nördliche Lage der Stadt bezieht und sie so zu ihrem Namen gekommen ist. Der älteste Beleg ist ''Nordedi'' (787, jedoch in fehlerhafter Abschrift); um 860 wird die Gegend Nordwidu (''Norder Wald''), später ''Nordwiede'' und ''Nordwicum'' sowie lateinisch ''Oppidum Norda'' und ''Urbem Nordanam'' genannt. Grundlage des Ortsnamens ist das altsächsische ''norð'' bzw. altfriesische ''north'' (''Norden'').<ref>Niemeyer, Manfred (2012): Deutsches Ortsnamenbuch, Berlin, S. 456</ref> Möglicherweise ist auch das 1124 in einer Urkunde genannte ''Nertin'' auf Norden zu beziehen. Die heutige Schreibweise ''Norden'' ist in jedem Fall seit dem Jahr 1409 nachweisbar. | ||
Wenngleich es nicht absolut gesichert ist, liegt es nahe, dass | [[Gerrit van Norden]] berichtete hingegen in den [[Norder Annalen]] für das Jahr 1314, dass Norden in alter Zeit ''Morstatia'' genannt wurde.<ref name=":14">Möhlmann, Günther (1959): Norder Annalen. Aufzeichnungen aus dem Dominikanerkloster in Norden, Aurich, S. 31</ref> Dies ist jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach eine Fehlinterpretation einer Benennung des Bistums Bremen, die den Bereich um Norden auch ''Nordi atque Morseti'' (''Norden und Moorgebiet'') nannte, wobei mit ''Morseti'' vermutlich das früher von Sümpfen dominierte Auricherland gemeint war.<ref>Möhlmann, Günther (1959): Norder Annalen. Aufzeichnungen aus dem Dominikanerkloster in Norden, Aurich, S. 64</ref> | ||
Wenngleich es nicht absolut gesichert ist, liegt es nahe, dass die Stadt als Örtlichkeit in den Zusammenhang mit der [[Schlacht von Nordendi]] fällt. Die Schlacht war ein wichtiger Sieg der Friesen über die plündernden, die friesischen Gewässer heimsuchenden Wikinger und Gründungsmythos der [[Theelacht]]. | |||
==Wappen== | ==Wappen== | ||
[[Datei:Stadtwappen Schild.jpg|mini|133x133px|Das Wappen der [[Idzinga]] wurde in das [[Stadtwappen]] aufgenommen.]] | |||
Das [[Stadtwappen|Norder Stadtwappen]] zeigt auf einem blauen Schild drei goldene sechsstrahlige Sporenräder im Verhältnis 2 (oben) zu 1 (unten), Oberwappen mit Laubkrone auf dem Schild und als Schildhalter die bemäntelte Figur des heiligen Andreas. Im Wesentlichen geht das Wappen auf das älteste, bekannte [[Stadtsiegel]] aus dem Jahre 1498 zurück und wurde in den nachfolgenden Jahrhunderten eher marginal geändert. | Das [[Stadtwappen|Norder Stadtwappen]] zeigt auf einem blauen Schild drei goldene sechsstrahlige Sporenräder im Verhältnis 2 (oben) zu 1 (unten), Oberwappen mit Laubkrone auf dem Schild und als Schildhalter die bemäntelte Figur des heiligen Andreas. Im Wesentlichen geht das Wappen auf das älteste, bekannte [[Stadtsiegel]] aus dem Jahre 1498 zurück und wurde in den nachfolgenden Jahrhunderten eher marginal geändert. | ||
| Zeile 401: | Zeile 404: | ||
Nachbargemeinden auf dem Festland sind (im Uhrzeigersinn von Ost nach Südwest) die Gemeinden Hagermarsch, Lütetsburg und Halbemond (alle Teil der Samtgemeinde Hage), Leezdorf und Osteel (Samtgemeinde Brookmerland) sowie die Gemeinde Krummhörn. Eine Besonderheit der Grenze zur Gemeinde Leezdorf liegt darin, dass sie nur gut eine Straßenbreite beträgt: Norden und Leezdorf treffen am [[Schwarzer Weg|Schwarzen Weg]] aufeinander, die nördlichen und südlichen Straßenseiten gehören jedoch zu den Gemeinden Halbemond und Osteel. | Nachbargemeinden auf dem Festland sind (im Uhrzeigersinn von Ost nach Südwest) die Gemeinden Hagermarsch, Lütetsburg und Halbemond (alle Teil der Samtgemeinde Hage), Leezdorf und Osteel (Samtgemeinde Brookmerland) sowie die Gemeinde Krummhörn. Eine Besonderheit der Grenze zur Gemeinde Leezdorf liegt darin, dass sie nur gut eine Straßenbreite beträgt: Norden und Leezdorf treffen am [[Schwarzer Weg|Schwarzen Weg]] aufeinander, die nördlichen und südlichen Straßenseiten gehören jedoch zu den Gemeinden Halbemond und Osteel. | ||
[[Datei:Geest Marsch Moor.jpg|links|mini|243x243px|Die [[Norder Geestinsel]] auf einer Karte aus dem 14. Jahrhundert.]] | |||
Norden ist neben der Kreisstadt Aurich das zweite Mittelzentrum des Landkreises Aurich. Das Einzugsgebiet ist durch die Natur eingeschränkt, da sich im Norden, Westen und Südwesten das Wattenmeer befindet. Allerdings spielt Norden für die Versorgung der vorgelagerten Inseln Juist und Norderney mit dem [[Norddeicher Hafen]] sowie - in kleinerem Rahmen - auch dem [[Flugplatz|Flugplatz Westerloog]] eine wichtige Rolle. Als Einkaufsstadt tritt Norden insbesondere in Konkurrenz zu Aurich und Emden. | Norden ist neben der Kreisstadt Aurich das zweite Mittelzentrum des Landkreises Aurich. Das Einzugsgebiet ist durch die Natur eingeschränkt, da sich im Norden, Westen und Südwesten das Wattenmeer befindet. Allerdings spielt Norden für die Versorgung der vorgelagerten Inseln Juist und Norderney mit dem [[Norddeicher Hafen]] sowie - in kleinerem Rahmen - auch dem [[Flugplatz|Flugplatz Westerloog]] eine wichtige Rolle. Als Einkaufsstadt tritt Norden insbesondere in Konkurrenz zu Aurich und Emden. | ||
| Zeile 412: | Zeile 415: | ||
Da weite Teile des Stadtgebiets nur unwesentlich über dem Meeresspiegel liegen, muss das Land kontinuierlich entwässert werden. Zuständig ist der [[Entwässerungsverband Norden]]. Das [[Norder Tief]], früher Fahrwasser des [[Norder Hafen|Norder Hafens]], spielt dabei eine bedeutende, überörtliche Rolle. Über die Schöpfwerke [[Leybuchtsiel]] und [[Leysiel]] entwässert es in die [[Leybucht]] und dadurch in die Nordsee. Diese Vielzahl an Gräben und die ständige Entwässerung machen eine Besiedlung der Region überhaupt erst möglich. Neben dem Norder Tief und seinen zahlreichen Zuflüssen, wie dem [[Addinggaster Tief]] oder dem [[Langhauser Tief]], prägen noch eine Vielzahl von kleinen und größeren Entwässerungsgräben die Landschaft um Norden - wie auch im Rest von Ostfriesland. | Da weite Teile des Stadtgebiets nur unwesentlich über dem Meeresspiegel liegen, muss das Land kontinuierlich entwässert werden. Zuständig ist der [[Entwässerungsverband Norden]]. Das [[Norder Tief]], früher Fahrwasser des [[Norder Hafen|Norder Hafens]], spielt dabei eine bedeutende, überörtliche Rolle. Über die Schöpfwerke [[Leybuchtsiel]] und [[Leysiel]] entwässert es in die [[Leybucht]] und dadurch in die Nordsee. Diese Vielzahl an Gräben und die ständige Entwässerung machen eine Besiedlung der Region überhaupt erst möglich. Neben dem Norder Tief und seinen zahlreichen Zuflüssen, wie dem [[Addinggaster Tief]] oder dem [[Langhauser Tief]], prägen noch eine Vielzahl von kleinen und größeren Entwässerungsgräben die Landschaft um Norden - wie auch im Rest von Ostfriesland. | ||
Wie die meisten der zum größten Teil in der Marsch gelegenen Orte ist Norden nur äußerst spärlich bewaldet. Ursächlich dafür ist, dass diese Gebiete bis vor wenigen hundert Jahren noch [[Liste der Eindeichungen|unter Wasser standen]] und nie eine wesentliche Aufforstung erfahren haben. Nennenswerte Waldflächen finden sich praktisch nur auf der [[Geest]] sowie in der Nachbargemeinde Lütetsburg. | Wie die meisten der zum größten Teil in der Marsch gelegenen Orte ist Norden nur äußerst spärlich bewaldet. Ursächlich dafür ist, dass diese Gebiete bis vor wenigen hundert Jahren noch [[Liste der Eindeichungen|unter Wasser standen]] und nie eine wesentliche Aufforstung erfahren haben. Nennenswerte Waldflächen finden sich praktisch nur auf der [[Geest]] sowie in der Nachbargemeinde Lütetsburg, wobei auch diese zu großen Teilen im Mittelalter gerodet wurden. | ||
==Gliederung== | ==Gliederung== | ||
| Zeile 443: | Zeile 446: | ||
Nachdem das Reich der Friesen, beherrscht vom legendären Friesenkönig [[Radbodstraße|Radbod]], durch Karl Martell im Jahre 734 zerschlagen wurde, geriet Friesland unter die Herrschaft der Franken, die von Karl dem Großen endgültig vollzogen wurde.<ref name=":11">Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 7</ref> Neben einer christlichen Missionierung verfolgten die Franken in erster Linie politische Ziele zur Ausweitung ihres Machtbereichs. Der fränkische Missionar Luidger, nach dem die [[Ludgerikirche]] benannt wurde, sprach friesisch und konnte die Einheimischen von den Gedanken einer befürchteten ''Fremdherrschaft durch die Hintertür'' abbringen.<ref name=":10" /> Er hatte damit maßgeblichen Einfluss am Siegeszug des Christentums im bis dahin heidnischen Ostfriesland. | Nachdem das Reich der Friesen, beherrscht vom legendären Friesenkönig [[Radbodstraße|Radbod]], durch Karl Martell im Jahre 734 zerschlagen wurde, geriet Friesland unter die Herrschaft der Franken, die von Karl dem Großen endgültig vollzogen wurde.<ref name=":11">Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 7</ref> Neben einer christlichen Missionierung verfolgten die Franken in erster Linie politische Ziele zur Ausweitung ihres Machtbereichs. Der fränkische Missionar Luidger, nach dem die [[Ludgerikirche]] benannt wurde, sprach friesisch und konnte die Einheimischen von den Gedanken einer befürchteten ''Fremdherrschaft durch die Hintertür'' abbringen.<ref name=":10" /> Er hatte damit maßgeblichen Einfluss am Siegeszug des Christentums im bis dahin heidnischen Ostfriesland. | ||
Am Rand der [[Norder Geestinsel|Geestinsel]] bildeten sich einzelne Bauerschaften (Zusammenschlüsse mehrerer Höfe), die sich später zu einer Gemeinde, der ''[[Sandbauerschaft]]'' (Geestbauerschaft), zusammenschlossen. Im Zentrum ihrer Bauerschaften errichteten sie einen [[Marktplatz]], von dem aus sich das spätere Stadtgebiet entwickelte. Hier erbauten besonders vornehme Familien bzw. Geschlechter ihre Wohnhäuser und Burgen entstand. Fast alle [[Ostfriesische Häuptlinge|ostfriesischen Häuptlings- und Edelgeschlechter]] des [[Norderland|Norderlands]] haben ihre Wurzeln in Norden.<ref name=":10" /> Nach den Edelgeschlechtern folgten spätestens im 15. Jahrhundert die wohlhabenden Bauern aus der [[Ostermarsch|Oster-]] und [[Westermarsch]], die vor allem durch Viehhandel zu ansehnlichem Wohlstand kamen und neben ihren Höfen auch ein Stadthaus am Marktplatz unterhielten.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 16</ref> In der Folgezeit wuchsen die Bauerschaften des Norder Umlands um das Jahr 800 parallel zur Besiedlung um den Marktplatz weiter zusammen, sodass Norden allmählich einen stadtähnlichen Charakter entwickelte. Mit dem Verschwinden der ortsnahen [[Gemeinweide|Gemeinweiden]] im 12. Jahrhundert bildete sich das Stadtbild weiter aus.<ref>Rack, Eberhard (1967): Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden, Münster, S. 32</ref> Das Gründungsdatum der Stadt Norden ist somit in der Zeit zwischen 800 und 1200 zu suchen. Als Gründer Nordens werden der mittelfriesische Graf Reginbert und sein Sohn Gerbert vermutet. Eine Stiftungsurkunde für Norden konnte jedoch noch nicht ermittelt werden. Ebenso fehlen Urkunden über die Erteilung des Markt- und Zollrechts.<ref>Rack, Eberhard (1967): Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden, Münster, S. 34</ref> | Am Rand der [[Norder Geestinsel|Geestinsel]] bildeten sich einzelne Bauerschaften (Zusammenschlüsse mehrerer Höfe), die sich später zu einer Gemeinde, der ''[[Sandbauerschaft]]'' (Geestbauerschaft), zusammenschlossen. Im Zentrum ihrer Bauerschaften errichteten sie spätestens in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts einen [[Marktplatz]], von dem aus sich das spätere Stadtgebiet entwickelte. Hier erbauten besonders vornehme Familien bzw. Geschlechter ihre Wohnhäuser und Burgen entstand. Fast alle [[Ostfriesische Häuptlinge|ostfriesischen Häuptlings- und Edelgeschlechter]] des [[Norderland|Norderlands]] haben ihre Wurzeln in Norden.<ref name=":10" /> Nach den Edelgeschlechtern folgten spätestens im 15. Jahrhundert die wohlhabenden Bauern aus der [[Ostermarsch|Oster-]] und [[Westermarsch]], die vor allem durch Viehhandel zu ansehnlichem Wohlstand kamen und neben ihren Höfen auch ein Stadthaus am Marktplatz unterhielten.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 16</ref> In der Folgezeit wuchsen die Bauerschaften des Norder Umlands um das Jahr 800 parallel zur Besiedlung um den Marktplatz weiter zusammen, sodass Norden allmählich einen stadtähnlichen Charakter entwickelte. Mit dem Verschwinden der ortsnahen [[Gemeinweide|Gemeinweiden]] im 12. Jahrhundert bildete sich das Stadtbild weiter aus.<ref>Rack, Eberhard (1967): Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden, Münster, S. 32</ref> Das Gründungsdatum der Stadt Norden ist somit in der Zeit zwischen 800 und 1200 zu suchen. Als Gründer Nordens werden der mittelfriesische Graf Reginbert und sein Sohn Gerbert vermutet. Eine Stiftungsurkunde für Norden konnte jedoch noch nicht ermittelt werden. Ebenso fehlen Urkunden über die Erteilung des Markt- und Zollrechts.<ref>Rack, Eberhard (1967): Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden, Münster, S. 34</ref> | ||
Der Ort war seinerzeit über eine hochwassersichere Verbindung auf der [[Geest]] mit Esens verbunden, das in [[Westgaste]] Endpunkt des ''Friesischen Heerwegs'' von Oldenburg war.<ref name=":15">Rack, Eberhard (1967): Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden, Münster, S. 33</ref> Auch war Norden letzter Abschnitt des Westfälischen (von Süden kommend) und des Bremischen Heerwegs (von Osten kommend).<ref name=":10" /><ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 324</ref> Über den westfälischen Heerweg kamen nicht zuletzt auch viele arme westfälische Wanderarbeiter, die sich auf den Höfen der reichen Marschbauern eine Arbeit erhofften. Noch heute erinnert die [[Heerstraße]] mit ihrem Namen an den alten Heerweg gen Bremen. Hinzu kamen zahlreiche Wege an und auf Deichen, die als solche benutzt wurden. Viele Straßen in Norden verlaufen an oder auf alten Deichlinien, so etwa die [[Wurzeldeicher Straße]], die [[Landstraße]] oder der [[Altendeichsweg (Westermarsch)|Altendeichsweg]]. | Der Ort war seinerzeit über eine hochwassersichere Verbindung auf der [[Geest]] mit Esens verbunden, das in [[Westgaste]] Endpunkt des ''Friesischen Heerwegs'' von Oldenburg war.<ref name=":15">Rack, Eberhard (1967): Besiedlung und Siedlung des Altkreises Norden, Münster, S. 33</ref> Auch war Norden letzter Abschnitt des Westfälischen (von Süden kommend) und des Bremischen Heerwegs (von Osten kommend).<ref name=":10" /><ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 324</ref> Über den westfälischen Heerweg kamen nicht zuletzt auch viele arme westfälische Wanderarbeiter, die sich auf den Höfen der reichen Marschbauern eine Arbeit erhofften. Noch heute erinnert die [[Heerstraße]] mit ihrem Namen an den alten Heerweg gen Bremen. Hinzu kamen zahlreiche Wege an und auf Deichen, die als solche benutzt wurden. Viele Straßen in Norden verlaufen an oder auf alten Deichlinien, so etwa die [[Wurzeldeicher Straße]], die [[Landstraße]] oder der [[Altendeichsweg (Westermarsch)|Altendeichsweg]]. | ||
Durch die günstige Lage am äußersten nordwestlichen Rand des Oldenburgisch-ostfriesischen [[Norder Geestinsel|Geestrückens]] hatte der Ort für viele Jahrhunderte Zugang zur See. Gehandelt wurde vor allem mit Vieh, Muschelkalk und Salz. Bis heute genießt Rindfleisch aus den Marschgebieten einen hervorragenden Ruf. Besonders dort, aber auch in Norden, gab es zudem mehrere [[Warft#Kalkwarf|Kalkwarfen]] sowie Salzsiedereien. Die Bedeutung als Marktort sowie die Erkenntnis, dass die [[Osterstraße|Oster]]- und [[Westerstraße]] als Reihensiedlung am vorgenannten Heerweg als erste besiedelt und noch vor dem | Durch die günstige Lage am äußersten nordwestlichen Rand des Oldenburgisch-ostfriesischen [[Norder Geestinsel|Geestrückens]] hatte der Ort für viele Jahrhunderte Zugang zur See. Gehandelt wurde vor allem mit Vieh, Muschelkalk und Salz. Bis heute genießt Rindfleisch aus den Marschgebieten einen hervorragenden Ruf. Besonders dort, aber auch in Norden, gab es zudem mehrere [[Warft#Kalkwarf|Kalkwarfen]] sowie Salzsiedereien. Die Bedeutung als Marktort sowie die Erkenntnis, dass die [[Osterstraße|Oster]]- und [[Westerstraße]] als Reihensiedlung am vorgenannten Heerweg als erste besiedelt und noch vor dem [[Marktplatz]] errichtet wurden, spricht dafür, dass die Stadt in ihrem Umfeld entstanden ist.<ref name=":15" /><ref>Canzler, Gerhard (1989): Handel und Wandel, Norden, S. 9</ref><ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 9</ref> | ||
===Mittelalter=== | ===Mittelalter=== | ||
Norden gehörte vermutlich zunächst politisch zum historischen Federgau, kirchlich wurde es anfangs dem Bistum Münster zugeordnet.<ref name=":10" /> Nach dem Einbruch der [[Leybucht]], die sich wahrscheinlich während einer schweren Sturmflut am 26. Dezember 838 bildete, verlor das [[Kirchspiel Norden]] ab dem 9. Jahrhundert nach und nach seine Verbindungen zum Federgau und wurde durch die geografische Trennung nun dem Bistum Bremen unterstellt.<ref name=":10" /><ref>[http://www.michaeltillheinze.de/f_k1989/f_k890223.htm#1 Fehntjer Kurier - Wer nicht will deichen, der muss weichen], abgerufen am 21. April 2021</ref> So entwickelte sich die Ansiedlung bis 1150 zu einem Vorort im Gau ''Nordendi'', der in etwa das Gebiet umfasste, das ab dem Hochmittelalter [[Norderland|Norder-]], Auricher- und Harlingerland genannt wurde. Im 11. und 12. Jahrhundert wurde die fränkische Grafschaftsverfassung von den Friesen weitgehend ausgehöhlt und der Großgau Nordendi brach auseinander. Norden wurde nun Hauptort des [[Norderland|Norderlandes]] und erhielt 1277 erstmals eine eigene Stadtverfassung.<ref name=":10" /> | Norden gehörte vermutlich zunächst politisch zum historischen Federgau, kirchlich wurde es anfangs dem Bistum Münster zugeordnet.<ref name=":10" /> Nach dem Einbruch der [[Leybucht]], die sich wahrscheinlich während einer schweren Sturmflut am 26. Dezember 838 bildete, verlor das [[Kirchspiel Norden]] ab dem 9. Jahrhundert nach und nach seine Verbindungen zum Federgau und wurde durch die geografische Trennung nun dem Bistum Bremen unterstellt.<ref name=":10" /><ref>[http://www.michaeltillheinze.de/f_k1989/f_k890223.htm#1 Fehntjer Kurier - Wer nicht will deichen, der muss weichen], abgerufen am 21. April 2021</ref> So entwickelte sich die Ansiedlung bis 1150 zu einem Vorort im Gau ''Nordendi'', der in etwa das Gebiet umfasste, das ab dem Hochmittelalter [[Norderland|Norder-]], Auricher- und Harlingerland genannt wurde. Im 11. und 12. Jahrhundert wurde die fränkische Grafschaftsverfassung von den Friesen weitgehend ausgehöhlt und der Großgau Nordendi brach auseinander. Norden wurde nun Hauptort des [[Norderland|Norderlandes]] und erhielt 1277 erstmals eine eigene Stadtverfassung.<ref name=":10" /> | ||
[[Datei:Andreaskirche um 1530.jpg|mini|231x231px|Nicht zeitgenössische Zeichnung der [[Andreaskirche]] aus dem Jahr 1992 (Ostfriesische Landschaft, ''Emder Jahrbuch'').]] | |||
Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden erstmals steinerne Kirchen in Norden, die [[Andreaskirche]] war die erste von ihnen. Möglicherweise stand ihr Neubau im Zusammenhang mit dem Besuch des Bremer Erzbischofs Hildebold von Wunstorf, der die Stadt im Jahre 1271 besuchte, im [[Dominikanerkloster]] nächtigte und eine heilige Messe abgehalten haben soll.<ref name=":14" /> Trotz der erhöhten Lage der Kernstadt errichteten die Menschen eine künstliche [[Warft]], auf der sie die Andreaskirche bauten. Ihre Kirchtürme dienten über Jahrhunderte den Seefahrern bis hin zur Elbmündung als wichtiges Seezeichen, ehe sie 1531 von [[Balthasar von Esens]] gebrandschatzt wurde und in den Folgejahrzehnten verfiel. Mehrere Versuche, sie wieder aufzubauen, schlugen fehl. Noch 1217 sollen sich friesische Kreuzfahrer, darunter auch Angehörige der [[Idzinga]], hier getroffen haben, um gemeinsam ihren Weg zum Kreuzzug in das Heilige Land (''Fünfter Kreuzzug'' bzw. ''Kreuzzug von Damiette'') zu beginnen.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 179</ref> Aus dieser Legende heraus entstand der Name des späteren [[Gasthof Jerusalem|Gasthofs Jerusalem]]. Tatsächlich wurde 1956 bei Grabungsarbeiten zum Bau des [[Marktpavillon|Marktpavillons]] eine oströmische Kupfermünze aus dem 4. Jahrhundert gefunden, die offenbar von einem heimgekehrten Kreuzfahrer als Beute oder Andenken aus Antiochia (Syrien) mitgebracht und schließlich dort verloren wurde.<ref>Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2000): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 32</ref> | Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden erstmals steinerne Kirchen in Norden, die [[Andreaskirche]] war die erste von ihnen. Möglicherweise stand ihr Neubau im Zusammenhang mit dem Besuch des Bremer Erzbischofs Hildebold von Wunstorf, der die Stadt im Jahre 1271 besuchte, im [[Dominikanerkloster]] nächtigte und eine heilige Messe abgehalten haben soll.<ref name=":14" /> Trotz der erhöhten Lage der Kernstadt errichteten die Menschen eine künstliche [[Warft]], auf der sie die Andreaskirche bauten. Ihre Kirchtürme dienten über Jahrhunderte den Seefahrern bis hin zur Elbmündung als wichtiges Seezeichen, ehe sie 1531 von [[Balthasar von Esens]] gebrandschatzt wurde und in den Folgejahrzehnten verfiel. Mehrere Versuche, sie wieder aufzubauen, schlugen fehl. Noch 1217 sollen sich friesische Kreuzfahrer, darunter auch Angehörige der [[Idzinga]], hier getroffen haben, um gemeinsam ihren Weg zum Kreuzzug in das Heilige Land (''Fünfter Kreuzzug'' bzw. ''Kreuzzug von Damiette'') zu beginnen.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 179</ref> Aus dieser Legende heraus entstand der Name des späteren [[Gasthof Jerusalem|Gasthofs Jerusalem]]. Tatsächlich wurde 1956 bei Grabungsarbeiten zum Bau des [[Marktpavillon|Marktpavillons]] eine oströmische Kupfermünze aus dem 4. Jahrhundert gefunden, die offenbar von einem heimgekehrten Kreuzfahrer als Beute oder Andenken aus Antiochia (Syrien) mitgebracht und schließlich dort verloren wurde.<ref>Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2000): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 32</ref> | ||
[[Datei:Ludgerikirche Am Markt Marktplatz Glockenturm Kirche 1860.jpg|links|mini|264x264px|Die [[Ludgerikirche]] in der Zeit um 1860.]] | |||
Während die Andreaskirche die Kirche der Stadt war, errichteten die [[Norder Umlandgemeinden]] in ihrer unmittelbaren Nähe die [[Ludgerikirche]]. Dieser Umstand ist einer der bedeutendsten Hinweise auf das Miteinander der Stadt mit den Umlandgemeinden. Neben den beiden Kirchen entstanden zudem zwei Klöster: Das [[Kloster Marienthal]] - gegründet vom Orden der Benediktiner - und das [[Kloster Norden]], das von den Dominikanern gegründet wurde. Beide Klöster waren über Jahrhunderte von zentraler Bedeutung für Norden und die Region. Sie waren nicht nur geistliche Zentren mit eigenen Kirchen, sondern waren auch Orte von Verhandlungen und Vertragsunterzeichnungen, wie dem [[Norder Vertrag]] im Jahre 1255. In diesem Vertrag wurde Norden erstmals gesichert urkundlich erwähnt, was vielfach mit der Verleihung des Stadtrechts verwechselt wird. Aus diesem Irrtum heraus erklärt sich, dass Norden sich lange Zeit als ''älteste Stadt Ostfrieslands'' bezeichnet. Emden wurde allerdings 1224, also 31 Jahre früher, erstmals urkundlich erwähnt. Zur [[Stadtrechtsverleihung]] kam es indes erst 1277.<ref>Sanders, Adolf (1988): Unsere Stadt hinterm Deich, Norden, S. 5</ref> Der Ort hatte zu dieser Zeit jedoch bereits längst einen städtisch geprägten Charakter. Naheliegend ist also, dass Norden einfach ''aus sich selbst heraus'' zu seiner Stadt geworden und irgendwann irrigerweise als solche bezeichnet wurde, ehe es schließlich auch in einer Rolle der Emder Goldschmiedezunft vom 11. November 1491 offiziell als solche betitelt wurde.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 10</ref> | Während die Andreaskirche die Kirche der Stadt war, errichteten die [[Norder Umlandgemeinden]] in ihrer unmittelbaren Nähe die [[Ludgerikirche]]. Dieser Umstand ist einer der bedeutendsten Hinweise auf das Miteinander der Stadt mit den Umlandgemeinden. Neben den beiden Kirchen entstanden zudem zwei Klöster: Das [[Kloster Marienthal]] - gegründet vom Orden der Benediktiner - und das [[Kloster Norden]], das von den Dominikanern gegründet wurde. Beide Klöster waren über Jahrhunderte von zentraler Bedeutung für Norden und die Region. Sie waren nicht nur geistliche Zentren mit eigenen Kirchen, sondern waren auch Orte von Verhandlungen und Vertragsunterzeichnungen, wie dem [[Norder Vertrag]] im Jahre 1255. In diesem Vertrag wurde Norden erstmals gesichert urkundlich erwähnt, was vielfach mit der Verleihung des Stadtrechts verwechselt wird. Aus diesem Irrtum heraus erklärt sich, dass Norden sich lange Zeit als ''älteste Stadt Ostfrieslands'' bezeichnet. Emden wurde allerdings 1224, also 31 Jahre früher, erstmals urkundlich erwähnt. Zur [[Stadtrechtsverleihung]] kam es indes erst 1277.<ref>Sanders, Adolf (1988): Unsere Stadt hinterm Deich, Norden, S. 5</ref> Der Ort hatte zu dieser Zeit jedoch bereits längst einen städtisch geprägten Charakter. Naheliegend ist also, dass Norden einfach ''aus sich selbst heraus'' zu seiner Stadt geworden und irgendwann irrigerweise als solche bezeichnet wurde, ehe es schließlich auch in einer Rolle der Emder Goldschmiedezunft vom 11. November 1491 offiziell als solche betitelt wurde.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 10</ref> | ||