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Norden ist neben der Kreisstadt Aurich das zweite Mittelzentrum des Landkreises Aurich. Das Einzugsgebiet ist durch die Natur eingeschränkt, da sich im Norden, Westen und Südwesten das Wattenmeer befindet. Allerdings spielt Norden für die Versorgung der vorgelagerten Inseln Juist und Norderney mit dem [[Norddeicher Hafen]] sowie - in kleinerem Rahmen - auch dem [[Flugplatz|Flugplatz Westerloog]] eine wichtige Rolle. Als Einkaufsstadt tritt Norden insbesondere in Konkurrenz zu Aurich und Emden.
Norden ist neben der Kreisstadt Aurich das zweite Mittelzentrum des Landkreises Aurich. Das Einzugsgebiet ist durch die Natur eingeschränkt, da sich im Norden, Westen und Südwesten das Wattenmeer befindet. Allerdings spielt Norden für die Versorgung der vorgelagerten Inseln Juist und Norderney mit dem [[Norddeicher Hafen]] sowie - in kleinerem Rahmen - auch dem [[Flugplatz|Flugplatz Westerloog]] eine wichtige Rolle. Als Einkaufsstadt tritt Norden insbesondere in Konkurrenz zu Aurich und Emden.


Der Stadtkern von Norden liegt auf einer [[Norder Geestinsel|Geestinsel]], die dem nordwestlichsten Ausläufer des ostfriesischen Geestrückens vorgelagert ist.<ref>Rack, Eberhard (1998): Kleine Landeskunde Ostfriesland, Oldenburg, S. 94</ref> Auch [[Bargebur]] und [[Tidofeld]] sowie [[Süderneuland II]] befinden sich ebenfalls auf Geestboden, während der Großteil des weiteren Stadtgebiets auf der [[Marsch]] liegt. Die beiden Bodentypen unterscheiden sich insbesondere durch ihre Beschaffenheit. Im [[Geest|Geestboden]] dominiert Sand, im [[Marsch|Marschboden]] schwerer Klei. Die Geest ist zudem deutlicher höher als die Marsch gelegen und gehört daher auch zu den erstbesiedelten Gebieten, wobei die fruchtbaren Böden in der tiefliegenden Marsch liegen.
Der Stadtkern von Norden liegt auf einer [[Norder Geestinsel|Geestinsel]], die dem nordwestlichsten Ausläufer des oldenburgisch-ostfriesischen Geestrückens vorgelagert ist.<ref>Rack, Eberhard (1998): Kleine Landeskunde Ostfriesland, Oldenburg, S. 94</ref> Auch [[Bargebur]] und [[Tidofeld]] sowie [[Süderneuland II]] befinden sich ebenfalls auf Geestboden, während der Großteil des weiteren Stadtgebiets auf der [[Marsch]] liegt. Die beiden Bodentypen unterscheiden sich insbesondere durch ihre Beschaffenheit. Im [[Geest|Geestboden]] dominiert Sand, im [[Marsch|Marschboden]] schwerer Klei. Die Geest ist zudem deutlicher höher als die Marsch gelegen und gehört daher auch zu den erstbesiedelten Gebieten, wobei die fruchtbaren Böden in der tiefliegenden Marsch liegen.


Rund die Hälfte des Stadtgebiets wurde nach verheerenden Sturmfluten im 14. Jahrhundert, allen voran die [[Erste Dionysiusflut]], bei der unter anderem das Dorf [[Westeel]] zerstört wurde, seit 1425, beginnend mit dem [[Udo-Focken-Deich]], dem Meer abgerungen und [[Liste der Eindeichungen|wiedereingedeicht]]. Der geologisch jüngste Stadtteil [[Leybuchtpolder]] wurde erst 1947 bis 1950 durch den Bau des [[Störtebekerdeich|Störtebekerdeichs]] eingedeicht und urbar gemacht. Es ist das jüngste Dorf Deutschlands. Der Großteil der [[Liste der Eindeichungen|Eindeichungen]] konzentriert sich jedoch auf das 16. und 17. Jahrhundert. Seit der Eindeichung eines Teils der [[Leybucht]] und einer deutlich kleineren Eindeichungsmaßnahme nahe Harlesiel gab es an der niedersächsischen Nordseeküste keine nennenswerten Landgewinnungsmaßnahmen durch Eindeichung mehr, so dass diese Landstriche die jüngsten dem Meer abgerungenen und von Menschen besiedelten Flächen Niedersachsens sind. Auch [[Neuwesteel]] wurde erst in den späten 1920er bis frühen 1930er Jahren dem Meer abgerungen.
Rund die Hälfte des Stadtgebiets wurde nach verheerenden Sturmfluten im 14. Jahrhundert, allen voran die [[Erste Dionysiusflut]], bei der unter anderem das Dorf [[Westeel]] zerstört wurde, seit 1425, beginnend mit dem [[Udo-Focken-Deich]], dem Meer abgerungen und [[Liste der Eindeichungen|wiedereingedeicht]]. Der geologisch jüngste Stadtteil [[Leybuchtpolder]] wurde erst 1947 bis 1950 durch den Bau des [[Störtebekerdeich|Störtebekerdeichs]] eingedeicht und urbar gemacht. Es ist das jüngste Dorf Deutschlands. Der Großteil der [[Liste der Eindeichungen|Eindeichungen]] konzentriert sich jedoch auf das 16. und 17. Jahrhundert. Seit der Eindeichung eines Teils der [[Leybucht]] und einer deutlich kleineren Eindeichungsmaßnahme nahe Harlesiel gab es an der niedersächsischen Nordseeküste keine nennenswerten Landgewinnungsmaßnahmen durch Eindeichung mehr, so dass diese Landstriche die jüngsten dem Meer abgerungenen und von Menschen besiedelten Flächen Niedersachsens sind. Auch [[Neuwesteel]] wurde erst in den späten 1920er bis frühen 1930er Jahren dem Meer abgerungen.
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Historisch waren die einzelnen Straßen sogenannten [[Kluft|Kluften]] und [[Rott|Rotten]] zugeordnet und innerhalb dieser Bereiche einzeln nummeriert. Die bis heute bestehende [[Hausnummerierung]] nach einzelnen Straßen wurde im Wesentlichen erst ab 1904 eingeführt. In den Norder Stadtteilen hat sich dies teilweise anders vollzogen, beispielweise nutzte man in [[Süderneuland II]] eine Nummerierung nach dem Zeitpunkt der Grundstücksbebauung. Dies erklärt, warum beispielsweise die Hausnummerierung an der [[Bundesstraße]] keinem erkennbaren Muster folgt und dass der [[Verschönerungsweg]] und der [[Leegelandweg]] dreistellige Hausnummern aufweisen, obwohl sie nur über wenige Anschriften verfügen. In der [[Westermarsch]] und der [[Ostermarsch]] nutzte man ein der Stadt ähnliches System von Rotten, Klüfte gab es hingegen nicht. Die wenigen Häuser der Marschgebiete trugen alle Namen, die manchmal den gebräuchlichen Straßennamen ähnelten, zum Beispiel liegt der [[Hof Honnewarf]] am [[Honnewarfer Weg]].
Historisch waren die einzelnen Straßen sogenannten [[Kluft|Kluften]] und [[Rott|Rotten]] zugeordnet und innerhalb dieser Bereiche einzeln nummeriert. Die bis heute bestehende [[Hausnummerierung]] nach einzelnen Straßen wurde im Wesentlichen erst ab 1904 eingeführt. In den Norder Stadtteilen hat sich dies teilweise anders vollzogen, beispielweise nutzte man in [[Süderneuland II]] eine Nummerierung nach dem Zeitpunkt der Grundstücksbebauung. Dies erklärt, warum beispielsweise die Hausnummerierung an der [[Bundesstraße]] keinem erkennbaren Muster folgt und dass der [[Verschönerungsweg]] und der [[Leegelandweg]] dreistellige Hausnummern aufweisen, obwohl sie nur über wenige Anschriften verfügen. In der [[Westermarsch]] und der [[Ostermarsch]] nutzte man ein der Stadt ähnliches System von Rotten, Klüfte gab es hingegen nicht. Die wenigen Häuser der Marschgebiete trugen alle Namen, die manchmal den gebräuchlichen Straßennamen ähnelten, zum Beispiel liegt der [[Hof Honnewarf]] am [[Honnewarfer Weg]].


Interessant ist, dass die Norder Altstadt nur sehr klein war und - sehr grob umrissen - noch bis ins späte 19. Jahrhundert vom [[Brummelkamp]] im Norden bis zum [[Norder Tief]] im Süden und von der [[Weberslohne]] im Westen bis zum [[Im Horst|Horst]] im Osten reichte. Die umliegenden Gebiete im Norden, Osten und Westen wurden von der [[Sandbauerschaft]] begrenzt, im Süden schloss sich das [[Süderneuland]] an und in einem kleinen Teil im Südwesten auch [[Westermarsch I]] mit dem heute noch so genannten Landstück [[Vierzig Diemat]]. Es wird also ersichtlich, dass die Kernstadt sich auf die höchsten Bereiche der [[Norder Geestinsel]] beschränkte, in dessen Umkreis sich die Geestbauern der Sandbauerschaft ansiedelten. Die Marschgebiete wurden von den Bauerschaften von [[Westermarsch I]], [[Westermarsch II]], [[Ostermarsch]] und [[Lintelermarsch]] eingenommen, die neuen Gebiete südlich des Stadtgebiets von den Bauern von [[Süderneuland I]]. In kleinerem Umfang betrieben wohl auch die Menschen in [[Süderneuland II]] Landwirtschaft, doch entstand dieser Ortsteil vor allem aus kleinen Siedlungen entlang des [[Udo-Focken-Deich|Udo-Focken-Deichs]].
Interessant ist, dass die ursprüngliche Norder Altstadt mit etwa 90 Hektar nur sehr klein war und - sehr grob umrissen - noch bis ins frühe 20. Jahrhundert ungefähr vom [[Brummelkamp]] im Norden bis zum [[Norder Tief]] im Süden und von der [[Weberslohne]] im Westen bis zum [[Im Horst|Horst]] im Osten reichte. Die umliegenden Gebiete im Norden, Osten und Westen wurden von der [[Sandbauerschaft]] begrenzt, im Süden schloss sich das [[Süderneuland]] an und in einem kleinen Teil im Südwesten auch [[Westermarsch I]] mit dem heute noch so genannten Landstück [[Vierzig Diemat]]. Es wird also ersichtlich, dass die Kernstadt sich auf die höchsten Bereiche der [[Norder Geestinsel]] beschränkte, in dessen Umkreis sich die Geestbauern der Sandbauerschaft ansiedelten. Die Marschgebiete wurden von den Bauerschaften von [[Westermarsch I]], [[Westermarsch II]], [[Ostermarsch]] und [[Lintelermarsch]] eingenommen, die neuen Gebiete südlich des Stadtgebiets von den Bauern von [[Süderneuland I]]. In kleinerem Umfang betrieben wohl auch die Menschen in [[Süderneuland II]] Landwirtschaft, doch entstand dieser Ortsteil vor allem aus kleinen Siedlungen entlang des [[Udo-Focken-Deich|Udo-Focken-Deichs]].


==Geschichte==
==Geschichte==
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Norden gehörte vermutlich zunächst politisch zum historischen Federgau, kirchlich wurde es anfangs dem Bistum Münster zugeordnet.<ref name=":10" /> Nach dem Einbruch der [[Leybucht]], die sich wahrscheinlich während einer schweren Sturmflut am 26. Dezember 838 bildete, verlor das [[Kirchspiel Norden]] ab dem 9. Jahrhundert nach und nach seine Verbindungen zum Federgau und wurde durch die geografische Trennung nun dem Bistum Bremen unterstellt.<ref name=":10" /><ref>[http://www.michaeltillheinze.de/f_k1989/f_k890223.htm#1 Fehntjer Kurier - Wer nicht will deichen, der muss weichen], abgerufen am 21. April 2021</ref> So entwickelte sich die Ansiedlung bis 1150 zu einem Vorort im Gau ''Nordendi'', der in etwa das Gebiet umfasste, das ab dem Hochmittelalter [[Norderland|Norder-]], Auricher- und Harlingerland genannt wurde. Im 11. und 12. Jahrhundert wurde die fränkische Grafschaftsverfassung von den Friesen weitgehend ausgehöhlt und der Großgau Nordendi brach auseinander. Norden wurde nun Hauptort des [[Norderland|Norderlandes]] und erhielt 1277 erstmals eine eigene Stadtverfassung.<ref name=":10" />
Norden gehörte vermutlich zunächst politisch zum historischen Federgau, kirchlich wurde es anfangs dem Bistum Münster zugeordnet.<ref name=":10" /> Nach dem Einbruch der [[Leybucht]], die sich wahrscheinlich während einer schweren Sturmflut am 26. Dezember 838 bildete, verlor das [[Kirchspiel Norden]] ab dem 9. Jahrhundert nach und nach seine Verbindungen zum Federgau und wurde durch die geografische Trennung nun dem Bistum Bremen unterstellt.<ref name=":10" /><ref>[http://www.michaeltillheinze.de/f_k1989/f_k890223.htm#1 Fehntjer Kurier - Wer nicht will deichen, der muss weichen], abgerufen am 21. April 2021</ref> So entwickelte sich die Ansiedlung bis 1150 zu einem Vorort im Gau ''Nordendi'', der in etwa das Gebiet umfasste, das ab dem Hochmittelalter [[Norderland|Norder-]], Auricher- und Harlingerland genannt wurde. Im 11. und 12. Jahrhundert wurde die fränkische Grafschaftsverfassung von den Friesen weitgehend ausgehöhlt und der Großgau Nordendi brach auseinander. Norden wurde nun Hauptort des [[Norderland|Norderlandes]] und erhielt 1277 erstmals eine eigene Stadtverfassung.<ref name=":10" />


Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden erstmals steinerne Kirchen in Norden, die [[Andreaskirche]] war die erste von ihnen. Möglicherweise stand ihr Neubau im Zusammenhang mit dem Besuch des Bremer Erzbischofs Hildebold von Wunstorf, der die Stadt im Jahre 1271 besuchte, im [[Dominikanerkloster]] nächtigte und eine heilige Messe abgehalten haben soll.<ref name=":14" /> Trotz der erhöhten Lage der Kernstadt errichteten die Menschen eine künstliche [[Warft]], auf der sie die Andreaskirche bauten. Ihre Kirchtürme dienten über Jahrhunderte den Seefahrern bis hin zur Elbmündung als wichtiges Seezeichen, ehe sie 1531 von [[Balthasar von Esens]] gebrandschatzt wurde und in den Folgejahrzehnten verfiel. Mehrere Versuche, sie wieder aufzubauen, schlugen fehl. Noch 1217 sollen sich friesische Kreuzfahrer hier getroffen haben, um gemeinsam ihren Weg zum Kreuzzug in das Heilige Land (Fünfter Kreuzzug bzw. Kreuzzug von Damiette) zu beginnen.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 179</ref> Aus dieser Legende heraus entstand der Name des späteren [[Gasthof Jerusalem|Gasthofs Jerusalem]].
Im 12. und 13. Jahrhundert entstanden erstmals steinerne Kirchen in Norden, die [[Andreaskirche]] war die erste von ihnen. Möglicherweise stand ihr Neubau im Zusammenhang mit dem Besuch des Bremer Erzbischofs Hildebold von Wunstorf, der die Stadt im Jahre 1271 besuchte, im [[Dominikanerkloster]] nächtigte und eine heilige Messe abgehalten haben soll.<ref name=":14" /> Trotz der erhöhten Lage der Kernstadt errichteten die Menschen eine künstliche [[Warft]], auf der sie die Andreaskirche bauten. Ihre Kirchtürme dienten über Jahrhunderte den Seefahrern bis hin zur Elbmündung als wichtiges Seezeichen, ehe sie 1531 von [[Balthasar von Esens]] gebrandschatzt wurde und in den Folgejahrzehnten verfiel. Mehrere Versuche, sie wieder aufzubauen, schlugen fehl. Noch 1217 sollen sich friesische Kreuzfahrer, darunter auch Angehörige der [[Idzinga]], hier getroffen haben, um gemeinsam ihren Weg zum Kreuzzug in das Heilige Land (''Fünfter Kreuzzug'' bzw. ''Kreuzzug von Damiette'') zu beginnen.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 179</ref> Aus dieser Legende heraus entstand der Name des späteren [[Gasthof Jerusalem|Gasthofs Jerusalem]]. Tatsächlich wurde 1956 bei Grabungsarbeiten zum Bau des [[Marktpavillon|Marktpavillons]] eine oströmische Kupfermünze aus dem 4. Jahrhundert gefunden, die offenbar von einem heimgekehrten Kreuzfahrer als Beute oder Andenken aus Antiochia (Syrien) mitgebracht und schließlich dort verloren wurde.<ref>Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2000): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 32</ref>


Während die Andreaskirche die Kirche der Stadt war, errichteten die [[Norder Umlandgemeinden]] in ihrer unmittelbaren Nähe die [[Ludgerikirche]]. Dieser Umstand ist einer der bedeutendsten Hinweise auf das Miteinander der Stadt mit den Umlandgemeinden. Neben den beiden Kirchen entstanden zudem zwei Klöster: Das [[Kloster Marienthal]] - gegründet vom Orden der Benediktiner - und das [[Kloster Norden]], das von den Dominikanern gegründet wurde. Beide Klöster waren über Jahrhunderte von zentraler Bedeutung für Norden und die Region. Sie waren nicht nur geistliche Zentren mit eigenen Kirchen, sondern waren auch Orte von Verhandlungen und Vertragsunterzeichnungen, wie dem [[Norder Vertrag]] im Jahre 1255. In diesem Vertrag wurde Norden erstmals gesichert urkundlich erwähnt, was vielfach mit der Verleihung des Stadtrechts verwechselt wird. Aus diesem Irrtum heraus erklärt sich, dass Norden sich lange Zeit als ''älteste Stadt Ostfrieslands'' bezeichnet. Emden wurde allerdings 1224, also 31 Jahre früher, erstmals urkundlich erwähnt. Zur [[Stadtrechtsverleihung]] kam es indes erst 1277.<ref>Sanders, Adolf (1988): Unsere Stadt hinterm Deich, Norden, S. 5</ref> Der Ort hatte zu dieser Zeit jedoch bereits längst einen städtisch geprägten Charakter. Naheliegend ist also, dass Norden einfach ''aus sich selbst heraus'' zu seiner Stadt geworden und irgendwann irrigerweise als solche bezeichnet wurde, ehe es schließlich auch in einer Rolle der Emder Goldschmiedezunft vom 11. November 1491 offiziell als solche betitelt wurde.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 10</ref>
Während die Andreaskirche die Kirche der Stadt war, errichteten die [[Norder Umlandgemeinden]] in ihrer unmittelbaren Nähe die [[Ludgerikirche]]. Dieser Umstand ist einer der bedeutendsten Hinweise auf das Miteinander der Stadt mit den Umlandgemeinden. Neben den beiden Kirchen entstanden zudem zwei Klöster: Das [[Kloster Marienthal]] - gegründet vom Orden der Benediktiner - und das [[Kloster Norden]], das von den Dominikanern gegründet wurde. Beide Klöster waren über Jahrhunderte von zentraler Bedeutung für Norden und die Region. Sie waren nicht nur geistliche Zentren mit eigenen Kirchen, sondern waren auch Orte von Verhandlungen und Vertragsunterzeichnungen, wie dem [[Norder Vertrag]] im Jahre 1255. In diesem Vertrag wurde Norden erstmals gesichert urkundlich erwähnt, was vielfach mit der Verleihung des Stadtrechts verwechselt wird. Aus diesem Irrtum heraus erklärt sich, dass Norden sich lange Zeit als ''älteste Stadt Ostfrieslands'' bezeichnet. Emden wurde allerdings 1224, also 31 Jahre früher, erstmals urkundlich erwähnt. Zur [[Stadtrechtsverleihung]] kam es indes erst 1277.<ref>Sanders, Adolf (1988): Unsere Stadt hinterm Deich, Norden, S. 5</ref> Der Ort hatte zu dieser Zeit jedoch bereits längst einen städtisch geprägten Charakter. Naheliegend ist also, dass Norden einfach ''aus sich selbst heraus'' zu seiner Stadt geworden und irgendwann irrigerweise als solche bezeichnet wurde, ehe es schließlich auch in einer Rolle der Emder Goldschmiedezunft vom 11. November 1491 offiziell als solche betitelt wurde.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 10</ref>
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Während des [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkriegs]] wurden viele Norder Bürger zum Kriegsdienst eingezogen oder melden sich freiwillig. Viele von ihnen sterben einen sinnlosen Tod auf den europäischen Kriegsschauplätzen. Während des Krieges werden auch in Norden und seinem Umland Kriegsgefangene auf den Bauernhöfen eingesetzt, um die fehlenden Arbeitskräfte zu kompensieren. [[Norddeich Radio]] hatte in den nächsten vier Jahren kriegswichtige Bedeutung für die Kaiserliche Marine und wurde entsprechend militärisch geschützt. Im letzten Kriegsjahr und noch bis 1919 strömen ganze Menschenmassen nach Norden und die umliegenden Gemeinden, um zu hamstern. Diese kommen zum Teil sogar ganz aus dem Rheinland und versuchen hier Schuhe, Tee und persönliche Wertgegenstände gegen Lebensmittel, vor allem Erbsen, einzutauschen. Da die Reichswährung kein sicheres Zahlungsmittel mehr ist, beschließt der [[Magistrat]] die Einführung von [[Notgeld]].
Während des [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkriegs]] wurden viele Norder Bürger zum Kriegsdienst eingezogen oder melden sich freiwillig. Viele von ihnen sterben einen sinnlosen Tod auf den europäischen Kriegsschauplätzen. Während des Krieges werden auch in Norden und seinem Umland Kriegsgefangene auf den Bauernhöfen eingesetzt, um die fehlenden Arbeitskräfte zu kompensieren. [[Norddeich Radio]] hatte in den nächsten vier Jahren kriegswichtige Bedeutung für die Kaiserliche Marine und wurde entsprechend militärisch geschützt. Im letzten Kriegsjahr und noch bis 1919 strömen ganze Menschenmassen nach Norden und die umliegenden Gemeinden, um zu hamstern. Diese kommen zum Teil sogar ganz aus dem Rheinland und versuchen hier Schuhe, Tee und persönliche Wertgegenstände gegen Lebensmittel, vor allem Erbsen, einzutauschen. Da die Reichswährung kein sicheres Zahlungsmittel mehr ist, beschließt der [[Magistrat]] die Einführung von [[Notgeld]].


Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges übernahm in Norden ein Arbeiter- und Soldatenrat für kurze Zeit die Macht, löste sich jedoch schnell auf. Erstmals tauchten am 7. November 1919 bewaffnete Soldaten mit einer roten Fahne im Stadtgebiet auf; sie kamen vom nahe gelegenen Luftschiff- bzw. Zeppelinhafen in Hage. Zum Einsatz von Schusswaffen kam es nicht. Der Teehandels-Unternehmer [[Onno Behrends]] versammelte in einem Bürgerausschuss Angehörige des bürgerlich-konservativen Lagers, die eine Zusammenarbeit mit dem Arbeiter- und Soldatenrat anstrebten - was auch gelang. Wie im übrigen Ostfriesland blieben die Arbeiter- und Soldatenräte jedoch eine kurze Episode, was nicht zuletzt an der ländlich-konservativen Haltung in weiten Teilen Ostfrieslands lag. Der [[Landkreis Norden]] mit seinen Kreisgebäuden am [[Fräuleinshof]] konnte daher schon recht früh wieder seine Arbeit aufnehmen, wobei eifrige Sozialdemokraten den [[Hermann Friedrich Bayer|Landrat Bayer]] erfolgreich dazu drängten, bei wichtigen Entscheidungen ein Mitspracherecht zu haben.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 17</ref> Die Folgejahre waren von großer wirtschaftlicher Not geprägt, ungefähr jeder vierte Norder war im Jahre 1931 arbeitslos.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 240</ref> Durch die geringere Anzahl von Haushalten bei gleichzeitig mehr Bewohnern waren die Folgen noch schwerwiegender als ohnehin.
Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges übernahm in Norden ein Arbeiter- und Soldatenrat für kurze Zeit die Macht, löste sich jedoch schnell auf. Erstmals tauchten am 7. November 1918 bewaffnete Soldaten mit einer roten Fahne im Stadtgebiet auf; sie kamen vom nahe gelegenen Luftschiff- bzw. Zeppelinhafen in Hage. Zum Einsatz von Schusswaffen kam es nicht. Der Teehandels-Unternehmer [[Onno Behrends]] versammelte in einem Bürgerausschuss Angehörige des bürgerlich-konservativen Lagers, die eine Zusammenarbeit mit dem Arbeiter- und Soldatenrat anstrebten - was auch gelang. Wie im übrigen Ostfriesland blieben die Arbeiter- und Soldatenräte jedoch eine kurze Episode, was nicht zuletzt an der ländlich-konservativen Haltung in weiten Teilen Ostfrieslands lag. Der [[Landkreis Norden]] mit seinen Kreisgebäuden am [[Fräuleinshof]] konnte daher schon recht früh wieder seine Arbeit aufnehmen, wobei eifrige Sozialdemokraten den [[Hermann Friedrich Bayer|Landrat Bayer]] erfolgreich dazu drängten, bei wichtigen Entscheidungen ein Mitspracherecht zu haben.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 17</ref> Die Folgejahre waren von großer wirtschaftlicher Not geprägt, ungefähr jeder vierte Norder war im Jahre 1931 arbeitslos.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 240</ref> Durch die geringere Anzahl von Haushalten bei gleichzeitig mehr Bewohnern waren die Folgen noch schwerwiegender als ohnehin.


Zum 1. April 1919 wird die [[Sandbauerschaft]] nach Norden eingemeindet, wodurch das Stadtgebiet und die Einwohnerzahl beträchtlich wuchs. Bereits zuvor hatte die Stadt immer wieder Landflächen von der Sandbauerschaft erworben, um ihr eigenes Stadtgebiet zu erweitern; so etwa 1893 mit einem kleinen Areal am südlichen [[Burggraben]], um hier die [[Gaswerk|Gasanstalt]] und den [[Schlachthof]] errichten zu können. Kurz vor der Jahrhundertwende wurde das Stadtgebiet in nördliche Richtung erweitert, nicht zuletzt, damit der [[Neuer Friedhof|Neue Friedhof]] auf offiziellem Stadtgrund liegen konnte. Die Grenze reichte damals bis etwa zur Straße [[Am Sportplatz]].<ref name=":12">Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 30</ref>
Zum 1. April 1919 wird die [[Sandbauerschaft]] nach Norden eingemeindet, wodurch das Stadtgebiet und die Einwohnerzahl beträchtlich von etwa 0,9 auf 14 Quadratkilometer wuchs. Bereits zuvor hatte die Stadt immer wieder Landflächen von der Sandbauerschaft erworben, um ihr eigenes Stadtgebiet zu erweitern; so etwa 1893 mit einem kleinen Areal am südlichen [[Burggraben]], um hier die [[Gaswerk|Gasanstalt]] und den [[Schlachthof]] errichten zu können. Kurz vor der Jahrhundertwende wurde das Stadtgebiet in nördliche Richtung erweitert, nicht zuletzt, damit der [[Neuer Friedhof|Neue Friedhof]] auf offiziellem Stadtgrund liegen konnte. Die Grenze reichte damals bis etwa zur Straße [[Am Sportplatz]].<ref name=":12">Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 30</ref>


1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, um Ansprüche aus dem Versailler Vertrag gewaltsam durchzusetzen. In der Folge fliehen viele Deutsche aus dem Ruhrgebiet oder werden vertrieben. Einige von ihnen finden in Norden eine Unterkunft, die meisten von ihnen kehren jedoch nach dem Abzug der fremden Streitkräfte im Jahr 1925 wieder in ihre Heimat zurück. Ebenso im Jahr 1923 erreicht die Inflation ihren absoluten Höhepunkt und ebbte erst nach der Währungsreform vom 15. November des Jahres ab.
1923 besetzten französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet, um Ansprüche aus dem Versailler Vertrag gewaltsam durchzusetzen. In der Folge fliehen viele Deutsche aus dem Ruhrgebiet oder werden vertrieben. Einige von ihnen finden in Norden eine Unterkunft, die meisten von ihnen kehren jedoch nach dem Abzug der fremden Streitkräfte im Jahr 1925 wieder in ihre Heimat zurück. Ebenso im Jahr 1923 erreicht die Inflation ihren absoluten Höhepunkt und ebbte erst nach der Währungsreform vom 15. November des Jahres ab.
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Zwischen 1969 und 1979 wurde im durch den Tourismus aufblühende, ab 1972 zu Norden gehörenden Stadtteil [[Norddeich]] erheblich in die Infrastruktur investiert. Es entstanden die [[Seehundstation Norddeich|Seehundstation]] (die sich zuvor noch am [[Schwanenteich]] befunden hatte), ein [[Ocean Wave|Meerwasserhallenbecken]], neue Promenaden und ein aufgespülter [[Norddeicher Strand|Sandstrand]].<ref name=":8">Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 83</ref> Dies führte dazu, dass [[Norddeich]] seit 1979 die offizielle Bezeichnung ''Staatlich anerkanntes Nordseebad'' zuerkannt wurde. ''Norden-Norddeich'' ist damit das größte staatlich anerkannte Nordseebad an der ostfriesischen Nordseeküste. Auch in den Küstenschutz wurde investiert; den Baumaßnahmen fiel unter anderem die beliebte Landgaststätte [[Großer Krug]] zum Opfer. Weitere, kräftige Investitionen in die Infrastruktur führten auch zu einem Ausbau des Verkehrsnetzes. Mehrere Straßen in der Innenstadt wurden erweitert, so etwa [[Am Markt]], die [[Uffenstraße]] und die [[Heringstraße]]. Für den Ausbau mussten neben historischen Bauten auch der bekannte [[Pannkooksboom]] weichen, der 1971 gefällt wird.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 125</ref>
Zwischen 1969 und 1979 wurde im durch den Tourismus aufblühende, ab 1972 zu Norden gehörenden Stadtteil [[Norddeich]] erheblich in die Infrastruktur investiert. Es entstanden die [[Seehundstation Norddeich|Seehundstation]] (die sich zuvor noch am [[Schwanenteich]] befunden hatte), ein [[Ocean Wave|Meerwasserhallenbecken]], neue Promenaden und ein aufgespülter [[Norddeicher Strand|Sandstrand]].<ref name=":8">Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 83</ref> Dies führte dazu, dass [[Norddeich]] seit 1979 die offizielle Bezeichnung ''Staatlich anerkanntes Nordseebad'' zuerkannt wurde. ''Norden-Norddeich'' ist damit das größte staatlich anerkannte Nordseebad an der ostfriesischen Nordseeküste. Auch in den Küstenschutz wurde investiert; den Baumaßnahmen fiel unter anderem die beliebte Landgaststätte [[Großer Krug]] zum Opfer. Weitere, kräftige Investitionen in die Infrastruktur führten auch zu einem Ausbau des Verkehrsnetzes. Mehrere Straßen in der Innenstadt wurden erweitert, so etwa [[Am Markt]], die [[Uffenstraße]] und die [[Heringstraße]]. Für den Ausbau mussten neben historischen Bauten auch der bekannte [[Pannkooksboom]] weichen, der 1971 gefällt wird.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 125</ref>


Durch die niedersächsische Kommunalreform 1972 kamen die bis dahin selbstständigen (Samt-)Gemeinden [[Leybuchtpolder]], [[Neuwesteel]], [[Norddeich]], [[Ostermarsch]], [[Süderneuland I]], [[Süderneuland II]], [[Westermarsch I]] und [[Westermarsch II]] zum Stadtgebiet und wurden fortan als Stadtteile gezählt. Auch [[Bargebur]] wurde von der Gemeinde Lütetsburg abgespalten und Norden zugewiesen. Bei der Kreisreform 1977 wiederum verlor die Stadt den Sitz des gleichnamigen Kreises und gehört seither als Mittelzentrum zum Landkreis Aurich mit der Kreisstadt Aurich. Dies war vor allem bedingt durch den einsetzenden wirtschaftlichen Niedergang der Stadt und des Umlandes sowie der geringeren Einwohnerzahl gegenüber dem Altkreis Aurich. Zudem war Aurich seit den [[Cirksena|Cirksenas]] und später als Sitz der preußischen Regierungsbehörden von größerer Bedeutung und eine ''Behördenstadt''.
Durch die niedersächsische Kommunalreform 1972 kamen die bis dahin selbstständigen (Samt-)Gemeinden [[Leybuchtpolder]], [[Neuwesteel]], [[Norddeich]], [[Ostermarsch]], [[Süderneuland I]], [[Süderneuland II]], [[Westermarsch I]] und [[Westermarsch II]] zum Stadtgebiet und wurden fortan als Stadtteile gezählt. Auch [[Bargebur]] wurde von der Gemeinde Lütetsburg abgespalten und Norden zugewiesen. Die Stadt erreichte dadurch ihre heutige Ausdehnung von 106,33 Quadratkilometer (von zuvor 14 Quadratkilometern).<ref>Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2000): Norden/Norddeich - Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 12</ref>
 
Bei der Kreisreform 1977 wiederum verlor die Stadt den Sitz des gleichnamigen Kreises und gehört seither als Mittelzentrum zum Landkreis Aurich mit der Kreisstadt Aurich. Dies war vor allem bedingt durch den einsetzenden wirtschaftlichen Niedergang der Stadt und des Umlandes sowie der geringeren Einwohnerzahl gegenüber dem Altkreis Aurich. Zudem war Aurich seit den [[Cirksena|Cirksenas]] und später als Sitz der preußischen Regierungsbehörden von größerer Bedeutung und eine ''Behördenstadt''.


Steigende Arbeitslosigkeit und mangelnde Beschäftigungsmöglichkeiten führten bei der aufstrebenden Nachkriegsgeneration zu großer Resignation. Lange und konfliktreiche Verhandlungen erreichten schließlich den Bau eines [[Jugendzentrum|Jugendzentrums]] an der [[Parkstraße]].<ref name=":8" />
Steigende Arbeitslosigkeit und mangelnde Beschäftigungsmöglichkeiten führten bei der aufstrebenden Nachkriegsgeneration zu großer Resignation. Lange und konfliktreiche Verhandlungen erreichten schließlich den Bau eines [[Jugendzentrum|Jugendzentrums]] an der [[Parkstraße]].<ref name=":8" />