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Ein '''Zunft- und Gildewesen''' hat es auch in Norden gegeben. Die unterschiedlichen Kaufmanns- bzw. Handwerksberufe fanden sich in diesen zusammen. In Bezug auf erstere ist in der Regel von Gilden die Rede, während man bei handwerklichen Berufen eher von Zünften sprach. Aus Gründen der Vereinfachung wurden beide Wesen in diesem Artikel zusammengefasst.
Ein '''Zunft- und Gildewesen''' hat es auch in Norden gegeben. Die unterschiedlichen Kaufmanns- bzw. Handwerksberufe fanden sich in diesen zusammen. In Bezug auf erstere ist in der Regel von Gilden die Rede, während man bei handwerklichen Berufen eher von Zünften sprach. Aus Gründen der Vereinfachung wurden beide Wesen in diesem Artikel zusammengefasst.


Den Vorsitzenden einer Zunft nennt man Obermeister. Ein der Bäckerzunft vorsitzender Bäckermeister wurde daher beispielsweise als ''Bäckerobermeister'' bezeichnet. Diese Bezeichnung wurde von den ''Innungen'' übernommen, nachdem die Zünfte im Zuge der Gewerbefreiheit im Königreich Preußen ab 1810 verschwanden und seit dem 18. Juli 1881 ihre neue Bezeichnung erhielten.
Den Vorsitzenden einer Zunft nennt man ''Obermeister''. Ein der Bäckerzunft vorsitzender Bäckermeister wurde daher beispielsweise als ''Bäckerobermeister'' bezeichnet. Diese Bezeichnung wurde von den ''Innungen'' übernommen, nachdem die Zünfte im Zuge der Gewerbefreiheit im Königreich Preußen ab 1810 verschwanden und seit dem 18. Juli 1881 ihre neue Bezeichnung erhielten.


Sämtliche Straßen im [[Gewerbegebiet Leegemoor]] tragen die Bezeichnung alter Berufe, die größtenteils in Zünften zusammengeschlossen waren. Aber auch außerhalb dieses Gebietes finden sich alte Berufsbezeichnungen wieder, so etwa bei der [[Weberslohne]] oder der[[Schmiedestraße]].
Sämtliche Straßen im [[Gewerbegebiet Leegemoor]] tragen die Bezeichnung alter Berufe, die größtenteils in Zünften zusammengeschlossen waren. Aber auch außerhalb dieses Gebietes finden sich alte Berufsbezeichnungen wieder, so etwa bei der [[Weberslohne]] oder der [[Schmiedestraße]].


== Geschichte ==
== Geschichte ==
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Da Norden anderen Städten, wie beispielsweise Emden, im wirtschaftlichen Leben stets nachstand, gab es hier auch nicht annähernd so viele Zünfte wie dort. Auch war es üblich, dass sich mehrere miteinander ähnliche Berufe zu einer Zunft zusammenschlossen, so etwa die Kramer (Händler) und die (Ge-)Wandschneider (Tuchhändler), zu denen während des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) häufig auch Apotheker und sogar Goldschmiede kamen. Vielen Zünften war indes nur eine kurze Existenz beschieden. Die Goldschmiede und die Brauer konnten sich beispielsweise nur wenige Jahrzehnte in einer eigenen Gilde organisieren bzw. halten. Bereits vor 1535 scheint es auch eine Schlachterzunft gegeben zu haben.<ref name=":1" />
Da Norden anderen Städten, wie beispielsweise Emden, im wirtschaftlichen Leben stets nachstand, gab es hier auch nicht annähernd so viele Zünfte wie dort. Auch war es üblich, dass sich mehrere miteinander ähnliche Berufe zu einer Zunft zusammenschlossen, so etwa die Kramer (Händler) und die (Ge-)Wandschneider (Tuchhändler), zu denen während des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) häufig auch Apotheker und sogar Goldschmiede kamen. Vielen Zünften war indes nur eine kurze Existenz beschieden. Die Goldschmiede und die Brauer konnten sich beispielsweise nur wenige Jahrzehnte in einer eigenen Gilde organisieren bzw. halten. Bereits vor 1535 scheint es auch eine Schlachterzunft gegeben zu haben.<ref name=":1" />


Ungefähr zur Mitte des 18. Jahrhunderts gab es in Norden schließlich eine Kramer-, eine Bäcker-, eine Küfer-, eine Schmiede-, eine Schneider-, eine Schuhmacher-, eine Weber- und eine Sattlerzunft. Viele Berufe waren - wie vorbeschrieben - nicht in einer eigenen Zunft organisiert, was vor allem an den wenigen vorhandenen Meisterbetrieben lag.<ref name=":0" /> Zeitweise war die Zugehörigkeit zur Zunft jedoch Bedingung für die Erlaubnis zur Berufsausübung.<ref name=":6" /> 1768 gehörten daher die Maurer, die Tischler, die Zimmermänner, die Stellmacher und die Drechsler zusammen, obgleich die Maurer wiederholt versuchten, eine eigene Zunft zu organisieren. Ebenso erfolglos wie die vorgenannten Berufe zur Bildung einer eigenen Zunft waren die Lohgerber, die Segelmacher und die Blaufärber sowie die Zinn- und Gelbgießer, die Hutmacher, die Kupferschmiede, die Blechschläger sowie die Klempner, Glaser und Maler.<ref name=":0" /> Die Zünfte kontrollierten die Löhne, die Preise, und vor allem den Zugang zum Markt. Nicht-Mitglieder wurden, sofern sie überhaupt am Wirtschaftsleben teilnehmen durften, doppelt besteuert.<ref name=":6" /> Der Zunft- bzw. Gildenbeitritt brachte damit erhebliche Vorteile für die Mitglieder. Traditionell nahm seit dem 18. Jahrhundert ein Mitglied des [[Magistrat|Magistrats]] die Rolle des Amtspatrons (Schirmherren) einer Zunft ein.<ref name=":0" /> So war etwa Bürgermeister [[Peter Conerus|Peter Friedrich Conerus]] im Jahre 1820 Amtspatron der Maler- und Glaserzunft.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 76</ref>
Ungefähr zur Mitte des 18. Jahrhunderts gab es in Norden schließlich eine Kramer-, eine Bäcker-, eine Küfer-, eine Schmiede-, eine Schneider-, eine Schuhmacher-, eine Weber- und eine Sattlerzunft. Viele Berufe waren - wie vorbeschrieben - nicht in einer eigenen Zunft organisiert, was vor allem an den wenigen vorhandenen Meisterbetrieben lag.<ref name=":0" /> Zeitweise war die Zugehörigkeit zur Zunft jedoch Bedingung für die Erlaubnis zur Berufsausübung.<ref name=":6" /> 1768 gehörten daher die Maurer, die Tischler, die Zimmermänner, die Stellmacher und die Drechsler zusammen, obgleich die Maurer wiederholt versuchten, eine eigene Zunft zu organisieren. Ebenso erfolglos wie die vorgenannten Berufe zur Bildung einer eigenen Zunft waren die Lohgerber, die Segelmacher und die Blaufärber sowie die Zinn- und Gelbgießer, die Hutmacher, die Kupferschmiede, die Blechschläger sowie die Klempner, Glaser und Maler.<ref name=":0" /> Die Zünfte kontrollierten die Löhne, die Preise, und vor allem den Zugang zum Markt. Nicht-Mitglieder wurden, sofern sie überhaupt am Wirtschaftsleben teilnehmen durften, doppelt besteuert.<ref name=":6" /> Der Zunft- bzw. Gildenbeitritt brachte damit erhebliche Vorteile für die Mitglieder und auch für die Angehörige, für die eine Hinterbliebenenrente vorgesehen war.<ref>Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 105</ref> Traditionell nahm seit dem 18. Jahrhundert ein Mitglied des [[Magistrat|Magistrats]] die Rolle des Amtspatrons (Schirmherren) einer Zunft ein.<ref name=":0" /> So war etwa Bürgermeister [[Peter Conerus|Peter Friedrich Conerus]] im Jahre 1820 Amtspatron der Maler- und Glaserzunft.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 76</ref>


Erstmalig ließ die Sattlerzunft im Jahre 1735 nicht mehr nur in der Stadt ansässige Sattler zu, sondern auch solche aus dem gesamten [[Amt Norden]]. Dies führte schließlich zur Gründung weiterer, derartiger Zünfte in Dornum, Hage und Marienhafe. Ermöglicht wurde dies durch Lockerungen der preußischen Regierung unter Friedrich dem Großen, nachdem Ostfriesland mit dem Tode des letzten [[Cirksena]] im Jahre 1744 preußisch wurde. Diese Lockerungen brachten zum einen neuen Wind in das eingefahrene Zunftwesen, das potentielle Neulinge mit überhöhten Gebühren zur Wahrung von Monopolstellungen abzuschrecken wusste.<ref name=":0" /> Zum anderen führten sie jedoch keine wesentliche Verbesserung ein und schon 1803 wurden die Weberzünfte aufgehoben. Als Ostfriesland ab 1806 unter französische Herrschaft geriet, wurden auch alle anderen Zünfte und Gilden aufgelöst. Erst zum 1. September 1819, Ostfriesland gehörte nun zum Königreich Hannover, wurden diese auf Antrag beim königlichen Ministerium wiederhergestellt.<ref name=":1">Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 60</ref>
Erstmalig ließ die Sattlerzunft im Jahre 1735 nicht mehr nur in der Stadt ansässige Sattler zu, sondern auch solche aus dem gesamten [[Amt Norden]]. Dies führte schließlich zur Gründung weiterer, derartiger Zünfte in Dornum, Hage und Marienhafe. Ermöglicht wurde dies durch Lockerungen der preußischen Regierung unter Friedrich dem Großen, nachdem Ostfriesland mit dem Tode des letzten [[Cirksena]] im Jahre 1744 preußisch wurde. Diese Lockerungen brachten zum einen neuen Wind in das eingefahrene Zunftwesen, das potentielle Neulinge mit überhöhten Gebühren zur Wahrung von Monopolstellungen abzuschrecken wusste.<ref name=":0" /> Zum anderen führten sie jedoch keine wesentliche Verbesserung ein und schon 1803 wurden die Weberzünfte aufgehoben. Als Ostfriesland ab 1806 unter französische Herrschaft geriet, wurden auch alle anderen Zünfte und Gilden aufgelöst. Erst zum 1. September 1819, Ostfriesland gehörte nun zum Königreich Hannover, wurden diese auf Antrag beim königlichen Ministerium wiederhergestellt.<ref name=":1">Cremer, Ufke (1955): Norden im Wandel der Zeiten, Norden, S. 60</ref>
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Die Zunft der Böttcher, die Fässer und Transportgefäße aus Holz herstellten, gehört zu den ältesten Zünften der Stadt. Vor allem für die ordnungsgemäße Durchführung der Ausfuhr von Waren vom [[Marktplatz|Norder Marktplatz]] waren sie von entscheidender Bedeutung, da ansonsten schlichtweg entsprechende Behältnisse gefehlt hätten.<ref name=":7">Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 18</ref>
Die Zunft der Böttcher, die Fässer und Transportgefäße aus Holz herstellten, gehört zu den ältesten Zünften der Stadt. Vor allem für die ordnungsgemäße Durchführung der Ausfuhr von Waren vom [[Marktplatz|Norder Marktplatz]] waren sie von entscheidender Bedeutung, da ansonsten schlichtweg entsprechende Behältnisse gefehlt hätten.<ref name=":7">Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 18</ref>


Ihre erste Zunftordnung wurde den Böttchern im Herbst 1553 von [[Anna von Oldenburg|Gräfin Anna]] genehmigt. Damit einhergehend gewährte sie ihnen das Privileg einer Monopolstellung zur Herstellung von Fässern und Tonnen im Stadtgebiet. Das Verschließen und Versiegeln dieser Behältnisse durfte dabei grundsätzlich nur unter den Augen eines der sieben Böttchermeister geschehen, um Betrug beim Warenhandel zu verhindern.<ref name=":7" /> Daher hatten die Böttcher die Behältnisse der Händler vor der Ausfuhr auf ihren ordnungsgemäßen Verschluss zu prüfen und diese dann mit einer Marke zu versehen.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 74</ref> Ihre Privilegien und ihre Zunftrolle wurde ihnen von der Landesherrschaft nachweisbar 1629 und 1738 bestätigt.<ref name=":8" />
Ihre erste Zunftordnung wurde den Böttchern am 19. Januar 1553 von den [[Bürgermeister|Bürgermeistern]] ausgestellt und am 7. September des Jahres von [[Anna von Oldenburg|Gräfin Anna]] genehmigt.<ref name=":11">Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 105</ref><ref name=":12" /> Damit einhergehend gewährte sie ihnen das Privileg einer Monopolstellung zur Herstellung von Fässern und Tonnen im Stadtgebiet. Das Verschließen und Versiegeln dieser Behältnisse durfte dabei grundsätzlich nur unter den Augen eines der sieben Böttchermeister geschehen, um Betrug beim Warenhandel zu verhindern.<ref name=":7" /> Daher hatten die Böttcher die Behältnisse der Händler vor der Ausfuhr auf ihren ordnungsgemäßen Verschluss zu prüfen und diese dann mit einer Marke zu versehen.<ref name=":12">Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 74</ref> Ihre Privilegien und ihre Zunftrolle wurde ihnen von der Landesherrschaft nachweisbar 1629, 1720 und 1738 bestätigt.<ref name=":8" /><ref name=":11" />


Noch bis in die Zeit um 1900 gab es acht Böttchermeister in Norden. Das Geschäft von [[Hinrich Müller]] gab erst Anfang der 1960er Jahren den an der [[Westerstraße 62]] befindlichen Betrieb auf, nachdem der wirtschaftliche Druck durch maschinell hergestellte Produkte von außerhalb immer größer wurde.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 74</ref>
Noch bis in die Zeit um 1900 gab es acht Böttchermeister in Norden. Das Geschäft von [[Hinrich Müller]] gab erst Anfang der 1960er Jahren den an der [[Westerstraße 62]] befindlichen Betrieb auf, nachdem der wirtschaftliche Druck durch maschinell hergestellte Produkte von außerhalb immer größer wurde.<ref>Canzler, Gerhard (1997): Alt-Norden, Weener, S. 74</ref>
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Die älteste im Wortlaut erhaltene Zunftrolle der Schneider stammt von 1669. Die Erlaubnis ihres Zusammenschlusses wird in den Jahren 1711, 1736 und 1781 bestätigt. Am 3. März 1821 ist eine neue Zunftrolle belegt.<ref name=":3" />
Die älteste im Wortlaut erhaltene Zunftrolle der Schneider stammt von 1669. Die Erlaubnis ihres Zusammenschlusses wird in den Jahren 1711, 1736 und 1781 bestätigt. Am 3. März 1821 ist eine neue Zunftrolle belegt.<ref name=":3" />
== Schusterzunft ==
== Schusterzunft ==
Mindestens seit dem 12. Mai 1606 waren die Schuster zünftig organisiert, wie aus einer alten Urkunde erkennbar ist. An diesem Tage bezahlen die Ältesten der Zunft getreu der Vorschrift ihrer Zunftrolle einen Betrag von 3 Goldgulden an das [[Armenhaus]]. Diese Zunftrolle wurde in den Jahren 1680, 1720 und 1738 durch den Landesherren bestätigt bzw. erneuert. Letztmalig ist eine solche Zunftrolle für den 8. August 1821 belegbar.<ref name=":4" />
Mindestens seit dem 12. Mai 1606 waren die Schuster zünftig organisiert, wie aus einer alten Urkunde erkennbar ist. An diesem Tage bezahlen die Ältesten der Zunft getreu der Vorschrift ihrer Zunftrolle einen Betrag von 3 Goldgulden an das [[Armenhaus]]. Diese Zunftrolle wurde in den Jahren 1651, 1680, 1720 und 1738 durch den Landesherren bestätigt bzw. erneuert.<ref name=":4" /><ref>Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 104</ref> Letztmalig ist eine solche Zunftrolle für den 8. August 1821 belegbar.<ref name=":4" />


== Sielfahrerzunft ==
== Sielfahrerzunft ==