Jüdische Gemeinde Norden: Unterschied zwischen den Versionen
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Die '''Jüdische Gemeinde''' von Norden ist eine der ältesten Glaubensgemeinschaften der Stadt. Ihre Ursprünge gehen nachweislich mindestens auf das 16. Jahrhundert zurück. Infolge der Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten, insbesondere seit der Reichspogromnacht 1938, verließen viele Juden die Stadt. Die letzten wurden 1940 deportiert. Offiziell aufgelöst wurde die Gemeinde am 27. Mai 1941 durch eine Verordnung zum Reichsbürgergesetz, infolge dessen alle ''Jüdischen'' ''Kultusvereinigungen'' von Amts wegen aufgelöst wurden. | Die '''Jüdische Gemeinde''' von Norden ist eine der ältesten Glaubensgemeinschaften der Stadt. Ihre Ursprünge gehen nachweislich mindestens auf das 16. Jahrhundert zurück. Infolge der Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten, insbesondere seit der Reichspogromnacht 1938, verließen viele Juden die Stadt. Die letzten wurden 1940 deportiert. Offiziell aufgelöst wurde die Gemeinde am 27. Mai 1941 durch eine Verordnung zum Reichsbürgergesetz, infolge dessen alle ''Jüdischen'' ''Kultusvereinigungen'' von Amts wegen aufgelöst wurden. | ||
Zur Gemeinde gehörten neben einer [[Synagoge]] unter anderem auch Räumlichkeiten für die [[Vorsängers Haus|Gemeindemitarbeiter]] sowie eine [[Jüdische Schule|eigene Schule]]. | Zur Gemeinde gehörten neben einer [[Synagoge]] unter anderem auch Räumlichkeiten für die [[Vorsängers Haus|Gemeindemitarbeiter]] sowie eine [[Jüdische Schule|eigene Schule]]. | ||
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==Geschichte== | ==Geschichte== | ||
===Anfänge=== | |||
=== Anfänge === | |||
Die jüdische Gemeinde von Norden war eine der ältesten in Ostfriesland. Es ist unklar, wann sie sich gründete. Das früheste Zeugnis einer jüdischen Niederlassung in Norden ist ein Brief, den die Emder und Norder Juden am 17. September 1577 an die Gräfin Agnes von Hoya, Herrin des Harlingerlandes sendeten. Der Schutzbrief für den Norder Juden Meyer und seine Familie ist der älteste, der bis heute erhalten ist.<ref name=":1" /> Der Grund für dieses Schreiben war ein Streit zwischen der Stadt Emden und [[Edzard II. Cirksena|Graf Edzard II.]] in Aurich, die beide jeweils für sich und allein die Erhebung von Schutzgeldern und sogenannten ''Judengeleiten'' in Anspruch nahmen. Ob sich Agnes für die Juden eingesetzt hat, ist unbekannt, jedenfalls scheint der Graf als Sieger aus diesem Konflikt hervorgegangen zu sein, denn die Juden wurden nicht ausgewiesen. Der Konflikt war damit jedoch keineswegs gelöst und die ostfriesischen Städte setzten ihre Beschwerden gegen die Juden fort. | Die jüdische Gemeinde von Norden war eine der ältesten in Ostfriesland. Es ist unklar, wann sie sich gründete. Das früheste Zeugnis einer jüdischen Niederlassung in Norden ist ein Brief, den die Emder und Norder Juden am 17. September 1577 an die Gräfin Agnes von Hoya, Herrin des Harlingerlandes sendeten. Der Schutzbrief für den Norder Juden Meyer und seine Familie ist der älteste, der bis heute erhalten ist.<ref name=":1" /> Der Grund für dieses Schreiben war ein Streit zwischen der Stadt Emden und [[Edzard II. Cirksena|Graf Edzard II.]] in Aurich, die beide jeweils für sich und allein die Erhebung von Schutzgeldern und sogenannten ''Judengeleiten'' in Anspruch nahmen. Ob sich Agnes für die Juden eingesetzt hat, ist unbekannt, jedenfalls scheint der Graf als Sieger aus diesem Konflikt hervorgegangen zu sein, denn die Juden wurden nicht ausgewiesen. Der Konflikt war damit jedoch keineswegs gelöst und die ostfriesischen Städte setzten ihre Beschwerden gegen die Juden fort. | ||
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1749 wurden 44 jüdische Familien in Norden gezählt. Da die preußische Regierung, die seit 1744 die Herrschaft in Ostfriesland übernommen hatte, die Zahl der jüdischen Haushalte auf 16 reduzieren wollte, gab es in den folgenden Jahrzehnten zunächst keine weitere Zunahme. Die jüdischen Familien lebten weiterhin in wirtschaftlich einfachen bis armseligen Verhältnissen. Zu den Handelsgütern gehörten nun neben den gebrauchten Waren wie Kleidern vor allem Korn, Wachs, Honig, Tee, Alteisen, Zinn, Kupfer, Tabak, Federn und Porzellan.<ref name=":3" /> | 1749 wurden 44 jüdische Familien in Norden gezählt. Da die preußische Regierung, die seit 1744 die Herrschaft in Ostfriesland übernommen hatte, die Zahl der jüdischen Haushalte auf 16 reduzieren wollte, gab es in den folgenden Jahrzehnten zunächst keine weitere Zunahme. Die jüdischen Familien lebten weiterhin in wirtschaftlich einfachen bis armseligen Verhältnissen. Zu den Handelsgütern gehörten nun neben den gebrauchten Waren wie Kleidern vor allem Korn, Wachs, Honig, Tee, Alteisen, Zinn, Kupfer, Tabak, Federn und Porzellan.<ref name=":3" /> | ||
=== Gründung eines Gemeindezentrums === | ===Gründung eines Gemeindezentrums=== | ||
Wann die Gemeinde ihren ersten Gebetsraum einrichtete, ist unklar. 1679 erwarb sie ein Haus am [[Neuer Weg 110|Neuen Weg 110]], das sie bis 1804 als [[Synagoge]], Schule und Wohnhaus nutzte. Auch eine Mikwe (ritueller Waschraum zur Hygiene) war in dem Gebäude untergebracht. Vielleicht wurde das Gebäude zuvor bereits mietweise als Betsaal bzw. Synagoge mit Mikwe genutzt.<ref name=":1" /> | Wann die Gemeinde ihren ersten Gebetsraum einrichtete, ist unklar. 1679 erwarb sie ein Haus am [[Neuer Weg 110|Neuen Weg 110]], das sie bis 1804 als [[Synagoge]], Schule und Wohnhaus nutzte. Auch eine Mikwe (ritueller Waschraum zur Hygiene) war in dem Gebäude untergebracht. Vielleicht wurde das Gebäude zuvor bereits mietweise als Betsaal bzw. Synagoge mit Mikwe genutzt.<ref name=":1" /> | ||
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In den 1920er-Jahren gab es unter den Norder Juden noch über 30 Viehhändler und 14 Schlachter. Andere waren in anderen Berufen tätig. Es gab je zwei Kommissionäre und Buchhalter, einen Bürstenmacher, drei Lederfabrikanten, 19 Kaufleute und sieben Händler, darunter zwei Altwarenhändler, ein Getreidehändler, ein Produktenhändler, ein Eisenhändler und ein Pferdehändler. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte sich ein jüdischer Zahnarzt in Norden niedergelassen.<ref name=":3" /> | In den 1920er-Jahren gab es unter den Norder Juden noch über 30 Viehhändler und 14 Schlachter. Andere waren in anderen Berufen tätig. Es gab je zwei Kommissionäre und Buchhalter, einen Bürstenmacher, drei Lederfabrikanten, 19 Kaufleute und sieben Händler, darunter zwei Altwarenhändler, ein Getreidehändler, ein Produktenhändler, ein Eisenhändler und ein Pferdehändler. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte sich ein jüdischer Zahnarzt in Norden niedergelassen.<ref name=":3" /> | ||
=== Niedergang === | ===Niedergang=== | ||
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde das Klima gegenüber der Norder Juden noch feindlicher. Schon kurz nach der Regierungsübernahme der Nationalsozialisten begann schrittweise die Entrechtung und Enteignung jüdischer Bürger. Die 1931 verabschiedete ''Reichsfluchtsteuer'' fungierte seit 1934 fast ausschließlich als Sondersteuer für jüdische Auswanderer.<ref name=":5">[https://www.sparkasse-aurich-norden.de/content/dam/myif/spk-aurich-norden/work/dokumente/pdf/ihre-sparkasse/Chronik.pdf?n=true Chronik der Sparkasse Aurich-Norden], abgerufen am 2. Juni 2021</ref> Bereits ab 1933 wurden die ersten der rund 1.000 Juden im [[Landkreis Norden|Kreisgebiet]] in ''Schutzhaft'' genommen.<ref name=":3" /><ref name=":6">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 241</ref> Ärzte, Juristen, Lehrer und Beamte wurden entlassen oder mit einem Berufsverbot belegt.<ref>Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 12</ref> Zu dieser Zeit gab es noch 50 Handelsbetriebe und Geschäfte mit jüdischen Eigentümern. Ihre Erwerbstätigkeit richtete sich vor allem auf den Handel mit Vieh, Düngemitteln, Getreide und Brennstoffen aus. Zudem unterhielten sie Handelsvertretungen und betrieben Schlachtereien.<ref name=":6" /> | Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde das Klima gegenüber der Norder Juden noch feindlicher. Schon kurz nach der Regierungsübernahme der Nationalsozialisten begann schrittweise die Entrechtung und Enteignung jüdischer Bürger. Die 1931 verabschiedete ''Reichsfluchtsteuer'' fungierte seit 1934 fast ausschließlich als Sondersteuer für jüdische Auswanderer.<ref name=":5">[https://www.sparkasse-aurich-norden.de/content/dam/myif/spk-aurich-norden/work/dokumente/pdf/ihre-sparkasse/Chronik.pdf?n=true Chronik der Sparkasse Aurich-Norden], abgerufen am 2. Juni 2021</ref> Bereits ab 1933 wurden die ersten der rund 1.000 Juden im [[Landkreis Norden|Kreisgebiet]] in ''Schutzhaft'' genommen.<ref name=":3" /><ref name=":6">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 241</ref> Ärzte, Juristen, Lehrer und Beamte wurden entlassen oder mit einem Berufsverbot belegt.<ref>Ökumenischer Arbeitskreis (2021): Kleiner Rundgang durch Norden, Norden, S. 12</ref> Zu dieser Zeit gab es noch 50 Handelsbetriebe und Geschäfte mit jüdischen Eigentümern. Ihre Erwerbstätigkeit richtete sich vor allem auf den Handel mit Vieh, Düngemitteln, Getreide und Brennstoffen aus. Zudem unterhielten sie Handelsvertretungen und betrieben Schlachtereien.<ref name=":6" /> | ||
[[Datei:Julius Wolff Christine Neemann Polizei Juden Nationalsozialismus Osterstraße 22 07 1935 01.jpg|links|mini|[[Christine Neemann]] und [[Julius Wolff]] werden von SA-Männern stadtauswärts über die [[Osterstraße]] (damals: ''Adolf-Hitler-Straße'') getrieben.]] | [[Datei:Julius Wolff Christine Neemann Polizei Juden Nationalsozialismus Osterstraße 22 07 1935 01.jpg|links|mini|[[Christine Neemann]] und [[Julius Wolff]] werden von SA-Männern stadtauswärts über die [[Osterstraße]] (damals: ''Adolf-Hitler-Straße'') getrieben.]] | ||
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Am Synagogenweg 4 entstand die ehemalige [[Jüdische Schule]]. Sie wurde 1871 als Anbau an das Haus [[Neuer Weg 110]] errichtet. Die Schule hatte einen kleinen Schulgarten, für den Sportunterricht wurde die [[Sporthalle Am Alten Siel|Turnhalle]] des [[Norder Turnverein|Norder Turnvereins]] genutzt. 1903 wurde der vordere, ursprüngliche Bau der Nummer 110 abgebrochen und mit einer Lehrerwohnung im Obergeschoss neu errichtet.<ref name=":0" /> | Am Synagogenweg 4 entstand die ehemalige [[Jüdische Schule]]. Sie wurde 1871 als Anbau an das Haus [[Neuer Weg 110]] errichtet. Die Schule hatte einen kleinen Schulgarten, für den Sportunterricht wurde die [[Sporthalle Am Alten Siel|Turnhalle]] des [[Norder Turnverein|Norder Turnvereins]] genutzt. 1903 wurde der vordere, ursprüngliche Bau der Nummer 110 abgebrochen und mit einer Lehrerwohnung im Obergeschoss neu errichtet.<ref name=":0" /> | ||
== Gemeindeentwicklung == | ==Gemeindeentwicklung== | ||
Die jüdische Gemeinde in Norden unterhielt ab 1878 eine Außenstelle auf Norderney, um den vielen dortigen jüdischen Badegästen gerecht zu werden. Weitere Orte, deren jüdische Bürger von der Norder Synagogengemeinde aus betreut wurden, waren Hage, Marienhafe und Westerende. In Norden wohnten die meisten Juden im Altstadtbereich, konrekt an der [[Sielstraße]], der [[Heringstraße]] und der [[Uffenstraße]].<ref name=":7" /> | Die jüdische Gemeinde in Norden unterhielt ab 1878 eine Außenstelle auf Norderney, um den vielen dortigen jüdischen Badegästen gerecht zu werden. Weitere Orte, deren jüdische Bürger von der Norder Synagogengemeinde aus betreut wurden, waren Hage, Marienhafe und Westerende. In Norden wohnten die meisten Juden im Altstadtbereich, konrekt an der [[Sielstraße]], der [[Heringstraße]] und der [[Uffenstraße]].<ref name=":7" /> | ||
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== Gedenkstätte und Stolpersteine == | ==Gedenkstätte und Stolpersteine== | ||
An die jüdische Gemeinde erinnern die Gedenkstätte für die niedergebrannte Synagoge am Synagogenweg und ein Mahnmal auf dem [[Jüdischer Friedhof|Jüdischen Friedhof]]. Die Gedenkstätte auf dem Grundstück der ehemalige Synagoge entstand 1987 auf Initiative [[Ökumenischer Arbeitskreis Synagogenweg Norden|Ökumenischer Arbeitskreis Synagogenweg]]. Zentraler Bestandteil des kleinen Platzes ist ein bereits im September 1985 freigelegtes Grundmauerfragment der alten Synagoge.<ref name=":3" /> Das sich unterhalb des Straßenniveaus befindliche Mauernfragment wird über eine mehrstufige terrassenförmig angelegte Treppe erschlossen. Ein Hinweisschild über dem Mauernfragment erklärt seine Bedeutung. Abgerundet wird der Platz der Synagoge durch einen Gedenkstein zur Erinnerung und zur Mahnung. Die Einweihung der Anlage erfolgte aus Anlass der ''Woche der Begegnung'' im Jahre 1987 (16. bis 18. August 1987) im Beisein ehemaliger Norder Juden und deren Angehörigen.<ref>[https://web.archive.org/web/20140810105721/https://www.norden.de/index.phtml?La=1&sNavID=1652.4&ffsm=1&object=tx%7C1652.82.1&FID=1652.82.1 Bericht zur "Woche der Begegnung] auf Norden.de, abgerufen am 14. April 2021</ref> Der bis dahin ''Judenlohne'' genannte Weg wurde durch die Stadt in ''Synagogenweg'' umbenannt. Weitere Gebäude des alten jüdischen Gemeindezentrums sind im unmittelbaren Umfeld der ehemaligen Synagoge vollständig erhalten. | An die jüdische Gemeinde erinnern die Gedenkstätte für die niedergebrannte Synagoge am Synagogenweg und ein Mahnmal auf dem [[Jüdischer Friedhof|Jüdischen Friedhof]]. Die Gedenkstätte auf dem Grundstück der ehemalige Synagoge entstand 1987 auf Initiative [[Ökumenischer Arbeitskreis Synagogenweg Norden|Ökumenischer Arbeitskreis Synagogenweg]]. Zentraler Bestandteil des kleinen Platzes ist ein bereits im September 1985 freigelegtes Grundmauerfragment der alten Synagoge.<ref name=":3" /> Das sich unterhalb des Straßenniveaus befindliche Mauernfragment wird über eine mehrstufige terrassenförmig angelegte Treppe erschlossen. Ein Hinweisschild über dem Mauernfragment erklärt seine Bedeutung. Abgerundet wird der Platz der Synagoge durch einen Gedenkstein zur Erinnerung und zur Mahnung. Die Einweihung der Anlage erfolgte aus Anlass der ''Woche der Begegnung'' im Jahre 1987 (16. bis 18. August 1987) im Beisein ehemaliger Norder Juden und deren Angehörigen.<ref>[https://web.archive.org/web/20140810105721/https://www.norden.de/index.phtml?La=1&sNavID=1652.4&ffsm=1&object=tx%7C1652.82.1&FID=1652.82.1 Bericht zur "Woche der Begegnung] auf Norden.de, abgerufen am 14. April 2021</ref> Der bis dahin ''Judenlohne'' genannte Weg wurde durch die Stadt in ''Synagogenweg'' umbenannt. Weitere Gebäude des alten jüdischen Gemeindezentrums sind im unmittelbaren Umfeld der ehemaligen Synagoge vollständig erhalten. | ||