Leegemoorgesellschaft: Unterschied zwischen den Versionen
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Die Größe der verpachteten Fläche betrug 95 [[Grasen]] aus denen 95 Anteile der Leegemoorgesellschaft wurde. Diese wurden auf die entsprechende Anzahl von ''Interessenten'' verteilt. Nachdem dies bereits den [[Altenbürgerlande]] gelungen war, konnten auch die Leegemoorer ''Landgebräucher'' (Landnutzer) 1632 [[Ulrich II. Cirksena|Graf Ulrich II.]] überzeugen, ihnen das Land in Erbpacht zu überlassen. Dadurch wurden sie zwar nicht Eigentümer, erwarben aber das vererbbare Recht, das Land dauerhaft und nicht nur für einige Zeit in Pacht nehmen zu dürfen, was in den wirtschaftlich schweren Jahren des [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Kriegs]] eine deutlich bessere Absicherung für die ''Interessenten'' darstellte. Zur gemeinsamen Nutzung und Verwaltung gründeten sie die ''Leegemoorgesellschaft''. Auch hier nahmen sie sich die Altenbürgerlande als Vorbild. Neben dem Erfolg dieser Genossenschaft war hierbei wohl auch ausschlaggebend, dass bereits mehrere Leegemoorgebräucher Mitglied der Alten- und Neuenbürgerlande waren.<ref name=":1" /> | Die Größe der verpachteten Fläche betrug 95 [[Grasen]] aus denen 95 Anteile der Leegemoorgesellschaft wurde. Diese wurden auf die entsprechende Anzahl von ''Interessenten'' verteilt. Nachdem dies bereits den [[Altenbürgerlande]] gelungen war, konnten auch die Leegemoorer ''Landgebräucher'' (Landnutzer) 1632 [[Ulrich II. Cirksena|Graf Ulrich II.]] überzeugen, ihnen das Land in Erbpacht zu überlassen. Dadurch wurden sie zwar nicht Eigentümer, erwarben aber das vererbbare Recht, das Land dauerhaft und nicht nur für einige Zeit in Pacht nehmen zu dürfen, was in den wirtschaftlich schweren Jahren des [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Kriegs]] eine deutlich bessere Absicherung für die ''Interessenten'' darstellte. Zur gemeinsamen Nutzung und Verwaltung gründeten sie die ''Leegemoorgesellschaft''. Auch hier nahmen sie sich die Altenbürgerlande als Vorbild. Neben dem Erfolg dieser Genossenschaft war hierbei wohl auch ausschlaggebend, dass bereits mehrere Leegemoorgebräucher Mitglied der Alten- und Neuenbürgerlande waren.<ref name=":1" /> | ||
Die Weiden des [[Leegemoor|Leegemoors]] wurden seit jeher überwiegend zur Viehhaltung genutzt. Zur Aufsicht beschäftigte man einen Hirten, der | Die Weiden des [[Leegemoor|Leegemoors]] wurden seit jeher überwiegend zur Viehhaltung genutzt. Zur Aufsicht beschäftigte man einen Hirten, der im [[Hirtenhaus (Leegemoorgesellschaft)|Hirtenhaus der Gesellschaft]] wohnte. In einem Raum dieses Hauses hielt die Leegemoorgesellschaft früher auch ihre jährlichen Treffen statt.<ref name=":0" /> Das Gebäude ist bis heute erhalten und befindet sich am Ende der [[Zinngießerstraße]]. An das Hirtenhaus erinnert auch der Straßenname [[Zum Hirtenhaus|''Zum Hirtenhaus'']]. Geleitet wurde die Genossenschaft von zwei sogenannten ''Ältesten Vierten'' und zwei ''Jüngsten Vierten''. Die ersten von ihnen waren der [[Johan Janßen]], [[Dirk Theißen]], [[Willem Tekenborgh]] und [[Sibe Gerdts]].<ref name=":1" /> | ||
Im Zuge veränderter wirtschaftlicher Verhältnisse nach dem [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] begann die Bedeutung der Leegemoorgesellschaft als Weidegesellschaft zu schwinden. Das Hirtenhaus wurde 1972 an den letzten Hirten [[Bonno Groeneveld]] verkauft, die Weiden an die Landwirte [[Hof Smidt|Smidt]] und [[Südlicher Platz|Steffens]] verpachtet. Durch Ausweisung der alten Leegemoorweiden zu Gewerbeflächen ab 1974 erschlossen sich für die Gesellschaft jedoch neue Einkommensmöglichkeiten und die Pachtverträge mit den Landwirten wurden zurückgenommen.<ref>Rack, Eberhard (1982): Up Leegemoors Wohlfahrt, Norden, S. 33</ref> Bis heute schafft es die Leegemoorgesellschaft, ansehnliche Renditen zu erwirtschaften und halbjährich an die Anteilseigner auszuschütten. Die letzte, bis dahin unverpachtete Fläche der Leegemoorgesellschaft wurde 2007 als Gewerbefläche vermarktet. | |||
== Sitten und Gebräuche == | == Sitten und Gebräuche == | ||
An jedem 2. Februar (''Maria Lichtmess'') im Jahr trifft sich die Leegemoorgesellschaft zur Abrechnungsversammlung, an der alle Anteilseigner teilnehmen können. Diese können grundsätzlich auch einen bevollmächtigten Vertreter (''Lepelgasten'') zur Versammlung schicken. In der Abrechnungsversammlung werden alle Angelegenheiten, die die Leegemoorgesellschaft betreffen, verhandelt. Während dieser ''Ofrekensversammeln'' darf ausschließlich ostfriesisches Plattdeutsch gesprochen werden. Frauen sind grundsätzlich nicht bei der Versammlung erlaubt; dies ist ihnen lediglich alle 25 Jahre anlässlich der Jubiläen gestattet. Auch die Servicekräfte dürfen ausschließlich männlich sein. Den Frauen wird jedoch bei jeder Abrechnungsversammlung in einer Ansprache (''Proot för de Frolü'') gedacht. | An jedem 2. Februar (''Maria Lichtmess'') im Jahr trifft sich die Leegemoorgesellschaft zur Abrechnungsversammlung, an der alle Anteilseigner teilnehmen können. Diese können grundsätzlich auch einen bevollmächtigten Vertreter (''Lepelgasten'') zur Versammlung schicken. In der Abrechnungsversammlung werden alle Angelegenheiten, die die Leegemoorgesellschaft betreffen, verhandelt. Während dieser ''Ofrekensversammeln'' darf ausschließlich ostfriesisches Plattdeutsch gesprochen werden. Frauen sind grundsätzlich nicht bei der Versammlung erlaubt; dies ist ihnen lediglich alle 25 Jahre anlässlich der Jubiläen gestattet. Auch die Servicekräfte dürfen ausschließlich männlich sein. Den Frauen wird jedoch bei jeder Abrechnungsversammlung in einer Ansprache (''Proot för de Frolü'') gedacht. | ||
Bedingt durch die [[COVID 19-Pandemie]] konnte diese Tradition - erstmalig in der Geschichte - im Februar 2021 nicht stattfinden. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts fand sie dann in verschiedenen Gastwirtschaften und Hotels statt. Seit etwa 1850 tagte man im [[Vossenhus]], dann ab ungefähr 1875 im [[Reichshof]]. Später verlegte man die Zusammenkunft in die [[Gastwirtschaft Zum Elephanten]] und dann in den [[Lentzhof]]. Bis zur Schließung des [[Deutsches Haus|Deutschen Hauses]] traf man sich dort und seitdem wieder im Reichshof. Neben einem traditionell deftigem Essen, dem ''Leegemoorschmus'' auf Kosten der Gesellschaft, wird gemeinsam Tabak aus langen, weißen Tonpfeifen geraucht. Dazu wird ein [[Doornkaat]], versehen mit einem Magenbitterschnaps, serviert. Angestoßen und getrunken wird ''up Leegemoors Wohlfahrt,'' also auf das Wohlergehen und Fortbestehen der Genossenschaft. | Bedingt durch die [[COVID 19-Pandemie]] konnte diese Tradition - erstmalig in der Geschichte - im Februar 2021 nicht stattfinden. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts fand sie dann in verschiedenen Gastwirtschaften und Hotels statt. Seit etwa 1850 tagte man im [[Vossenhus]], dann ab ungefähr 1875 im [[Reichshof]]. Später verlegte man die Zusammenkunft in die [[Gastwirtschaft Zum Elephanten]] und dann in den [[Lentzhof]]. Bis zur Schließung des [[Deutsches Haus|Deutschen Hauses]] traf man sich dort und seitdem wieder im Reichshof. Neben einem traditionell deftigem Essen, dem ''Leegemoorschmus'' auf Kosten der Gesellschaft, wird gemeinsam Tabak aus langen, weißen Tonpfeifen geraucht. Dazu wird ein [[Doornkaat]], versehen mit einem Magenbitterschnaps, serviert. Angestoßen und getrunken wird ''up Leegemoors Wohlfahrt,'' also auf das Wohlergehen und Fortbestehen der Genossenschaft.<ref>Rack, Eberhard (1982): Up Leegemoors Wohlfahrt, Norden, S. 29</ref> | ||
==Verwaltung== | ==Verwaltung== | ||
An der Spitze der Genossenschaft stand ursprünglich ein Gremium von vier Männern, deren Zahl sich aber ab Mitte des 17. Jahrhunderts und bis heute fortbestehend auf zwei, dem ''Ältesten und Jüngsten Vierten'', reduzierte. Neben den ''Vierten'', denen die Verwaltung oblag, gibt es noch die ''Technische Deputation'' (12 Mitglieder) und die ''Revisionskommission'' (3 Mitglieder). Die Mitglieder letztgenannter Kommission durften nicht zugleich ''Vierte'' sein.<ref name=":2">Rack, Eberhard (1982): Up Leegemoors Wohlfahrt, Norden, S. 5</ref> | An der Spitze der Genossenschaft stand ursprünglich ein Gremium von vier Männern, deren Zahl sich aber ab Mitte des 17. Jahrhunderts und bis heute fortbestehend auf zwei, dem ''Ältesten und Jüngsten Vierten'', reduzierte. Neben den ''Vierten'', denen die Verwaltung oblag, gibt es noch die ''Technische Deputation'' (12 Mitglieder) und die ''Revisionskommission'' (3 Mitglieder). Die Mitglieder letztgenannter Kommission durften nicht zugleich ''Vierte'' sein.<ref name=":2">Rack, Eberhard (1982): Up Leegemoors Wohlfahrt, Norden, S. 5</ref> | ||
Der ''Älteste Vierte'' hat die Aufgabe, die Interessenten und ihre Anteile bzw. Besitztümer an der Genossenschaft in einem Lagerbuch festzuhalten. Er ist damit auch für die die Umschreibung der Weiden auf die neuen Besitzer verantwortlich. Dies kommt insbesondere durch Vererbungen zustande, Verkäufe sind ausgesprochen selten. Zudem führt er die Kasse und hat dabei die Ein- und Ausgaben zu erheben. Weiterhin vertritt er die Gesellschaft nach außen und hat den Vorsitz bei der Generalversammlung inne. Nach Ablauf seiner einjährigen Amtszeit muss er die Kasse an einen neuen ''Ältesten Vierten'' übergeben und deren Richtigkeit von einem Bürgen bezeugen lassen. Im Verhinderungsfalle wird er in allen Angelegenheiten von dem ''Jüngsten Vierten'' vertreten.<ref name=":2" /> | Der ''Älteste Vierte'' hat die Aufgabe, die Interessenten und ihre Anteile bzw. Besitztümer an der Genossenschaft in einem Lagerbuch festzuhalten. Er ist damit auch für die die Umschreibung der Weiden auf die neuen Besitzer verantwortlich. Dies kommt insbesondere durch Vererbungen zustande, Verkäufe sind ausgesprochen selten. Zudem führt er die Kasse und hat dabei die Ein- und Ausgaben zu erheben. Weiterhin vertritt er die Gesellschaft nach außen und hat den Vorsitz bei der Generalversammlung inne. Nach Ablauf seiner einjährigen Amtszeit muss er die Kasse an einen neuen ''Ältesten Vierten'' übergeben und deren Richtigkeit von einem Bürgen bezeugen lassen. Im Verhinderungsfalle wird er in allen Angelegenheiten von dem ''Jüngsten Vierten'' vertreten.<ref name=":2" /> Seit 1907 wechselte das Amt innerhalb der Wahlperiode stetig untereinander, sodass sich der ''Älteste'' und der ''Jüngste Vierte'' jedes Jahr in ihren Posten abwechselten.<ref>Rack, Eberhard (1982): Up Leegemoors Wohlfahrt, Norden, S. 28</ref> | ||
Die Technische Deputation unterstützt die Vierten bei der Verwaltung und in allen sonstigen Angelegenheit, die die Belange der Leegemoorgesellschaft tangieren.<ref>Rack, Eberhard (1982): Up Leegemoors Wohlfahrt, Norden, S. 6</ref> Die Revisionskommission dient vor allem der Überprüfung die Abrechnungen der Generalversammlung sowie die den Mitgliedern obliegenden Vollmachten zu prüfen.<ref>Rack, Eberhard (1982): Up Leegemoors Wohlfahrt, Norden, S. 7</ref> | Die Technische Deputation unterstützt die Vierten bei der Verwaltung und in allen sonstigen Angelegenheit, die die Belange der Leegemoorgesellschaft tangieren.<ref>Rack, Eberhard (1982): Up Leegemoors Wohlfahrt, Norden, S. 6</ref> Die Revisionskommission dient vor allem der Überprüfung die Abrechnungen der Generalversammlung sowie die den Mitgliedern obliegenden Vollmachten zu prüfen.<ref>Rack, Eberhard (1982): Up Leegemoors Wohlfahrt, Norden, S. 7</ref> | ||
==Persönlichkeiten== | ==Persönlichkeiten== | ||
Der Leegemoorgesellschaft gehörten seit ihrem Bestehen eine Vielzahl an bedeutenden Norder Persönlichkeiten an, was insbesondere an ihrer vornehmen Geschichte begründet ist. Bedeutende Mitglieder waren der Sohn des Begründers der Firma [[Doornkaat]], [[Fiepko ten Doornkaat Koolman (1817)|Fiepko ten Doornkaat Koolman]], Sanitätsrat [[Gustav Steinbömer]] | Der Leegemoorgesellschaft gehörten seit ihrem Bestehen eine Vielzahl an bedeutenden Norder Persönlichkeiten an, was insbesondere an ihrer vornehmen Geschichte begründet ist. Bedeutende Mitglieder waren der Sohn des Begründers der Firma [[Doornkaat]], [[Fiepko ten Doornkaat Koolman (1817)|Fiepko ten Doornkaat Koolman]], Sanitätsrat [[Gustav Steinbömer]], Buchdruckereibesitzer [[Heinrich Soltau]] sowie Bäckerei- und Konditorobermeister [[Jan Tjarks ten Cate (1851)|Jan Tjarks ten Cate]]. | ||
Der Charakter der Gesellschaft hat sich in der heutigen Zeit dahingehend geändert, dass sich aus einer ländlichen Organisation eine Kapitalgesellschaft wurde, die jedoch nach wie vor auf genossenschaftlicher Basis geführt wird. Die Stadt Norden nahm von der Gesellschaft seit den 1980er Jahren immer mehr Flächen in Erbpacht, sodass aus dem als Weideland genutzten Gebiet mit der Zeit der heutige Gewerbe- und Dienstleistungspark Leegemoor entstanden ist. Dadurch ist es der Gesellschaft als einzige der drei Traditionsgesellschaften möglich, mehr als nur symbolische Beträge an ihre Anteilseigner auszuzahlen. | Der Charakter der Gesellschaft hat sich in der heutigen Zeit dahingehend geändert, dass sich aus einer ländlichen Organisation eine Kapitalgesellschaft wurde, die jedoch nach wie vor auf genossenschaftlicher Basis geführt wird. Die Stadt Norden nahm von der Gesellschaft seit den 1980er Jahren immer mehr Flächen in Erbpacht, sodass aus dem als Weideland genutzten Gebiet mit der Zeit der heutige Gewerbe- und Dienstleistungspark Leegemoor entstanden ist. Dadurch ist es der Gesellschaft als einzige der drei Traditionsgesellschaften möglich, mehr als nur symbolische Beträge an ihre Anteilseigner auszuzahlen. | ||
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Der Landkreis Aurich hält als Rechtsnachfolger des [[Landkreis Norden]] bis heute Anteile an der Leegemoorgesellschaft inne. Hierdurch erwirtschaftet dieser jährliche Dividenden von rund 3.000 Euro.<ref>[https://www.landkreis-aurich.de/fileadmin/dateiablage/20-zentrale_finanzverwaltung/Beteiligungsbericht_Gesamt_2017.pdf Beteiligungsbericht des Landkreis Aurich aus dem Jahr 2017]</ref> | Der Landkreis Aurich hält als Rechtsnachfolger des [[Landkreis Norden]] bis heute Anteile an der Leegemoorgesellschaft inne. Hierdurch erwirtschaftet dieser jährliche Dividenden von rund 3.000 Euro.<ref>[https://www.landkreis-aurich.de/fileadmin/dateiablage/20-zentrale_finanzverwaltung/Beteiligungsbericht_Gesamt_2017.pdf Beteiligungsbericht des Landkreis Aurich aus dem Jahr 2017]</ref> | ||
== Literatur == | |||
* Rack, Eberhard (1982): Up Leegemoors Wohlfahrt, Norden | |||
==Einzelnachweise== | ==Einzelnachweise== | ||