Keine Bearbeitungszusammenfassung
Zeile 25: Zeile 25:
| colspan="2" |[[Datei:Karte_Westermarsch_II.png|zentriert|358x358px|alternativtext=]]
| colspan="2" |[[Datei:Karte_Westermarsch_II.png|zentriert|358x358px|alternativtext=]]
|}
|}
'''Westermarsch II''' ist ein Stadtteil von Norden und hat 396 Einwohner (Stand: 31.12.2020), die sich auf einer Fläche von rund 11,69 km² verteilen. Insbesondere der östliche Bereich ist heute stark mit [[Norddeich]] verwachsen, weshalb eigentlich in Westermarsch II befindliche Häuser und Straßen oftmals Norddeich zugerechnet werden.
'''Westermarsch II''' ist ein Stadtteil von Norden und hat 396 Einwohner (Stand: 31. Dezember 2020), die sich auf einer Fläche von rund 11,69 km² verteilen. Insbesondere der östliche Bereich ist heute stark mit [[Norddeich]] verwachsen, weshalb eigentlich in Westermarsch II befindliche Häuser und Straßen oftmals Norddeich zugerechnet werden.


__TOC__
__TOC__
Zeile 105: Zeile 105:


== Geografie ==
== Geografie ==
Westermarsch II befindet sich im Kalkmarschgebiet östlich der Leybucht in einer Höhe von bis zu 1,3 m über Meeresniveau (NN). Die nördliche und westliche Grenze stellt die Leybucht bzw. die Nordsee dar. Die östliche Grenze zu [[Norddeich]] verläuft hauptsächlich mittig des ursprünglichen Verlaufs des [[Dörper Weg | Dörper Wegs]]. Im Süden ist die Abgrenzung deutlich schwieriger und ist historisch gewachsen. Sie folgt keiner auf den ersten Blick erkennbaren Logik, sondern bezieht sich vielmehr auf einzelne Grundstücke bzw. Flure, die entsprechend ihrer Besitzverhältnisse entweder zu Westermarsch I oder II gehören. In etwa kann man jedoch sagen, dass die südliche Grenze von Westermarsch II beim [[Lehmweg]] beginnt und sich dann in westliche Richtung bis [[Utlandshörn]] erstreckt. Hier sind einstige örtliche Besitztümer die Grenze, die sich nur schwer umschreiben lassen. Westermarsch II entspricht der alten [[Westermarsch II#Verwaltung|Rotteinteilung]] Rott 5 bis Rott 9, während [[Westermarsch I]] Rott 1 bis Rott 4 umfasst. Ein "Rott" ist eine alte Bezeichnung für einen Bezirk, der eine bestimmte Anzahl an Ländereien umfasste. Hieraus erklärt sich die diffus wirkende Grenze zu Westermarsch I, da sich mehrere Bauern mit ihren verteilten Ländereien zu einem Rott zusammenschlossen. (siehe Abschnitt [[Westermarsch II#Verwaltung|Verwaltung]])
Westermarsch II befindet sich im Kalkmarschgebiet östlich der Leybucht in einer Höhe von bis zu 1,3 m über Meeresniveau (NN). Die nördliche und westliche Grenze stellt die Leybucht bzw. die Nordsee dar. Die östliche Grenze zu [[Norddeich]] verläuft hauptsächlich mittig des ursprünglichen Verlaufs des [[Dörper Weg |Dörper Wegs]]. Im Süden ist die Abgrenzung deutlich schwieriger und historisch gewachsen. Sie folgt keiner auf den ersten Blick erkennbaren Logik, sondern bezieht sich vielmehr auf einzelne Grundstücke bzw. Flure, die entsprechend ihrer Besitzverhältnisse und Zugehörigkeiten zu einem [[Rott]] gehörten. In etwa kann man jedoch sagen, dass die südliche Grenze von Westermarsch II beim [[Lehmweg]] beginnt und sich dann in westliche Richtung bis [[Utlandshörn]] erstreckt.
 
Westermarsch II entspricht der alten [[Westermarsch II#Verwaltung|Rotteinteilung]] Rott 5 bis Rott 9, während [[Westermarsch I]] Rott 1 bis Rott 4 umfasst. ''[[Rott]]'' ist eine alte Bezeichnung für einen Bezirk, der eine bestimmte Anzahl an Ländereien umfasste. Hieraus erklärt sich die diffus wirkende Grenze zu Westermarsch I, da sich mehrere Bauern mit ihren verteilten Ländereien zu einem Rott zusammenschlossen. (siehe Abschnitt [[Westermarsch II#Verwaltung|Verwaltung]])


== Geschichte ==
== Geschichte ==
Zeile 133: Zeile 135:
Während des [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Kriegs]] (1618 bis 1648) wurde auch die Westermarsch von einem Söldnerheer des berüchtigten Heerführers Ernst von Mansfeld als Rückzugsort genutzt. Seine Truppen drangsalierten die Bevölkerung von 1622 bis 1624 und schikanierten sie fortwährend mit kaum zu erfüllenden Forderungen. Die Westermarscher Bewohner, die selbst oftmals kaum genug zum Leben hatten, mussten für Unterbringung und Verpflegung der Soldaten sorgen, ohne dafür eine Gegenleistung erwarten zu können.
Während des [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Kriegs]] (1618 bis 1648) wurde auch die Westermarsch von einem Söldnerheer des berüchtigten Heerführers Ernst von Mansfeld als Rückzugsort genutzt. Seine Truppen drangsalierten die Bevölkerung von 1622 bis 1624 und schikanierten sie fortwährend mit kaum zu erfüllenden Forderungen. Die Westermarscher Bewohner, die selbst oftmals kaum genug zum Leben hatten, mussten für Unterbringung und Verpflegung der Soldaten sorgen, ohne dafür eine Gegenleistung erwarten zu können.


Bei der [[Weihnachtsflut]] im Jahre 1717 entstanden in Westermarsch II sieben Grundbrüche im Seedeich. Die Bewohner konnten die Deichbrüche nicht schnell genug reparieren, vermutlich, da sie selbst zunächst genug damit zu tun hatten, ihre eigenen Existenzen halbwegs wieder aufzubauen. So kam es, dass bei einer erneuten Sturmflut am 24. Februar 1718 erneut zu schweren Schäden kam. Das Land war nun durch das Salzwasser teils entwertet, die Schäden der Sturmflut dadurch umso immenser. Die Ortschaft [[Itzendorf]] wurde 1721 vollends aufgegeben. An sie erneut heute nur noch die ''Itzendorfplate'', eine kleine Untiefe im nordöstlichen Bereich von Westermarsch II. Die Deichlinie wurde weiter ins Innenland verlegt und verlief nun in etwa entlang der Grenze zu Westermarsch I, beginnend in [[Utlandshörn]] und in Norden endend.
Bei der [[Weihnachtsflut]] im Jahre 1717 entstanden in Westermarsch II sieben Grundbrüche im [[Westermarscher Seedeich|Seedeich]]. Die Bewohner konnten die Deichbrüche nicht schnell genug reparieren, vermutlich, da sie selbst zunächst genug damit zu tun hatten, ihre eigenen Existenzen halbwegs wieder aufzubauen. So kam es, dass bei einer erneuten Sturmflut am 24. Februar 1718 erneut zu schweren Schäden kam. Das Land war nun durch das Salzwasser teils entwertet, die Schäden der Sturmflut dadurch umso immenser. Die Ortschaft [[Itzendorf]] wurde 1721 vollends aufgegeben. An sie erneut heute nur noch die ''Itzendorfplate'', eine kleine Untiefe im nordöstlichen Bereich von Westermarsch II. Die Deichlinie wurde weiter ins Innenland verlegt und verlief nun in etwa entlang der Grenze zu Westermarsch I, beginnend in [[Utlandshörn]] und in Norden endend.


Die [[Februarflut 1825]] hatte zwischen dem [[Kleiner Krug |Kleinen Krug]] und dem [[Großer Krug |Großen Krug]] insgesamt 16 Deichbrüche zur Folge. Bei Itzendorf brach der Deich sogar in einer Breite von 70 Metern. Es wurden mehrere tausend Hektar Land überflutet und mehrere hundert Hektar versandet. Abgesehen vom direkten Schaden hatte die Sturmflut auch weitere wirtschaftliche und sogar gesellschaftliche Folgen. Von 88 Bauern in Westermarsch II mussten 46 ihre Höfe und Ländereien veräußern, da sie sie und die damit einhergehenden Pflichten, besonders das [[Spatenrecht]] ("Keen nich will dieken, de mutt wieken"), nicht mehr erfüllen konnten. Um derartiges künftig zu vermeiden, wurde 1900 die [[Deichacht Norden]] gegründet. Die Bewohner mussten nun nicht mehr selbst den Deich instandhalten, sondern nur noch einen Beitrag an die Deichacht zahlen, die diese Aufgabe bis heute wahrnimmt.
Die [[Februarflut 1825]] hatte zwischen dem [[Kleiner Krug |Kleinen Krug]] und dem [[Großer Krug |Großen Krug]] insgesamt 16 Deichbrüche zur Folge. Bei Itzendorf brach der Deich sogar in einer Breite von 70 Metern. Es wurden mehrere tausend Hektar Land überflutet und mehrere hundert Hektar versandet. Abgesehen vom direkten Schaden hatte die Sturmflut auch weitere wirtschaftliche und sogar gesellschaftliche Folgen. Von 88 Bauern in Westermarsch II mussten 46 ihre Höfe und Ländereien veräußern, da sie sie und die damit einhergehenden Pflichten, besonders das [[Spatenrecht]] (''Keen nich will dieken, de mutt wieken''), nicht mehr erfüllen konnten. Um derartiges künftig zu vermeiden, wurde 1900 die [[Deichacht Norden]] gegründet. Die Bewohner mussten nun nicht mehr selbst den Deich istandhalten, sondern nur noch einen Beitrag an die Deichacht zahlen, die diese Aufgabe bis heute wahrnimmt.


Um 1771 grassierte in der Westermarsch eine große Viehseuche, die für die rund 600 Einwohner des Dorfes zu schwerer wirtschaftlicher Not führte. 1871 fiel ganz Ostfriesland von Hannover (erneut) an das Königreich Preußen. Die preußischen Beamten begannen, das Land zu kartografieren und unterteilten die Westermarsch in zwei Gemeinden (Westermarsch in I und II), die zuvor bereits spätestens seit 1823 bzw. 1826 als ''Bauerschaften'' (loser Verband von Bauernhöfen; vgl. [[Sandbauerschaft]]) zusammengeschlossen waren. 1873 bis 1875 wurde die [[Westermarscher Straße]] gebaut, bis dahin erfolgte ein Warentransport vor allem über die zahlreichen Flüsse und Kanäle.
Um 1771 grassierte in der Westermarsch eine große Viehseuche, die für die rund 600 Einwohner des Dorfes zu schwerer wirtschaftlicher Not führte. 1871 fiel ganz Ostfriesland von Hannover (erneut) an das Königreich Preußen. Die preußischen Beamten begannen, das Land zu kartografieren und unterteilten die Westermarsch in zwei Gemeinden (Westermarsch in I und II), die zuvor bereits spätestens seit 1823 bzw. 1826 als ''Bauerschaften'' (loser Verband von Bauernhöfen; vgl. [[Sandbauerschaft]]) zusammengeschlossen waren. 1873 bis 1875 wurde die [[Westermarscher Straße]] gebaut, bis dahin erfolgte ein Warentransport vor allem über die zahlreichen Flüsse und Kanäle.


In den Jahren 1905 bis 1906 wurde die [[Norddeich Radio |Küstenfunkstation Norddeich]] in [[Utlandshörn]] errichtet und zunächst dem [[Postamt|Kaiserlichen Postamt]] am [[Marktplatz|Norder Marktplatz]] angegliedert. Die Küstenfunkstelle war von großer militärischer Bedeutung und bis zu ihrer Schließung am 31. Dezember 1998 ein tragender Faktor für die Sicherheit auf See. Während des Ersten Weltkriegs unterstand die Küstenfunkstelle dem Kommando der Kaiserlichen Marine. Das Gebäude der [[Itzendorfer Schule]] wurde von der Marine requiriert, um dort Soldaten unterzubringen. Nachdem die Marine im November 1918 die Küstenunkstelle geräumt hatte, wurde diese durch Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrates besetzt. Im September 1919 formierte sich eine Bürgerwehr, der 57 Mann angehörten. Sie verfügte über 50 Waffen, wurde aber schon wenig später wieder aufgelöst.  
In den Jahren 1905 bis 1906 wurde die [[Norddeich Radio |Küstenfunkstation Norddeich]] in [[Utlandshörn]] errichtet und zunächst dem [[Postamt|Kaiserlichen Postamt]] am [[Marktplatz|Norder Marktplatz]] angegliedert. Die Küstenfunkstelle war von großer militärischer Bedeutung und bis zu ihrer Schließung am 31. Dezember 1998 ein tragender Faktor für die Sicherheit auf See. Während des [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkriegs]] unterstand die Küstenfunkstelle dem Kommando der Kaiserlichen Marine. Das Gebäude der [[Itzendorfer Schule]] wurde von der Marine requiriert, um dort Soldaten unterzubringen. Nachdem die Marine im November 1918 die Küstenfunkstelle geräumt hatte, wurde diese durch Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrats besetzt. Im September 1919 formierte sich eine Bürgerwehr, der 57 Mann angehörten. Sie verfügte über 50 Waffen, wurde aber schon wenig später wieder aufgelöst.  


Auch im [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] erlangte die Küstenfunkstelle wieder große Bedeutung und wurde entsprechend auch mit Flak-Geschützstellungen gegen feindliche Luftangriffe gesichert. Zudem entstand in dieser Zeit ein Kriegsgefangenenlager im nahegelegenen [[Itzendorf|''Neu-Itzendorf'']], in dem 15 französische Soldaten inhaftiert waren. Ein weiteres Kriegsgefangenenlager wurde in Utlandshörn errichtet, auch dort waren ausschließlich Franzosen inhaftiert, deren Zahl - über die Zeit schwankend - 15 bis 40 betragen hat. Das Lager trug die Bezeichnung AK Nr. 1016a.
Auch im [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] erlangte die Küstenfunkstelle wieder große Bedeutung und wurde entsprechend auch mit [[Liste der Flakstellungen|Flakstellungen]] gegen feindliche Luftangriffe gesichert. Zudem entstand in dieser Zeit ein Kriegsgefangenenlager im nahegelegenen [[Itzendorf|Neu-Itzendorf]], in dem 15 französische Soldaten inhaftiert waren. Ein weiteres Kriegsgefangenenlager wurde in Utlandshörn errichtet, auch dort waren ausschließlich Franzosen inhaftiert, deren Zahl - über die Zeit schwankend - 15 bis 40 betragen hat. Das Lager trug die Bezeichnung AK Nr. 1016a.


Durch Aufnahme ausgebombter Emder sowie Vertriebener aus den ehemals deutschen Ostgebieten stieg die Einwohnerzahl nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich und erreichte 1946 bereits 730 Einwohner, von denen 190 Flüchtlinge oder Vertriebene waren. Bis 1950 stieg die Einwohnerzahl nochmals um 22 auf insgesamt 752 Einwohner. Die Zahl der Flüchtlinge bzw. Vertriebenen lag bei 200. Kurz nach Kriegsende ermordete eine aus sechs ehemaligen Kriegsgefangenen bestehende Bande den Bauern Steffens. Einer der Täter wurde deswegen im August 1946 vom "High Court" der britischen Militärregierung zum Tode verurteilt.
Durch Aufnahme ausgebombter Emder sowie Vertriebener aus den ehemals deutschen Ostgebieten stieg die Einwohnerzahl nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich und erreichte 1946 bereits 730 Einwohner, von denen 190 Flüchtlinge oder Vertriebene waren. Bis 1950 stieg die Einwohnerzahl nochmals um 22 auf insgesamt 752 Einwohner. Die Zahl der Flüchtlinge bzw. Vertriebenen lag bei 200. Kurz nach Kriegsende ermordete eine aus sechs ehemaligen Kriegsgefangenen bestehende Bande den Bauern Steffens. Einer der Täter wurde deswegen im August 1946 vom ''High Court'' der britischen Militärregierung zum Tode verurteilt.


In den Folgejahren kam es wanderte ein großer Teil der neuen Bewohner wieder ab, so verlor der Ort praktisch die gleiche Zahl, wie er erst kürzlich hinzugewonnen hatte. Ursächlich waren vor allem ein Mangel an Arbeitsplätzen oder zumindest solchen abseits der Landwirtschaft, welche seit den 1950er Jahren einen umfassenden Strukturwandel, vor allem bedingt durch eine immer stärker werdende Motorisierung und der damit einhergehenden Rationalisierung von Arbeitskräften, erlebte. Dennoch bleibt die Landwirtschaft bis heute der bedeutendste Erwerbszweig von Westermarsch I, wenngleich immer mehr Höfe auch vom prosperierenden Tourismus profitieren, indem sie ''Ferien auf dem Bauernhof'' anbieten. Der Küstentourismus in Westermarsch II hat nach [[Norddeich]] die größte Bedeutung innerhalb der [[Stadt Norden]]. Dabei sind diese beiden Orte im Laufe der Jahrzehnte immer weiter zusammengewachsen, sodass noch heute viele eigentlich in Westermarsch II befindliche Straßen und Orte fälschlicherweise Norddeich zugerechnet werden. Die Grenze zwischen den beiden Orten verläuft etwa mittig des [[Dörper Weg|Dörper Wegs]].
In den Folgejahren kam es wanderte ein großer Teil der neuen Bewohner wieder ab, so verlor der Ort praktisch die gleiche Zahl, wie er erst kürzlich hinzugewonnen hatte. Ursächlich waren vor allem ein Mangel an Arbeitsplätzen oder zumindest solchen abseits der Landwirtschaft, welche seit den 1950er Jahren einen umfassenden Strukturwandel, vor allem bedingt durch eine immer stärker werdende Motorisierung und der damit einhergehenden Rationalisierung von Arbeitskräften, erlebte. Dennoch bleibt die Landwirtschaft bis heute der bedeutendste Erwerbszweig von Westermarsch I, wenngleich immer mehr Höfe auch vom prosperierenden Tourismus profitieren, indem sie ''Ferien auf dem Bauernhof'' anbieten. Der Küstentourismus in Westermarsch II hat nach [[Norddeich]] die größte Bedeutung innerhalb der [[Stadt Norden]]. Dabei sind diese beiden Orte im Laufe der Jahrzehnte immer weiter zusammengewachsen, sodass noch heute viele eigentlich in Westermarsch II befindliche Straßen und Orte fälschlicherweise Norddeich zugerechnet werden. Die Grenze zwischen den beiden Orten verläuft etwa mittig des [[Dörper Weg|Dörper Wegs]].
Zeile 157: Zeile 159:
Dieses mehr oder weniger feste Konstrukt konnte bis in das 14. Jahrhundert standhalten, als sich schließlich aus den wenigen reichen und einflussreichen Familien - entgegen den Prinzipien der ''Friesischen Freiheit'' - ein Adel bildete. Das 14. Jahrhundert war durch viele schwere Sturmfluten, wie die [[Zweite Marcellusflut]] oder die [[Erste Dionysiusflut]] sowie eine verheerende [[Pestepidemie 1350 - 1360|Pestepidemie von 1350 bis 1360]] geprägt. Viele Menschen kamen ums Leben und für die Überlebenden gab es größere Sorgen als die politische oder gesellschaftliche Teilhabe. Der Adel, der die Krisen besser als der große Teil der armen Bevölkerung überstand, nutzte diese Umstände, um seinen Einfluss zu vergrößern. Viele von ihnen verstanden es, die Lage geschickt zu ihrem Vorteil zu nutzen. Sie sahen ihre Autorität nicht mehr vom Willen der Gemeinde abhängig, sondern ihrem eigenen. Nach und nach formierten sich mehrere [[Ostfriesische Häuptlinge|Häuptlingsgeschlechter]]. In der Westermarsch gelangten zunächst die [[Idzinga]] an die Macht, deren Hauptsitz in [[Itzendorf]] in der östlichen Westermarsch und später die [[Idzingaburg]] in [[Ostlintel]] war, aber auch die [[Manninga]] hatten nach dem Untergang ihrer Burg in [[Westeel]] noch das [[Groß Langhaus]] in ihrem Besitz. Die Steinhäuser der Häuptlinge, mit denen sie sich ohnehin von den oftmals erbärmlichen Behausungen der meisten Mitmenschen abhoben, vergrößerten sie weiter und formten daraus den [[Liste der Burgen und Wehrhäuser|ostfriesischen Typus an Burgen]]. Auch begannen sie, Söldnerheere aufzustellen, um ihren Machtanspruch im Zweifel mit Gewalt durchsetzen zu können.
Dieses mehr oder weniger feste Konstrukt konnte bis in das 14. Jahrhundert standhalten, als sich schließlich aus den wenigen reichen und einflussreichen Familien - entgegen den Prinzipien der ''Friesischen Freiheit'' - ein Adel bildete. Das 14. Jahrhundert war durch viele schwere Sturmfluten, wie die [[Zweite Marcellusflut]] oder die [[Erste Dionysiusflut]] sowie eine verheerende [[Pestepidemie 1350 - 1360|Pestepidemie von 1350 bis 1360]] geprägt. Viele Menschen kamen ums Leben und für die Überlebenden gab es größere Sorgen als die politische oder gesellschaftliche Teilhabe. Der Adel, der die Krisen besser als der große Teil der armen Bevölkerung überstand, nutzte diese Umstände, um seinen Einfluss zu vergrößern. Viele von ihnen verstanden es, die Lage geschickt zu ihrem Vorteil zu nutzen. Sie sahen ihre Autorität nicht mehr vom Willen der Gemeinde abhängig, sondern ihrem eigenen. Nach und nach formierten sich mehrere [[Ostfriesische Häuptlinge|Häuptlingsgeschlechter]]. In der Westermarsch gelangten zunächst die [[Idzinga]] an die Macht, deren Hauptsitz in [[Itzendorf]] in der östlichen Westermarsch und später die [[Idzingaburg]] in [[Ostlintel]] war, aber auch die [[Manninga]] hatten nach dem Untergang ihrer Burg in [[Westeel]] noch das [[Groß Langhaus]] in ihrem Besitz. Die Steinhäuser der Häuptlinge, mit denen sie sich ohnehin von den oftmals erbärmlichen Behausungen der meisten Mitmenschen abhoben, vergrößerten sie weiter und formten daraus den [[Liste der Burgen und Wehrhäuser|ostfriesischen Typus an Burgen]]. Auch begannen sie, Söldnerheere aufzustellen, um ihren Machtanspruch im Zweifel mit Gewalt durchsetzen zu können.


Ab 1464 bis 1744 stand Westermarsch I somit kein gewählter Vertreter bzw. Häuptling, sondern ein vom Grafen bzw. Fürsten bestellter [[Drost]] vor, der später auch den Titel ''[[Amtsverwalter]]'' trug. Dieser hatte neben der Oberaufsicht auch die gesamte Polizeigewalt inne. Ihm war ein [[Vogt]] beigestellt. Der Vogt war neben Westermarsch II auch für [[Westermarsch I]] sowie [[Süderneuland I]] und [[Süderneuland II]] zuständig. Ein sogenannter ''Auskündiger'', der vom Drosten eingesetzt wurde, unterstützte den Vogten in seiner Arbeit und war diesem hierarchisch untergeordnet.
Vor allem durch Kriege mit der mächtigen Hanse und dem Wiedererstarken der Großbauern verlor das Häuptlingswesen nach und seine Bedeutung. 1464 erhob Kaiser Friedrich III. den Häuptling [[Ulrich Cirksena]] in den Reichsgrafenstand und belehnte ihn mit Ostfriesland. Damit war die ''Friesische Freiheit'' endgültig abgeschafft und auch in Ostfriesland galten Feudalismus und Lehnswesen.
 
Ab 1464 bis 1744 stand Westermarsch I somit kein gewählter Vertreter bzw. Häuptling, sondern ein vom Grafen bzw. Fürsten bestellter [[Drost]] vor, der später auch den Titel ''[[Amtsverwalter]]'' trug. Dieser hatte neben der Oberaufsicht auch die gesamte Polizeigewalt inne. Ihm war ein [[Vogt]] beigestellt. Der Vogt war neben [[Westermarsch I]] auch für Westermarsch II sowie [[Süderneuland I]] und [[Süderneuland II]] zuständig. Ein sogenannter ''Auskündiger'', der vom Drosten eingesetzt wurde, unterstützte den Vogten in seiner Arbeit und war diesem hierarchisch untergeordnet.


Unter dem Auskündigen wiederum standen mehrere [[Rottmeister]], die jeweils ein [[Rott]] verwalteten. Westermarsch II hatte fünf Rotten und damit fünf Rottmeister. Sie hatten vor allem die Aufgabe, die Steuern in ihren Rotten einzutreiben und den Rottbewohnern ihre Pflichten anzusagen. Die Amtszeit der Rottmeister dauerte zwei Jahre, das Amt wurde danach im Rott an geeignete, männliche Bewohner neu vergeben. Westermarsch I entspricht der alten [[Westermarsch I|Rotteinteilung]] Rott 1 bis Rott 4, während Westermarsch II Rott 5 bis Rott 9 umfasst. Die Namen der Rotts konnten wechseln, letztlich haben sich jedoch folgende Bezeichnungen durchgesetzt: [[Neulander Rott]], [[Redleff Folckerß Rott]], [[Neudeicher Rott]], [[Itzendorfer Rott]] und [[Gastmarscher Rott]].
Unter dem Auskündigen wiederum standen mehrere [[Rottmeister]], die jeweils ein [[Rott]] verwalteten. Westermarsch I hatte vier Rotten und damit vier Rottmeister. Sie hatten vor allem die Aufgabe, die Steuern in ihren Rotten einzutreiben und den Rottbewohnern ihre Pflichten anzusagen. Die Amtszeit der Rottmeister dauerte zwei Jahre, das Amt wurde danach im Rott an geeignete, männliche Bewohner neu vergeben. [[Westermarsch I]] entspricht der alten [[Westermarsch I#Verwaltung|Rotteinteilung]] Rott 1 bis Rott 4, während Westermarsch II Rott 5 bis Rott 9 umfasst.


1735 standen ein Leutnant und ein Fähnrich an der Spitze der Landwehr, gewählt von den qualifizierten Interessenten und bestätigt vom ostfriesischen Landesherren.
Im militärischen Bereich sind für das Jahr 1735 ein Leutnant und ein Fähnrich an der Spitze einer Landwehr (Miliz) belegt, die demokratisch gewählt wurden, jedoch vom Regenten bestätigt werden mussten.


Im 19. Jahrhundert stand der Gemeindevorsteher ([[Bürgermeister]]) an oberster Spitze in Westermarsch II. Es handelte sich jedoch um ein Ehrenamt mit vor allen repräsentativen Aufgaben. Während des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkriegs]] hieß der Amtsinhaber [[Sjut Wübbens]], welcher nach dem Krieg von den Allierten seines Amtes enthoben wurde.
Im 19. Jahrhundert stand der Gemeindevorsteher ([[Bürgermeister]]) an oberster Spitze in Westermarsch II. Es handelte sich jedoch um ein Ehrenamt mit vor allen repräsentativen Aufgaben. Während des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkriegs]] hieß der Amtsinhaber [[Sjut Wübbens]], welcher nach dem Krieg von den Allierten seines Amtes enthoben wurde.
Zeile 168: Zeile 172:


==Bildung==
==Bildung==
* Hauptartikel: [[Itzendorfer Schule]] und [[Westerhörner Schule]]
* siehe auch: [[Alte Itzendorfer Schule]]
Ein Schulsystem gab es schon, als der Ort [[Itzendorf]] noch bestand - also vor 1717. Von den beiden Schulgebäuden in Itzendorf und Westerhörn ist heute nur noch letzteres vorhanden. Ab 1970 wurden die Kinder der Westermarsch II in der [[Altendeichsschule]] unterrichtet.
* siehe auch: [[Itzendorfer Schule]]
* siehe auch: [[Westerhörner Schule]]
Ein Schulsystem gab es schon, als der Ort [[Itzendorf]] noch bestand - also vor 1717. Von den Schulgebäuden in Itzendorf und [[Westerhörn]] ist heute nur noch letzteres vorhanden. Ab 1970 wurden die Kinder der Westermarsch II in der [[Altendeichsschule]] unterrichtet.


==Religion==
==Religion==
Es ist nicht belegt, dass es in der Westermarsch jemals einen Friedhof gegeben hat. Die Verstorbenen wurden in Norden beerdigt, die zuständige Kirche aller Norder Umlandgemeinden war die [[Ludgerikirche]] am Norder [[Marktplatz]].
Es ist nicht belegt, dass es in der Westermarsch jemals einen Friedhof gegeben hat. Die Verstorbenen wurden in Norden beerdigt, die zuständige Kirche aller Norder Umlandgemeinden war die [[Ludgerikirche]] am Norder [[Marktplatz]].


Die Bevölkerung ist überwiegend evangelisch-lutherisch und gehört mittlerweile zur [[Andreasgemeinde Norden]], welche ihren Sitz im [[Warfenweg]] hat. Vereinzelt gibt es evangelisch-reformierte Bewohner, die die Kirche in Bargebur besuchen, sowie Mennoniten, die einst Schutzgeld zahlten und die in Norden am Marktplatz auf der Südseite seit 1795 ihre eigene Kirche besitzen. Die wenigen katholischen Bewohner gehen in die Kirche St. Ludgerus in Norden. In der Begegnisstätte am Altendeichsweg finden regelmäßig Teenachmittage statt.
Die Bevölkerung ist überwiegend evangelisch-lutherisch und gehört mittlerweile zur [[Andreasgemeinde Norden]], welche ihren Sitz im [[Warfenweg]] hat. Vereinzelt gibt es evangelisch-reformierte Bewohner, die die Kirche in Bargebur besuchen, sowie Mennoniten, die einst Schutzgeld zahlten und die in Norden am Marktplatz auf der Südseite seit 1795 ihre eigene Kirche besitzen. Die wenigen katholischen Bewohner gehen in die Kirche St. Ludgerus in Norden. In der [[Begegnungsstätte Westermarsch|Begegnungsstätte]] am [[Altendeichsweg (Westermarsch)|Altendeichsweg]] finden regelmäßig Teenachmittage statt.


==Gesundheit und Soziales==
==Gesundheit und Soziales==