Neuwesteel: Unterschied zwischen den Versionen
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Auf dem Gebiet des heutigen Stadtteils lag das 1373 bei der sogenannten [[Erste Dionysiusflut | Ersten Dionysiusflut]] untergegangene Dorf Westeel. Die Sturmflut war eine der verheerendsten an der Nordseeküste und richtete zahlreiche Verwüstungen in Ostfriesland an. Die Leybucht erreichte durch die Flut ihre größte Ausdehnung, die Fluten drangen bis in den Stadtkern von Norden vor. Das 14. Jahrhundert ging als das Jahr der schlimmsten Flutkatastrophen in die Geschichte Ostfrieslands ein. | |||
Westeel war ein vermögendes Marktdorf und der Hauptsitz der Häuptlingsfamilie [[Manninga]], die zu dieser Zeit eine der mächtigsten Familien Ostfrieslands war und auch über Besitztümer in [[Bargebur]] in Pewsum (Krummhörn) und der Norder Nachbargemeinde Lütetsburg verfügte. Die Lütetsburg selbst gehörte zu diesem Zeitpunkt auch den Manninga. Der Wohlstand Westeels wird in den Geschichtsbüchern als bemerkenswert beschrieben, was wohl auf den äußerst fruchtbaren Marschboden und der dadurch üppigen Erträge zurückzuführen sein dürfte. So soll es fünf Goldschmiede in Westeel gegeben haben, die dort ein gutes Einkommen erzielen konnten. | |||
Beim Pflügen kommen am westlichen Rand des Dorfes Osteel gelegentlich Mauersteine zutage, die als Hinweis auf das untergegangene Dorf gedeutet werden. Dessen Zentrum soll in der Nähe eines ehemals "Kerkenriede" genannten Wasserlaufs bei der Warft von [[Hohebeer]] gelegen haben. Insgesamt bestand Westeel wahrscheinlich aus sieben Warften, auf denen ein Großteil der Gebäude errichtet wurden. | |||
Die erste Dionysiusflut am 8./9. Oktober 1373 leitete den Untergang Westeels ein. Durch die "Kleine Eiszeit" brachen vielerorts die Erträge der Landwirtschaft ein und bereits die [[Zweite Marcellusflut]] in 1362 hatte das Land schwer getroffen. Dazu kam eine verheerende Pestepidemie in den Jahren um 1350 - 1360. Die überlebenden Menschen waren finanziell wie körperlich geschwächt und nicht mehr in der Lage, die Deiche zu unterhalten. Die Fluten von 1375 und 1377 zerstörten das Land weiter, so dass es letztlich den Fluten überlassen und ausgedeicht werden musste. Auch viele Jahre nach der Aufgabe Westeels soll man die Kirchenruine noch in den Fluten gesehen haben. Deren Steine kamen letztlich ab 1387 beim Bau der durch einen Brand schwer beschädigten Marienhafer Kirche zur Verwendung. | |||
Das Gebiet südlich von Norden wurde ab 1556 nach und nach wieder der Leybucht entrissen und es entstand bis 1593 der Stadtteil [[Süderneuland I]]. Ein Großteil des heutigen Neuwesteels wurde ab 1678 mit der Schaffung von [[Wester-Charlottenpolder]] und [[Groß-Südercharlottenpolder]] gewonnen. Weiteres Land kamen 1769 mit der Landgewinnung durch den [[Leysanderpolder]], 1781 mit dem [[Schulenburgerpolder]] und 1804 mit dem [[Teltingspolder]] hinzu. In den Jahren 1928 bis 1929 wurde letztlich der letzte Teil - insgesamt 600 Hektar - des heutigen Neuwesteels ([[Leypolder]]) eingedeicht und der Ort in 1934 als "Süderpolder" neu gegründet. | |||
Eng mit der Gründung Neuwesteels verbunden war die nationalsozialistische Blut-und-Boden-Ideologie. Neuwesteel wurde als erste geschlossene Bauernsiedlung im nationalsozialistischen Deutschland angepriesen und zum Aushängeschild der Nationalsozialisten. Zu den Gründungsfeierlichkeiten marschierten mehrere Abteilungen der SA und der SS auf und jedes Gebäude wurde mit Hakenkreuzfahnen beflaggt. Der Reichsbauernführer und Ernährungsminister Walther Darré pries in seiner Festrede die Gründung des Ortes als großen Erfolg der NS-Ideologie an und dass der Nationalsozialismus zurecht "Blut und Rasse in den Mittelpunkt des weltanschaulichen Kampfes gestellt habe". So sei es der Wille Adolf Hitlers, dass die Deutschen wieder eine enge Verbindung zu ihrem Heimatboden eingehen, wie es die Germanen hatten. Dementsprechend wurden die Herdfeuer der Bauernhöfe und -häuser entsprechend eines alten germanischen Brauches entzündet. Die dafür benötigten Fackeln wurde dazu in Osteel entzündet und herbeigebracht. | |||
Träger des Siedlungsprojekts "Süderpolder" war das 1922 gegründete Wohnungsbauunternehmen Niedersächsische Heimstätte (N.S.H.), das als "Organ der staatlichen Wohnungspolitik" viele Siedlungs- und Wohnungsbauprojekte verantwortlichte. 1934 gingen dort über 400 Anträge williger Siedler ein. Da in der Planung lediglich 30 Bauernhöfe, sieben Landarbeiterhäuser und vier Handwerkerstätten vorgesehen waren, überstieg der Zahl der Bewerber die Möglichkeiten bei Weitem. | |||
Dieser Zahl standen in der Planung lediglich 30 Bauernhöfe, sieben Landarbeiterhäuser und vier Handwerker-Werkstätten gegenüber. Von Anfang an gehörte auch eine Schule zur geplanten Siedlung. Sie war einklassig und wurde von den Neuwesteelern (zumeist Jungbauern aus ländlichen Gegenden Ostfrieslands) in Eigenleistung errichtet. Dem Unterhalt der Schule, die Ostern 1935 mit 47 Schülern eröffnet wurde, diente das Pachtgeld aus zwei Hektar sogenanntem Schulland. Bis 1971 war die Schule in Betrieb. Danach wurden die Neuwesteeler Kinder in Norden und Süderneuland unterrichtet.[5] | |||
Ursprünglich war Neuwesteel als Reihendorf (genauer als „Hufensiedlung“[6]) angelegt. Die Bauernhäuser der ersten Siedlergeneration, die jeweils von ihren Ländereien („Hufen“) umgeben sind, säumen die Hauptstraße, die sich hufeisenförmig durch das Dorf zieht. Von ehemals 34 Höfen wurden 2019 noch 21 bewirtschaftet. 1956 entstand eine weitere Siedlung, die von Einfamilienhäusern geprägt ist. Sie wurde 1993 durch Ausweisung neuen Baulandes erheblich erweitert. In den Anfangsjahren waren auch eine Reihe Handwerksbetriebe im Ort, darunter Schmiede, Schuster, Bäcker sowie eine Tankstelle mit angeschlossenem Taxibetrieb. Sie haben inzwischen aufgegeben. Das letzte Neuwesteeler Lebensmittelgeschäft schloss 2008 seine Pforten.[7] | |||
1965 wurde Neuwesteel Gliedgemeinde der Samtgemeinde Leybucht. Diese wurde im Zuge der niedersächsischen Kommunalreform 1972 nach Norden eingemeindet. Als eingemeindeter Stadtteil hat Neuwesteel bis zum heutigen Tag einen Ortsvorsteher, der die Belange der rund 340 Einwohner[8] gegenüber der Stadt Norden vertritt. | |||
Nachdem Westeel um 1373 in den Fluten versank, wurde ab 1430 die Leybucht Stück für Stück wieder eingedeicht. | Nachdem Westeel um 1373 in den Fluten versank, wurde ab 1430 die Leybucht Stück für Stück wieder eingedeicht. | ||
1934 war es dann soweit: direkt an der Küste, zwischen Norden/Norddeich und Greetsiel wurde das Dorf Neu-Westeel gegründet. | 1934 war es dann soweit: direkt an der Küste, zwischen Norden/Norddeich und Greetsiel wurde das Dorf Neu-Westeel gegründet. | ||