Vertriebenenlager Tidofeld: Unterschied zwischen den Versionen
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[[Datei:Tidofeld Luftaufnahme RAF.jpg|links|mini|234x234px|Luftaufnahme des Lagers, aufgenommen von der britischen Luftwaffe (RAF) am 1. März 1943. Das Lager ist im unteren linken Viertel zu erkennen.|alternativtext=]] | [[Datei:Tidofeld Luftaufnahme RAF.jpg|links|mini|234x234px|Luftaufnahme des Lagers, aufgenommen von der britischen Luftwaffe (RAF) am 1. März 1943. Das Lager ist im unteren linken Viertel zu erkennen.|alternativtext=]] | ||
===1939 - April 1945=== | ===1939 - April 1945=== | ||
Vor seiner Nutzung als Vertriebenenlager befand sich auf dem Gelände ein Ausbildungs- und Durchgangslager der Kriegsmarine der Wehrmacht, welches kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs im Jahre 1939 fertiggestellt wurde. Als Bauarbeiter kamen vor allem auch Wehrmachtssoldaten zum Einsatz.<ref>Foraita, Heinz (1985): Dein sind die Zeiten, Herr. Die Geschichte der Katholischen Gemeinde Norden. Herausgegeben zur 100-Jahr-Feier der St.-Ludgerus-Kirche zu Norden, Norden, S. 23</ref> Zuvor war die Fläche weitestgehend unbebaut und wurde für die Landwirtschaft genutzt. Das Lager war der 4. Schiffsstammabteilung in Wilhelmshaven unterstellt und trug die Bezeichnung | Vor seiner Nutzung als Vertriebenenlager befand sich auf dem Gelände ein Ausbildungs- und Durchgangslager der Kriegsmarine der Wehrmacht, welches kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs im Jahre 1939 fertiggestellt wurde. Als Bauarbeiter kamen vor allem auch Wehrmachtssoldaten zum Einsatz.<ref>Foraita, Heinz (1985): Dein sind die Zeiten, Herr. Die Geschichte der Katholischen Gemeinde Norden. Herausgegeben zur 100-Jahr-Feier der St.-Ludgerus-Kirche zu Norden, Norden, S. 23</ref> Zuvor war die Fläche weitestgehend unbebaut und wurde für die Landwirtschaft genutzt. Das Lager war der 4. Schiffsstammabteilung in Wilhelmshaven unterstellt und trug die Bezeichnung ''5./8. Marine-Ersatzabteilung''.<ref name=":1" /> Zeitweise waren hier auch Teile der Emder Marineartillerie sowie eine Motorkompanie stationiert.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 41</ref><ref name=":0">Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 146</ref> Im Lager versahen junge Marinerekruten ihre Grundausbildung, besonders in den letzten Kriegsjahren wurden sie oft unmittelbar nach oder noch während der Ausbildung an der Front eingesetzt.<ref name=":1">Forum der Wehrmacht (Zeitzeugenberichte)</ref> | ||
Zum Lager gehörten unter anderem eine Exerzierhalle, eine Turnhalle und verschiedene Lagergebäude sowie insgesamt 27 Baracken nebst Ziegelsteinbauten als Unterkünfte für die Mannschaftsdienstgrade.<ref name=":0" /> Für die kommandierenden Offiziere des Lagers wurden zwei große Doppelhäuser (Baujahr | Zum Lager gehörten unter anderem eine Exerzierhalle, eine Turnhalle und verschiedene Lagergebäude sowie insgesamt 27 Baracken nebst Ziegelsteinbauten als Unterkünfte für die Mannschaftsdienstgrade.<ref name=":0" /> Für die kommandierenden Offiziere des Lagers wurden zwei große Doppelhäuser (Baujahr 1939) an der heutigen [[Huntestraße]] errichtet. Die Gebäude sind bis heute erhalten und bewohnt. Auch das Unterkunftsgebäude der Mannschaften ist erhalten, wurde im Laufe der Jahre mehrfach saniert und umgebaut und wird heute von der [[Behindertenhilfe Norden]] genutzt. Bis zum Neubau im Jahre 2013 war in einem Teil dieses Gebäudes auch ein [[Kindergarten Tidofeld|Kindergarten]] beheimatet, der sich seitdem im Winkel der [[Emsstraße]] und der [[Weserstraße]] befindet.<ref>[https://behindertenhilfe-norden.de/wp-content/uploads/2014/06/flyer-kiga-und-krippe-final.pdf Flyer des Kindergartens in Tidofeld], abgerufen am 18. Mai 2021</ref> | ||
===Mai 1945 - 1959=== | ===Mai 1945 - 1959=== | ||
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Obgleich es erklärtes Ziel der Militärregierung war, die Bewohner nur kurzfristig in dem Lager zu quartieren und keine alten Nachbarschaften unter den manchmal aus dem gleichen Ort kommenden Vertriebenen aufkommen zu lassen, erreichten sie letztlich genau das Gegenteil und es entstand eine weitestgehend Solidarität unter den Bewohnern. Bereits wenige Monate nach der Freigabe des Lagers enstanden eine Schule, eine Gaststätte, eine Freiwillige Feuerwehr und im August 1948 sogar eine Kirche in einer Baracke. Die Räumlichkeiten dieser Barackenkirche und die laufenden Kosten wurden unter den Bewohnern solidarisch geteilt und die drei im Lager vertrenenen Konfessionen (evangelisch-lutherisch, evangelisch-baptistisch und römisch-katholisch) hielten ihre Gottesdienste abwechselnd ab. | Obgleich es erklärtes Ziel der Militärregierung war, die Bewohner nur kurzfristig in dem Lager zu quartieren und keine alten Nachbarschaften unter den manchmal aus dem gleichen Ort kommenden Vertriebenen aufkommen zu lassen, erreichten sie letztlich genau das Gegenteil und es entstand eine weitestgehend Solidarität unter den Bewohnern. Bereits wenige Monate nach der Freigabe des Lagers enstanden eine Schule, eine Gaststätte, eine Freiwillige Feuerwehr und im August 1948 sogar eine Kirche in einer Baracke. Die Räumlichkeiten dieser Barackenkirche und die laufenden Kosten wurden unter den Bewohnern solidarisch geteilt und die drei im Lager vertrenenen Konfessionen (evangelisch-lutherisch, evangelisch-baptistisch und römisch-katholisch) hielten ihre Gottesdienste abwechselnd ab. | ||
Bereits am 1. August 1946 wurde zudem eine Poststelle im Lager eröffnet, bei der auch die Baracken eigene postalische Erreichbarkeiten erhielten. Die Abschnitte des Lagers wurden in römischen Ziffern unterteilt, die Baracken bekamen arabische Ziffern. So war beispielsweise Tidofeld I/10 die 10. Baracke im I. Bereich des Lagers. Zum 13. August 1946 wurde im Unterkunftsgebäude der Mannschaften eine Schule eingerichtet, die bis heute gemeinhin als [[Lagerschule Tidofeld]] bekannt ist. Im Februar 1947 eröffnete eine Blechwaren- bzw. Drahtzaunfabrik in dem ehemaligen Unterkunftsgebäude, in dem auch die Schule ihre Räumlichkeiten hatte. Das ständige Hämmern störte den Unterricht ungemein.<ref name=":0" /> Spätestens 1962 zog hier die [[Lingener Wäschefabrik]] ( | Bereits am 1. August 1946 wurde zudem eine Poststelle im Lager eröffnet, bei der auch die Baracken eigene postalische Erreichbarkeiten erhielten. Die Abschnitte des Lagers wurden in römischen Ziffern unterteilt, die Baracken bekamen arabische Ziffern. So war beispielsweise Tidofeld I/10 die 10. Baracke im I. Bereich des Lagers. Zum 13. August 1946 wurde im Unterkunftsgebäude der Mannschaften eine Schule eingerichtet, die bis heute gemeinhin als [[Lagerschule Tidofeld]] bekannt ist. Im Februar 1947 eröffnete eine Blechwaren- bzw. Drahtzaunfabrik in dem ehemaligen Unterkunftsgebäude, in dem auch die Schule ihre Räumlichkeiten hatte. Das ständige Hämmern störte den Unterricht ungemein.<ref name=":0" /> Spätestens 1962 zog hier die [[Lingener Wäschefabrik]] (''Lincron'') ein.<ref>[http://neuauwiewitt.de/kluengeltuengels-auf-den-spuren-von-fluechtlingen/ Auf den Spuren von Flüchtlingen], abgerufen am 18. Mai 2021</ref> | ||
Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der weitestgehenden Rückgabe der Souveränität an die Deutschen kam auch das Lager unter die Kontrolle der örtlichen Behörden. Tidofeld, damals noch Teil der Norder Nachbargemeinde Lütetsburg, kam 1952 zu Norden und wurde erst 1996 ein eigenständiger Stadtteil. | Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der weitestgehenden Rückgabe der Souveränität an die Deutschen kam auch das Lager unter die Kontrolle der örtlichen Behörden. Tidofeld, damals noch Teil der Norder Nachbargemeinde Lütetsburg, kam 1952 zu Norden und wurde erst 1996 ein eigenständiger Stadtteil. | ||