Norddeich Radio: Unterschied zwischen den Versionen
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==Geschichte== | ==Geschichte== | ||
Am 1. Juni 1907 nahm die Anlage - damals noch als ''Funkentelegraphenstation Norddeich'' mit dem Rufzeichen KND ihren Betrieb auf dem heutigen Gelände des [[Nordsee-Camp Norddeich|Nordsee-Camps]] an der [[Deichstraße]] in [[Westermarsch II]] auf. Der Standort erwies sich auf seiner küstennahen Lage als vorteilhaft und wurde von der Reichsregierung anderen Standorten wie Borkum vorgezogen. Das Areal wurde von den Behörden zwei Jahre zuvor für 16.422,60 Reichsmark erworben.<ref name=":0">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 303</ref> Verantwortlich für den Bau und den Betrieb war die Deutsche Reichspost. | Die Anfänge zur Gründung einer Küstenfunkstelle gehen zurück auf den technischen Fortschritt und der damit einhergehenden Nutzbarkeit für die maritimen Streitkräfte des Kaisers und die deutsche Handelsflotte. Physikpionieren wie Ferdinand Braun und Guglielmo Marconi war es um die letzte Jahrhundertwende gelungen, Signale über große Entfernungen über Funk zu übertragen. Obwohl es schon von der Norder Küstenfunkstelle derartige Anlagen gab, griff die Kriegsmarine nicht auf diese zu, da sie von der ausländischen Firma ''Marconi'' betrieben wurden, die Marine jedoch das deutsche Unternehmen ''Telefunken'' vorzog. Beide System konnten (und wollten von Seiten der Hersteller) nicht miteinander kommunizieren. | ||
Am 1. Juni 1907 nahm die Anlage - damals noch als ''Funkentelegraphenstation Norddeich'' mit dem Rufzeichen KND ihren Betrieb auf dem heutigen Gelände des [[Nordsee-Camp Norddeich|Nordsee-Camps]] an der [[Deichstraße]] in [[Westermarsch II]] auf. Der Standort erwies sich auf seiner küstennahen Lage als vorteilhaft und wurde von der Reichsregierung anderen Standorten wie Borkum vorgezogen. Der [[Marsch|Marschboden]] zeigte sich zudem in Versuchen als förderlich für die Leitfähigkeit der elektronischen Signale. Das Areal wurde von den Behörden gut zwei Jahre zuvor für 16.422,60 Reichsmark erworben.<ref name=":0">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 303</ref> Verantwortlich für den Bau und den Betrieb war die Deutsche Reichspost, die Anlage selbst wurden jedoch von ''Telefunken'' errichtet. | |||
Noch im selben Jahr wurde mit dem Bau eines zweistöckigen Betriebsgebäudes und vier, jeweils 65 Meter hohen, eisernen Sendemasten begonnen. Schon im April 1906 konnten erste Versuchssendungen unternommen werden. Die ersten Ergebnisse erwiesen sich jedoch als unbefriedigend, sodass die Antennen um jeweils zehn Meter erhöht wurden. Durch die Aufstockung konnte ein 1.600 Kilometer entfernt liegendes deutsches Schiff, der Kreuzer ''Vincta'', per Funk einwandfrei erreicht werden.<ref name=":0" /> | Noch im selben Jahr wurde mit dem Bau eines zweistöckigen Betriebsgebäudes und vier, jeweils 65 Meter hohen, eisernen Sendemasten begonnen. Schon im April 1906 konnten erste Versuchssendungen unternommen werden. Die ersten Ergebnisse erwiesen sich jedoch als unbefriedigend, sodass die Antennen um jeweils zehn Meter erhöht wurden. Durch die Aufstockung konnte ein 1.600 Kilometer entfernt liegendes deutsches Schiff, der Kreuzer ''Vincta'', per Funk einwandfrei erreicht werden.<ref name=":0" /> | ||
Am 30. April 1907 wurde die Einrichtung vom zuständigen [[Postamt|Norder Postamt]] abgenommen. Damit war die erste deutsche Küstenfunkstelle geboren, neun weitere sollten in den nächsten Jahren folgen. Nachdem internationale Differenzen durch eine gemeinsame Konferenz beigelegt wurden, konnte bzw. durfte die Küstenfunkstelle in der gesamten Welt und auch nicht-deutsche Schiffe kontaktieren.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 304</ref> | Am 30. April 1907 wurde die Einrichtung vom zuständigen [[Postamt|Norder Postamt]] abgenommen. Damit war die erste deutsche Küstenfunkstelle geboren, neun weitere sollten in den nächsten Jahren folgen. Nachdem internationale Differenzen durch eine gemeinsame Konferenz beigelegt wurden, konnte bzw. durfte die Küstenfunkstelle in der gesamten Welt und auch nicht-deutsche Schiffe kontaktieren. Insbesondere in der Anfangszeit war die Belastung für das Personal sehr hoch. Gerade einmal vier Telegraphenbeamte versendeten und empfingen in 12-Stunden-Schichten über ihre Morseapparate mit Kopfhörern. Dabei kommunizierten sie vor allem mit deutschen Schiffen, von denen es im Jahre 1914 bereits 380 mit Morseapparaten ausgestattete gab.<ref name=":1">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 304</ref> Die Arbeitstische waren damals noch alles andere als bequem, geschweige denn ergonomisch. | ||
Ab 1908 kam eine zusätzliche Person als Antennenwärter hinzu. Wenn die Kaiserliche Marine Manöver durchführte übernahmen Funker aus ihren eigenen Reihen den Betrieb der Station, die dann zusätzlich durch Infanteristen aus Aurich geschützt wurde. Während des [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkriegs]] wurde die Küstenfunkstelle als kriegswichtig eingestuft und entsprechend geschützt.<ref name=":1" /> Die nahegelegene [[Alte Itzendorfer Schule|Itzendorfer Schule]] diente als Unterkunft für die Wachmannschaften, weshalb der Unterricht von dort verlagert werden musste.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 40f.</ref> Das Kommando wurde von der Deutschen Reichspost an die Kaiserliche Marine übertragen. Aufgabe von Norddeich Radio war es nun vor allem, deutsche Kriegs- und Handelsschiffe sowie U-Boote zu warnen. Insbesondere im Laufe des Jahres 1915 nahm der Funkverkehr mit den Marinefahrzeugen vor der britischen Küste erheblich zu. Dieser Umstand dauerte noch bis einen Monat nach Kriegsende: Im Dezember 1918 räumte die Marine die Anlage und übergab sie ohne formelle Übergabe zurück an die Reichspost.<ref name=":1" /> | |||
Ab 1921 befasste sich die Küstenfunkstelle vor allem mit der Verbreitung von Meldungen über gute Fischereigründe (die sogenannten ''Heringstelegramme'') und allgemeinen Warnungen. Nach der Aufnahme des Flugverkehrs zwischen London und Bremen wurde auch einige Jahre die Wetterberatung für die Flugzeuge übernommen, ehe in diesen standardmäßig eigene Sender verbaut wurden. Ein Jahr später gelang mit der einwandfreien Kontaktaufnahme zur ''Cap Polonio'', einem südlich der Kapverdischen Inseln fahrenden Schiff (ca. 6000 Kilometer von der Küstenfunkstelle entfernt), ein großer Erfolg. Zurückzuführen war dies vor allem auf eine Verbesserung der Sendeanlage sowie mit Hilfe eines Röhrensenders auf dem betreffenden Schiff. Norddeich Radio wurde es daraufhin vom Reichspostministerium gestattet, allgemein Kontakt über große Entfernungen aufzunehmen.<ref name=":2">Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 321</ref> | |||
Da Sender und Empfänger sich durch die größere Leistung zunehmend gegenseitig störten, wurde es erforderlich, eine neue Empfangsstelle zu errichten. Einen geeigneten Standort fand man am heutigen [[Funkweg]] in [[Westgaste]] - damals noch unbebaute Stadtrandlage. Doch auch diese neue Anlage wurde bald von den immer zahlreicher werdenden Elektromotoren in der Stadt gestört, sodass 1931 erneut ein Umzug stattfand - diesmal so weit abwärts, wie es eben ging: Nach [[Utlandshörn]].<ref name=":2" /> | |||
In den Folgejahren begleitete Norddeich Radio sogar die in der Antarktis operierende deutsche Walfangflotte, ehe diese mit Ausbruch des [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkriegs]] im Jahre 1939 nicht mehr auslaufen konnte. Im gleichen Jahr wurde auch der [[Sender Osterloog]] erbaut.<ref name=":2" /> Doch auch weiterhin wurde vom ersten Standort an der [[Deichstraße]] (heute [[Nordsee-Camp Norddeich|Nordsee-Camp]]) gesendet. Aus [[Osterloog]] wurde zunächst vor allem Propaganda gen Großbritannien gesendet.<ref>[http://www.rundfunk-nostalgie.de/sendero.html Geschichte der Sendestation Osterloog] abgerufen am 26. Juli 2021</ref> Erst 1970 wurde der Sendebetrieb an der Deichstraße eingestellt und nach Osterloog verlagert.<ref name=":2" /> | |||
Am 6. Mai 1945 besetzten kanadische oder britische Streitkräfte die Küstenfunkstelle und verboten jeglichen Funkverkehr. Erst 1948 konnte dieser wieder aufgenommen werden.<ref name=":2" /> | |||
==Trivia== | ==Trivia== | ||
Der Name ''Norddeich Radio'' erscheint vor allem unbedarften Dritten im doppelten Sinne irreführend. Zum einen hat sich die Anlage niemals in [[Norddeich]], sondern immer in [[Westermarsch II]] befunden. ''Westermarsch II Radio'' wäre jedoch wohl zu lang gewesen und weniger klanghaft. Vollständig falsch ist der Name jedoch nicht, berücksichtigt man die ursprüngliche Definition von Norddeich, mit der der Deich an der nördlichen Seeseite gemeint war. | Der Name ''Norddeich Radio'' erscheint vor allem unbedarften Dritten im doppelten Sinne irreführend. Zum einen hat sich die Anlage niemals in [[Norddeich]], sondern immer in [[Westermarsch II]] befunden. ''Westermarsch II Radio'' wäre jedoch wohl zu lang gewesen und weniger klanghaft. Vollständig falsch ist der Name jedoch nicht, berücksichtigt man die ursprüngliche Definition von Norddeich, mit der der Deich an der nördlichen Seeseite gemeint war. | ||
Zum anderen ist der Namensbestandteil ''Radio'' nach heutigen Maßstäben verwirrend. Das Wort bezieht sich auf eine historische Bezeichnung für Radiowellen bzw. Sendefunktechnik und hat nichts mit einem [[Radio Nordseewelle|Radiosender]] im heutigen Sinne zu tun. | Zum anderen ist der Namensbestandteil ''Radio'' nach heutigen Maßstäben verwirrend. Das Wort bezieht sich auf eine historische Bezeichnung für Radiowellen bzw. Sendefunktechnik und hat nichts mit einem [[Radio Nordseewelle|Radiosender]] im heutigen Sinne zu tun. | ||
== Literatur == | |||
* Canzler, Gerhard (2004): Norddeich-Radio. 1905 - 1998, Weener | |||
==Einzelnachweise== | ==Einzelnachweise== | ||