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Die [[Zweite Marcellusflut]], die auch als "große Mandränke" (großes Ertrinken) in die Geschichte einherging, richtete 1362 große Verwüstungen in der gesamten Westermarsch an. Zahlreiche Menschen und Tiere kamen ums Leben, ein Großteil der Gebäude und Felder wurde zerstört. Auch gerieten weite Landesteile der Westermarsch unter Wasser, die erst Jahrhunderte später durch Eindeichungen wieder dem Wasser abgewonnen wurden. Die im 9. Jahrhundert entstandene Leybucht gelangte zu ihrer größten Ausdehnung, die Einbruchsrinne wurde nach der Leybucht auch "Leide" genannt. Aus ihr entsprang das [[Norder Tief]].
Die [[Zweite Marcellusflut]], die auch als "große Mandränke" (großes Ertrinken) in die Geschichte einherging, richtete 1362 große Verwüstungen in der gesamten Westermarsch an. Zahlreiche Menschen und Tiere kamen ums Leben, ein Großteil der Gebäude und Felder wurde zerstört. Auch gerieten weite Landesteile der Westermarsch unter Wasser, die erst Jahrhunderte später durch Eindeichungen wieder dem Wasser abgewonnen wurden. Die im 9. Jahrhundert entstandene Leybucht gelangte zu ihrer größten Ausdehnung, die Einbruchsrinne wurde nach der Leybucht auch "Leide" genannt. Aus ihr entsprang das [[Norder Tief]].


Gerade einmal 12 Jahre später kam es erneut zu einer verheerenden Sturmflut, die erste Dionysiusflut, die erneut weite Teil der Westermarsch überschwemmte. Das südlich von Westermarsch gelegene [[Neuwesteel | Westeel]] wurde sogar gänzlich zerstört und aufgegeben.
Gerade einmal 12 Jahre später kam es erneut zu einer verheerenden Sturmflut, die [[Erste Dionysiusflut]], die erneut weite Teil der Westermarsch überschwemmte. Das südlich von Westermarsch gelegene [[Neuwesteel | Westeel]] wurde sogar gänzlich zerstört und aufgegeben.


Bei der zweiten Dionysiusflut in 1377 drang die Nordsee abermals tief in das Landesinnere vor. Überliefert ist, dass die Fluten bis an das [[Dominikanerkloster]] nahe des Norder Stadtzentrums reichten. Durch diese verheerende Sturmflut bekam die Stadt Norden direkten Zugang zur Nordsee. In der Folge errichteten die Bewohner der Westermarsch einen Deich entlang des [[Langhauser Tief | Langhauser Tiefs]], der von [[Utlandshörn]] bis nach Norden reichte.
Bei der [[Zweite Dionysiusflut]] in 1377 drang die Nordsee abermals tief in das Landesinnere vor. Überliefert ist, dass die Fluten bis an das [[Dominikanerkloster]] nahe des Norder Stadtzentrums reichten. Durch diese verheerende Sturmflut bekam die Stadt Norden direkten Zugang zur Nordsee. In der Folge errichteten die Bewohner der Westermarsch einen Deich entlang des [[Langhauser Tief | Langhauser Tiefs]], der von [[Utlandshörn]] bis nach Norden reichte.


Das 14. Jahrhundert war das wohl verheerendste Flutjahr in der überlieferten Geschichte der Westermarsch. Um 1400 hatte die Leybucht dadurch ihre größte Ausdehnung erreicht. Die Folgen der Sturmfluten waren so verheerend und weitreichend, als dass man sie in absehbarer Zeit hätte reparieren können. Doch nicht nur die Sturmfluten hatten viele Menschenleben gekostet, auch grassierte der Schwarze Tod (Beulenpest) zwischen 1350 und 1360 in der Region. Um 1400 suchte eine weitere, namentlich nicht bekannte schwere Seuche das Land heim. Dazu kam, dass der Beginn der "Kleinen Eiszeit" im 14. Jahrhundert zu deutlich schlechten Erträgen führten. Die Menschen waren nicht nur körperlich, sondern auch finanziell geschwächt.
Das 14. Jahrhundert war das wohl verheerendste Flutjahr in der überlieferten Geschichte der Westermarsch. Um 1400 hatte die Leybucht dadurch ihre größte Ausdehnung erreicht. Die Folgen der Sturmfluten waren so verheerend und weitreichend, als dass man sie in absehbarer Zeit hätte reparieren können. Doch nicht nur die Sturmfluten hatten viele Menschenleben gekostet, auch grassierte der Schwarze Tod (Beulenpest) zwischen 1350 und 1360 in der Region. Um 1400 suchte eine weitere, namentlich nicht bekannte schwere Seuche das Land heim. Dazu kam, dass der Beginn der "Kleinen Eiszeit" im 14. Jahrhundert zu deutlich schlechten Erträgen führten. Die Menschen waren nicht nur körperlich, sondern auch finanziell geschwächt.


===Neuzeit===
===Neuzeit===
Während des Dreißigjährigen Kriegs (1618-1648) wurde auch die Westermarsch von einem Söldnerheer des berüchtigten Heerführers Ernst von Mansfeld als Rückzugsort genutzt. Seine Truppen drangsalierten die Bevölkerung von 1622 bis 1624 und schikanierten sie fortwährend mit kaum zu erfüllenden Forderungen. Die Westermarscher Bewohner, die selbst oftmals kaum genug zum Leben hatten, mussten für Unterbringung und Verpflegung der Soldaten sorgen, ohne dafür eine Gegenleistung erwarten zu können.
Während des [[Dreißigjähriger Krieg|Dreißigjährigen Krieges]] (1618-1648) wurde auch die Westermarsch von einem Söldnerheer des berüchtigten Heerführers Ernst von Mansfeld als Rückzugsort genutzt. Seine Truppen drangsalierten die Bevölkerung von 1622 bis 1624 und schikanierten sie fortwährend mit kaum zu erfüllenden Forderungen. Die Westermarscher Bewohner, die selbst oftmals kaum genug zum Leben hatten, mussten für Unterbringung und Verpflegung der Soldaten sorgen, ohne dafür eine Gegenleistung erwarten zu können.


Bei der Weihnachtsflut 1717 entstanden in Westermarsch II sieben Grundbrüche im Seedeich. Die Bewohner konnten die Deichbrüche nicht schnell genug reparieren, vermutlich, da sie selbst zunächst genug damit zu tun hatten, ihre eigenen Existenzen halbwegs wieder aufzubauen. So kam es, dass bei einer erneuten Sturmflut am 24. Februar 1718 erneut zu schweren Schäden kam. Das Land war nun durch das Salzwasser teils entwertet, die Schäden der Sturmflut dadurch umso immenser. Die Ortschaft [[Itzendorf]] wurde 1721 vollends aufgegeben. An sie erneut heute nur noch die [[Itzendorfplate]], eine kleine Untiefe im nordöstlichen Bereich von Westermarsch II. Die Deichlinie wurde weiter ins Innenland verlegt und verlief nun in etwa entlang der Grenze zu Westermarsch I, beginnend in [[Utlandshörn]] und in Norden endend.
Bei der [[Weihnachtsflut]] im Jahre 1717 entstanden in Westermarsch II sieben Grundbrüche im Seedeich. Die Bewohner konnten die Deichbrüche nicht schnell genug reparieren, vermutlich, da sie selbst zunächst genug damit zu tun hatten, ihre eigenen Existenzen halbwegs wieder aufzubauen. So kam es, dass bei einer erneuten Sturmflut am 24. Februar 1718 erneut zu schweren Schäden kam. Das Land war nun durch das Salzwasser teils entwertet, die Schäden der Sturmflut dadurch umso immenser. Die Ortschaft [[Itzendorf]] wurde 1721 vollends aufgegeben. An sie erneut heute nur noch die [[Itzendorfplate]], eine kleine Untiefe im nordöstlichen Bereich von Westermarsch II. Die Deichlinie wurde weiter ins Innenland verlegt und verlief nun in etwa entlang der Grenze zu Westermarsch I, beginnend in [[Utlandshörn]] und in Norden endend.


Die Sturmflut 1825 hatte zwischen dem [[Kleiner Krug | Kleinen Krug]] und dem [[Großer Krug | Großen Krug]] insgesamt 16 Deichbrüche zur Folge. Bei Itzendorf brach der Deich sogar in einer Breite von 70 Metern. Es wurden mehrere tausend Hektar Land überflutet und mehrere hundert Hektar versandet. Abgesehen vom direkten Schaden hatte die Sturmflut auch weitere wirtschaftliche und sogar gesellschaftliche Folgen. Von 88 Bauern in Westermarsch II mussten 46 ihre Höfe und Ländereien veräußern, da sie sie und die damit einhergehenden Pflichten, besonders das [[Spatenrecht]] ("Keen nich will dieken, de mutt wieken"), nicht mehr erfüllen konnten. Um derartiges künftig zu vermeiden, wurde 1900 die [[Deichacht Norden]] gegründet. Die Bewohner mussten nun nicht mehr selbst den Deich instandhalten, sondern nur noch einen Beitrag an die Deichacht zahlen, die diese Aufgabe bis heute wahrnimmt.
Die [[Februarflut|Februarflut 1825]] hatte zwischen dem [[Kleiner Krug | Kleinen Krug]] und dem [[Großer Krug | Großen Krug]] insgesamt 16 Deichbrüche zur Folge. Bei Itzendorf brach der Deich sogar in einer Breite von 70 Metern. Es wurden mehrere tausend Hektar Land überflutet und mehrere hundert Hektar versandet. Abgesehen vom direkten Schaden hatte die Sturmflut auch weitere wirtschaftliche und sogar gesellschaftliche Folgen. Von 88 Bauern in Westermarsch II mussten 46 ihre Höfe und Ländereien veräußern, da sie sie und die damit einhergehenden Pflichten, besonders das [[Spatenrecht]] ("Keen nich will dieken, de mutt wieken"), nicht mehr erfüllen konnten. Um derartiges künftig zu vermeiden, wurde 1900 die [[Deichacht Norden]] gegründet. Die Bewohner mussten nun nicht mehr selbst den Deich instandhalten, sondern nur noch einen Beitrag an die Deichacht zahlen, die diese Aufgabe bis heute wahrnimmt.


1871 fiel ganz Ostfriesland an das Königreich Preußen und damit auch die Westermarsch. Die preußischen Beamten begannen, das Land zu kartografieren und unterteilten die Westermarsch in I und II.
1871 fiel ganz Ostfriesland an das Königreich Preußen und damit auch die Westermarsch. Die preußischen Beamten begannen, das Land zu kartografieren und unterteilten die Westermarsch in I und II.


In den Jahren 1905 bis 1906 wurde die [[Norddeich Radio | Funkstation Norddeich]] in Utlandshörn errichtet und zunächst dem [[Postamt|Kaiserlichen Postamt]] am [[Marktplatz|Norder Marktplatz]] angegliedert. Die Küstenfunkstelle war von großer militärischer Bedeutung und bis zu ihrer Schließung am 31. Dezember 1998 ein tragender Faktor für die Sicherheit auf See. Während des Ersten Weltkriegs unterstand die Küstenfunkstelle dem Kommando der Kaiserlichen Marine. Das Gebäude der [[Itzendorfer Schule]] wurde von der Marine requiriert, um dort Soldaten unterzubringen. Nachdem die Marine im November 1918 die Küstenunkstelle geräumt hatte, wurde diese durch Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrates besetzt.
In den Jahren 1905 bis 1906 wurde die [[Norddeich Radio | Funkstation Norddeich]] in [[Utlandshörn]] errichtet und zunächst dem [[Postamt|Kaiserlichen Postamt]] am [[Marktplatz|Norder Marktplatz]] angegliedert. Die Küstenfunkstelle war von großer militärischer Bedeutung und bis zu ihrer Schließung am 31. Dezember 1998 ein tragender Faktor für die Sicherheit auf See. Während des Ersten Weltkriegs unterstand die Küstenfunkstelle dem Kommando der Kaiserlichen Marine. Das Gebäude der [[Itzendorfer Schule]] wurde von der Marine requiriert, um dort Soldaten unterzubringen. Nachdem die Marine im November 1918 die Küstenunkstelle geräumt hatte, wurde diese durch Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrates besetzt.


In den Wirren der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg entstand im September 1919 eine Einwohnerwehr, deren Stärke 57 Mann umfasste, die mit 50 Waffen ausgerüstet waren. Damit war sie zwar zahlenmäßiger kleiner als die von Westermarsch I, letztere hatte jedoch keine Waffen erlangen können.
In den Wirren der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg entstand im September 1919 eine Einwohnerwehr, deren Stärke 57 Mann umfasste, die mit 50 Waffen ausgerüstet waren. Damit war sie zwar zahlenmäßiger kleiner als die von Westermarsch I, letztere hatte jedoch keine Waffen erlangen können.
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Auch im Zweiten Weltkrieg erlangte die Küstenfunkstelle wieder große Bedeutung und wurde entsprechend auch mit Flak-Geschützstellungen gegen feindliche Luftangriffe gesichert. Zudem entstand in dieser Zeit ein [[Kriegsgefangenenlager Itzendorf | Kriegsgefangenenlager in Itzendorf]], in dem 15 französische Soldaten inhaftiert waren. Ein weiteres Kriegsgefangenenlager wurde in Utlandshörn errichtet, auch dort waren ausschließlich Franzosen inhaftiert, deren Zahl - über die Zeit schwankend - 15 bis 40 betragen hat. Das Lager trug die Bezeichnung AK Nr. 1016a.
Auch im Zweiten Weltkrieg erlangte die Küstenfunkstelle wieder große Bedeutung und wurde entsprechend auch mit Flak-Geschützstellungen gegen feindliche Luftangriffe gesichert. Zudem entstand in dieser Zeit ein [[Kriegsgefangenenlager Itzendorf | Kriegsgefangenenlager in Itzendorf]], in dem 15 französische Soldaten inhaftiert waren. Ein weiteres Kriegsgefangenenlager wurde in Utlandshörn errichtet, auch dort waren ausschließlich Franzosen inhaftiert, deren Zahl - über die Zeit schwankend - 15 bis 40 betragen hat. Das Lager trug die Bezeichnung AK Nr. 1016a.


Am 01.11.1941 fielen in der gesamten Westermarsch 40 bis 50 Brandbomben. Ein Bauerhaus wurde eingeäschert.
Am 1. November 1941 fielen in der gesamten Westermarsch 40 bis 50 Brandbomben. Ein Bauerhaus wurde eingeäschert.


Kurz nach Kriegsende ermorderte eine aus sechs ehemaligen Kriegsgefangenen bestehende Bande den Bauern Steffens. Einer der Täter wurde deswegen im August 1946 vom "High Court" der britischen Militärregierung zum Tode verurteilt.
Kurz nach Kriegsende ermordete eine aus sechs ehemaligen Kriegsgefangenen bestehende Bande den Bauern Steffens. Einer der Täter wurde deswegen im August 1946 vom "High Court" der britischen Militärregierung zum Tode verurteilt.


Durch Aufnahme ausgebombter Emder sowie Vertriebene aus den ehemals deutschen Ostgebieten stieg die Einwohnerzahl nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich und erreichte 1946 bereits 838 Einwohner, von denen 197 Flüchtlinge oder Vertriebene waren. Bis 1950 stieg die Einwohnerzahl nochmals um 19 auf insgesamt 857 Einwohner. Die Zahl der Flüchtlinge bzw. Vertriebenen lag bei 190.
Durch Aufnahme ausgebombter Emder sowie Vertriebene aus den ehemals deutschen Ostgebieten stieg die Einwohnerzahl nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich und erreichte 1946 bereits 838 Einwohner, von denen 197 Flüchtlinge oder Vertriebene waren. Bis 1950 stieg die Einwohnerzahl nochmals um 19 auf insgesamt 857 Einwohner. Die Zahl der Flüchtlinge bzw. Vertriebenen lag bei 190.