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Der Sender hatte eine Trägerleistung von 100 Kilowatt. Die gebündelte Energie wurde in eine Richtantennenanlage eingespeist, die auf Mittelengland ausgerichtet war und nach Zeitzeugenberichten in einer Stärke von 900 Kilowatt dort ankam. Später wurde die Anlage mit Rundstrahlung betrieben. Zu Beginn bestand die Antennenanlage aus zwei über Koaxialkabel gespeiste Masten von jeweils 150 Metern Höhe sowie aus vier je 120 Meter hohen sogenannten Reflektoren und Direktoren. Die Sendeeinrichtung war für den Mittelwellenbereich von 400 bis 1060 Kilohertz ausgelegt. Um Stromausfälle zu kompensieren, verfügte die Anlage zudem über einen Dieselmotor mit Stromgenerator (960 PS Schiffsdieselaggregat und 750 kVA Generator). Im Normalbetrieb wurde die Anlage über das allgemeine Stromnetz gespeist und verfügte dafür über eine eigene Umspannstation. Da der Sender von militärischer Wichtigkeit war, wurde er entsprechend geschützt. Im Umkreis der Anlage wurden mehrere [[Liste der Flakstellungen|Flakstellungen]] (Flugabwehrkanonen) errichtet.<ref name=":0" /> Bereits am 3. Oktober 1939 wurde die Besatzung dieser Stellungen im Umland, u.a. in der [[Osterlooger Schule]], einquartiert. Das Gesamtpersonal der Flakbatterie wird mit 140 Mann angegeben.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 65</ref>
Der Sender hatte eine Trägerleistung von 100 Kilowatt. Die gebündelte Energie wurde in eine Richtantennenanlage eingespeist, die auf Mittelengland ausgerichtet war und nach Zeitzeugenberichten in einer Stärke von 900 Kilowatt dort ankam. Später wurde die Anlage mit Rundstrahlung betrieben. Zu Beginn bestand die Antennenanlage aus zwei über Koaxialkabel gespeiste Masten von jeweils 150 Metern Höhe sowie aus vier je 120 Meter hohen sogenannten Reflektoren und Direktoren. Die Sendeeinrichtung war für den Mittelwellenbereich von 400 bis 1060 Kilohertz ausgelegt. Um Stromausfälle zu kompensieren, verfügte die Anlage zudem über einen Dieselmotor mit Stromgenerator (960 PS Schiffsdieselaggregat und 750 kVA Generator). Im Normalbetrieb wurde die Anlage über das allgemeine Stromnetz gespeist und verfügte dafür über eine eigene Umspannstation. Da der Sender von militärischer Wichtigkeit war, wurde er entsprechend geschützt. Im Umkreis der Anlage wurden mehrere [[Liste der Flakstellungen|Flakstellungen]] (Flugabwehrkanonen) errichtet.<ref name=":0" /> Bereits am 3. Oktober 1939 wurde die Besatzung dieser Stellungen im Umland, u.a. in der [[Osterlooger Schule]], einquartiert. Das Gesamtpersonal der Flakbatterie wird mit 140 Mann angegeben.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 65</ref>


Über Art und Inhalt der ausgestrahlten Programme enthalten die vorhandenen, sehr verstreuten Quellen leider einige widersprüchliche Angaben. In einigen ist von "deutschen Sendungen für ganz Nordwesteuropa", in anderen von "deutschsprachigen", aber auch von "ausschließlich fremdsprachigen" Propagandasendungen die Rede. Gesichert ist, dass der Sender Osterloog seit Herbst 1939 das deutschsprachige Programm des Reichssenders Hamburg (ab 1940 das Einheitsprogramm aller deutschen Reichssender) ausstrahlte.<ref name=":0" /> Das Programm trug auch den Namen "Germany Calling".<ref name=":1" /> Von Anfang an war das Programm jedoch ins englische übersetzt und mit Propagandabeiträgen versehen, die an den Kriegsgegner gerichtet waren. Die Sender Hamburg und Köln hatten diese bereits im März in ihr Programm aufgenommen. Es handelte sich vorwiegend um Nachrichten und Kommentarsendungen, die in Berlin produziert und nach Osterloog übermittelt wurden.<ref name=":0" />
Über Art und Inhalt der ausgestrahlten Programme enthalten die vorhandenen, sehr verstreuten Quellen leider einige widersprüchliche Angaben. In einigen ist von "deutschen Sendungen für ganz Nordwesteuropa", in anderen von "deutschsprachigen", aber auch von "ausschließlich fremdsprachigen" Propagandasendungen die Rede. Gesichert ist, dass der Sender Osterloog seit Herbst 1939 das deutschsprachige Programm des Reichssenders Hamburg (ab 1940 das Einheitsprogramm aller deutschen Reichssender) ausstrahlte.<ref name=":0" /> Das Programm trug auch den Namen "Germany Calling".<ref name=":1">[https://www.vde.com/de/geschichte/karte/niedersachsen/norddeich-radio--sender-osterloog- Geschichte von Norddeich Radio, Sender Osterloog], abgerufen am 6. April 2021</ref> Von Anfang an war das Programm jedoch ins englische übersetzt und mit Propagandabeiträgen versehen, die an den Kriegsgegner gerichtet waren. Die Sender Hamburg und Köln hatten diese bereits im März in ihr Programm aufgenommen. Es handelte sich vorwiegend um Nachrichten und Kommentarsendungen, die in Berlin produziert und nach Osterloog übermittelt wurden.<ref name=":0" />


Laut Zeitzeugenberichten war die Feldstärke der Anlage derart groß, dass es den Empfang aller anderen Sender auf Rundfunkgeröten überdeckte und den Fernempfang anderer Sendungen damit unmöglich machte. Der Empfang anderer Sendungen soll möglich gewesen sein, wenn man entsprechende Einstellungen an den Endgeräten vornahmen.<ref name=":0" />
Laut Zeitzeugenberichten war die Feldstärke der Anlage derart groß, dass es den Empfang aller anderen Sender auf Rundfunkgeröten überdeckte und den Fernempfang anderer Sendungen damit unmöglich machte. Der Empfang anderer Sendungen soll möglich gewesen sein, wenn man entsprechende Einstellungen an den Endgeräten vornahmen.<ref name=":0" />
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Einige Monate vor Kriegsende kam es immer häufiger zu Unterbrechungen in den Rundfunkleitungen zwischen Berlin, Hamburg und Osterloog. Daher richteten die verantwortlichen Stellen im Herbst 1944 in der Verstärkerstelle in Apen (Gemeinde Uplengen), an der Bahnlinie zwischen Leer und Oldenburg, ein provisorisches Studio ein. Durch die sich immer weiter nördlich ziehende Frontlinie musste der Standort nach Wilhelmshaven verlegt werden. Von hier aus strahlte Osterloog am 5. Mai 1945 die letzte "Reichssendung" aus, danach erhielt die Sendeanlage aus diesem Studioi die Anweisung, den Betrieb um 20:20 Uhr einzustellen und die Anlage abzuschalten. Ein inzwischen auch in Osterloog eingerichtetes Studio ging nicht mehr in Betrieb.<ref name=":0" />
Einige Monate vor Kriegsende kam es immer häufiger zu Unterbrechungen in den Rundfunkleitungen zwischen Berlin, Hamburg und Osterloog. Daher richteten die verantwortlichen Stellen im Herbst 1944 in der Verstärkerstelle in Apen (Gemeinde Uplengen), an der Bahnlinie zwischen Leer und Oldenburg, ein provisorisches Studio ein. Durch die sich immer weiter nördlich ziehende Frontlinie musste der Standort nach Wilhelmshaven verlegt werden. Von hier aus strahlte Osterloog am 5. Mai 1945 die letzte "Reichssendung" aus, danach erhielt die Sendeanlage aus diesem Studioi die Anweisung, den Betrieb um 20:20 Uhr einzustellen und die Anlage abzuschalten. Ein inzwischen auch in Osterloog eingerichtetes Studio ging nicht mehr in Betrieb.<ref name=":0" />


Anfang April 1945 hatte die Wehrmacht bei den Funkstellen von [[Norddeich Radio]] in [[Utlandshörn]] und [[Osterloog]] rund eine Tonne Sprengstoff gelagert, um die Stationen rechtzeitig vor der Einnahme durch den Feind zerstören zu können. Dies berichtete [[Heinz Frömming]], der ehemalige Betriebsleiter von Norddeich Radio in den Jahren 1975 bis 1981, in einer Dokumentation. Weil jedoch die Sprengkraft der Ladung wegen der andauernden alliierten Luftangriffe eine ständige Gefahr für das Personal bildete, wurde die Munition auf Drängen der Betriebsleitung in das [[Vertriebenenlager Tidofeld|Marinelager Tidofeld]] transportiert. Hier explodierte der Sprengstoff kurz nach Kriegsende durch die Unvorsichtigkeit einiger Soldaten und richtete große Schäden an.<ref name=":0" /> Die Sendestelle Osterloog wurde jedoch vermutlich auch deshalb nie direktes Ziel alliierter Luftangriffe, da der Sender unbeabsichtigt den Verkehr der deutschen Schiffe verriet: Die Briten fingen die von hier gesendeten Funksignale ab.<ref name=":1">[https://www.vde.com/de/geschichte/karte/niedersachsen/norddeich-radio--sender-osterloog- Geschichte von Norddeich Radio, Sender Osterloog], abgerufen am 6. April 2021</ref>
Anfang April 1945 hatte die Wehrmacht bei den Funkstellen von [[Norddeich Radio]] in [[Utlandshörn]] und [[Osterloog]] rund eine Tonne Sprengstoff gelagert, um die Stationen rechtzeitig vor der Einnahme durch den Feind zerstören zu können. Dies berichtete [[Heinz Frömming]], der ehemalige Betriebsleiter von Norddeich Radio in den Jahren 1975 bis 1981, in einer Dokumentation. Weil jedoch die Sprengkraft der Ladung wegen der andauernden alliierten Luftangriffe eine ständige Gefahr für das Personal bildete, wurde die Munition auf Drängen der Betriebsleitung in das [[Vertriebenenlager Tidofeld|Marinelager Tidofeld]] transportiert. Hier explodierte der Sprengstoff kurz nach Kriegsende durch die Unvorsichtigkeit einiger Soldaten und richtete große Schäden an.<ref name=":0" />


===ab Mai 1945===
===ab Mai 1945===
Als am 4. Mai kanadische - und später auch britische - Truppen in das [[Norderland]] einrückten, wurde auch Osterloog zwei Tage später besetzt. Einen Monat lang kam der Sendebetrieb zum Erliegen, am 5. Juni nahm er den Betrieb wieder auf. Mit unverminderter Sendestärke wurde fortan der britische Soldatensender "British Forces Network" (BFN) ausgestrahlt. Hier wurde im Juni 1945 eine fahrbare Studioanlage herbeigeschafft. Ab Ende Juli gab es eine feste Kabelverbindung zwischen den BFN-Studious in der Hamburger Musikhalle und Osterloog. Allerdings wurde im Verlauf des Jahres die Richtstrahlanlage bis auf einen der 150 Meter hohen Masten und zwei 120 Meter Masten abgebaut. Die übrigen Masten fanden an anderer Stelle eine Wiederverwendung.<ref name=":0" /> Während der 150 Meter hohe Mast geteilt und eine Hälfte in Etzhorn und Münster neu errichtet wurde, wurden die 120 Meter hohen Maste in Osnabrück (1947), Langenberg (1948), Hemmingen (1949), Braunschweig (1950), Pinneberg, Bonn, Herford und in Hamburg-Billwerder (1962) neu aufgebaut.<ref>[https://www.waz.de/staedte/velbert/monument-soll-an-alten-langenberger-sender-erinnern-id210663713.html Online-Bericht der WAZ vom 22. Mai 2017], abgerufen am 6. April 2021</ref>
Als am 4. Mai kanadische - und später auch britische - Truppen in das [[Norderland]] einrückten, wurde auch Osterloog zwei Tage später - etwa zur Mittagszeit - von der Besatzung dreier kanadischer Spähwagen besetzt.<ref>Canzler, Gerhard (2005): Die Norder Schulen, Weener, S. 67</ref> Einen Monat lang kam der Sendebetrieb zum Erliegen, am 5. Juni nahm er den Betrieb wieder auf. Mit unverminderter Sendestärke wurde fortan der britische Soldatensender "British Forces Network" (BFN) ausgestrahlt. Hier wurde im Juni 1945 eine fahrbare Studioanlage herbeigeschafft. Ab Ende Juli gab es eine feste Kabelverbindung zwischen den BFN-Studious in der Hamburger Musikhalle und Osterloog. Allerdings wurde im Verlauf des Jahres die Richtstrahlanlage bis auf einen der 150 Meter hohen Masten und zwei 120 Meter Masten abgebaut. Die übrigen Masten fanden an anderer Stelle eine Wiederverwendung.<ref name=":0" /> Während der 150 Meter hohe Mast geteilt und eine Hälfte in Etzhorn und Münster neu errichtet wurde, wurden die 120 Meter hohen Maste in Osnabrück (1947), Langenberg (1948), Hemmingen (1949), Braunschweig (1950), Pinneberg, Bonn, Herford und in Hamburg-Billwerder (1962) neu aufgebaut.<ref>[https://www.waz.de/staedte/velbert/monument-soll-an-alten-langenberger-sender-erinnern-id210663713.html Online-Bericht der WAZ vom 22. Mai 2017], abgerufen am 6. April 2021</ref>


Am 15. September 1946 stellte der BFN seine Sendungen über Osterloog ein. Noch am selben Tag übernahm "BBC" die Gebäude mitsamt der verbliebenen technischen Anlagen. Bis Anfang der 1950er Jahre wurde fortan das europäische BBC-Programm in mehrere Fremdsprachen ausgestrahlt. Darunter befand sich auch der mehrmals täglich gesendete deutschsprachige Dienst mit einem vergleichsweise objektiven Nachrichtenangebot, Informationen, etwas Musik und einem Englischsprachkurs ("Lernt Englisch im Londoner Rundfunk"). Die während  der Kriegszeit nach England  gerichtete Antennenanlage wurde jetzt in Richtung Balkan abgestimmt. Zugleich wurden Modulations - und Fernsprechleitungen von London über Belgien nach Osterloog geschaltet und, um etwaigen Störungen vorzubeugen, eine sogenannte Ballempfangsanlage in Utlandshörn eingerichtet. Das unüberhörbare Pausenzeichen haben viele Hörer von damals  heute noch im Ohr. Die Betriebsleitung in Osterloog lag inzwischen wieder in deutschen Händen, jedoch unter Aufsicht der Engländer.<ref name=":0" />
Am 15. September 1946 stellte der BFN seine Sendungen über Osterloog ein. Noch am selben Tag übernahm "BBC" die Gebäude mitsamt der verbliebenen technischen Anlagen. Bis Anfang der 1950er Jahre wurde fortan das europäische BBC-Programm in mehrere Fremdsprachen ausgestrahlt. Darunter befand sich auch der mehrmals täglich gesendete deutschsprachige Dienst mit einem vergleichsweise objektiven Nachrichtenangebot, Informationen, etwas Musik und einem Englischsprachkurs ("Lernt Englisch im Londoner Rundfunk"). Die während  der Kriegszeit nach England  gerichtete Antennenanlage wurde jetzt in Richtung Balkan abgestimmt. Zugleich wurden Modulations - und Fernsprechleitungen von London über Belgien nach Osterloog geschaltet und, um etwaigen Störungen vorzubeugen, eine sogenannte Ballempfangsanlage in Utlandshörn eingerichtet. Das unüberhörbare Pausenzeichen haben viele Hörer von damals  heute noch im Ohr. Die Betriebsleitung in Osterloog lag inzwischen wieder in deutschen Händen, jedoch unter Aufsicht der Engländer.<ref name=":0" />