Andreaskirche: Unterschied zwischen den Versionen
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Die '''Andreaskirche''' war der erste steinerne Sakralbau in Norden. Sie befand sich auf dem heutigen [[Alter Friedhof|Alten Friedhof]] in unmittelbarer Nähe zum [[Marktplatz]]. Die für den Bau errichtete [[Warft]] ist noch heute deutlich zu erkennen. Nachdem die Kirche 1531 durch [[Balthasar von Esens]] gebrandschatzt wurde, verfiel sie und wurde bis 1756 vollends abgetragen. | Die '''Andreaskirche''' war der erste steinerne Sakralbau in Norden. Sie befand sich auf dem heutigen [[Alter Friedhof|Alten Friedhof]] in unmittelbarer Nähe zum [[Marktplatz]]. Die für den Bau errichtete [[Warft]] ist noch heute deutlich zu erkennen. Nachdem die Kirche 1531 durch [[Balthasar von Esens]] gebrandschatzt wurde, verfiel sie und wurde bis 1756 vollends abgetragen. | ||
Die Andreaskirche diente vermutlich für das sich entwickelnde städtische Gemeinwesen als Gotteshaus. Dies wird unter anderem damit erklärt, dass die Kirche dem Heiligen Andreas geweiht war. Er war der Schutzpatron der Stadt und wird noch heute als Schildhalter des Norder Stadtwappens dargestellt. Ihr gegenüber stand die [[Ludgerikirche]], die das Gotteshaus der [[Norder Umlandgemeinden]] war. | |||
==Geschichte== | ==Geschichte== | ||
Der Vorgängerbau der gemeinhin als "Andreaskirche" bezeichneten Kirche geht ein hölzerner Bau voran, der möglicherweise auf den Beginn der christlichen Missionierung Ostfrieslands im 8. oder 9. Jahrhundert zurückgeht. Wahrscheinlich stand dieser Bau bereits an der letzten Örtlichkeit, jedoch ist nicht eindeutig, ob zu diesem Zeitpunkt die Warft ebenso existierte oder erst später für den steinernen Bau angehäuft wurde.<ref name=":0">Infotafel im Ostfriesischen Heimatmuseum</ref> Im dritten Viertel des 13. Jahrhunderts wurde dieser Vorgängerbau der späteren Andreaskirche schließlich niedergerissen und anschließend aus Backstein als dreischiffige Pfeilerbasilika mit gewölbtem Querhaus und quadratischem Chor wiedererrichtet.<ref>Bärenfänger, Rolf (1999): Die Andreaskirche in Norden, Stuttgart, S. 187f.</ref> Die Initiative dazu ging wohl vom Bistum Bremen aus, zu dem der Ort seinerzeit gehörte.<ref>van Lengen, Hajo (2003): Die Friesische Freiheit des Mittelalters – Leben und Legende, Aurich, S. 77</ref> | Der Vorgängerbau der gemeinhin als "Andreaskirche" bezeichneten Kirche geht ein hölzerner Bau voran, der möglicherweise auf den Beginn der christlichen Missionierung Ostfrieslands im 8. oder 9. Jahrhundert zurückgeht. Wahrscheinlich stand dieser Bau bereits an der letzten Örtlichkeit, jedoch ist nicht eindeutig, ob zu diesem Zeitpunkt die Warft ebenso existierte oder erst später für den steinernen Bau angehäuft wurde.<ref name=":0">Infotafel im Ostfriesischen Heimatmuseum</ref> Im dritten Viertel des 13. Jahrhunderts wurde dieser Vorgängerbau der späteren Andreaskirche schließlich niedergerissen und anschließend aus Backstein als dreischiffige Pfeilerbasilika mit gewölbtem Querhaus und quadratischem Chor wiedererrichtet.<ref>Bärenfänger, Rolf (1999): Die Andreaskirche in Norden, Stuttgart, S. 187f.</ref> Die Initiative dazu ging wohl vom Bistum Bremen aus, zu dem der Ort seinerzeit gehörte.<ref>van Lengen, Hajo (2003): Die Friesische Freiheit des Mittelalters – Leben und Legende, Aurich, S. 77</ref> | ||
Nach seiner Fertigstellung im Jahre 1288 hatte der Bau eine Länge von 65 Meter und war etwa 22 Meter breit. Sein 65 Meter hoher Westturm diente Seefahrern über mehrere Jahrhunderte als Seezeichen.<ref name=":2">Ruge, Reinhard (2000):: Die Ludgerikirche zu Norden, Norden, S. 3</ref> Die beiden Osttürme an den Chorflanken wurden später hinzugefügt und von zwei "vornehmenen Jungfrauen", möglicherweise Schwestern oder Cousinen aus dem Norder Häuptlingsgeschlecht [[Idzinga]], gestiftet.<ref name=":3">Foraita, Heinz (1985): Dein sind die Zeiten, Herr. Die Geschichte der Katholischen Gemeinde Norden. Herausgegeben zur 100-Jahr-Feier der St.-Ludgerus-Kirche zu Norden, Norden, S. 8</ref> Die in Ostfriesland seltenen Chorflankentürme wurden vermutlich nach dem Vorbild der Kirche von Bunde errichtet.<ref name=":0" /> Unmittelbar nach | Nach seiner Fertigstellung im Jahre 1288 hatte der Bau eine Länge von 65 Meter und war etwa 22 Meter breit. Sein 65 Meter hoher Westturm diente Seefahrern über mehrere Jahrhunderte als Seezeichen.<ref name=":2">Ruge, Reinhard (2000):: Die Ludgerikirche zu Norden, Norden, S. 3</ref> Die beiden Osttürme an den Chorflanken wurden später hinzugefügt und von zwei "vornehmenen Jungfrauen", möglicherweise Schwestern oder Cousinen aus dem Norder Häuptlingsgeschlecht [[Idzinga]], gestiftet.<ref name=":3">Foraita, Heinz (1985): Dein sind die Zeiten, Herr. Die Geschichte der Katholischen Gemeinde Norden. Herausgegeben zur 100-Jahr-Feier der St.-Ludgerus-Kirche zu Norden, Norden, S. 8</ref> Die in Ostfriesland seltenen Chorflankentürme wurden vermutlich nach dem Vorbild der Kirche von Bunde errichtet.<ref name=":0" /> Unmittelbar nach der Baufertigstellung im Jahre 1288 wurde der umliegende Friedhof seiner Bestimmung übergeben, die offizielle Weihung soll jedoch erst nach dem Eintreffen des Bischofs vollzogen worden sein.<ref name=":3" /> | ||
Schon vor den einsetzenden Wirren durch die Reformation stand es denkbar schlecht um den Zustand der Andreaskirche. Stürme und Überflutungen, wie die [[Erste Dionysiusflut]] hatten dem Bauwerk stark zugesetzt. Heftige Seewinde brachten den mächtigen Westturm im Jahre 1411 zum Einsturz.<ref name=":3" /> Der endgültige Todesstoß wurde der Kirche jedoch erst rund 120 Jahre später versetzt. Im Jahr 1531 verwüstete ein Heerhaufen des Häuptlings [[Balthasar von Esens]] die unbefestigte Stadt, die nur über einige [[Liste der Burgen und Wehrhäuser|Wehrhäuser]], aber keine Stadtmauer verfügte. Den Brandschatzungen fielen sowohl die Andreaskirche als auch weitere bedeutende Bauten, wie dem Vorgängerbau des [[Altes Rathaus|Alten Rathauses]] sowie das [[Kloster Marienthal]]. | |||
Balthasars Zerstörungswut ging soweit, dass er, als er eigentlich die Stadt schon wieder verlassen hatte und sah, dass der große Westturm entgegen seiner Absicht noch nicht in Brand geraten war. So befahl er einigen seinern Männern, zurückzukehren und den Dachstuhl des Turmes in Brand zu setzen. Seine Männer wurden bei ihrer Rückkehr von einigen Norder Frauen wüst beschimpft. Die Soldaten fanden schließlich in den Flammen ihren Tod, als sie die Stufen, über die sie den Turm zu dessen Brandschatzung bestiegen hatten, aufgrund des dichten Rauches nicht mehr finden konnten.<ref name=":3" /> | |||
Versuche, die Andreaskirche wieder aufzubauen, schlugen fehl. So etwa im Jahre 1545. Nicht einmal der große Turm konnte gerettet werden, ein im Jahre 1617 begonnenes Unterfangen scheiterte.<ref name=":3" /> Das Gebäude blieb eine Ruine, die allmählich einstürzte und letztlich den Norder Bürgern nur noch als Steinbruch diente. Steine waren zu jener Zeit in Angesichts fehlender natürlicher Vorkommen ein knappes Gut. 1723 verschwanden die letzten Überbleibsel des Turm, der Rest der Kirche wurde bis 1756 abgetragen.<ref name=":1">Haddinga, Johann / Stromann, Martin (2001): Norden-Norddeich. Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 64</ref> | |||
Besonders wertvolle Bildwerke scheinen in die Ludgerikirche verbracht worden zu sein, die in der Folgezeit die Funktion als Hauptkirche des Ortes übernahm. Heute finden sich von der Andreaskirche keine aufgehenden Gebäudeteile mehr. Das Areal, auf dem sie stand, nimmt der alte Friedhof der Stadt ein. 1996 wurde der Standort der Andreaskirche durch Bohruntersuchungen wiederentdeckt.<ref name=":1" /> | Besonders wertvolle Bildwerke scheinen in die Ludgerikirche verbracht worden zu sein, die in der Folgezeit die Funktion als Hauptkirche des Ortes übernahm. Heute finden sich von der Andreaskirche keine aufgehenden Gebäudeteile mehr. Das Areal, auf dem sie stand, nimmt der alte Friedhof der Stadt ein. 1996 wurde der Standort der Andreaskirche durch Bohruntersuchungen wiederentdeckt.<ref name=":1" /> | ||
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Über den hölzernen Bau der Andreaskirche ist nichts bekannt. Der erste steinerne Bau soll hingegen eine Länge von etwa 37 Metern sowie möglicherweise eine halbrunde Apsis (halb-zylinderförmiger Anbau) gehabt haben. Später soll noch ein quadratischer Westturm angefügt worden sein. | Über den hölzernen Bau der Andreaskirche ist nichts bekannt. Der erste steinerne Bau soll hingegen eine Länge von etwa 37 Metern sowie möglicherweise eine halbrunde Apsis (halb-zylinderförmiger Anbau) gehabt haben. Später soll noch ein quadratischer Westturm angefügt worden sein. | ||
Dank der Überlieferungen des [[Ubbo Emmius]] ist eine vergleichsweise gute Beschreibung der (letzten) steinernen Andreaskirche möglich. Er nennt die Kirche ein "hevorragendes Werk mit drei ausgezeichneten und hochragenden Türmen", die bereits von Weitem sichtbar waren. Der westliche Turm soll der größte aller Türme gewesen sein. Dieser wurde bis zum Beginn des Giebels der Kirche aus Tuffstein errichtet. Von hier aus überragte er weiter mit einem hochragenden Giebel, der sich zu einer kegelförmigen Spitze erhob, der noch einmal so groß gewesen sein soll, wie der untere Bau des Turms selbst.<ref name=":3" /> Dieser hohe Turm war über Jahrhunderte ein wichtiges Seezeichen für den Schiffsverkehr.<ref name=":2" /> Angeblich soll er den Seefahrern bis an die Elbmündung erkennbar gewesen sein, was aber wohl eher eine Übertreibung ist. | Dank der Überlieferungen des [[Ubbo Emmius]] und den sogenannten [[Norder Annalen]] des Mönches [[Gerrit van Norden]] ist eine vergleichsweise gute Beschreibung der (letzten) steinernen Andreaskirche möglich. Er nennt die Kirche ein "hevorragendes Werk mit drei ausgezeichneten und hochragenden Türmen", die bereits von Weitem sichtbar waren. Der westliche Turm soll der größte aller Türme gewesen sein. Dieser wurde bis zum Beginn des Giebels der Kirche aus Tuffstein errichtet. Von hier aus überragte er weiter mit einem hochragenden Giebel, der sich zu einer kegelförmigen Spitze erhob, der noch einmal so groß gewesen sein soll, wie der untere Bau des Turms selbst.<ref name=":3" /> Dieser hohe Turm war über Jahrhunderte ein wichtiges Seezeichen für den Schiffsverkehr.<ref name=":2" /> Angeblich soll er den Seefahrern bis an die Elbmündung erkennbar gewesen sein, was aber wohl eher eine Übertreibung ist. | ||
Die beiden anderen Türme waren schmaler und aus Ziegelstein errichtet. Sie stiegen mit geraden Seiten hoch und waren mit einem vergleichsweise kleinen Giebel abgeschlossen. Der Volksmund nannte die beiden gleichartigen Türme auch "Basen" (Cousinen).<ref name=":3" /> | Die beiden anderen Türme waren schmaler und aus Ziegelstein errichtet. Sie stiegen mit geraden Seiten hoch und waren mit einem vergleichsweise kleinen Giebel abgeschlossen. Der Volksmund nannte die beiden gleichartigen Türme auch "Basen" (Cousinen).<ref name=":3" /> | ||