Ludgerikirche: Unterschied zwischen den Versionen
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Die Ludgerikirche ist mit ihren rund 80 Meter Länge die größte erhaltene mittelalterliche Kirche in Ostfriesland. Bereits von außen ist der unterteilte und sich unterscheidende Baustil der einzelnen Teilbauten deutlich erkennbar. Geprägt wird die Kirche hierbei vor allem durch den gotischen Hochchor, der mit seinem Umgang der einzige dreischiffige Sakralbau in Ostfriesland in der Art gotischer Kathedralenarchitektur ist. Der südlich neben der Kirche freistehende, um 1310 erbaute romanische Glockenturm ist durch [[Am Markt|eine Straße]] von der Kirche getrennt. | Die Ludgerikirche ist mit ihren rund 80 Meter Länge die größte erhaltene mittelalterliche Kirche in Ostfriesland. Bereits von außen ist der unterteilte und sich unterscheidende Baustil der einzelnen Teilbauten deutlich erkennbar. Geprägt wird die Kirche hierbei vor allem durch den gotischen Hochchor, der mit seinem Umgang der einzige dreischiffige Sakralbau in Ostfriesland in der Art gotischer Kathedralenarchitektur ist. Der südlich neben der Kirche freistehende, um 1310 erbaute romanische Glockenturm ist durch [[Am Markt|eine Straße]] von der Kirche getrennt. | ||
====== Langschiff ====== | |||
Das Langschiff bzw. Langhaus wurde aus rotem Backstein errichtet. Es war der erste Bauteil der Kirche. An der Stelle des heutigen Querschiffs befand sich eine Apsis, eine Art halbkreisförmiger Zylinder. Das Langhaus ist von einem 1746 eingezogenen, den Raum etwas erhöhenden und damit dem Querschiff angleichenden Holztonnengewölbe gedeckt. An das Westende der Kirche ist auf der Südseite zum Marktplatz hin die ehemalige Küsterei mit Schleppdach angebaut. Die Langseiten werden ansonsten durch große spitzbogige Fenster mit Maßwerk aus der Zeit um 1840 gegliedert. Spuren von den einstigen kleinen Rundbogenfenstern sind im Mauerwerk der Nordwand noch zu erkennen und von innen als kleine Rundbogennischen auszumachen. Die westliche Giebelseite weist im aufwendig gestalteten Giebeldreieck leicht spitzbogige Blendnischen mit drei kleinen schmalen Fenstern auf, darunter den oberen Teil des ursprünglich großen Westfensters des Kirchenraumes, auch schon leicht spitzbogig, und im unteren Bereich drei Fenster mit schlichten rundbogigen Laibungen, die für die Belichtung der um 1820 dort eingerichteten [[Mädchenschule|Schulräume]] eingebrochen wurden, wie auch die entsprechenden zwei Fenster im westlichen Teil der Nordwand. | |||
'''Querschiff''' | |||
Das Querhaus hat heute eine Länge von 32 und eine Breite von fast 12 Metern. Das steile Dach ist mit Schiefer gedeckt. Während das romanische Langschiff noch recht schlicht gehalten war, trat im Querschiff erstmals architektonischer Formenreichtum auf. Die beiden Querarme verfügen an der westlichen und an der Giebelseite über je ein großes spitzbogiges Fenster mit Maßwerk. An der Ostseite schließt sich der eingerückte Umgang des Chors an. Das nördliche Querhaus weist nur im Sockelbereich Backstein auf, ist ansonsten aber mit hellem Tuffstein aufgeführt und im Giebeldreieck mit drei spitzbogigen Blenden verziert. Die unterschiedlichen Baumaterialien an der südlichen Giebelseite unterstreichen die Gliederung in drei Ebenen: Das untere Drittel besteht wie das Giebeldreieck aus roten Backsteinen, während der mittlere Bereich mit dem Maßwerkfenster aus Tuffstein gebildet ist. Das südliche Giebeldreieck wird von fünf schmalen Blendnischen verziert, in denen Sandsteinstatuetten auf Konsolen stehen. Beide Giebelseiten werden durch reich profilierte korbbogige Portale geprägt, über denen Blendnischen mit profilierten Spitzbogen angebracht sind. Am Wiederaufbau des Querschiffs und an der Errichtung des Chors war der Norder Häuptling und spätere erste Reichsgraf Ostfrieslands, [[Ulrich Cirksena]], maßgeblich beteiligt. Sein Familienwappen befindet sich in den Schlusssteinen des Vierungs- und des östlichen Hochchorgewölbes. | |||
==== Hochchor ==== | |||
Mit einer Länge von 33 und einer Breite von 26 Metern sowie 21 Meter Scheitelhöhe überragt der Chor den restlichen Baukörper. Durch den Abschluss der Bauarbeiten am Hochchor wurde die Ludgerikirche zur Kreuzkirche. So bezeichnet man Kirchen, die - aus der Vogelperspektive - einem (christlichen) Kreuz gleichen. Der Chor ist mit seinem Umgang (Rundgang) der einzige dreischiffige Sakralbau in Ostfriesland in der Art gotischer Kathedralenarchitektur. Die außeren Wände werden durch 13 Rundpfeiler gestützt und sind mit Spitzbogenarkaden verbunden. Über den Kapitellen der Rundpfeiler setzen die birnstabförmigen Gewölbedienste an, die in die Rippen übergehen und schließlich in Schlusssteinen ausmünden. Das aufstrebende Mittelschiff ist in drei Zonen mit profilierten Spitzbögen gegliedert: Unten Bögen zwischen Hochchor und Umgang, in der Mitte Blendnischen und als Abschluss die Obergadenfenster mit schrägen Laibungen. Sowohl im Querschiff als auch im Chor befinden sich nur Kreuzgewölbe. Dies ist ungewöhnlich, da zu der Bauzeit andernorts häufiger die Netz- und Sterngewölbe verwendet wurden. Der Sockelbereich besteht aus Backstein, der auch für das Maßwerk und die Spitzbogen der Fenster sowie den schlichten Fries unter der Dachtraufe eingesetzt wurde; ansonsten ist für den Chor Tuffstein verwendet worden (original der zum Teil noch erhalten gebliebene dunklere, poröse Römertuff, bei der Restaurierung 1981–1983 der hellere, festere Weiberner Tuff, um einer erneuten baldigen Verwitterung vorzubeugen). Abgetreppte Strebepfeiler zwischen den Fenstern stützen den Umgang. | |||
==== Glockenturm ==== | |||
Wie bei fast allen mittelalterlichen Kirchen Ostfrieslands ist auch der Glockenturm freistehend. Grund dafür ist vor allem die oftmals unsichere Bodenbeschaffenheit. Der Turm befindet sich südlich des Langschiffs und ist von der Kirche durch [[Am Markt|eine Straße]] getrennt. Unterhalb der Schallarkaden und in den Giebeln ist er mit weiß gekalkten Blendbögen gegliedert, während in den Blendnischen des Giebeldreiecks Spitzbögen vorherrschen. Das Untergeschoss wurde früher von der Stadtwaage genutzt. Heute befindet sich dort eine Gedenkstätte für die Gefallenen der Weltkriege. An der Ostseite des Turmes wurde eine aus Terrakottateilen geformte Gestalt eines deutschen Soldaten als Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges angebracht. | |||
Zusammen mit dem Glockenturm ist die Kirche das zentrale Bauwerk auf dem 6,678 Hektar großen Marktplatz der Stadt. | |||
=== Innenansicht === | === Innenansicht === | ||
Im Inneren ist die Ludgerikirche besonders reich verziert und weist mehrere bedeutende Kunstwerke auf. Bedeutend sind insbesondere der Schriftaltar, die barocke Kanzel, das gotische Chorgestühl, das Taufbecken, das Grabdenkmal (Epitaph) von [[Unico Manninga]] und ganz besonders die Orgel von [[Arp Schnitger]]. Vorreformatorische Kunst des Mittelalters ist nur in geringen Resten erhalten geblieben, da viele Bildnisse im Zuge der aufkommenden Reformation zerstört oder beschädigt worden sind. Die wenigen erhaltenen bildlichen Zeugnisse dieser Zeit sind nur im Querschiff und im Chor zu sehen. | Im Inneren ist die Ludgerikirche besonders reich verziert und weist mehrere bedeutende Kunstwerke auf. Bedeutend sind insbesondere der Schriftaltar, die barocke Kanzel, das gotische Chorgestühl, das Taufbecken, das Grabdenkmal (Epitaph) von [[Unico Manninga]] und ganz besonders die Orgel von [[Arp Schnitger]]. Vorreformatorische Kunst des Mittelalters ist nur in geringen Resten erhalten geblieben, da viele Bildnisse im Zuge der aufkommenden Reformation zerstört oder beschädigt worden sind. Die wenigen erhaltenen bildlichen Zeugnisse dieser Zeit sind nur im Querschiff und im Chor zu sehen. | ||
=== Langschiff === | ====== Langschiff ====== | ||
'''Querschiff''' | |||
=== | ==== Hochchor ==== | ||
Zur Erstausstattung des Chores, der spätestens um 1455 fertiggestellt gewesen sein dürfte, gehörte sicherlich auch der geschnitzte Hochaltar, von dem nur noch der spätgotische Baldachin (Traghimmel) mit dem reichhaltigen Schnitzwerk erhalten ist. | |||
Glockenturm | |||
==Einzelnachweise== | ==Einzelnachweise== | ||