Ludgerikirche: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Norder Stadtgeschichte
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Im frühen 14. Jahrhundert folgte der Glockenturm. Als Grund dafür, dass dieser freistehend und unabhängig errichtet wurde, wird die Unsicherheit der Erbauer in Bezug auf die Bodenbeschaffenheit vermutet. Es kam nicht selten vor, dass der Untergrund nicht fest genug war, um schwere Bauten zu halten und diese somit sackten oder umstürzten.<ref>Erchinger, Elke (1985): Alte und neue Gedanken zur Baugeschichte der Ludgerikirche. In: Festschrift zur Wiedereinweihung der restaurierten Ludgerikirche, Norden, S. 49f.</ref> Viele Kirchtürme, die eine direkte Verbindung mit den Kirchen aufweisen, sind im Laufe der Jahrhunderte versackt, so etwa der Kirchturm von Suurhusen.
Im frühen 14. Jahrhundert folgte der Glockenturm. Als Grund dafür, dass dieser freistehend und unabhängig errichtet wurde, wird die Unsicherheit der Erbauer in Bezug auf die Bodenbeschaffenheit vermutet. Es kam nicht selten vor, dass der Untergrund nicht fest genug war, um schwere Bauten zu halten und diese somit sackten oder umstürzten.<ref>Erchinger, Elke (1985): Alte und neue Gedanken zur Baugeschichte der Ludgerikirche. In: Festschrift zur Wiedereinweihung der restaurierten Ludgerikirche, Norden, S. 49f.</ref> Viele Kirchtürme, die eine direkte Verbindung mit den Kirchen aufweisen, sind im Laufe der Jahrhunderte versackt, so etwa der Kirchturm von Suurhusen.


Etwa um die gleiche Zeit wurde die vorgebaute Westfassade mit einer für die Frühgotik charakteristischen Gestaltung des Giebeldreiecks errichtet, nachdem ein Teil des Giebels offenbar 1296 bei einem Gewitterbrand oder 1318 durch ein Erdbeben eingestürzt war.<ref name=":1" /> In diesem Jahr wurde vermutlich die östliche Apsis (siehe oben) abgerissen und mit dem Anbau des gotischen Querschiffs begonnen. Nachdem diese neuen Gewölbe einige Zeit nach der Baufertigstellung einstürzten, wurde das ganze Querhaus mit verstärkten Mauern und Pfeilern in der heutigen, erhöhten Gestalt wiederaufgebaut. Von diesem Vorgang berichtet die Inschrift außen über dem Südportal, die zugleich die einzige sicher überlieferte Jahreszahl in der Baugeschichte der Ludgerikirche bietet.<ref name=":0" /> Der Norder Altphilologe [[Gerd Dickers]] konnte diese im Laufe der Jahrhunderte verwitterte Inschrift wiederherstellen. Seither ist die lateinische Inschrift als ergänzte Kopie wieder an ihrem alten Platz angebracht und lautet nun in deutscher Übersetzung: "Im Jahre des Herrn 1445 ist dieses Gebäude wiederhergestellt worden mit Hilfe des edlen Junkers Ulrich, des Häuptlings zu Norden, durch die Fürsorge des Pfarrkollegiums und der Bürger von Norden."
Etwa um die gleiche Zeit wurde die vorgebaute Westfassade mit einer für die Frühgotik charakteristischen Gestaltung des Giebeldreiecks errichtet, nachdem ein Teil des Giebels offenbar 1296 bei einem Gewitterbrand oder 1318 durch ein Erdbeben eingestürzt war.<ref name=":1" /> In diesem Jahr wurde vermutlich die östliche Apsis (siehe oben) abgerissen und mit dem Anbau des gotischen Querschiffs begonnen. Nachdem diese neuen Gewölbe einige Zeit nach der Baufertigstellung einstürzten, wurde das ganze Querhaus mit verstärkten Mauern und Pfeilern in der heutigen, erhöhten Gestalt wiederaufgebaut. Von diesem Vorgang berichtet die Inschrift außen über dem Südportal, die zugleich die einzige sicher überlieferte Jahreszahl in der Baugeschichte der Ludgerikirche bietet.<ref name=":0" /> Der Norder Altphilologe [[Gerd Dickers]] konnte diese im Laufe der Jahrhunderte verwitterte Inschrift wiederherstellen. Seither ist die lateinische Inschrift als ergänzte Kopie wieder an ihrem alten Platz angebracht und lautet nun in deutscher Übersetzung: "Im Jahre des Herrn 1445 ist dieses Gebäude wiederhergestellt worden mit Hilfe des edlen [[Ulrich Cirksena|Junkers Ulrich]], des Häuptlings zu Norden, durch die Fürsorge des Pfarrkollegiums und der Bürger von Norden." Sein Familienwappen der Cirksenas befindet sich in den Schlusssteinen des Vierungs- und des östlichen Hochchorgewölbes.<ref>Haddinga Johann / Stromann, Martin (2001): Norden-Norddeich. Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 58</ref>


Am Wiederaufbau des Querschiffs und an der Errichtung des Chors war der Norder Häuptling und spätere erste Reichsgraf Ostfrieslands, [[Ulrich Cirksena]], maßgeblich beteiligt. Sein Familienwappen befindet sich in den Schlusssteinen des Vierungs- und des östlichen Hochchorgewölbes.<ref>Haddinga Johann / Stromann, Martin (2001): Norden-Norddeich. Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 58</ref>
Der Chor wurde wahrscheinlich von einer wandernden Bauhütte (mittelalterlicher Werkstättenverband) errichtet, die zuvor den Chor der "Martinikerk" (Martinikirche) in Groningen gebaut hatte. Der Anbau größerer Chorbauten an ältere Kirchen entsprach dem Zeitgeist, wie er auch bei der Kirche St. Sebald in Nürnberg, dem Aachener Dom und dem Freiburger Münster erkennbar ist. Zur Erstausstattung des Chores, der spätestens um 1455 fertiggestellt gewesen sein dürfte, gehörte sicherlich auch der geschnitzte Hochaltar, von dem nur noch der spätgotische Baldachin (Traghimmel) mit dem reichhaltigen Schnitzwerk erhalten ist.<ref name=":3">Kiesow, Gottfried (2010): Architekturführer Ostfriesland, Bonn, S. 266</ref>
 
Der Chor wurde wahrscheinlich von einer wandernden Bauhütte (mittelalterlicher Werkstättenverband) errichtet, die zuvor den Chor der "Martinikerk" (Martinikirche) in Groningen gebaut hatte. Der Anbau größerer Chorbauten an ältere Kirchen entsprach dem Zeitgeist, wie er auch bei der Kirche St. Sebald in Nürnberg, dem Aachener Dom und dem Freiburger Münster erkennbar ist. Zur Erstausstattung des Chores, der spätestens um 1455 fertiggestellt gewesen sein dürfte, gehörte sicherlich auch der geschnitzte Hochaltar, von dem nur noch der spätgotische Baldachin mit dem reichhaltigen Schnitzwerk erhalten ist.<ref>Kiesow, Gottfried (2010): Architekturführer Ostfriesland, Bonn, S. 266</ref>


Mit dem Einzug der Reformation in der Stadt ab 1527 wurden viele der historisch wertvollen Bildwerke und Gemälde katholischen Ursprungs zerstört, beschädigt oder übermalt, denn Bildnisse von Heiligen entsprachen nicht der reformatorischen Gesinnung. In der Kirche wirkten nun abwechselnd lutherische und reformatorische Pastoren. Dem Geiste der Reformation entsprechend wurde 1576/77 der Hochaltar in einen Schriftaltar umgewandelt. Die Inschrift lautet: ''DV SCHALT DY NENE BILDE NOCH GELIKENISSE MAKE. BEDE SE NICHT AN VND DENE EN NICHT.'' (Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht.).<ref name=":2">Ruge, Reinhard (2015): Die Ludgeri-Kirche zu Norden, Norden, S. 18</ref>
Mit dem Einzug der Reformation in der Stadt ab 1527 wurden viele der historisch wertvollen Bildwerke und Gemälde katholischen Ursprungs zerstört, beschädigt oder übermalt, denn Bildnisse von Heiligen entsprachen nicht der reformatorischen Gesinnung. In der Kirche wirkten nun abwechselnd lutherische und reformatorische Pastoren. Dem Geiste der Reformation entsprechend wurde 1576/77 der Hochaltar in einen Schriftaltar umgewandelt. Die Inschrift lautet: ''DV SCHALT DY NENE BILDE NOCH GELIKENISSE MAKE. BEDE SE NICHT AN VND DENE EN NICHT.'' (Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht.).<ref name=":2">Ruge, Reinhard (2015): Die Ludgeri-Kirche zu Norden, Norden, S. 18</ref>
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==Beschreibung==
==Beschreibung==
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=== Außenansicht ===
Das Areal, auf dem beide Gotteshäuser errichtet wurden, liegt auf einer Sandinsel in der Marsch, die dem nordwestlichsten Ausläufer des ostfriesischen Geestrückens vorgelagert ist.<ref>Rack, Eberhard (1998): Kleine Landeskunde Ostfriesland, Oldenburg, S. 94</ref> Der eigentliche Kirchhügel hat eine Fläche von rund 150×90 Metern und erhebt sich an seiner höchsten Stelle auf 10,2 Meter über Normalnull.<ref>Bärenfänger, Rolf (1996): Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands. Band 76 (1996) S. 220</ref> Für den Bau der Vorgängerkirche der Andreaskirche wurde der Hügel in seinem Zentrum auf einer Fläche von 30 x 13 Metern um 0,6 Meter mit Heidesoden erhöht, später dann auch in den Randbereichen durch Aufbringung von humosem Sand.<ref>Bärenfänger, Rolf (1999): Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland. Band 35: Ostfriesland, Stuttgart, S. 187f.</ref>
Das Areal, auf dem beide Gotteshäuser errichtet wurden, liegt auf einer Sandinsel in der Marsch, die dem nordwestlichsten Ausläufer des ostfriesischen Geestrückens vorgelagert ist.<ref>Rack, Eberhard (1998): Kleine Landeskunde Ostfriesland, Oldenburg, S. 94</ref> Der eigentliche Kirchhügel hat eine Fläche von rund 150×90 Metern und erhebt sich an seiner höchsten Stelle auf 10,2 Meter über Normalnull.<ref>Bärenfänger, Rolf (1996): Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands. Band 76 (1996) S. 220</ref> Für den Bau der Vorgängerkirche der Andreaskirche wurde der Hügel in seinem Zentrum auf einer Fläche von 30 x 13 Metern um 0,6 Meter mit Heidesoden erhöht, später dann auch in den Randbereichen durch Aufbringung von humosem Sand.<ref>Bärenfänger, Rolf (1999): Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland. Band 35: Ostfriesland, Stuttgart, S. 187f.</ref>


Die Ludgerikirche ist mit rund 80 Meter Länge der größte erhaltene mittelalterliche Sakralbau Ostfrieslands. Der in der Außenansicht stark zergliederte Baukörper besteht aus drei Abschnitten, die auch in der Höhe variieren, und ist vor allem durch den um 1455 fertiggestellten gotischen Chor geprägt. Er überragt das gotische Querhaus und das romanische Langhaus deutlich. Der Chorraum ist mit seinem Umgang der einzige dreischiffige Sakralbau in Ostfriesland in der Art gotischer Kathedralenarchitektur. Der südlich neben der Kirche freistehende romanische Glockenturm ist durch eine Straße von der Kirche getrennt.
Die Ludgerikirche ist mit ihren rund 80 Meter Länge die größte erhaltene mittelalterliche Kirche in Ostfriesland. Bereits von außen ist der unterteilte und sich unterscheidende Baustil der einzelnen Teilbauten deutlich erkennbar. Geprägt wird die Kirche hierbei vor allem durch den gotischen Hochchor, der mit seinem Umgang der einzige dreischiffige Sakralbau in Ostfriesland in der Art gotischer Kathedralenarchitektur ist. Der südlich neben der Kirche freistehende, um 1310 erbaute romanische Glockenturm ist durch [[Am Markt|eine Straße]] von der Kirche getrennt.
 
=== Innenansicht ===
Im Inneren ist die Ludgerikirche besonders reich verziert und weist mehrere bedeutende Kunstwerke auf. Bedeutend sind insbesondere der Schriftaltar, die barocke Kanzel, das gotische Chorgestühl, das Taufbecken, das Grabdenkmal (Epitaph) von [[Unico Manninga]] und ganz besonders die Orgel von [[Arp Schnitger]]. Vorreformatorische Kunst des Mittelalters ist nur in geringen Resten erhalten geblieben, da viele Bildnisse im Zuge der aufkommenden Reformation zerstört oder beschädigt worden sind. Die wenigen erhaltenen bildlichen Zeugnisse dieser Zeit sind nur im Querschiff und im Chor zu sehen.
 
=== Langschiff ===


Die Ludgerikirche weist eine besonders reiche Ausstattung auf. Bedeutend sind insbesondere der Schriftaltar, die barocke Kanzel, das gotische Chorgestühl, das Taufbecken, das Epitaph des Unico Manninga und vor allem die Orgel von Arp Schnitger, historisch und klanglich ein Kunstwerk von internationalem Rang. Vorreformatorische Kunst des Mittelalters ist wegen des Bildersturms zur Zeit der Reformation nur in geringen Resten vorhanden, die nur im Querschiff und im Chor zu sehen sind.
=== Querschiff ===
Das Querhaus hat heute eine Länge von 32 und eine Breite von fast 12 Metern. Das steile Dach ist mit Schiefer gedeckt. Während das romanische Langschiff noch recht schlicht gehalten war, trat im Querschiff erstmals architektonischer Formenreichtum auf. Die Südseite wurde zur repräsentativen Schaufassade ausgebaut und ist durch fünf gestaffelte Blendnischen und eine spätgotische, spitzbogig geschlossene Nische reich gegliedert. Im nördlichen Querhausportal wurde ein Türsturz mit giebelförmigem Abschluss eingelassen, der vermutlich von der abgegangenen Andreaskirche stammt. Am Wiederaufbau des Querschiffs und an der Errichtung des Chors war der Norder Häuptling und spätere erste Reichsgraf Ostfrieslands, [[Ulrich Cirksena]], maßgeblich beteiligt. Sein Familienwappen befindet sich in den Schlusssteinen des Vierungs- und des östlichen Hochchorgewölbes.


Das Querhaus hat heute eine Länge von 32 und eine Breite von fast 12 Metern. Das steile Dach ist mit Schiefer gedeckt. War das romanische Langschiff noch recht schlicht gehalten, trat im Querschiff erstmals architektonischer Formenreichtum auf. Die Südseite wurde zur repräsentativen Schaufassade ausgebaut und ist durch fünf gestaffelte Blendnischen und eine spätgotische, spitzbogig geschlossene Nische reich gegliedert. Im nördlichen Querhausportal wurde ein Türsturz mit giebelförmigem Abschluss eingelassen, der vermutlich von der abgegangenen Andreaskirche stammt. Am Wiederaufbau des Querschiffs und an der Errichtung des Chors war der Norder Häuptling und spätere erste Reichsgraf Ostfrieslands, Ulrich Cirksena, maßgeblich beteiligt. Sein Familienwappen befindet sich in den Schlusssteinen des Vierungs- und des östlichen Hochchorgewölbes.
=== Hochchor ===
Zur Erstausstattung des Chores, der spätestens um 1455 fertiggestellt gewesen sein dürfte, gehörte sicherlich auch der geschnitzte Hochaltar, von dem nur noch der spätgotische Baldachin (Traghimmel) mit dem reichhaltigen Schnitzwerk erhalten ist.<ref name=":3" />


==Einzelnachweise==
==Einzelnachweise==

Version vom 4. März 2021, 16:22 Uhr

Ludgerikirche

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Basisdaten
Entstehungszeit 1200-1445
Erbauer Kirchengemeinde Süderneuland
Bauweise Ziegelsteinbau
Erhaltungszustand erhalten
Genaue Lage Am Markt 37

26506 Norden

Die Ludgerikirche ist die größte mittelalterliche Kirche Ostfrieslands. Mit ihrem Standort am zentralen Marktplatz von Norden ist sie zudem eines der Wahrzeichen der statt. Erbaut wurde die Kirche in mehreren Abschnitten vom frühen 13. Jahrhundert an bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts und weist sowohl Elemente des romanischen als auch des gotischen Baustils auf. Im frühen 14. Jahrhundert wurde sie um einen freistehenden Glockenturm erweitert. Geweiht war sie dem heiligen Ludger, dem Apostel der Friesen und ersten Bischof des Bistums Münster, zu dem Norden einst gehörte.

Als sogenannte "Sendkirche" des Norderlandes war die Ludgerikirche lange Zeit Verhandlungsort von Gerichtsverfahren, abgehalten durch kirchliche und weltliche Würdenträger.

Geschichte

Die Geschichte der Ludgerikirche steht in einem engen Zusammenhang mit der Entstehung der Stadt Norden. Angenommen wird, dass die Stadt als zentraler Marktort der umliegenden Bauerschaften Ekel, Lintel und Westgaste, die sich später zur Gemeinde Sandbauerschaft zusammenschlossen, entstand. Die Ortschaften befanden bzw. befinden sich nördlich, östlich und westlich des heutigen Stadtkerns und wurden in erhöht liegendem, damals noch weitestgehenden sturmflutsicherem Geestgebiet gegründet. So entstanden in etwa zur gleichen Zeit zwei Kirchen: Die Andreaskirche und die Ludgerikirche. Beide Kirchen wurden im höchstgelegenen Punkt der Stadt erbaut, die Andreaskirche zusätzlich auf einer Warft, also einer künstlichen Erderhöhung. Diese Warft ist auch nach dem Zerfall der Andreaskirche erhalten und bildet heute den Alten Friedhof. Während die Andreaskirche zur städtischen Kirche wurde, wurde die Ludgerikirche die des Norder Umlandes; sprich der heute zur Stadt gehörenden und damals noch als Gemeinden selbstständigen Stadtteile.

Die Kirche wurde sodann dem heiligen Ludger geweiht, dem Apostel der Friesen und Schutzheiligen des Norderlandes. Wie auch die Andreaskirche hatte die Ludgerikirche einen Vorgängerbau aus Holz, da insbesondere in Ostfriesland die natürlichen Steinvorkommen sehr begrenzt waren und die Ostfriesen zu dieser Zeit noch nicht sehr versiert im Steinbau waren. Dieser dürfte um die Zeit der christlichen Missionierung erbaut worden sein, spätestens im 9. oder 10. Jahrhundert.

Die eigentlich Bauarbeiten begannen in der Zeit um 1200 bis 1250. Zunächst wurde lediglich die rechteckige Einraumkirche, das Langschiff, aus Backsteinen im romanischen Stile erbaut. Mit einer Länge von 41 und einer Breite von 13 Metern hatte dieser Bau eine etwas größere Dimensionen als die benachbarte Andreaskirche. Dies wird als Hinweis gewertet, dass es zwischen den beiden Kirche eine Art Konkurrenzkampf gab. Der Bau hatte je zwei Eingänge an der Nord- und Südseite, kleine Rundbogenfenster und eine flache Holzbalkendecke.[1] Die Innenausstattung wird, wie in früheren Zeiten üblich, sehr dürftig gewesen sein und im Wesentlichen aus einem Taufstein und einem einfachen Altar bestanden haben. Kanzel, Altaraufsatz, Leuchter und andere Ausstattungsgegenstände waren damals noch unbekannt. Sitzplätze für die Gläubigen gab es damals indes ebenfalls nicht.[2] Im Osten befand sich eine halbrunde Apsis (halbkreisförmiger Anbau) aus Tuffstein.[3]

Im frühen 14. Jahrhundert folgte der Glockenturm. Als Grund dafür, dass dieser freistehend und unabhängig errichtet wurde, wird die Unsicherheit der Erbauer in Bezug auf die Bodenbeschaffenheit vermutet. Es kam nicht selten vor, dass der Untergrund nicht fest genug war, um schwere Bauten zu halten und diese somit sackten oder umstürzten.[4] Viele Kirchtürme, die eine direkte Verbindung mit den Kirchen aufweisen, sind im Laufe der Jahrhunderte versackt, so etwa der Kirchturm von Suurhusen.

Etwa um die gleiche Zeit wurde die vorgebaute Westfassade mit einer für die Frühgotik charakteristischen Gestaltung des Giebeldreiecks errichtet, nachdem ein Teil des Giebels offenbar 1296 bei einem Gewitterbrand oder 1318 durch ein Erdbeben eingestürzt war.[3] In diesem Jahr wurde vermutlich die östliche Apsis (siehe oben) abgerissen und mit dem Anbau des gotischen Querschiffs begonnen. Nachdem diese neuen Gewölbe einige Zeit nach der Baufertigstellung einstürzten, wurde das ganze Querhaus mit verstärkten Mauern und Pfeilern in der heutigen, erhöhten Gestalt wiederaufgebaut. Von diesem Vorgang berichtet die Inschrift außen über dem Südportal, die zugleich die einzige sicher überlieferte Jahreszahl in der Baugeschichte der Ludgerikirche bietet.[1] Der Norder Altphilologe Gerd Dickers konnte diese im Laufe der Jahrhunderte verwitterte Inschrift wiederherstellen. Seither ist die lateinische Inschrift als ergänzte Kopie wieder an ihrem alten Platz angebracht und lautet nun in deutscher Übersetzung: "Im Jahre des Herrn 1445 ist dieses Gebäude wiederhergestellt worden mit Hilfe des edlen Junkers Ulrich, des Häuptlings zu Norden, durch die Fürsorge des Pfarrkollegiums und der Bürger von Norden." Sein Familienwappen der Cirksenas befindet sich in den Schlusssteinen des Vierungs- und des östlichen Hochchorgewölbes.[5]

Der Chor wurde wahrscheinlich von einer wandernden Bauhütte (mittelalterlicher Werkstättenverband) errichtet, die zuvor den Chor der "Martinikerk" (Martinikirche) in Groningen gebaut hatte. Der Anbau größerer Chorbauten an ältere Kirchen entsprach dem Zeitgeist, wie er auch bei der Kirche St. Sebald in Nürnberg, dem Aachener Dom und dem Freiburger Münster erkennbar ist. Zur Erstausstattung des Chores, der spätestens um 1455 fertiggestellt gewesen sein dürfte, gehörte sicherlich auch der geschnitzte Hochaltar, von dem nur noch der spätgotische Baldachin (Traghimmel) mit dem reichhaltigen Schnitzwerk erhalten ist.[6]

Mit dem Einzug der Reformation in der Stadt ab 1527 wurden viele der historisch wertvollen Bildwerke und Gemälde katholischen Ursprungs zerstört, beschädigt oder übermalt, denn Bildnisse von Heiligen entsprachen nicht der reformatorischen Gesinnung. In der Kirche wirkten nun abwechselnd lutherische und reformatorische Pastoren. Dem Geiste der Reformation entsprechend wurde 1576/77 der Hochaltar in einen Schriftaltar umgewandelt. Die Inschrift lautet: DV SCHALT DY NENE BILDE NOCH GELIKENISSE MAKE. BEDE SE NICHT AN VND DENE EN NICHT. (Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht.).[7]

1531 fiel Balthasar von Esens in der Stadt ein und zerstörte viele bedeutende Gebäude in der Stadt, unter anderem die benachbarte Andreaskirche. Als Grund dafür wird vermutet, dass die Ludgerikirche nicht die städtische Kirche war und Balthasar es offenbar nur auf städtische Gebäude abgesehen hatte oder aber da die Kirche sich den reformatorischen Bestreungen widersetzte und weiter dem Katholizismus anhing. Nach der Zerstörung der Andreaskirche 1531 übernahm die Ludgerikirche deren Funktion als Stadtkirche. Vermutlich wurden einige Teile des figürlichen Schmucks von der Ruine an den Fassaden der Ludgerikirche angebracht. Der Großteil davon ist heute im Chorumgang ausgestellt. Über dem Nordportal des Querhauses befindet sich ein Relief mit der Anbetung der Könige, das aus der Zeit um 1240 erhalten blieb.

Seit 1565 war das erste Pfarramt mit dem gemäßigt reformierten Pastor Andreas Larletanus und das zweite Pfarramt mit Adolph Empenius besetzt, der stark reformiert orientiert war. Als Larletanus am 13. Juli 1577 überraschend verstarb, geriet Norden in den seit Machtkampf der eigentlich gemeinsam regierenden Edzard II. Cirksena, der lutherisch gesinnt war, und seinem reformiert eingestellten Bruder Johann II. Cirksena. Beide Brüder beanspruchten das Recht für sich, die vakante Pfarrstelle mit einem Geistlichen ihrer Wahl besetzen zu dürfen. In diesem Machtkampf setzte sich letztlich Edzard II. durch und im Frühjahr 1578 wurde Empenius seines Pfarramts enthoben und seine Stelle mit einem Lutheraner besetzt. Die Reformierten wichen zunächst in das Gasthaus aus, das Johann II. ihnen als Predigtstätte zuwies. Nachdem sie auch dort im Jahre 1579 vertrieben wurden, hielten sie ihre Gottesdienst in Lütetsburg ab. Anderen christlichen Konfessionen war es bis in das 18. Jahrhundert verboten, ihren Glauben in der Stadt öffentlich zu praktizieren. Mit dem Bau der reformierten Bargeburer Kirche fanden die Reformierten schließlich wieder ein eigenes Gotteshaus - wenn auch außerhalb der Stadt.[8]

1746 erhielt das Langschiff das bis heute erhaltene Holztonnengewölbe. Im 18. Jahrhundert nahm die Gemeinde vom Bilderverbot Abstand und ließ im Jahre 1785 drei Gemälde des Groninger Porträt- und Historienmalers Friedr. Corn. de Hosson auf die Innenseiten der Schrifttafeln des Hochaltars nageln und die Außenseiten einfarbig übermalen. In der Mitte des Altars befand sich nun eine Darstellung des Abendmahls. Links und Rechts daneben Gemälde der Kreuzigung und der Kreuzabnahme Jesu.[7]

In den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde der Westteil des Langschiffs abgetrennt und als Schule genutzt. Dadurch fehlte der Lichteinfall des großen Westfensters und der Kirchenraum wurde, vor allem unter den Emporen, zu dunkel, weswegen 1840 die großen Spitzbogenfenster an der Nord- und der Südwand angebracht wurden. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden zwei große Fenster an der Nord- und Südseite des Querschiffs eingebaut. Sie zeigen die Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon. Das nördliche wurde 1889 zur Erinnerung an die Feierlichkeiten zum 400. Geburtstag des Reformators im Jahr 1883 eingefügt. Das Fensterbildnis des Melanchthon folgte 1898.[7]

Von 1956 bis 1968 fanden umfassende Sanierungsarbeiten in sieben Bauabschnitten statt. Von 1980 bis 1985 folgte eine umfassende Kirchenrenovierung, bei der Dächer und Außenmauerwerk ausgebessert und gesichert wurden. Zwischen 1981 und 1985 wurde die Orgel restauriert. Im Verlauf der Arbeiten wurden auch die Innenfarben der Kirche in ihrer ursprünglichen Fassung freigelegt und der Altarbereich in der Vierung neu gestaltet. Die Altargemälde wurden im Jahre 1983 im Zusammenhang mit der Wiederherstellung des Schriftaltars restauriert und anschließend an der Südwand des Langschiffs aufgehängt.[7]

Beschreibung

Außenansicht

Das Areal, auf dem beide Gotteshäuser errichtet wurden, liegt auf einer Sandinsel in der Marsch, die dem nordwestlichsten Ausläufer des ostfriesischen Geestrückens vorgelagert ist.[9] Der eigentliche Kirchhügel hat eine Fläche von rund 150×90 Metern und erhebt sich an seiner höchsten Stelle auf 10,2 Meter über Normalnull.[10] Für den Bau der Vorgängerkirche der Andreaskirche wurde der Hügel in seinem Zentrum auf einer Fläche von 30 x 13 Metern um 0,6 Meter mit Heidesoden erhöht, später dann auch in den Randbereichen durch Aufbringung von humosem Sand.[11]

Die Ludgerikirche ist mit ihren rund 80 Meter Länge die größte erhaltene mittelalterliche Kirche in Ostfriesland. Bereits von außen ist der unterteilte und sich unterscheidende Baustil der einzelnen Teilbauten deutlich erkennbar. Geprägt wird die Kirche hierbei vor allem durch den gotischen Hochchor, der mit seinem Umgang der einzige dreischiffige Sakralbau in Ostfriesland in der Art gotischer Kathedralenarchitektur ist. Der südlich neben der Kirche freistehende, um 1310 erbaute romanische Glockenturm ist durch eine Straße von der Kirche getrennt.

Innenansicht

Im Inneren ist die Ludgerikirche besonders reich verziert und weist mehrere bedeutende Kunstwerke auf. Bedeutend sind insbesondere der Schriftaltar, die barocke Kanzel, das gotische Chorgestühl, das Taufbecken, das Grabdenkmal (Epitaph) von Unico Manninga und ganz besonders die Orgel von Arp Schnitger. Vorreformatorische Kunst des Mittelalters ist nur in geringen Resten erhalten geblieben, da viele Bildnisse im Zuge der aufkommenden Reformation zerstört oder beschädigt worden sind. Die wenigen erhaltenen bildlichen Zeugnisse dieser Zeit sind nur im Querschiff und im Chor zu sehen.

Langschiff

Querschiff

Das Querhaus hat heute eine Länge von 32 und eine Breite von fast 12 Metern. Das steile Dach ist mit Schiefer gedeckt. Während das romanische Langschiff noch recht schlicht gehalten war, trat im Querschiff erstmals architektonischer Formenreichtum auf. Die Südseite wurde zur repräsentativen Schaufassade ausgebaut und ist durch fünf gestaffelte Blendnischen und eine spätgotische, spitzbogig geschlossene Nische reich gegliedert. Im nördlichen Querhausportal wurde ein Türsturz mit giebelförmigem Abschluss eingelassen, der vermutlich von der abgegangenen Andreaskirche stammt. Am Wiederaufbau des Querschiffs und an der Errichtung des Chors war der Norder Häuptling und spätere erste Reichsgraf Ostfrieslands, Ulrich Cirksena, maßgeblich beteiligt. Sein Familienwappen befindet sich in den Schlusssteinen des Vierungs- und des östlichen Hochchorgewölbes.

Hochchor

Zur Erstausstattung des Chores, der spätestens um 1455 fertiggestellt gewesen sein dürfte, gehörte sicherlich auch der geschnitzte Hochaltar, von dem nur noch der spätgotische Baldachin (Traghimmel) mit dem reichhaltigen Schnitzwerk erhalten ist.[6]

Einzelnachweise

  1. 1,0 1,1 Ruge, Reinhard (2015): Die Ludgeri-Kirche zu Norden, Norden, S. 2
  2. Noah, Robert (1989): Gottes Häuser in Ostfriesland, Norden, S. 82
  3. 3,0 3,1 Erchinger, Elke (1985): Alte und neue Gedanken zur Baugeschichte der Ludgerikirche. In: Festschrift zur Wiedereinweihung der restaurierten Ludgerikirche, Norden, S. 47
  4. Erchinger, Elke (1985): Alte und neue Gedanken zur Baugeschichte der Ludgerikirche. In: Festschrift zur Wiedereinweihung der restaurierten Ludgerikirche, Norden, S. 49f.
  5. Haddinga Johann / Stromann, Martin (2001): Norden-Norddeich. Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 58
  6. 6,0 6,1 Kiesow, Gottfried (2010): Architekturführer Ostfriesland, Bonn, S. 266
  7. 7,0 7,1 7,2 7,3 Ruge, Reinhard (2015): Die Ludgeri-Kirche zu Norden, Norden, S. 18
  8. Rödiger, Hans-Bernd / Ramm, Heinz (1983): Friesische Kirchen im Auricherland, Norderland, Brokmerland und im Krummhörn, Jever, S. 98
  9. Rack, Eberhard (1998): Kleine Landeskunde Ostfriesland, Oldenburg, S. 94
  10. Bärenfänger, Rolf (1996): Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands. Band 76 (1996) S. 220
  11. Bärenfänger, Rolf (1999): Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland. Band 35: Ostfriesland, Stuttgart, S. 187f.

Siehe auch