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Die Kirche wurde sodann dem heiligen Ludger geweiht, dem Apostel der Friesen und Schutzheiligen des [[Norderland|Norderlandes]]. Wie auch die [[Andreaskirche]] hatte die Ludgerikirche einen Vorgängerbau aus Holz, da insbesondere in Ostfriesland die natürlichen Steinvorkommen sehr begrenzt waren und die Ostfriesen zu dieser Zeit noch nicht sehr versiert im Steinbau waren. Dieser dürfte um die Zeit der christlichen Missionierung erbaut worden sein, spätestens im 9. oder 10. Jahrhundert.
Die Kirche wurde sodann dem heiligen Ludger geweiht, dem Apostel der Friesen und Schutzheiligen des [[Norderland|Norderlandes]]. Wie auch die [[Andreaskirche]] hatte die Ludgerikirche einen Vorgängerbau aus Holz, da insbesondere in Ostfriesland die natürlichen Steinvorkommen sehr begrenzt waren und die Ostfriesen zu dieser Zeit noch nicht sehr versiert im Steinbau waren. Dieser dürfte um die Zeit der christlichen Missionierung erbaut worden sein, spätestens im 9. oder 10. Jahrhundert.


Die eigentlich Bauarbeiten begannen in der Zeit um 1200 bis 1250. Zunächst wurde lediglich die rechteckige Einraumkirche, das Langschiff, aus Backsteinen im romanischen Stile erbaut. Mit einer Länge von 41 und einer Breite von 13 Metern hatte dieser Bau eine etwas größere Dimensionen als die benachbarte Andreaskirche. Dies wird als Hinweis gewertet, dass es zwischen den beiden Kirche eine Art Konkurrenzkampf gab. Der Bau hatte je zwei Eingänge an der Nord- und Südseite, kleine Rundbogenfenster und eine flache Holzbalkendecke.<ref>Ruge, Reinhard (2015): Die Ludgeri-Kirche zu Norden, Norden, S. 2</ref> Die Ausstattung wird, wie zu der Zeit üblich, nur aus einem Taufstein und einem einfachen Altar bestanden haben; denn Kanzel, Altaraufsatz, Leuchter und andere Ausstattungsgegenstände waren damals noch unbekannt. Es gab auch noch kein festes Gestühl. Die Gläubigen mussten stehend der heiligen Messe beiwohnen.<ref>Noah, Robert (1989): Gottes Häuser in Ostfriesland. Soltau-Kurier, Norden 1989, <nowiki>ISBN 3-922365-80-9</nowiki>, S. 82.</ref>
Die eigentlich Bauarbeiten begannen in der Zeit um 1200 bis 1250. Zunächst wurde lediglich die rechteckige Einraumkirche, das Langschiff, aus Backsteinen im romanischen Stile erbaut. Mit einer Länge von 41 und einer Breite von 13 Metern hatte dieser Bau eine etwas größere Dimensionen als die benachbarte Andreaskirche. Dies wird als Hinweis gewertet, dass es zwischen den beiden Kirche eine Art Konkurrenzkampf gab. Der Bau hatte je zwei Eingänge an der Nord- und Südseite, kleine Rundbogenfenster und eine flache Holzbalkendecke.<ref name=":0">Ruge, Reinhard (2015): Die Ludgeri-Kirche zu Norden, Norden, S. 2</ref> Die Innenausstattung wird, wie in früheren Zeiten üblich, sehr dürftig gewesen sein und im Wesentlichen aus einem Taufstein und einem einfachen Altar bestanden haben. Kanzel, Altaraufsatz, Leuchter und andere Ausstattungsgegenstände waren damals noch unbekannt. Sitzplätze für die Gläubigen gab es damals indes ebenfalls nicht.<ref>Noah, Robert (1989): Gottes Häuser in Ostfriesland, Norden, S. 82</ref> Im Osten befand sich eine halbrunde Apsis (halbkreisförmiger Anbau) aus Tuffstein.<ref name=":1">Erchinger, Elke (1985): Alte und neue Gedanken zur Baugeschichte der Ludgerikirche. In: Festschrift zur Wiedereinweihung der restaurierten Ludgerikirche, Norden, S. 47</ref>
 
Im frühen 14. Jahrhundert folgte der Glockenturm. Als Grund dafür, dass dieser freistehend und unabhängig errichtet wurde, wird die Unsicherheit der Erbauer in Bezug auf die Bodenbeschaffenheit vermutet. Es kam nicht selten vor, dass der Untergrund nicht fest genug war, um schwere Bauten zu halten und diese somit sackten oder umstürzten.<ref>Erchinger, Elke (1985): Alte und neue Gedanken zur Baugeschichte der Ludgerikirche. In: Festschrift zur Wiedereinweihung der restaurierten Ludgerikirche, Norden, S. 49f.</ref> Viele Kirchtürme, die eine direkte Verbindung mit den Kirchen aufweisen, sind im Laufe der Jahrhunderte versackt, so etwa der Kirchturm von Suurhusen.
 
Etwa um die gleiche Zeit wurde die vorgebaute Westfassade mit einer für die Frühgotik charakteristischen Gestaltung des Giebeldreiecks errichtet, nachdem ein Teil des Giebels offenbar 1296 bei einem Gewitterbrand oder 1318 durch ein Erdbeben eingestürzt war.<ref name=":1" /> In diesem Jahr wurde vermutlich die östliche Apsis (siehe oben) abgerissen und mit dem Anbau des gotischen Querschiffs begonnen. Nachdem diese neuen Gewölbe einige Zeit nach der Baufertigstellung einstürzten, wurde das ganze Querhaus mit verstärkten Mauern und Pfeilern in der heutigen, erhöhten Gestalt wiederaufgebaut. Von diesem Vorgang berichtet die Inschrift außen über dem Südportal, die zugleich die einzige sicher überlieferte Jahreszahl in der Baugeschichte der Ludgerikirche bietet.<ref name=":0" /> Der Norder Altphilologe [[Gerd Dickers]] konnte diese im Laufe der Jahrhunderte verwitterte Inschrift wiederherstellen. Seither ist die lateinische Inschrift als ergänzte Kopie wieder an ihrem alten Platz angebracht und lautet nun in deutscher Übersetzung: "Im Jahre des Herrn 1445 ist dieses Gebäude wiederhergestellt worden mit Hilfe des edlen Junkers Ulrich, des Häuptlings zu Norden, durch die Fürsorge des Pfarrkollegiums und der Bürger von Norden."
 
Am Wiederaufbau des Querschiffs und an der Errichtung des Chors war der Norder Häuptling und spätere erste Reichsgraf Ostfrieslands, [[Ulrich Cirksena]], maßgeblich beteiligt. Sein Familienwappen befindet sich in den Schlusssteinen des Vierungs- und des östlichen Hochchorgewölbes.<ref>Haddinga Johann / Stromann, Martin (2001): Norden-Norddeich. Eine ostfriesische Küstenstadt stellt sich vor, Norden, S. 58</ref>
 
Der Chor wurde wahrscheinlich von einer wandernden Bauhütte (mittelalterlicher Werkstättenverband) errichtet, die zuvor den Chor der "Martinikerk" (Martinikirche) in Groningen gebaut hatte. Der Anbau größerer Chorbauten an ältere Kirchen entsprach dem Zeitgeist, wie er auch bei der Kirche St. Sebald in Nürnberg, dem Aachener Dom und dem Freiburger Münster erkennbar ist. Zur Erstausstattung des Chores, der spätestens um 1455 fertiggestellt gewesen sein dürfte, gehörte sicherlich auch der geschnitzte Hochaltar, von dem nur noch der spätgotische Baldachin mit dem reichhaltigen Schnitzwerk erhalten ist.<ref>Kiesow, Gottfried (2010): Architekturführer Ostfriesland, Bonn, S. 266</ref>
 
Mit dem Einzug der Reformation in der Stadt ab 1527 wurden viele der historisch wertvollen Bildwerke und Gemälde katholischen Ursprungs zerstört oder beschädigt.
 
1531 fiel [[Balthasar von Esens]] in der Stadt ein und zerstörte viele bedeutende Gebäude in der Stadt, unter anderem die benachbarte [[Andreaskirche]]. Als Grund dafür wird vermutet, dass die Ludgerikirche nicht die städtische Kirche war und Balthasar es offenbar nur auf städtische Gebäude abgesehen hatte oder aber da die Kirche sich den reformatorischen Bestreungen widersetzte und weiter dem Katholizismus anhing. Nach der Zerstörung der Andreaskirche 1531 übernahm die Ludgerikirche deren Funktion als Stadtkirche. Vermutlich wurden einige Teile des figürlichen Schmucks von der Ruine an den Fassaden der Ludgerikirche angebracht. Der Großteil davon ist heute im Chorumgang ausgestellt. Über dem Nordportal des Querhauses befindet sich ein Relief mit der Anbetung der Könige, das aus der Zeit um 1240 erhalten blieb.
 
1576/77 wurde der Hochaltar in einen Schriftaltar umgewandelt. Die Inschrift lautet: ''DV SCHALT DY NENE BILDE NOCH GELIKENISSE MAKE. BEDE SE NICHT AN VND DENE EN NICHT.'' (Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht.).<ref>Ruge, Reinhard (2015): Die Ludgeri-Kirche zu Norden, Norden, S. 18</ref>
 
 
Nach der Reformation wirkten in der Ludgeri-Kirche sowohl lutherische als auch reformierte Pastoren. Dabei gewann mal die eine, mal die andere Konfession die Oberhand. Seit 1565 war das erste Pfarramt mit dem gemäßigt reformierten Pastor Andreas Larletanus und das zweite Pfarramt mit Adolph Empenius besetzt, der eher kämpferischer Reformierter war. Als Larletanus am 13. Juli 1577 überraschend verstarb, geriet Norden in den Machtkampf der Brüder Edzard II., der lutherisch gesinnt war, und dem reformierten Johann II. Beide hatten zu jener Zeit gemeinsam die Souveränität über Ostfriesland inne, regierten jedoch de facto jeder für sich. In Norden beanspruchten beide Brüder das Recht, die vakante Pfarrstelle zu besetzen. In diesem Machtkampf setzte sich letztlich Edzard II. durch und im Frühjahr 1578 wurde auch Adolph Empenius seines Pfarramts enthoben und seine Stelle mit einem Lutheraner besetzt. Die Reformierten wichen in dieser Zeit zunächst auf das Gasthaus aus, das Johann II. ihnen als Predigtstätte zuwies. Seitdem sie auch dort im Jahre 1579 vertrieben wurden, war Norden für lange Zeit endgültig lutherisch. Anderen christlichen Konfessionen war es daraufhin bis in das 18. Jahrhundert verboten, ihren Glauben öffentlich zu praktizieren.
 
1746 erhielt das Langschiff das Holztonnengewölbe. Im 18. Jahrhundert nahm die Gemeinde vom Bilderverbot Abstand und ließ im Jahre 1785 drei Gemälde des Groninger Porträt- und Historienmalers Friedr. Corn. de Hosson auf die Innenseiten der Schrifttafeln des Hochaltars nageln und die Außenseiten einfarbig übermalen. In der Mitte des Altars befand sich nun eine Darstellung des Abendmahls. Links und Rechts daneben Gemälde der Kreuzigung und der Kreuzabnahme Jesu.
 
In den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde der Westteil des Langschiffs abgetrennt und als Schule genutzt. Dadurch fehlte der Lichteinfall des großen Westfensters und der Kirchenraum wurde, vor allem unter den Emporen, zu dunkel, weswegen 1840 die großen Spitzbogenfenster an der Nord- und der Südwand angebracht wurden.
 
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden zwei große Fenster an der Nord- und Südseite des Querschiffs eingebaut. Sie zeigen die Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon. Das nördliche wurde 1889 zur Erinnerung an die Feierlichkeiten zum 400. Geburtstag des Reformators im Jahr 1883 eingefügt. Das Fensterbildnis des Melanchthon folgte 1898.
 
Von 1956 bis 1968 fanden umfassende Sanierungsarbeiten in sieben Bauabschnitten statt. In den Jahren 1980–1985 folgte eine umfassende Kirchenrenovierung, bei der Dächer und Außenmauerwerk ausgebessert und gesichert wurden. Von 1981 bis 1985 wurde die Orgel restauriert. Im Verlauf der Arbeiten wurden auch die Innenfarben der Kirche in ihrer ursprünglichen Fassung freigelegt und der Altarbereich in der Vierung neu gestaltet. Die Altargemälde wurden im Jahre 1983 im Zusammenhang mit der Wiederherstellung des Schriftaltars restauriert und anschließend an der Südwand des Langschiffs aufgehängt.


==Beschreibung==
==Beschreibung==
Ostapsis benenenn...
Das Areal, auf dem beide Gotteshäuser errichtet wurden, liegt auf einer Sandinsel in der Marsch, die dem nordwestlichsten Ausläufer des ostfriesischen Geestrückens vorgelagert ist.<ref>Rack, Eberhard (1998): Kleine Landeskunde Ostfriesland, Oldenburg, S. 94</ref> Der eigentliche Kirchhügel hat eine Fläche von rund 150×90 Metern und erhebt sich an seiner höchsten Stelle auf 10,2 Meter über Normalnull.<ref>Bärenfänger, Rolf (1996): Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands. Band 76 (1996) S. 220</ref> Für den Bau der Vorgängerkirche der Andreaskirche wurde der Hügel in seinem Zentrum auf einer Fläche von 30 x 13 Metern um 0,6 Meter mit Heidesoden erhöht, später dann auch in den Randbereichen durch Aufbringung von humosem Sand.<ref>Bärenfänger, Rolf (1999): Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland. Band 35: Ostfriesland, Stuttgart, S. 187f.</ref>
Das Areal, auf dem beide Gotteshäuser errichtet wurden, liegt auf einer Sandinsel in der Marsch, die dem nordwestlichsten Ausläufer des ostfriesischen Geestrückens vorgelagert ist.<ref>Rack, Eberhard (1998): Kleine Landeskunde Ostfriesland, Oldenburg, S. 94</ref> Der eigentliche Kirchhügel hat eine Fläche von rund 150×90 Metern und erhebt sich an seiner höchsten Stelle auf 10,2 Meter über Normalnull.<ref>Bärenfänger, Rolf (1996): Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands. Band 76 (1996) S. 220</ref> Für den Bau der Vorgängerkirche der Andreaskirche wurde der Hügel in seinem Zentrum auf einer Fläche von 30 x 13 Metern um 0,6 Meter mit Heidesoden erhöht, später dann auch in den Randbereichen durch Aufbringung von humosem Sand.<ref>Bärenfänger, Rolf (1999): Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland. Band 35: Ostfriesland, Stuttgart, S. 187f.</ref>


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Die Ludgerikirche weist eine besonders reiche Ausstattung auf. Bedeutend sind insbesondere der Schriftaltar, die barocke Kanzel, das gotische Chorgestühl, das Taufbecken, das Epitaph des Unico Manninga und vor allem die Orgel von Arp Schnitger, historisch und klanglich ein Kunstwerk von internationalem Rang. Vorreformatorische Kunst des Mittelalters ist wegen des Bildersturms zur Zeit der Reformation nur in geringen Resten vorhanden, die nur im Querschiff und im Chor zu sehen sind.
Die Ludgerikirche weist eine besonders reiche Ausstattung auf. Bedeutend sind insbesondere der Schriftaltar, die barocke Kanzel, das gotische Chorgestühl, das Taufbecken, das Epitaph des Unico Manninga und vor allem die Orgel von Arp Schnitger, historisch und klanglich ein Kunstwerk von internationalem Rang. Vorreformatorische Kunst des Mittelalters ist wegen des Bildersturms zur Zeit der Reformation nur in geringen Resten vorhanden, die nur im Querschiff und im Chor zu sehen sind.
Das Querhaus hat heute eine Länge von 32 und eine Breite von fast 12 Metern. Das steile Dach ist mit Schiefer gedeckt. War das romanische Langschiff noch recht schlicht gehalten, trat im Querschiff erstmals architektonischer Formenreichtum auf. Die Südseite wurde zur repräsentativen Schaufassade ausgebaut und ist durch fünf gestaffelte Blendnischen und eine spätgotische, spitzbogig geschlossene Nische reich gegliedert. Im nördlichen Querhausportal wurde ein Türsturz mit giebelförmigem Abschluss eingelassen, der vermutlich von der abgegangenen Andreaskirche stammt. Am Wiederaufbau des Querschiffs und an der Errichtung des Chors war der Norder Häuptling und spätere erste Reichsgraf Ostfrieslands, Ulrich Cirksena, maßgeblich beteiligt. Sein Familienwappen befindet sich in den Schlusssteinen des Vierungs- und des östlichen Hochchorgewölbes.


==Einzelnachweise==
==Einzelnachweise==