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Die Sandbauerschaft umschloss den [[Norden (Stadtteil)|Norder Stadtkern]] in einem Dreiviertelring und bestand aus mehreren Streusiedlungen. Die nahezu gänzlich auf der [[Geest]] liegenden Siedlungen zählten zu den früher besiedelten Gebiete, da sie höher lagen als das Marschland und daher besser vor den Fluten geschützt waren. Die Altstadt befindet sich gar vollständig auf der Geest, die hier daher auch als [[Norder Geestinsel]] bezeichnet wird. Zur Sandbauerschaft gehörten folgende Ortschaften (auch [[Rott|Rotten]] genannt), Wohnplätze und Güter:
Die Sandbauerschaft umschloss den [[Norden (Stadtteil)|Norder Stadtkern]] in einem Dreiviertelring und bestand aus mehreren Streusiedlungen. Die nahezu gänzlich auf der [[Geest]] liegenden Siedlungen zählten zu den früher besiedelten Gebiete, da sie höher lagen als das Marschland und daher besser vor den Fluten geschützt waren. Die Altstadt befindet sich gar vollständig auf der Geest, die hier daher auch als [[Norder Geestinsel]] bezeichnet wird. Zur Sandbauerschaft gehörten folgende Ortschaften (auch [[Rott|Rotten]] genannt), Wohnplätze und Güter:


Ortschaften: [[Ekel]], [[Hollweg]], [[Laukeriege]], [[Mackeriege]], [[Martensdorf]], [[Mühlenlohne]], [[Ostlintel]], [[Westlintel]], [[Westgaste]] sowie die westlichen Bereiche der [[Westerstraße]], ungefähr ab der [[Weberslohne]]
Ortschaften: [[Ekel]], [[Fremouthswarf]], [[Hohe Gaste]], [[Hollweg]], [[Kolkweg]], [[Laukeriege]], [[Mackeriege]], [[Martensdorf]], [[Mühlenlohne]], [[Ostlintel]], [[Westlintel]], [[Westgaste]], [[Wildbahn]] sowie die westlichen Bereiche der [[Westerstraße]], ungefähr ab der [[Weberslohne]]


Wohnplätze: [[Escher]], [[Korndeichsweg|Korndeich]] und [[Sandweg]]
Wohnplätze: [[Escher]], [[Korndeichsweg|Korndeich]] und [[Sandweg]]
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Alle Ortschaften haben gemein, dass sie hauptsächlich auf der [[Geest]] liegen. Sie standen damit im Gegensatz zu den Bewohnern der [[Marsch]]. Da Marschboden wesentlich fruchtbarer ist, waren die Bewohner der Sandbauerschaft zumeist ärmer als die äußerst reichen Marschbauern, wenngleich auf dem sandigen Boden Kartoffeln oder [[Zichorienfabrik|Zichorien]] besser gedeihten. Viele Bewohner verdingten sich dennoch auf den Höfen der umliegenden Marschgebiete, um über die Runden zu kommen. Funde einer mittelalterlichen Siedlung in [[Ekel]] deuten jedoch zumindest auch auf eine arbeitsteilige Beziehung des Geestortes mit der Bevölkerung der umliegenden Marsch hin. Der wesentliche Vorteil der Sandbauern hingegen bestand darin, dass sie ihre Höfe und Ländereien kaum oder gar nicht gegen Sturmfluten zu sichern hatten. Die Marschbauern hingegen mussten ihre Höfe auf [[Warft|Warften]] errichten, die jedoch nicht die Ländereien vor den Fluten schützten. Auch die später entstehenden [[Deich|Deiche]] boten aufgrund ihrer unzureichenden Befestigung manchmal keinen Schutz vor dem Fluten, wie zahlreiche Katastrophen - so etwa die [[Erste Dionysiusflut]] - eindrucksvoll belegen.
Alle Ortschaften haben gemein, dass sie hauptsächlich auf der [[Geest]] liegen. Sie standen damit im Gegensatz zu den Bewohnern der [[Marsch]]. Da Marschboden wesentlich fruchtbarer ist, waren die Bewohner der Sandbauerschaft zumeist ärmer als die äußerst reichen Marschbauern, wenngleich auf dem sandigen Boden Kartoffeln oder [[Zichorienfabrik|Zichorien]] besser gedeihten. Viele Bewohner verdingten sich dennoch auf den Höfen der umliegenden Marschgebiete, um über die Runden zu kommen. Funde einer mittelalterlichen Siedlung in [[Ekel]] deuten jedoch zumindest auch auf eine arbeitsteilige Beziehung des Geestortes mit der Bevölkerung der umliegenden Marsch hin. Der wesentliche Vorteil der Sandbauern hingegen bestand darin, dass sie ihre Höfe und Ländereien kaum oder gar nicht gegen Sturmfluten zu sichern hatten. Die Marschbauern hingegen mussten ihre Höfe auf [[Warft|Warften]] errichten, die jedoch nicht die Ländereien vor den Fluten schützten. Auch die später entstehenden [[Deich|Deiche]] boten aufgrund ihrer unzureichenden Befestigung manchmal keinen Schutz vor dem Fluten, wie zahlreiche Katastrophen - so etwa die [[Erste Dionysiusflut]] - eindrucksvoll belegen.


Nach dem siegreichen Deutsch-Französischen Krieg (1870-1871) setzte eine wirtschaftliche Blüte in Norden ein, die dazu führte, dass die Stadt neue, kostenintensive Projekte ins Auge fasste. Da die kleine Stadt mit ihren gerade einmal 90 Hektar (0,9 km²) Größe dafür keinerlei Platz besaß, kam wohl erstmals der Gedanke der Vereinigung mit der Sandbauerschaft auf, die die Stadt in einem (nördlichen) Dreiviertelring von Westen nach Osten umspannte. Da diese Plände wegen widerstreitender Interessen (vorerst) nicht umsetzbar waren, erwarb die Stadt einige Gebiete von der Sandbauerschaft, so etwa große Flächen in [[Ostlintel]] für die Schaffung des [[Neuer Friedhof|Neuen Friedhofs]] oder den Bau einer [[Gräfin-Theda-Schule|Höheren Töchterschule]] sowie eines [[Krankenhaus Norden|Krankenhauses]]. Auch von der, bis 1972 ebenfalls noch eigenständigen, [[Westermarsch I|Gemeinde Westermarsch I]] erwarb man einen Teil des [[Vierzig Diemat]] genannten Gebiets und errichtete hier einen [[Schlachthof]] und ein [[Gaswerk]].<ref name=":12">Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 30</ref><ref>Ramm, Heinz (1989): Popke Fegter (18741946). Sein Leben und sein Wirken im Norderland, Norden, S. 51</ref>[[Datei:Hollweg 01011900 01.jpg|mini|Die Ortschaft [[Hollweg]] um 1900.]]1911 wurden die Bestreben immer konkreter, da die Stadt kaum mehr eigenen Platz besaß, den sie so dringend für die Expansion benötigte. Man wollte sich zudem nicht weiter mit einfachen Landkäufen begnügen, sondern strebte eine vollständige Verschmelzung an. Die Sandbauerschaft weigerte sich jedoch beharrlich und langwierige Verhandlungen erzielten kein fruchtbares Ergebnis. Im Jahre 1914 wurde die Frage der Eingemeindung dann jedoch wieder akut, da sich zwischenzeitlich die Regierungsbehörde in Aurich eingeschaltet hatte. In einer Kommissionssitzung wurden die größten Streitpunkte festgelegt.<ref name=":1">Ramm, Heinz (1989): Popke Fegter (18741946). Sein Leben und sein Wirken im Norderland, Norden, S. 52</ref> Besonders strittig war die Frage, ob es den Einwohnern der Sandbauerschaft auch nach dem Zusammenschluss erlaubt bleiben sollte, Hausschlachtungen durchzuführen, die für sie existenziell waren, für die Stadt aber schon allein aus hygienischen Gründen als kritisch galten.<ref name=":1" /><ref name=":0" /> Zudem war der Stadt sehr daran gelegen, dass wegen der zu erwartenden Einnahmen alle Schlachtungen im [[Schlachthof]] durchgeführt werden würden.<ref name=":1" />
Nach dem siegreichen Deutsch-Französischen Krieg (1870-1871) setzte eine wirtschaftliche Blüte in Norden ein, die dazu führte, dass die Stadt neue, kostenintensive Projekte ins Auge fasste. Da die kleine Stadt mit ihren gerade einmal 90 Hektar (0,9 km²) Größe dafür keinerlei Platz besaß, kam wohl erstmals der Gedanke der Vereinigung mit der Sandbauerschaft auf, die die Stadt in einem (nördlichen) Dreiviertelring von Westen nach Osten umspannte. Da diese Plände wegen widerstreitender Interessen (vorerst) nicht umsetzbar waren, erwarb die Stadt einige Gebiete von der Sandbauerschaft, so etwa große Flächen in [[Ostlintel]] für die Schaffung des [[Neuer Friedhof|Neuen Friedhofs]] oder den Bau einer [[Gräfin-Theda-Schule|Höheren Töchterschule]] sowie eines [[Krankenhaus Norden|Krankenhauses]]. Auch von der, bis 1972 ebenfalls noch eigenständigen, [[Westermarsch I|Gemeinde Westermarsch I]] erwarb man einen Teil des [[Vierzig Diemat]] genannten Gebiets und errichtete hier einen [[Schlachthof]] und ein [[Gaswerk]].<ref name=":12">Sanders, Adolf (1999): Norden - wie es früher war, Gudensberg, S. 30</ref><ref>Ramm, Heinz (1989): Popke Fegter (18741946). Sein Leben und sein Wirken im Norderland, Norden, S. 51</ref>[[Datei:Hollweg 01011900 01.jpg|mini|Die Ortschaft [[Hollweg]] um 1900.]]1911 wurden die Bestreben immer konkreter, da die Stadt kaum mehr eigenen Platz besaß, den sie so dringend für die Expansion benötigte. Man wollte sich zudem nicht weiter mit einfachen Landkäufen begnügen, sondern strebte eine vollständige Verschmelzung an.<ref name=":13" /><ref name=":1" /> Die Sandbauerschaft weigerte sich jedoch beharrlich und langwierige Verhandlungen erzielten kein fruchtbares Ergebnis.<ref name=":1" /> Im Jahre 1914 wurde die Frage der Eingemeindung dann jedoch wieder akut, da sich zwischenzeitlich die Regierungsbehörde in Aurich eingeschaltet hatte. In einer Kommissionssitzung wurden die größten Streitpunkte festgelegt.<ref name=":1">Ramm, Heinz (1989): Popke Fegter (18741946). Sein Leben und sein Wirken im Norderland, Norden, S. 52</ref> Besonders strittig war die Frage, ob es den Einwohnern der Sandbauerschaft auch nach dem Zusammenschluss erlaubt bleiben sollte, Hausschlachtungen durchzuführen, die für sie existenziell waren, für die Stadt aber schon allein aus hygienischen Gründen als kritisch galten.<ref name=":1" /><ref name=":0" /> Zudem war der Stadt sehr daran gelegen, dass wegen der zu erwartenden Einnahmen alle Schlachtungen im [[Schlachthof]] durchgeführt werden würden.<ref name=":1" />


Nach dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] kam es in Preußen zu einer Kommunalreform, in deren Folge die Sandbauerschaft unter ihrem Bürgermeister [[Popke Fegter]], der sich bereits seit längerem mit der der bereits seit vielen Jahren bestehende ''Eingemeindungsfrage'' beschäftigte, zum 1. April 1919 ihre Eigenständigkeit verlor und nach Norden eingemeindet wurde.<ref>Ramm, Heinz (1989): Popke Fegter (1874-1946). Sein Leben und sein Wirken im Norderland, Norden, S. 15</ref><ref name=":0" /> Auch in anderen Teilen Preußens wurde die Reform umgesetzt. Beispielsweise wurde die Stadt Wilhelmshaven am gleichen Tag vom Landkreis Wittmund getrennt. Der Eingemeindung gingen konfliktreiche Verhandlungen voraus. Die Gemeinde kam der Zwangseingemeindung zuvor, indem sie bereits von Dezember 1918 bis Januar 1919 neue Verhandlungen führten, anderen Ende man schließlich einer Eingemeindung zustimmte.<ref name=":1" /> Neben der Weitsicht der Beteiligten dürfte sicherlich auch die wirtschaftliche schwierige Lage der Nachkriegszeit eine Rolle gespielt haben. In Bezug auf die Hausschlachtungen einigte man sich übrigens auf einen Kompromiss, dass nur gewerbliche Schlachtungen im [[Schlachthof]] durchzuführen seien, während private weiterhin im eigenen Haushalt erlaubt seien.<ref name=":0">Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 20</ref>
Nach dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] kam es in Preußen zu einer Kommunalreform, in deren Folge die Sandbauerschaft unter ihrem Bürgermeister [[Popke Fegter]], der sich bereits seit längerem mit der der bereits seit vielen Jahren bestehende ''Eingemeindungsfrage'' beschäftigte, zum 1. April 1919 ihre Eigenständigkeit verlor und nach Norden eingemeindet wurde.<ref>Ramm, Heinz (1989): Popke Fegter (1874-1946). Sein Leben und sein Wirken im Norderland, Norden, S. 15</ref><ref name=":0" /> Der Eingemeindung nach Norden gingen konfliktreiche Verhandlungen voraus. Die Gemeinde kam der Zwangseingemeindung zuvor, indem sie bereits von Dezember 1918 bis Januar 1919 neue Verhandlungen führten, anderen Ende man schließlich einer Eingemeindung zustimmte.<ref name=":1" /> Der [[Eingemeindungsvertrag]] wurde am 31. Januar 1919 unterzeichnet.<ref name=":13" /> Neben der Weitsicht der Beteiligten dürfte sicherlich auch die wirtschaftliche schwierige Lage der Nachkriegszeit eine Rolle gespielt haben. In Bezug auf die Hausschlachtungen einigte man sich übrigens auf einen Kompromiss, dass nur gewerbliche Schlachtungen im [[Schlachthof]] durchzuführen seien, während private weiterhin im eigenen Haushalt erlaubt seien.<ref name=":0">Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 20</ref> Übrigens: Auch in anderen Teilen Preußens wurde eine Kommunalreform umgesetzt. Beispielsweise wurde die Stadt Wilhelmshaven am gleichen Tag vom Landkreis Wittmund getrennt.


==Verwaltung und Politik==
==Verwaltung und Politik==
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* siehe auch: [[Liste der Schulen im Stadtgebiet]]
* siehe auch: [[Liste der Schulen im Stadtgebiet]]


Lange Zeit hat es in der Sandbauerschaft keine Schule gegeben. Die Bevölkerung bestand weitestgehend aus Bauern, für die man weder die Notwendigkeit sah, ihnen Schulbildung zukommen zu lassen. Zudem verfügten diese in der Regel ohnehin nicht über die notwendigen Geldmittel, um ihren Kindern einen Schulbesuch zu ermöglichen. Die wenigen wohlhabenderen Familien besuchten städtische Schulen.
Lange Zeit hat es in der Sandbauerschaft wahrscheinlich keine Schulen gegeben, was jedoch für eine bäuerliche Landgemeinde nicht unüblich war. Spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist durch die [[Gasthausschule]] ein öffentliches Schulwesen nachweisbar<ref name=":13" />, wenngleich bereits im [[Kloster Marienthal]] und im [[Kloster Norden]] Unterricht erteilt wurde und es auch in Norden bereits Schulen gab.


Ab 1878 gehörte der Gemeinde die [[Zingelschule]], die aus der [[Klosterschule]] bzw. [[Gasthausschule]] hervorging. 1897 bis 1898 erbaute die Gemeinde die [[Ekeler Schule]] und die [[Westgaster Schule]] als weitere Lehreinrichtungen.
Ab 1878 gehörte der Gemeinde die [[Zingelschule]], die aus der [[Klosterschule]] bzw. [[Gasthausschule]] hervorging. 1897 bis 1898 erbaute die Gemeinde die [[Ekeler Schule]] und die [[Westgaster Schule]] als weitere Lehreinrichtungen.