Polizei Norden: Unterschied zwischen den Versionen
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Im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Heinrich Heimlich ab 1936 Chef der gesamten deutschen Polizei. Nach außen hin blieben die bisherigen, unteren Polizeisparten unverändert, doch strebte Himmler eine vollständige Verschmelzung der SS mit der Polizei an. So wurden auch die Polizei in Norden und die dörflichen Gendarmerieposten zu Werkzeugen des NS-Machtapparates. | Im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Heinrich Heimlich ab 1936 Chef der gesamten deutschen Polizei. Nach außen hin blieben die bisherigen, unteren Polizeisparten unverändert, doch strebte Himmler eine vollständige Verschmelzung der SS mit der Polizei an. So wurden auch die Polizei in Norden und die dörflichen Gendarmerieposten zu Werkzeugen des NS-Machtapparates. | ||
Im Juli 1935 sicherte die Norder Polizei einen von der SA inszenierten Prangermarsch ab, bei dem ein jüdischer Mann und zwei "arische" Frauen mit Plakaten um den Hals als "Rasseschänder" durch die Stadt getrieben und dann in Schutzhaft genommen wurden. Polizeichef Limbach hatte zuvor vergeblich versucht, die Aktion zu verhindern, war jedoch an den Weisungen des Landratsamtes des [[Landkreis Norden|Landkreises Norden]] und der Gestapo in Wilhelmshaven gescheitert. | Im Juli 1935 sicherte die Norder Polizei einen von der SA inszenierten Prangermarsch ab, bei dem ein jüdischer Mann und zwei "arische" Frauen mit Plakaten um den Hals als "Rasseschänder" durch die Stadt getrieben und dann in Schutzhaft genommen wurden. Polizeichef Limbach (zwischenzeitlich zum Polizeimeister befördert) hatte zuvor vergeblich versucht, die Aktion zu verhindern, war jedoch an den Weisungen des Landratsamtes des [[Landkreis Norden|Landkreises Norden]] und der Gestapo in Wilhelmshaven gescheitert. | ||
War die Norder Polizeiwache bis in die 1930er Jahre sonntäglich nicht besetzt, entwickelte sie sich ab den 1940er Jahren zu einer stetig besetzten Dienststelle. | |||
===Britische Besatzungszeit=== | ===Britische Besatzungszeit=== | ||
Ab dem 4. Mai 1945 wurde Norden von kanadischen Streitkräften nach einer kampflosen Übergabe der Stadt besetzt. Norden - und damit auch die Polizei - wurde umgehend unter den Oberbefehl der Britischen Militärregierung gestellt, die Sicherheit und Ordnung oblag nun der britischen Militärpolizei. Schon Mitte 1945 jedoch wurde die Polizei durch die Einstellung von schnellausgebildeten deutschen Polizisten reorganisiert. Der Polizeiaufbau erfolgte nach britischem Vorbild mit weitgehend dezentralisierter Struktur und fehlender Bewaffnung. Es entstanden Stadt- und Regionspolizeien, die von Polizeiausschüssen unter kommunaler Hoheit kontrolliert wurden. Gründe für diese uneinheitliche Struktur waren insbesondere alliierte Bedenken gegen eine zu große Machtfülle der Polizei und Befürchtungen vor einem militärischen Charakter. Als Ausstattung erhielten die Polizisten einen Holzknüppel sowie dunkelblau eingefärbte Wehrmachtsuniformen. Der traditionelle Tschako wurde zunächst weiterhin getragen, natürlich jedoch in entnazifiziertem Zustand. Aufgrund der nicht wasserfesten Farbe fürchteten sich die Polizisten beinahe vor Regen. | Ab dem 4. Mai 1945 wurde Norden von kanadischen Streitkräften nach einer kampflosen Übergabe der Stadt besetzt. Norden - und damit auch die Polizei - wurde umgehend unter den Oberbefehl der Britischen Militärregierung gestellt, die Sicherheit und Ordnung oblag nun der britischen Militärpolizei. Polizeimeister Limbach führte gemeinsam mit dem Landrat und dem Bürgermeister die Verhandlungen mit den Alliierten, bei denen die Besatzungsoffiziere die Abgabe aller Waffen sowie die vorläufige Schließung des Gerichts und der Post anordneten. Ein Großteil der Polizeibeamten wurde im Rahmen der Entnazifierung suspendiert, Limbach ging Ende September des Jahres in Pension. | ||
Die britische Militärpolizei war kaum in der Lage, Herr der katastrophalen Nachkriegslage zu werden. Schon Mitte 1945 jedoch wurde die Polizei daher durch die Einstellung von schnellausgebildeten deutschen Polizisten reorganisiert. Der Polizeiaufbau erfolgte nach britischem Vorbild mit weitgehend dezentralisierter Struktur und fehlender Bewaffnung. Es entstanden Stadt- und Regionspolizeien, die von Polizeiausschüssen unter kommunaler Hoheit kontrolliert wurden. Gründe für diese uneinheitliche Struktur waren insbesondere alliierte Bedenken gegen eine zu große Machtfülle der Polizei und Befürchtungen vor einem militärischen Charakter. Da man kaum genügend geeignete Beamte rekrutieren konnte, musste man viele der infolge der Entnazifierung suspendierten Beamten wieder einstellen. Als Ausstattung erhielten die Polizisten einen Holzknüppel sowie dunkelblau eingefärbte Wehrmachtsuniformen. Der traditionelle Tschako wurde zunächst weiterhin getragen, natürlich jedoch in entnazifiziertem Zustand. Aufgrund der nicht wasserfesten Farbe fürchteten sich die Polizisten beinahe vor Regen. | |||
Im Zuge dieser ersten Polizeireform gaben die Briten im September 1945 erste verbindliche Richtlinien für eine umfassende Polizeireform bekannt. In Aurich richteten sie eine Polizeiverwaltung als selbstständige Behörde unter Führung eines Polizeichefs. Die Polizei unterstand fortan nicht mehr unter Kontrolle der Landräte und Bürgermeister, sondern der Regierungsbezirke, die jedoch nach wie vor der britischen Besatzungsmacht unterstand. Die Kommunen blieben Kostenträger für personelle und sachliche Aufwendungen. | |||
===Bundesrepublik Deutschland=== | ===Bundesrepublik Deutschland=== | ||
Auch nach der Gründung des Landes Niedersachsen am 1. November 1946 und sogar der Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949 blieb die Polizei weiterhin unter britischer Kontrolle. Die Norder Polizei war | Auch nach der Gründung des Landes Niedersachsen am 1. November 1946 und sogar der Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai 1949 blieb die Polizei weiterhin faktisch unter britischer Kontrolle. Zwar wurde den deutschen die polizeiliche Oberhoheit formell bereits im April 1947 übergeben, doch blieben die wichtigsten Entscheidungen weiterhin in der Hand der Besatzer. | ||
Die Norder Polizei war von Kriegsende bis zum 31. März 1951 als "Polizei-Subdivision Norden" der "Polizei-Division A" unterstellt, die ihren Sitz in Aurich hatte und zu dem auch die Polizei-Subdivisionen in Aurich und Wittmund gehörten. Die Division B umfasste Emden und Leer. Bis Oktober 1945 blieb die Polizeiwache in der Dritten Schwester und zog dann in das Gebäude [[Am Markt 10]], das bis dahin als Parteizentrale der NSDAP diente. Auch der NS-Kreisleiter Lenhard Everwien residierte hier. Zuvor befand sich hier zunächst eine Herberge und später das sogenannte "Vereinshaus", das verschiedene Norder Vereine als Ort für Veranstaltungen nutzten. Ursprünglich handelt es sich um ein Wohnhaus, das von Bürgermeister Erhard Lüppena in 1617 erbaut wurde. | |||
Erst durch das am 1. April 1951 eingeführte Niedersächsisches Gesetz über die öffentliche Sicherheit und Ordnung (Nds. SOG) wurde eine einheitliche niedersächsische Polizei geschaffen und die deutschen Behörden konnten wieder weitestgehend eigenständig agieren. Uneinheitliche Maßnahmenkonzepte führten bis Anfang der 50er Jahre – und dann unter deutscher Verantwortung im Rahmen der sogenannten "131-Regelung" dazu, dass ein großer Teil auch der belasteten Angehörigen der nationalsozialistischen Polizei erneut in die Nachkriegspolizei integriert wurden. Entgegen der Absichten, eine vollständig demilitarisierte Polizei zu schaffen, wurde die Polizei zudem unter dem Eindruck des aufkeimenden Kalten Krieges wieder bewaffnet und auch paramilitärische Gruppierungen wie der Bundesgrenzschutz sowie kasernierte Bereitschaftspolizeien aufgestellt. | |||
1970 wurde das inzwischen baufällige Haus weitestgehend abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt. Glücklicherweise ereilte das Haus nicht dasselbe Schicksal wie eine Vielzahl anderer historischer Gebäude, die in den 1960er bis 1970er Jahren abgebrochen wurden (siehe [[Neue Heimat]]) und es wurde zumindest die Fassade in Richtung [[Marktplatz]] erhalten. Ein Nachbarbau links der Polizei, die [[Holzhandlung Frericks]], wurde 1978/79 restlos abgebrochen. Auf dem Gelände des Handels wurde ein kleiner Nebenbau errichtet, in dem sich anfänglich die Dienstwohnungen für den Hausmeister und den Kraftfahrzeugwart befanden, der vordere Teil der alten Holzhandlung wurde als Parkplatz genutzt bzw. Teil der dadurch erheblich verbreiterten [[Uffenstraße]]. In diese Zeit fällt auch der Neubau des [[Finanzamt Norden|Finanzamtes]] in der [[Mühlenstraße]]. Der Norder Polizei wurde daraufhin das ehemalige Finanzamt [[Am Markt 38]] als Nebenstelle zur Verfügung gestellt, in dem sich vor dem Finanzamt das . Während sich Am Markt 10 die Dienststelle der Schutzpolizei befand, hatte in dem Nebengebäude die Kriminalpolizei ihren Sitz. | |||
Bis heute ist die Norder Polizeiwache nicht wesentlich renoviert worden und befindet sich im Inneren weitestgehend noch auf dem Stand der frühen 1970er Jahre. Seit etwa 2000 gibt es Bestrebungen für einen Neubau, die 2020 mit dem Kauf eines Grundstücks auf dem ehemaligen [[Doornkaat|Doornkaatgelände]] konkretisiert werden konnten. Ein zuvor angedachtes und 2017 bereits erworbenes Gelände hinter dem [[Schlachthof]] erwies sich aufgrund der Geruchsbelästigungen des Schlachthofes und der Bodenbeschaffenheit als ungeeignet. | |||
==Quellenverzeichnis== | ==Quellenverzeichnis== | ||