Zweiter Weltkrieg: Unterschied zwischen den Versionen
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[[Datei:Zweiter Weltkrieg Verdunkeln.jpg|mini|291x291px|Zeitgenössisches Propagandaplakat, das die Bewohner zum ''Verdunkeln'' ihrer Häuser auffordert.]] | [[Datei:Zweiter Weltkrieg Verdunkeln.jpg|mini|291x291px|Zeitgenössisches Propagandaplakat, das die Bewohner zum ''Verdunkeln'' ihrer Häuser auffordert.]] | ||
Den '''Zweiten Weltkrieg''' überstand die [[Stadt Norden]] relativ glimpflich, insbesondere im Hinblick auf die fast vollständige | Den '''Zweiten Weltkrieg''' überstand die [[Stadt Norden]] relativ glimpflich, insbesondere im Hinblick auf die fast vollständige Zerstörung Emdens durch alliierte Luftangriffe. Zwar wurde auch Norden vereinzelt Ziel von Bombardements, da die Stadt den Alliierten jedoch nicht als kriegswichtig galt und keine Rüstungsindustrie oder bedeutende Militärgelände besaß, waren Luftangriffe die Ausnahme und dienten vor allem der psychologischen Kriegsführung durch Terrorisierung der Bevölkerung. Vereinzelt wurde Norden auch nur bombardiert, da die Flieger ihre eigentlichen Ziele nicht fanden und ihre Bombenlast vor dem Rückflug nach Großbritannien anderweitig loswerden mussten.<ref>Canzler, Gerhard (1989): Norden. Handel und Wandel, Norden, S. 242</ref> Diese Bombenabwürfe wurden euphemistisch als ''Notabwürfe'' bezeichnet. Es war ''besser'', irgendein Ziel zu treffen als gar keines und mit der gefährlichen ''Fracht'' die Heimreise anzutreten. | ||
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==Zusammenfassung== | |||
Schon vor dem Kriegsbeginn fanden auch in Norden unübersehbare Vorbereitungen für diesen statt. So mussten Lehrer und Schüler der [[Gräfin-Theda-Schule]] gleich am ersten Tag nach den Sommerferien 1939 eine Luftschutzübung abhalten. Zudem wurde in den Räumlichkeiten der Schule ein Lazarett eingerichtet.<ref>Haddinga, Johann (1995): Kriegsalltag in Ostfriesland, Norden, S. 19</ref> Bereits am 31. August 1939, einen Tag vor Kriegsbeginn, wurde eine erste Luftschutzübung im Stadtgebiet abgehalten. Am 1. September bot die Firma [[Otto G. Soltau GmbH|Otto G. Soltau]] dann erstmals Verdunkelungspapier an, das den Lichtschein von Fenstern dimmen sollte, um feindlichen Bombern nicht bei der Zielfindung zu helfen.<ref name=":4">Canzler, Gerhard (1994): Norden. Museen im Alten Rathaus, Norden, S. 73</ref> | |||
Im [[Zweiter Weltkrieg|Zweiten Weltkrieg]] wurde Norden mehrere Male von Bomben getroffen, die zu mehreren Todesopfern und Gebäudeschäden führten. Insgesamt gab es neun Bombenabwürfe auf Norden, weitere im unmittelbaren Umland. Die meisten Abwürfe waren jedoch sogenannte Notabwürfe, bei denen die Piloten ihr eigentliches Ziel nicht fanden. Insbesondere in der Endphase des Krieges kam es dann jedoch zu weiteren Kriegsverbrechen durch die britische Luftwaffe, als diese mehrfach mit Bordwaffen bei Tieffliegerangriffen auf unbewaffnete Zivilisten schoss. | |||
Ebenfalls gegen Ende des Krieges wurden an den Zufahrtsstraßen mehrere Barrikaden durch Baumstämme und andere sperrige Gegenstände errichtet. Unter den wichtigsten Brücken brachte man Sprengsätze an, die beim Herannahen des Feindes gesprengt werden sollten, um dessen Vorankommen zu verlangsamen. Währenddessen schafften die Nationalsozialisten eifrig belastendes Material beiseite bzw. verbrannten es im Schornstein der [[Molkerei (Norden)|Norder Molkerei]].<ref>Forster, Hans / Schwickert, Günther (1988): Norden. Eine Kreisstadt unterm Hakenkreuz, Norden, S. 302f.</ref> | |||
Während des Krieges gab es zudem mehrere Kriegsgefangenenlager, unter anderem wurden die dort Internierten in der Produktion der [[Molkerei (Norden)|Norder Molkerei]], der [[Eisenhütte]] sowie in der Landwirtschaft eingesetzt, um das zum Kriegsdienst einberufene Personal zu ersetzen.<ref>[https://www.ostfriesischelandschaft.de/fileadmin/user_upload/BIBLIOTHEK/HOO/HOO_Norden.pdf Beschreibung von Norden] in der historischen Ortsdatenbank der Ostfriesischen Landschaft</ref> | |||
Insgesamt überstand die Stadt den Zweiten Weltkrieg, von den Entbehrungen des Alltags abgesehen, relativ glimpflich. Norden nahm wie andere Städte und Gemeinden in Ostfriesland nach dem 6. September 1944 ausgebombte Emder auf, nachdem die Seehafenstadt durch alliierte Luftangriffe schwer zerstört worden war. Gut einen Monat später wurden mehrere Männer zwischen 16 und 60 Jahren, die aus unterschiedlichen Gründen noch nicht zum Kriegsdienst eingezogen waren, als letztes militärisches Aufgebot im ''Volkssturm'' auf dem [[Marktplatz]] vereidigt.<ref>Haddinga, Johann (1995): Kriegsalltag in Ostfriesland, Norden, S. 152</ref> | |||
Bereits ab Mitte 1944 begann die Stadt Norden mit dem Bau von [[Behelfsheime|Behelfsheimen]], um die große Zahl der Flüchtlinge unterbringen zu können.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 10</ref> Mit der sich verschärfenden Versorgungslage wurden die Bürger aufgerufen, bei der Ernte mitzuhelfen. Ende Juli versammelten sich daraufhin über tausend Menschen auf dem [[Torfmarkt]], bestiegen Lastwagen, Omnibusse und Fahrräder und machten sich auf dem Weg zum Ernteeinsatz. Unterstützung gab es von 1.200 Soldaten, die hierzu abkommandiert wurden.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 13</ref> Ab Dezember 1944 stieg die Zahl der Vertriebenen aus den (ehemaligen) deutschen Ostgebieten dann stetig an. Diese wurden zunächst vor allem in Privatwohnungen untergebracht. | |||
Am 6. Mai 1945 trafen kanadische Truppen von Georgsheil kopmmend in Norden ein, denen bald britische folgten. Nachdem aufgebrachte Norder Bürger bereits am 4. Mai energisch bei NSDAP-Parteiführer [[Lenhard Everwien]], der noch am 20. April in einer Rede anlässlich des Geburtstags von Adolf Hitler zum Durchhalten aufgerufen hatte (die Alliierten standen zu diesem Zeitpunkt schon vor Leer) und verantwortlichen Angehörigen der Wehrmacht sowie der Stadtverwaltung vorgesprochen hatten, wurde die Stadt auf Geheiß von [[Friedrich-Wilhelm Fleischer|Landrat Fleischer]] und [[Max Janssen|Vize-Bürgermeister Janssen]] kampflos übergeben. Nachfolgend übernahm die britische Militärregierung das Kommando in der Stadt und führte eine ''Entnazifizierung'' der Bevölkerung durch. Mehrere Gebäude in der Stadt wurden von den Besatzern requiriert, so etwa das [[Hitlerjugend-Heim]] und der [[Fräuleinshof]]. | |||
Die weitestgehende Unversehrtheit Nordens war vor allem auf seine geringe militärische Bedeutung zurückzuführen. Zu erwähnen sind lediglich die die Küstenfunkstelle [[Norddeich Radio]], der [[Norddeicher Hafen]] als Fährhafen nach Juist und Norderney, die durch den ''Atlantikwall'' militärisch aufgerüstet wurden, der [[Sender Osterloog|Propagandasender Osterloog]] und das [[Vertriebenenlager Tidofeld|Ausbildungs- und Durchgangslager der Marine]] in [[Tidofeld]]. Um die Stadt herum wurden mehrere [[Liste der Flakstellungen|Flakstellungen]] und [[Liste der Bunker|Bunker]] errichtet. Die Bunker dienten überwiegend dem Schutz der Bevölkerung, nur die beiden [[Bunker (Badestraße)|Bunker am Norddeich]] sollten der Verteidigung dienen und waren mit Flakstellungen ausgerüstet. Zum Einsatz an dieser - euphemistisch so genannten - ''Heimatflak'' wurden vor allem Schüler einberufen, die nach heutiger Definition als Kindersoldaten gelten würden. Hunderte Söhne und Töchter der Stadt starben auf den Kriegsschauplätzen dieser Welt. Der Gefallenen beider Weltkriege wird noch heute jedes Jahr zum Volkstrauertag am [[Glockenturm]] gedacht, in dem sich eine Gedenktafel mit den Namen der Gefallenen findet. Zudem gibt es einen [[Soldatenfriedhof]] auf dem [[Neuer Friedhof|Neuen Friedhof]] (''Parkfriedhof'') in [[Ostlintel]]. Insgesamt kamen über 2.000 Norder, vornehmlich junge Männer, während des Krieges ums Leben.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 72</ref> | |||
Für die Versorgung der Kriegsversehrten wurden mehrere Baracken, die teilweise noch aus dem [[Erster Weltkrieg|Ersten Weltkrieg]] stammten, als Lazarett umfunktioniert. Auch fast alle anderen Schulen, insbesondere das [[Ulrichsgymnasium]], wurden entsprechend umfunktioniert, um die zahlreichen Verwundeten zu versorgen. Die Panzersperren und unter Brücken deponierte Sprengladungen (u.a. bei der [[Galgentiefsbrücke]]<ref>Erinnerungen des Zeitzeugen Karl Lampe, kundgetan am 15. Februar 2024</ref>, die dort kurz vor Kriegsende noch von einigen Fanatikern entsprechend Hitlers ''Nerobefehls'' platziert wurden, wurden wieder entfernt, ehe sie gezündet wurden.<ref>Haddinga, Johann (2001): Norden im 20. Jahrhundert, Norden, S. 43</ref> | |||
Ab dem 6. Mai 1945 ging die Befehlsgewalt schließlich faktisch an die Kanadier. Sie beschlagnahmten zwei Häuser [[Am Markt]], eins an der [[Gartenstraße]], eins an der [[Linteler Straße]] sowie das [[Hitlerjugend-Heim]]. Sie schafften damit Platz für die Kommandantur, ein Offizierskasino ([[Am Markt 57]])<ref>Schreiber, Gretje (1992): Der Norder Marktplatz und seine Geschichte bis heute, Aurich, S. 135</ref>, die Militärpolizei und ein Lazarett.<ref>Forster, Hans / Schwickert, Günther (1988): Norden. Eine Kreisstadt unterm Hakenkreuz, Norden, S. 310</ref> | |||
Ab sofort waren alle öffentlichen Zusammenkünfte, insbesondere Sportveranstaltungen verboten bzw. bedurften einer schriftlichen Genehmigung durch die Militärregierung. Hierzu erließen die Briten umfassende Anweisungen, die streng kontrolliert und durchgesetzt wurden. Der Betrieb in sämtlichen Vereinen kam dadurch zum Erliegen und nur langsam wieder zu einem Neuanfang. Auch die Presse wurde zensiert, der [[Ostfriesischer Kurier|Ostfriesische Kurier]] wurde gänzlich verboten. Erst ab Mitte 1947 erfolgten erste Lockerungen, bis die Pressefreiheit wieder gewährleistet wurde.<ref>Haddinga, Johann (1988): Stunde Null. Ostfrieslands schwerste Jahre, Norden, S. 8</ref> | |||
Planungen, eine Kaserne in Norden zu errichten, wurden mit Beginn des Zweiten Weltkriegs verworfen. | |||
Zur Abwehr der bzw. zum Schutz bei Luftangriffen wurden eine Vielzahl an [[Liste der Flakstellungen|Flakstellungen]] und [[Liste der Bunker|Bunker]] im Stadtgebiet errichtet. Beim Einsatz an der sogenannten ''Heimatflak'' kommen unzählige Norder Schüler zum Einsatz, die nach heutiger Definition als Kindersoldaten gelten würden. Hunderte Söhne und Töchter der Stadt kommen zudem an allen Kriegsschauplätzen ums Leben oder geraten in Kriegsgefangenschaft, aus dem die meisten entweder nicht oder nur als gebrochene Menschen zurückkehrten. | Zur Abwehr der bzw. zum Schutz bei Luftangriffen wurden eine Vielzahl an [[Liste der Flakstellungen|Flakstellungen]] und [[Liste der Bunker|Bunker]] im Stadtgebiet errichtet. Beim Einsatz an der sogenannten ''Heimatflak'' kommen unzählige Norder Schüler zum Einsatz, die nach heutiger Definition als Kindersoldaten gelten würden. Hunderte Söhne und Töchter der Stadt kommen zudem an allen Kriegsschauplätzen ums Leben oder geraten in Kriegsgefangenschaft, aus dem die meisten entweder nicht oder nur als gebrochene Menschen zurückkehrten. | ||
==Luftangriffe== | |||
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''Soweit nicht anders angegeben beziehen sich die folgenden Angaben des Kriegsverlaufs auf das Kriegstagebuch des Leiters des Hauptzollamtes in Emden, der dieses für die Region geführt hat.<ref name=":3" />'' | ''Soweit nicht anders angegeben beziehen sich die folgenden Angaben des Kriegsverlaufs auf das Kriegstagebuch des Leiters des Hauptzollamtes in Emden, der dieses für die Region geführt hat.<ref name=":3" />'' | ||